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Monat: April 2011

2.10. Scharfstellen und Messfeldsteuerung

Posted in Fotoschule Online

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Scharfstellen und neu komponieren

Ein Bild kann immer nur auf einen bestimmten Bereich scharf eingestellt sein. Welcher Bereich das ist entscheidet der Fotograf. Entweder über manuelle Fokussierung, oder mit Hilfe des AF-Messsystems. Diese elektronischen Systeme können nicht wissen, auf welchen Bereich scharf gestellt werden soll. Zwar gibt es mittlerweile bei Kameras für point-and-shoot-Fotografen Automatiken, die Gesichter erkennen und darauf scharf stellen können, aber in der Regel ist es ein kleines Messfeld innerhalb des Bildbereichs, über das scharf gestellt wird (siehe auch ›Fokussierung, Messfelder, Sucher und Live-View‹).

Normalerweise liegt dieses Messfeld in der Mitte des Sichtfeldes der Kamera, aber wie ihr im letzten Artikel erfahren habt, lässt sich dieser Bereich bei den meisten Kameras verschieben.

Point-and-shoot-Fotografen passiert es gelegentlich, dass dieses Messfeld neben dem Objekt liegt, das sie fotografieren wollen. Häufig, wenn zwei oder mehr Personen vor der Kamera stehen, liegt dieses Feld nicht auf einer Person, sondern auf dem Hintergrund. Die Kamera macht dann was sie soll: Sie stellt auf den Hintergrund innerhalb des Messfeldes scharf.

Focus recompose Bei diesem gestellten Motiv enthält der Bereich zwischen den beiden Motiven keine Zeichnung. In so einem Fall kann die Kamera überhaupt nicht scharf stellen. Canons Powershot G12 signalisiert durch ein gelb dargestelltes Messfeld und ein Rufezeichen. Spiegelreflexkameras lösen in so einem Fall in der Gegel einfach nicht aus. Würde die Kamera im Messfeld etwas erkennen, würde sie darauf scharf stellen und die eigentlichen Motive kämen unscharf aufs Bild.

Die meisten Gelegenheitsfotografen kommen diesem Problem sehr rasch auf die Schliche. In den Bedienungsanleitungen zu den Geräten wird in der Regel auf den ersten paar Seiten schon erklärt, wie man in solchen Fällen vorgehen muss, um scharf zu stellen.

  1. Die Kamera so geschwenkt, dass das Messfeld auf dem Hauptmotiv liegt (oder einem der Hauptmotive),
  2. der Auslöser wird bis zum ersten Druckpunkt etwa zur Hälfte durchgedrückt,
  3. die Kamera misst und speichert dadurch die Schärfe,
  4. bei halb gedrücktem Auslöser wird nun der Bildausschnitt so eingerichtet, wie es eigentlich beabsichtigt ist
  5. und dann wird mit komplettem Durchdrücken des Auslösers das Bild aufgenommen.
Focus Das ausgewählte AF-Messfeld wird über den Bereich gelegt, der am schärfsten abgebildet werden soll. Bei einem Porträt natürlich die Augen. Der Auslöser wird zur Hälfte durchgedrückt und damit die Fokussierung gemessen und gespeichert.
Recompose Der Bildausschnitt wird neu komponiert und dann wird der Auslöser durchgedrückt.

Man bezeichnet das englisch als ›focus and recompose‹, was man mit ›Scharfstellen und neu komponieren‹ übersetzen kann.

Fokus recompose1 Am Display einer Kompaktkamera sieht das nicht viel anders aus: Focus …
Fokus recompose2 … and recompose.

Durch das Schwenken der Kamera zum neu Komponieren ändert sich die Distanz zum Fokuspunkt natürlich etwas. Manche Fotografen raten deshalb von dieser Technik ab. Vor allem bei kurzen Brennweiten auf geringe Distanz und mit sehr geringer Schärfentiefe entstehen durchaus sichtbare Unschärfen an ­Punkten, die eigentlich scharf sein sollten. Es empfiehl sich also bei solchen Aufnahmesituationen ein AF-Messfeld zu nutzen, das dem gewünschten Schärfepunkt nahe ist, um die Kamera nur möglichst gering schwenken zu müssen.

Einzel- und kontinuierlicher Autofokus

Zur Fokussierung stehen bei den meisten Kameras verschiedene Autofokus-Modi zur Verfügung. In der Regel sind das: Einzel- oder statischer Autofokus und kontinuierlicher Autofokus.

Einzel AF | Beim ­statischen AF ändert sich die Fokussierung nicht mehr, nachdem einmal scharf gestellt wurde. Sollte sich nach dem Scharfstellen die Distanz zum Objekt verändern, wird es beim Auslösen unscharf abgebildet. Diese Einstellung ist optimal für alles, was sich nicht bewegt.

Kontinuierlicher AF | Der kontinuierliche AF hingegen reagiert auf eine Veränderung der Distanz innerhalb des AF-Messfeldes. Fokussiert man bei dieser Einstellung auf ein Objekt und dieses entfernt sich oder bewegt sich auf den Fotografen zu, bevor der Auslöser ganz durchgedrückt wird, dann wird die Schärfe angepasst. Man spricht auch von Schärfenachführung.

So sehr diese Funktion empfehlenswert ist, für alles was sich bewegt, so ungeeignet ist sie für das Arbeiten nach dem ›Focus and recompose‹-Prinzip. Denn stellt man auf ein Bildelement scharf und komponiert dann neu, dann wird die Schärfe auf den Bereich innerhalb des AF-Messfeldes angepasst. Anders gesagt: ›Focus and recompose‹ funktioniert mit kontinuierlichem AF nicht.

Viele Kameras bieten als dritte Alternative einen Modus an, der automatisch erkennt, ob im Moment gerade kontinuierlicher oder Einzel-AF angesagt ist. Allerdings täuscht sich dieser Modus relativ häufig. Zumindest bei meinen Nikons bevorzuge ich es deshalb manuell zwischen statischem und kontinuierlichem AF zu wechseln und den automatischen AF (AF-A) zu meiden.

Messfeldsteuerung

In den bisherigen Erklärungen bin ich von der sogenannten Einzelfeldsteuerung ausgegangen. Dabei wählt man wie gesagt ein bestimmtes AF-Messfeld aus und stellt mit ihrer Hilfe scharf. Die Kamera setzt dabei eben ein einziges AF-Messfeld ein.

Dynamische Messfeldsteuerung | Während man bei der Einzelmessfeldsteuerung ein einziges Messfeld nutzt, arbeitet die Kamera bei einer dynamischen Messfeldsteuerung mit allen AF-Messfeldern. Die Namen, die die verschiedenen Kameraherstellern einer solchen Funktion geben, mögen sich unterscheiden, aber man darf davon ausgehen, dass sie zumindest bei jeder Spiegelreflexkamera vorhanden ist.

Eine dynamische Messfeldsteuerung darf nicht mit einer automatischen Messfeldsteuerung verwechselt werden. Bei der automatischen Messfeldsteuerung sucht die Kamera selbst die Punkte aus auf die sie scharf stellt. Das ist im Grunde die Blindflugmethode für Point-and-shoot-Fotografen, die einfach nur auf ein Motiv draufhalten und dann abdrücken.

Mit der dynamischen Messfeldsteuerung hingegen wählt der Fotograf zunächst einmal über das ausgewählte AF-Messfeld den Punkt aus auf den fokussiert werden soll. Das heißt der Start der Aufnahme erfolgt wie gewohnt indem der Fotograf mit dem gewählten AF-Messfeld auf sine Motiv zielt und den Auslöser halb durchdrückt. Verlässt das Motiv dieses Messfeld und erscheint in einem andere, bevor der Fotograf durchgedrückt hat, dann wird die Schärfe an dieses Feld angepasst. Auch hier geschieht also eine Schärfenachführung.

Dynamische messfeldsteuerung 1 Der Fotograf fängt ein bewegtes Objekt mit dem AF-Messfeld das er vorgewählt hat ein und rückt den Auslöser halb durch. Die Kamera stellt scharf und speichert die Schärfe.
Dynamische messfeldsteuerung 2 Da sich das Motiv schneller bewegt als der Fotograf mit der Kamera nachzieht verlässt das Objekt das ursprüngliche Messfeld und taucht in einem anderen auf. Die Kamera passt die Schärfe auf dieses Feld an.
Dynamische messfeldsteuerung 3 Und das macht sie über den gesamten Messfeldbereich und alle 9, 11, 39 oder 51 Messfelder hinweg.

Der Unterschied zwischen kontinuierlichem AF und dynamischem AF ist der: Ersterer passt die Fokussierung an, wenn sich ein Objekt auf den Fotografen zu oder von ihm weg bewegt. Letzteres passt die Fokussierung an, wenn sich das Objekt entlang der horizontalen, vertikalen oder diagonalen zum Fotografen bewegt. Für alle Motive die sich einigermaßen rasch bewegen empfiehlt sich die Aktivierung sowohl von kontinuierlichem AF als auch von dynamischer Messfeldsteuerung.

Serienaufnahme

Zusätzlich zu kontinuierlichem AF und dynamischer Messfeldsteuerung empfiehlt sich darüber hinaus die Aktivierung einer Serienbildfunktion. Spiegelreflexkameras schaffen oft drei, fünf oder gar zehn Aufnahmen in der Sekunde – wobei eine schnelle Speicherkarte dabei meist eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Mit einer Serienbildfunktion braucht der Fotograf den Auslöser nur mehr durchzudrücken und die Kamera feuert aus vollem Rohr ein Bild nach dem anderen. Diese Kombination – Serienbildaufnahme, dynamische Messfeldsteuerung und kontinuierlicher Autofokus – helfen bei allen Motiven, die sich schneller bewegen, als unsere Wahrnehmung noch folgen kann, Bilder einzufangen, aus denen sich dann meist ein paar ganz besonders gute Treffer auswählen lassen. Sinnvoll sind sie für spielende Kinder, tollende Hunde, fliegende Vögel, Fußballspieler, Rennfahrer und was auch immer sich rasch bewegt.

AF-On

Normalerweise aktiviert der Fotograf die Schärfemessung durch Drücken des Auslösers zum ersten Druckpunkt. So lange er die Taste gedrückt hält bleibt bei Einzel-AF die Schärfe gespeichert. Drückt er den Auslöser durch wird das Bild mit der gespeicherten Schärfe aufgenommen. Lässt er den Auslöser los wird der Schärfespeicher gelöscht.

Kameras für ambitionierte Fotografen erlauben es in der Regel die Schärfemessung auf eine andere Taste zu legen. Die Schärfe wird dann nicht mehr am ersten Druckpunkt des Auslösers gemessen, sondern durch drücken dieser Taste. Kameras mit professionellem Anspruch haben dazu sogar eine eigene Taste. Bei Canon und Nikon sind diese Tasten mit AF-On beschriftet.

AE L AF L Taste AF-On-Taste einer Nikon D700.

Nach Werksvoreinstellung sind diese Tasten in der Regel mit keiner Funktion belegt. Aktiviert der Fotograf die Schärfemessung über die Taste AF-On, dann wird dieselbe Funktion normalerweise automatisch vom Auslöser entfernt. Das heißt der Fotograf kann dann nicht mehr durch halbes Drücken des Auslösers scharf stellen (er kann gar nicht mehr über den Auslöser scharf stellen), sondern nur mehr durch Drücken dieser AF-On-Taste.

Was soll das bringen?

Ganz einfach: Wenn ich ein Modell oder ein Objekt vor der Kamera habe, dann werde ich meist mit einem AF-Messfeld auf einen bestimmten Punkt fokussieren – beim Modell mit aller Wahrscheinlichkeit auf die Augen – und anschließend den Bild­ausschnitt komponieren.

Möchte ich eine zweite Aufnahme mit derselben Bildkomposition erstellen, muss ich mit der normalen Einstellung mit Schärfemessung über den Auslöser, zum gewünschten Schärfepunkt (Augen) zurück schwenken, durch halbes Durchdrücken des Auslösers die Schärfe neu aufnehmen und speichern, die Kamera zurück in den gewünschten Bildausschnitt schwenken und neuerlich drücken.

Möchte ich eine weitere Aufnahme folgt das Spiel ein drittes Mal. Und dann ein viertes Mal. Und dann …

Bei Foto-Shootings, bei denen man ganze Serien von Aufnahmen schießt, ist es sehr mühsam vor jedem Auslösen die Schärfe neu an einem bestimmten Punkt zu messen. Aber wenn die Schärfemessung am halben Druckpunkt des Auslösers liegt geht das gar nicht anders. Mit dieser Einstellung wird die Schärfe vor jedem Auslösen gemessen – schließlich liegt der erste Druckpunkt des Auslösers ja auf halbem Weg zum zweiten und einen Weg darum herum gibt es nicht. Also muss der Fotograf vor jedem Auslösen neu auf den gewünschten Schärfepunkt messen.

Arbeitet man statt dessen mit AF-On sieht die Arbeitsweise anders aus: Man speichert die Schärfe einmal, indem man mit dem AF-Messfeld auf den gewünschten Schärfepunkt zielt und die AF-On-Taste drückt. Durch das Drücken der AF-On Taste wird die Schärfe gemessen und gespeichert. Nun schwenkt man die Kamera um den Bildausschnitt zu komponieren und schießt die erste Aufnahme durch drücken des Auslösers. Die Schärfe bleibt nach dem Auslösen gespeichert und man kann eine zweite Aufnahme machen, ohne neu messen zu müssen. So lange das Motiv den Abstand zum Fotografen nicht deutlich verändert, kann man ganze Serien an Aufnahmen machen, ohne dass man neu Fokussieren muss.

Besonders bei Modell-Shootings erweist sich das als äußerst hilfreich. Oft verändert das Modell nach einer Aufnahme lediglich den Gesichtsausdruck etwas, oder die Handhaltung. Wenn die Kamera nicht auf eine extrem kurze Schärfentiefe eingestellt ist, dann kann das Modell den Kopf auch verlagern oder drehen oder die Körperhaltung ändern, ohne dass jedes mal neu fokussiert werden muss.

Man gewöhnt sich sehr schnell an die Arbeit mit der AF-On-Taste und ich für meinen Teil Fokussiere jede Aufnahme die ich mache auf diese Art. Fokusmessung am ersten Druckpunkt gibt es bei mir schon lange nicht mehr.

Auch Kameras die nicht mit einer AF-On-Taste ausgestattet sind, lassen sich oft so bedienen. Man muss halt eine andere Taste mit dieser Funktion belegen. Die Elektronik vieler Kameras erlaubt es sehr oft die Funktion verschiedener Tasten zu individualisieren. So erlauben zum Beispiel Nikon D80 und Nikon D7000 das Legen der AF-On-Funktion auf die Taste AE-L/AF-L-Taste (diese Taste kennen Canon-Fotografen als *-Taste).

AE L AF L Taste Die AE-L/AF-L-Taste vieler Nikons lässt sich mit einer AF-On-Funktion belegen.

Normalerweise lässt sich über AE-L/AF-L- (Nikon) beziehungsweise *-Taste (Canon) die Belichtung messen und speichern. Legt man AF-On auf diesen Knopf muss diese Funktion natürlich weichen. Es ist also eine Frage der persönlichen Vorliebe, der Art des Fotografierens und am Ende der Priorität, was einem wichtiger ist. Mir ist es bedeutend wichtiger die Schärfemessung vom Auslöser weg zu bekommen, als einen Knopf zur Messung der Belichtung an der Kamera zu haben. Deshalb liegt bei meiner D80 AF-On auf der AE-L/AF-L-Taste.

Auslöse- oder Schärfepriorität

Die AF-Automatiksysteme digitaler Kameras brauchen immer eine gewisse Zeit um scharf stellen zu können. Je nach Situation kann es schon einmal vorkommen, dass das bis zu einer Sekunde oder länger dauert. Für manche Motive ist das einfach zu langsam.

Erwartet der Fotograf von seiner Kamera vor allem scharfe Bilder, ganz egal wie die Kamera zum korrekten Fokussieren benötigt, dann kann er seine Kamera auf Schärfepriorität stellen. Die lässt sich dann so viel Zeit wie sie braucht um sich sicher zu sein, dass es ihr gelungen ist korrekt scharf zu stellen.

Der Fotograf kann aber auch sagen, ich brauche auf jeden Fall so rasch als möglich nach dem Drücken des Auslösers eine Aufnahme. Wenn das Resultat nicht zu 100% scharf ist, ist das immer noch besser als gar keine Aufnahme. Dann kann er seine Kamera auf Auslösepriorität stellen. Die Kamera versucht dann so rasch als möglich auszulösen, auch wenn sich die AF-Messautomatik noch nicht ganz sicher ist, dass die optimale Schärfe schon erreicht wurde.

Display screenshot 028 Bei den meisten Nikon-SLRs lässt sich für kontinuierlichen AF (AF-C) und Einzel-AF (AF-S) separat wählen …
Display screenshot 029 … ob man Auslöse- oder Schärfepriorität vorzieht.

Wer oft und gerne bewegte Objekte fotografiert wird eventuell Auslösepriorität vorziehen. Wer statische Motive bevorzugt bekommt mit Schärfeprirität mehr Sicherheit für mehr scharfe Bilder. Und bei Architektur und Landschaft sind Auslöseverzögerungen von wenigen Zehntel Sekunden in der Regel auch kein Problem. Am besten versucht ihr es einfach und testet an eurer Kamera aus, mit welcher Einstellung ihr eher zufrieden seid. Ob euch Schärfepriorität zu oft zu sehr verzögert um die Motive rasch genug im Kasten zu haben. Oder ob auch Auslösepriorität zu viele unscharfe Ergebnisse liefert.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 26,90
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2.9. Fokussierung

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Die Wahl der Schärfentiefe ist ein kreatives Gestaltungsmittel, das dem Fotografen zur Verfügung steht. Manchmal ist es besser eine kurze Schärfentiefe zu wählen, manchmal besser eine weite. Sehr oft ist es aber auch einfach Geschmacksache für welche von beiden Varianten man sich entscheidet. Manchmal fotografiere ich eine Szene sowohl mit geringer Abblendung (kleine Blendenzahl = offene Blende) für geringe Schärfentiefe und mit starker Abblendung (hohe Blendenzahl = hohe Schärfentiefe). Die beiden Varianten kann ich dann am Computer-Monitor vergleichen und mich für die eine oder andere Variante entscheiden.

Bezogen auf die Fokussierung ist es hingegen meist weniger Geschmacksache auf welchen Punkt scharf gestellt wird. Meist ist ein einziger Punkt in einer Szene der Punkt der scharf sein muss. Fokussiert man auf einen anderen Punkt und der zentrale Punkt ist unscharf, wirkt das Resultat verunglückt. Die nächste Abbildung zeigt eine Testaufnahmen zu einem Nacht-Shooting. Das Bild wirkt unscharf.

Sandranachts
Falsche Fokussierung: Der schärfste Punkt liegt auf den ­Haaren, etwa im Bereich der ­Ohren. ­Korrekt wäre gewesen auf die ­Augen zu fokussieren.

Aber ist dieses Bild wirklich unscharf? Die Haare im Bereich der Ohren sind gestochen scharf. Aber wer interessiert sich für Haare wenn Augen im Bild sind? Der schärfste Punkt müsste auf den Augen liegen. Wären die Augen scharf abgebildet und die Haare unscharf, dann würden wir das Bild als gelungen empfinden. So aber wirkt es verunglückt.

Mehrere Personen fotografieren | Bevor wir uns eingehender mit der Fokussierung befassen, noch ein wichtiger Tipp zur Fotografie von mehreren Personen, die nicht in einer Linie nebeneinander, sondern mit unterschiedlichen Ab­ständen hintereinander, stehen.

Generell setzt man bei Porträts gerne auf offene Blenden um das Modell sauber vom Hintergrund freizustellen (siehe auch ›Freistellen‹) und den Fokus klar auf die Augen zu lenken. Befinden sich jedoch zwei oder mehr Leute nicht direkt nebeneinander sondern hintereinander sind sehr kurze Schärfentiefen mit Vorsicht zu genießen. Sie führen dazu, dass nur mehr die Augen einer Person scharf sind.

Samundlukasunscharf
Dieses Porträt von Sam und Luke habe ich mit Blende ƒ1.8 auf­genommen. Sam ist scharf abgebildet, aber Lukes Augen, wenige Zentimeter dahinter, sind bereits deutlich verschwommen.
Samundlukasscharf
Mit Blende ƒ8 kommen beide ­Personen mit ausreichender ­Schärfe ins Bild (daraus aber nicht den Schluss ziehen, dass für ­solche Aufnahmen immer Blende 8 optimal ist – es kommt auch auf Brennweite und Distanz an – Sensorformat, Abstand, Brennweite und Blende sind immer gemeinsam für die Schärfentiefe verantwortlich; siehe dazu auch noch einmal den letzten Artikel).

Manuelle oder automatische Fokussierung

Manchmal wird das zur Glaubensfrage. Aber nachdem Computer längst Schachweltmeister schlagen und sogar Weltklassefoto­grafen, wie Joe McNally, auf die automatische Blitzlichtsteuerung via i-TTL vertrauen, sollte man diese Suppe nicht zu heiß löffeln. Ich denke beides hat seine Daseinsberechtigung.

Erstens habe ich persönlich immer das Gefühl meine Brille störe mich bei der Beurteilung der Schärfe über den Sucher. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, denn ich bin mir sicher, es gibt viele Fotografen, die Brillenschlangen sind wie ich, und trotzdem manuell fokussieren. Aber ich traue der Sache einfach nicht, wenn ich bei 100 mm Brennweite auf ein oder zwei Meter Distanz bei Blende ƒ2.0 beurteilen soll, ob der Schärfepunkt exakt auf den Augen sitzt oder nicht.

Rasante Motive | Zweitens gibt es Motive, die sind einfach verdammt schnell und das menschliche Reaktionsvermögen kommt mit manuellem Fokussieren schlicht nicht mit. Ich denke dabei an Vögel im Flug.

Street Photography | In der Street Photography hingegen wird oft manuelles Fokussieren bevorzugt und das mit gutem Grund. Auch die schnellsten AF-Objektive brauchen ihre Zeit zum Fokussieren. Vor allem in schattigen Gassen, wenn es dämmert oder gar bei Nachtszenen in der Großstadt. In solchen Situationen hängt die manuelle Fokussierung durch den Fotografen die Geschwindigkeit der AF-Systeme oft locker ab.

Aber widerspricht sich das nicht? Bei Vögeln soll die automatische Fokussierung schneller sein als der Mensch und in Stadt und Straße langsamer?

Nur scheinbar! Autofokussysteme brauchen immer einen Moment bis sie scharf gestellt haben (In dieser Beziehung hat übrigens das Objektiv meist mehr Einfluss auf die ›Fokussiergeschwindigkeit‹ als die Kamera). Der Mensch schafft das in der Regel schneller. Vor allem wenn die Lichtbedingungen nicht optimal sind, also wenn es dunkelt oder trübe ist. Hat ein elektronisches AF-System aber einen Schärfepunkt erst einmal gefunden und auf ihn fokussiert, kann es ihm in der Regel um ein vielfaches besser folgen, als die menschliche Wahrnehmung. Motive die sich schnell bewegen werden deshalb meist so fotografiert: Die Kamera wird auf Serienbildmodus geschaltet, der Fotograf versucht auf den fliegenden Vogel (als Beispiel) zu fokussieren, drückt den Auslöser durch und folgt dem Motiv bei weiterhin gedrücktem Auslöser. Moderne Kameras schaffen zwischen fünf und zehn Aufnahmen in der Sekunde und die Schärfe wird von der Kameraelektronik kontinuierlich nachgeführt – jedenfalls bei entsprechender Einstellung (bei Nikon heißt die Einstellung CF, Continious Focus, bei Canon AI Servo – andere Hersteller mögen unter wieder anderen Namen identische Einstellungen anbieten).

Makro | In der Makrofotografie kommt es oft vor, dass sich die Automatik schwer tut, auf den gewünschten Fokuspunkt scharf zu stellen. Ich erlebe es beim 105mm Macro Nikkor immer wieder, dass die Fokusautomatik zwischen Nahfokussierung und Fernfokussierung hin und her springt und es nicht schafft das Motiv scharf zu stellen – bei anderen Makro-Objektiven ist das meist nicht anders. Auch hier ist die manuelle Fokussierung die bessere Wahl.

Am Ende ist es Teils Geschmacksache, Teils Situationsabhängig, ob man manuell oder automatisch fokussiert.

Bei modernen AF-Objektiven Nikon kann sogar automatisch und manuell kombinieren. Bei Nikon sind es in der Regel AF-S-Objektive, bei denen man nach der automatischen Fokussierung noch einmal über den Einstellring für die Schärfe manuell korrigierend eingreifen kann (AF steht für ›Auto Focus‹, S für ›Ultra Sonic‹, Ultraschall). Auch hier bieten andere Hersteller vergleichbare Produkte.

Das heißt, dass ich zum Beispiel bei meinem AF-S Nikkor 50mm ƒ1.4 manuell fokussieren kann, ohne auf manuelle Fokussierung umzustellen. Beim AF Nikkor 50mm ƒ1,8 – einem älteren und preiswerteren Objektiv – ist das nicht zu empfehlen. Zwar ist es möglich, aber es geht nur gegen den Widerstand des AF-Motors. Wenn man also beim manuellen Fokussieren mittels des Schärferings am Objektiv einen Widerstand spürt, dann sollte man nicht weiter drehen. In so einem Fall lässt sich mit diesem Objektiv nur dann manuell fokussieren, wenn man an Kamera oder Objektiv auch auf manuell umstellt.

Manuell af Fokusschalter zum Umschalten zwischen automatischer und manueller Fokussierung an einer Nikon D7000. (Bild: © Nikon GmbH)

Fokussierung, Messfelder, Sucher und Live-View

Zum Ermitteln der Entfernung zur Fokussierung suchen SLR-Kameras nach erkennbaren Kontrastkanten innerhalb eines kleinen Bildausschnitts. Wenn man mit Hilfe des Suchers fotografiert geschieht das über das ausgewählte AF-Messfeld, das im Sucher angezeigt wird. Bei einer Nikon D7000 sieht das wie in der Abbildung unten aus (2).

Af Feld im Sucher AF-Messfeld im Sucher einer Nikon D7000.

Wenn man mit Live-View arbeitet (was man mit einer Kompaktkamera in der Regel so gut wie immer macht), dann wird auch hier in der Regel am Display ein Rahmen angezeigt, in dem die Kamera versucht die Schärfe zu ermitteln.

AF Messfeld am Display AF-Messfeld am Display einer Canon Powershot S95. Die grüne Farbe signalisiert, dass die Kamera scharf gestellt hat.

Die Position von AF-Messfeldern lässt sich in der Regel verändern.

Multifunktionswaehler D7000 Durch Kippen des Multifunktionswählers lässt sich bei Nikon-Kameras die Position des AF-Messfeldes verschieben. Das gilt sowohl für Live-View als auch für das Messfeld im Sucher.
Multifunktionswaehler G12 Einstellrad einer Canon Powershot G12. Die Bedienung ist im Grunde identisch mit Nikon und auch andere Hersteller nutzen dieselben Konzepte.

Verschiedene Messsysteme | Da Live-View und Sucher in der Regel nicht dieselben Messsysteme nutzen, ergeben sich in der Praxis spürbare Unterschiede bei der Arbeit. So ist zum Beispiel das Messsystem, das bei der Arbeit mit dem Sucher ­arbeitet, bei den meisten SLR-Kameras deutlich flotter, als das Messsystem in Live-View-Modus. Wenn es also rasant zur Sache gehen muss, dann sind Sie mit dem Sucher besser beraten. Auch das ist ein Punkt, bei dem SLRs gegenüber Kompaktkameras punkten können.

Live-View hat allerdings auch Vorteile. Dazu gehört zum Beispiel, dass man die AF-Messfelder bei der Arbeit mit dem Messsystem des Suchers nicht bis in den Randbereich des Bildfeldes verschieben kann. Bei Live-View hingegen lässt sich das Messfeld meist stufenlos bis in die letzte Ecke verschieben.

Ein Problem stellt der eingeschränkte Bewegungsspielraum der AF-Messfelder im Sucher vor allem dar, wenn man Leute vom Scheitel bis zur Sohle porträtieren möchte.

Messfelder im Sucher Selbst aufwändige Messsysteme für den Autofokus bei der Scharfstellung mit dem Sucher, erlauben es nicht die Messfelder bis an den Rand zu verschieben.

Natürlich kann der Fotograf die Kamera schwenken, durch Drücken des Auslösers zum ersten Druckpunkt die Schärfe messen, und dann den Bildausschnitt neu komponieren. Aber bei ganzen Serien von Bildern, wie bei Modell-Shootings, ist das meist etwas aufwändig und erlaubt kaum wirklich rasche Serien. Außerdem führt bei extrem kurzen Schärfentiefen oft schon leichtes Kippen zu einer Verlagerung des Schärfepunktes und dann liegt der Fokus gar nicht mehr exakt dort wo man ihn gemessen hat. Generell sollte man deshalb bei Situationen, wie in der Abbildung oben, nicht mit dem mittleren Fokuspunkt messen und neu komponieren, sondern zumindest das Messfeld nutzen, das dem gewünschten Fokuspunkt – hier den Augen – am nächsten ist.

Manuelle Fokussierung und Fokusindikator

Arbeitet man mit manueller Fokussierung braucht man an Nikon-Kameras auf die Hilfe des Fokusmesssystems nicht zu verzichten. Mit dem Fokusindikator im Sucher wird auch im manuellen Modus angezeigt, ob die Kamera die Scharfstellung für korrekt hält oder nicht. Es geht sogar noch einen Schritt weiter: Der Fokusindikator zeigt sogar nicht nur an ob die Schärfe stimmt, sondern auch ob der Fokus davor oder dahinter liegt, wenn er im Messfeld nicht stimmt.

Fokusindikator Fokus vorne Der Fokusindikator (3) zeigt an ob der Bereich im Fokusmesseld (4) scharf ist oder nicht. Hier zeigt der Fokusindikator an, dass die Schärfe zu weit vorne liegt.
Fokusindikator Fokus hinten Hier zeigt der Fokusindikator (5) an, dass der Fokus zu weit hinten liegt.
Fokusindikator Fokus korrekt Hier zeigt der Fokusindikator (6) an, dass der Bereich im Fokusmessfeld scharf ist.

Da ich selbst mit Nikon fotografiere kann ich nicht sagen in wie fern andere Hersteller vergleichbare Funktionen haben. Ich gehe aber auch hier davon aus, dass bei Canon, Olympus & Co eine identische Möglichkeit zu finden ist. Für sachdienliche Hinweise bin ich – und wahrscheinlich noch viel mehr die Leser dieses Artikels – dankbar.

AF-Sensoren

Lassen wir Live-View wieder außen vor und konzentrieren wir uns auf das, womit die meisten ambitionierten Fotografen arbeiten: Mit dem Sucher.

Die Messfelder, die bei der Arbeit mit dem Sucher eingesetzt werden, trennen sich in der Regel in zwei Gruppen: Einfache AF-Sensoren sind nur für Kontraste in einer bestimmten Richtung sensibel. Das heißt sie sind entweder in der Lage auf Strukturen mit horizontalen Linien scharf zu stellen, oder auf Strukturen die vertikale Linien enthalten. Im Gros der ›Scharfstellsituationen‹ ist das nicht weiter von Bedeutung. Die meisten Punkte, auf die man scharf stellt, beinhalten sowohl vertikal als auch horizontal ausgerichtete Kontraste. Auch diagonale Linien stellen kein Problem dar. Möchte man hingegen mit einem einfachen AF-Sensor, der für horizontale Linien sensibel ist, auf ein Muster aus ausschließlich vertikalen Linien fokussieren, gelingt das der AF-Elektronik nicht. Sie wird ein paarmal in die Ferne und zurück in den Nahbereich scharf stellen und dann W.O. geben.

Kreuzsensoren | Die andere Art der AF-Sensoren sind sogenannte Kreuzsensoren, die sowohl mit horizontalen, wie auch mit vertikalen Strukturen klar kommen. Solche Sensoren sind natürlich besser und es wäre schön, wenn nur solche zum Einsatz kämen. Aber wie üblich ist das Schöne auch das Teurere, weshalb die meisten Kamerahersteller aus einen Mix aus einfachen und Kreuzsensoren setzen. Meist liegen die Kreuzsensoren in der Mitte und die einfachen im Randbereich.

Ob ein Sensor, des AF-Systems (moderne SLRs haben meist 9, 11, 39 oder 51 Messfelder), ein einfacher oder ein Kreuzsensor ist, und wenn er einfach ist, ob er auf horizontal oder vertikal reagiert, lässt sich leicht herausfinden. Man sucht sich einfach ein Motiv, das ausschließlich Linien in einer Richtung zeigt. Die meisten Radiatoren haben Rippen in vertikaler Richtung und erzeugen eine solche Struktur. Mit Kreuzsensoren können Sie scharf stellen, ob sie die Kamera Quer- oder Hochformat halten. Ist ein Sensor nur für horizontale Linien ausgerichtet, kann die Kamera im Hochformat nicht scharf stellen. Ist ein Sensor nur für vertikale Linien ausgerichtet, kann die Kamera im Querformat nicht scharf stellen.

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2.8. Blende bewusst kreativ einsetzen

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Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Sehen wir uns die Erkenntnisse des letzten Artikels in der Praxis an: Die aus gewählter Brennweite und Distanz resultierende Schärfentiefe wird durch die Wahl der Blende angepasst beziehungsweise korrigiert. Möchte ich das eigentliche Hauptmotiv vor dem Hintergrund hervorheben führt eine geringe Abblendung (offene Blende) zu kurzer Schärfentiefe und weichgezeichnetem Hintergrund. Möchte ich sowohl den Vordergrund als auch den Hintergrund deutlich erkennbar abbilden, dann führt kräftige Abblendung (Blende schließen) zu großer Schärfentiefe und detailreicher Wiedergabe sowohl naher als auch ferner Elemente. Nach der kreativen Kernfrage über die gewünschte Perspektive folgt die kreative Kernfrage über die Schärfe.

Der Vergleich der beiden folgenden Abbildungen verdeutlich noch einmal den Unterschied in der Bildwirkung ob die Blende offen ist oder geschlossen.

Krabbler offeneblende Die drei Stofftierchen sind hier bei Brennweite 28 mm und offener Blende ƒ2.0 fotografiert worden. Die Schärfentiefe ist kurz (kleine Blendenzahl = kurze Schärfentiefe).
Krabbler geschlosseneblende Ebenfalls mit Brennweite 28mm aus derselben ­Distanz, jedoch mit Blende ƒ8.0. Die Schärfentiefe ist weit.

Noch einmal zur Erinnerung: Die Schärfentiefe resultiert nicht aus der Blendeneinstellung allein! Brennweite (siehe ›Schärfentiefe und Brennweite‹), Abstand (siehe ›Schärfentiefe und Distanz‹) und Sensorformat (siehe ›Sensorformat und Schärfentiefe‹) haben einen ebenso bedeutenden Einfluss wie die Blende.

Aber:

  • Die Distanz zum Motiv wird primär durch die Größe der abzubildenden Objekte bestimmt. Die Überlegung, welche Auswirkung eine bestimmte Distanz auf die Schärfentiefe der Aufnahme hat, spielt bei der Aufnahme keine Rolle. Oder anders gesagt: Kein Fotograf wird eine bestimmte Distanz wählen, nur weil er sich davon eine bestimmte Schärfentiefe erwartet.
  • Die Brennweite wird normalerweise ebenso wenig wegen ihrer Auswirkung auf die Schärfentiefe gewählt. Meist ist sie entweder Resultat aus einer langen Distanz, die der Fotograf nur mit Hilfe eines Teleobjektivs überwinden kann, einer kurzen Distanz, die eine Abbildung nur mit Weitwinkel erlaubt (zum Beispiel wenn man eine Fassade in einer engen Gasse fotografieren möchte), oder aber der Fotograf möchte mit der Brennweite eine bestimmte perspektivische Wirkung erzielen.
  • Das Sensorformat ist Resultat der Kaufentscheidung des Fotografen. Die wenigsten Fotografen nehmen drei, vier oder fünf Kameras mit unterschiedlichen Sensorformaten mit auf den Weg, um damit unterschiedliche Schärfentiefewirkungen erzielen zu können.

Deshalb bleibt als wichtigstes Werkzeug zur Steuerung der Schärfentiefe die Blende übrig.

Aber: Kompaktkamera | Da Kompaktkameras, wie bereits mehrfach in dieser Serie erwähnt, in der Regel sehr viel kleinere Sensoren haben, als Spiegelreflexkameras, erzeugen sie damit automatisch eine sehr viel höhere Schärfentiefe, als ihre größeren Brüder und Schwestern. Der Einfluss der Blende auf die Schärfentiefe ist bei diesen Kameras lediglich bei Aufnahmen aus nächster Nähe wirklich relevant (also bei Makro-Aufnahmen). Bei Canons Edel-Kompakten G12 beträgt die Schärfentiefe bereits bei einem Abstand von zwei Metern, 50mm Brennweite und Blende ƒ2.8 einen knappen Meter. Selbst wenn sich ein hässlicher oder nichtssagender Hintergrund fünf Meter hinter einer porträtierten Person befindet, erfolgt dessen Abbildung scharf genug um die Wirkung des Bildes zu zerstören. Zum Vergleich: Bei einer Kleinbildkamera beträgt die Schärfentiefe auf dieselbe Distanz, mit derselben Brennweite und derselben Blendeneinstellung 14cm. Alles was sich einen Meter oder mehr dahinter befindet wird schon dermaßen weichgezeichnet, dass es kaum mehr zu erkennen ist. Eine porträtierte Person ist dadurch deutlich vom Hintergrund freigestellt.

Das ist der Irrtum vieler Fotografen, die sich für eine Kompaktkamera mit kreativen Einstellmöglichkeiten entscheiden. Sie erwarten mit Einstellmöglichkeiten für Zeitvorwahl, Blendenvorwahl und manueller Belichtungseinstellung ähnliche Ergebnisse erzielen zu können, wie an einer SLR. Doch solange die Bildsensoren so klein bleiben wie sie derzeit bei kompakten sind, ist der nutzen dieser kreativen Modi bei einer Kompakten fast zu vernachlässigen.

Die meisten ambitionierten SLR-Fotografen fotografieren im Belichtungsprogramm Blendenvorwahl, weil sie durch bewusste Auswahl der Blende die Schärfentiefe kreativ gestalten können. Sie lassen die Blende für kurze Schärfentiefe offen oder schließen sie für weite Schärfentiefe. Bei einer Kompakten bringt das meist wenig.

Das soll die Leistung moderner Kompakter nicht schmälern. Aber wer die Anschaffung einer Kamera plant sollte sich auch solcher Grenzen bewusst sein und wer eine Kompakte besitzt sollte die Einschränkungen noch vielmehr kennen.

Der Besitzer einer Kompaktkamera kann die Brennweite nicht frei wählen, wenn er ein Motiv durch kurze Schärfentiefe freistellen will. Eine akzeptable Freistellung erreicht er nur mit einer langen Brennweite – 100mm, 150mm oder mehr. Während der Spiegelreflex-Fotograf dem 4-Schritte-Konzept folgen kann, Distanz und Brennweite wählt und dann die Schärfentiefe über die Blendeneinstellung großzügig beeinflussen kann, muss der Kompaktkamera-Fotograf die Brennweite für die kreative Gestaltung der Schärfentiefe heranziehen. Sehr oft heißt es dann entweder Wunsch-Perspektive oder Wunsch-Schärfentiefe.

Wenn ich also eben behauptet habe, dass die Schärfentiefe vom Fotografen praktisch ausschließlich mit Hilfe der Blende gestaltet wird, gilt das in erster Linie für Fotografen mit Spiegelreflexkameras und Kameras mit vergleichbar großen Bildsensoren. Der Fotograf mit einer Kompaktkamera hingegen wird sehr wohl gelegentlich die Brennweite nutzen, um die Schärfentiefe kreativ zu beeinflussen. So wähle ich beim Porträt einer Person mit einer Kompakten ganz bewusst eine lange Brennweite (oft eine deutlich längere, als ich mit Spiegelreflex nutzen würde), damit ein allfällig unruhiger Hintergrund zumindest einigermaßen unscharf und das eigentliche Modell somit freigestellt wird.

Cent1 Aufnahme mit der Kompaktkamera Canon PowerShot G12 bei 140mm Brennweite (KB). Die lange Brennweite sorgt hier für den unscharfen Hintergrund und eine sachliche, flache Darstellung der Münzen.
Cent2 Derselbe Münzstapel aus kürzester Distanz (wenige Zentimeter). Die perspektivische Wirkung ist komplett anders wie oben. Der unscharfe Hintergrund entsteht hier vor allem durch die extrem kurze Distanz.
Schluessel
Perspektive und Schärfentiefe ­machen auch aus alltäglichen ­Dingen durchaus interessante ­Objekte.
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»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
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2.7. Blende und Schärfentiefe

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Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Nach der vielen trockenen Theorie der letzten Artikel führen wir uns zwischendurch die Grundidee dieser Serie vor Augen, nämlich das Fotografieren nach den vier Schritten. Wo stehen wir mit unseren Betrachtungen im Moment:

  1. Für den ersten Schritt haben wir uns mit der Perspektive befasst und uns angesehen, wie man sie über Brennweite, Distanz und Blickwinkel (frontal oder diagonal, von unten, aus Augenhöhe oder von oben) kreativ beeinflussen kann.
  2. Ziel des zweiten Schrittes ist die kreative Gestaltung der Schärfe.
  3. Ziel des dritten Schrittes ist eine korrekte Belichtung.
  4. Im vierten Schritt schließen wir mit der Komposition des Bildausschnitts ab.

Nun beschleicht uns irgendwie das Gefühl, dass wir beim siebten Artikel im Abschnitt ›Schärfe‹ angekommen sind und noch immer nicht genau wissen, wie man die Schärfe kreativ beeinflusst.

Klar: Wir haben uns darüber unterhalten, dass die Brennweite Auswirkung auf die Schärfentiefe und ebenso die Distanz Auswirkung auf die Schärfentiefe hat.

Aber dann haben wir uns über die Blende unterhalten und dabei fast ausschließlich über Belichtung gesprochen. Der kreativen Beeinflussung der Schärfe scheinen wir noch nicht so recht näher gekommen zu sein. Haben wir uns verlaufen?

Keineswegs. Es war nur notwenig einige Grundlagen zu klären um die folgenden Zusammenhänge besser verstehen zu können.

Tatsache ist, dass durch die Auswahl einer bestimmten Brennweite auf eine bestimmte Distanz die Schärfentiefe bereits vorbestimmt wird (siehe auch ›Schärfentiefe‹). Mit einer kurzen Brennweite, wie zum Beispiel 24mm, werde ich immer schon eine weite Schärfentiefe vorprogrammiert haben, mit einer langen Brennweite, wie 200mm, ist bereits eine geringe Schärfentiefe der Fall.

Die Schärfentiefe wird zunächst von Brennweite und Disanz beeinflusst.

Ergänzend zu diesem Merksatz muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass auch das Format des Abbildungsmediums, also bei Digitalkameras des Sensors, einen wesentlichen Einfluss auf die Schärfentiefe hat. Das ist vor allem wichtig um den Unterschied zwischen Spiegelreflex- und Kompaktkamera zu verstehen.

Um die durch Brennweite und Distanz vorgegebene Schärfentiefe zu verändern beziehungsweise korrigieren zu können, kommt die Blende ins Spiel. Mit ihr können wir einstellen ob wir sowohl Vorder-, Mittel- und Hintergrund mit großer Schärfentiefe scharf aufnehmen wollen, oder durch geringe Schärfentiefe ein Objekt vom Hintergrund freistellen möchten.

Der Merksatz für die Auswirkung der Blende auf die Schärfentiefe dazu lautet:

Je größer die Blendenöffnung, desto kürzer die Schärfentiefe.

Offene Blende Offene Blende für wenig Schärfentiefe.
Geschlossene Blende Geschlossene Blende für viel Schärfentiefe.

Große Öffnung = kleine Tiefe? Da haben wir wieder eine umgekehrte Logik im Merksatz. Für Alle die es einfach lieben:

Kleine Blenden­zahl
= geringe Schärfentiefe,
große Blendenzahl
= hohe Schärfen­tiefe.

Offenblende und Abblendtaste

Die Blende beeinflusst also Lichtmenge und Schärfentiefe. Wer kein kompletter Neueinsteiger ist, dem war das sicher schon bekannt.

Das Autofokus-System (AF – die Elektronik, die für das Scharfstellen sorgt) einer Kamera arbeitet am schnellsten und zuverlässigsten, wenn es den Bereich, auf den es scharf stellen soll, ausreichend hell sieht. Schließt der Fotograf die Blende für eine hohe Schärfentiefe, dann wird das Bild nicht nur für den Sensor, sondern auch für das AF-Messsystem dunkler. So könnte es sein, dass das AF-System bei Blende ƒ8, ƒ11 oder ƒ22 den zu ­fokussierenden Bereich bereits so dunkel sieht, dass ein Scharfstellen gar nicht mehr möglich ist. Um das zu verhindern, bleibt die Blende so lange man durch den Sucher blickt offen. Nur in dem kurzen Moment, in dem man den Auslöser drückt und das Bild aufgenommen wird, schnellt die Blende kurz auf die voreingestellte Größe zu, um anschließend sofort wieder in die Offenstellung zu springen.

Als Beispiel, um den Sachverhalt näher zu illustrieren, habe ich noch einmal das Motiv mit den fünf Spielkegeln herangezogen. Betrachten wir es mit einem Objektiv mit der Lichtstärke 1.8 durch den Sucher, dann sieht das aus wie in Abbildung unten.

F1 8sucher So sieht das Motiv bei Blende ƒ1.8 durch den Sucher aus. Scharf gestellt wurde auf den roten Kegel. Da die Schärfentiefe bei ƒ1.8 gering ausfällt sind die Kegel unmittelbar davor und dahinter unscharf.

Schließen wir die Blende auf ƒ22, dann erhält die Aufnahme eine höhere Schärfentiefe und müsste aussehen wie in der folgenden Abbildung.

F22sucher So müsste dasselbe Motiv bei Blende ƒ22 aussehen. Bei Blende ƒ22 ist die Schärfentiefe groß und deshalb müssten die Kegel vor und hinter dem roten, auf den scharf gestellt wurde, auch deutlich schärfer angezeigt werden, als bei Blende ƒ1.8.

Tatsächlich jedoch sieht man das Bild im Sucher nach wie vor bei der Offenblende, also bei einem Objektiv mit Lichtstärke 1.8 mit der Schärfentiefe von Blende ƒ1.8.

Um die Schärfentiefe eines Motivs im Sucher überprüfen zu können, muss die Blende auf die eingestellte Öffnung geschlossen werden. Zu diesem Zweck verfügen viele SLR-Kameras über eine sogenannte Abblendtaste.

Abblendtaste Abblendtaste (1) einer Nikon D7000 (Bild: © Nikon GmbH)

Drückt man diese Taste drücken und hält sie gedrückt, dann schließt sich die Blende auf den eingestellten Wert. Das Verkleinern der Blendenöffnung hat aber nicht nur zur Folge, dass die Kamera das Motiv dunkler sieht, sondern auch im Sucher wird es plötzlich zappenduster.

F22abblenden So etwa sieht man ein Motiv bei ­Blende ƒ22, wenn die ­Abblendtaste gedrückt wird.

Das ist gewöhnungsbedürftig, aber nicht zu vermeiden, wenn man die Schärfentiefe vor der Aufnahme beurteilen will.

Um die Schärfentiefe im Sucher beurteilen zu können muss man die Abblendtaste drücken.

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2.6. Lichtwert und Offenblende

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Wie zuletzt beschrieben halbiert beziehungsweise verdoppelt ein ganzer Blendenschritt die Lichtmenge. Einen Schritt, der zu einer Verdoppelung oder Halbierung der Lichtmenge führt, bezeichnet man als ›1 Lichtwert‹ (1 LW).

Lichtwert

Im Fotografenjargon heißt es statt dessen oft »belichte doch hier einmal eine Blende länger« oder »reduziere die Belichtung einmal um zwei Blenden«. Damit will der Fachmann nicht unbedingt zum Ausdruck bringen, dass wir zwingend die Blende verändern müssen. Er meint lediglich, dass eine Belichtungs­einstellung, die die Lichtmenge halbiert (eine Blende) oder viertelt (zwei Blenden), in dieser Situation von Vorteil wäre. Ob diese Einstellung über Anpassung der Blende, über Belichtungszeit oder ISO-Empfindlichkeit vorgenommen werden soll, ist damit nicht zwingend ausgesagt.

Einmal mehr bevorzuge ich die klare Aussage und spreche lieber von »Lichtwert heller« und »Lichtwert dunkler« belichten. Blickt man im manuellen Belichtungsmodus einer Kamera durch den Sucher und tippt den Auslöser leicht an, denn erscheinen verschiedene Informationen. In der Regel ist dabei auch eine Skala, wie in der Abbildung unten, dargestellt.

Nikon sucher Die Belichtungsskala im Sucher einer Nikon D7000. Auf der Seite mit dem + befindet sich Über-, auf der Seite mit dem – Unterbelichtung. Die Skala zeigt an, dass eine Unterbelichtung von –1 LW vorliegt.

In der Mitte dieser Skala befindet sich der 0-Punkt (3) der die optimale Belichtung kennzeichnet (oder das, was die Kamera für das aktuelle Motiv für eine optimale Belichtung hält). Unter (1) oder neben der Skala (bei anderen Kameras wird die Skala nicht wie bei Nikon unten, sondern seitlich angezeigt) wird angezeigt um wie viele Lichtwerte bei der eingestellten Kombination aus Blende, Zeit und Empfindlichkeit unter- beziehungsweise überbelichtet würde. Die Punkte (2) stellen ganze Lichtwertschritte (Blendenschritte) dar.

Im Beispiel oben zeigt die Skala eine Unterbelichtung von einem Lichtwert an (4). Für eine optimale Belichtung müsste ich nun die Blende um einen ganzen Schritt öffnen, beispielsweise von ƒ8 auf ƒ5.6. Oder die Belichtungszeit verdoppeln. Oder die Empfindlichkeit verdoppeln.

Dasselbe gilt meist auch für das Display einer Kompaktkamera oder einer SLR im Live-View-Modus.

Belichtungskorrektur 1 Das Display der Canon PowerShot hier zeigt Unterbelichtung – auf der linken und Überbelichtung + auf der rechten Seite an. Der grüne Punkt zeigt an, dass eine Unterbleichtung von –1 LW vorliegt.

Für den Moment wollen wir das Thema der Belichtung nicht weiter vertiefen, denn wir werden es in den Artikeln zum 3. Schritt, Belichtung, ausgiebig damit beschäftigen. Im Moment bewegen wir uns auf das eigentliche Kernthema des Themas Schärfe zu, nämlich der Schärfentiefe, die sich ganz wesentlich mit der Blende beeinflussen lässt. Für den Moment ist vor allem von zentraler Wichtigkeit, dass ein ganzer Lichtwert alles ist, was die Lichtmenge verdoppelt oder halbiert, egal ob das durch einen ganzen Blendenschritt, durch Veränderung der Zeit oder Veränderung der Empfindlichkeit geschieht.

+1 Lichtwert verdoppelt,
–1 Lichtwert halbiert
die Lichtmenge.

Offenblende und Lichstärke

Die größtmögliche Blendenöffnung unterscheidet sich von Objektiv zu Objektiv. Die maximale Blendenöffnung wird als Offenblende bezeichnet. Die maximale Blendenöffnung definiert die Lichtstärke von Objektiven. Lichtstarke Objektive sind deutlich teurer als eher lichtschwache. Der Name Lichtstärke spricht schon einen wesentlichen Punkt dessen an, was mit einer größeren Blendenöffnung möglich ist: Das Objektiv lässt mehr licht durch und deshalb kann man damit noch fotografieren, wenn es für lichtschwächere nicht mehr reicht. Das ist aber nur ein Vorzug lichtstarker Objektive. Der andere hat mit dem Thema dieses Abschnitts zu tun: Der Schärfe. Durch die Blendenöffnung lässt sich die Schärfentiefe beeinflussen. Je größer ich an einem Objektiv die Blende aufreißen kann, desto kürzer fällt die Schärfentiefe aus. Mehr Lichtstärke bedeutet demnach also auch mehr kreativen Spielraum im Umgang mit Schärfentiefe. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Blende f22 Blende ƒ22 mit dem Sigma 24mm ƒ1.8 sorgt selbst auf kürzeste ­Distanz noch für relativ große Schärfentiefe.
Blende f1 8 Man kann aber mit demselben ­Objektiv auf dieselbe Distanz mit Blende ƒ1.8 ein sehr viel luftigeres Bild gestalten und die Aufmerksamkeit des Betrachters über den selektiven Schärfepunkt lenken.
Blende f5 6 Mit einem weniger Lichtstarken Objektiv und Blende ƒ5.6 verringert sich die Schärfentiefe zwar auch, aber der Unterschied zu Blende ƒ22 ist nicht mehr besonders ausgeprägt.

Lichtstarke Objektive mit großen Offenblenden erhöhen den kreativen Spielraum.

Aber aufgepasst beim Fotografieren mit Offenblende: Wer auf maximale Schärfe seiner Fotos Wert legt, sollte es vermeiden generell mit vollständig geöffneter Blende zu fotografieren. Objektive liefern nicht über den gesamten Bereich von Offenblende bis kleinster Blendenöffnung gleichbleibende Schärfe. Meist erhält man irgendwo im mittleren Bereich die maximale Abbildungsschärfe – zum Beispiel im Bereich von Blende 8. Sehr oft genügt aber auch schon ein geringeres Abblenden um deutlich schärfere Resultate zu erzielen – also zum Beispiel Blende ƒ4 statt ƒ2.8. In welchem Blendenbereich die maximale Abbildungsschärfe zu erzielen ist, unterscheidet sich von Objektiv zu Objektiv.

Um den Unterschied zu demonstrieren habe ich einmal meine zwei 50 mm Objektive einem Vergleichstest unterzogen.

1 8 1 8 1 4 1 4
1 8 8 1 4 2
Oben: Ein preiswertes 50mm 1.8 Objektiv bei Blende 1.8. Selbst im Zentrum der Linse fällt das Resultat verhältnismäßig flau und unscharf aus.
Unten: Die maximale Schärfe habe ich mit diesem Objektiv erst bei Blende ƒ8 erreicht.
Oben: Bei einem hochwertigeren 50mm ƒ1.4 ist das Resultat mit Offenblend ƒ1.4 zwar etwas kontrastreicher, als beim ƒ1.8 daneben, aber ebenfalls relativ unscharf.
Unten: Das 50mm 1.4 erreicht aber bereits bei Blende ƒ2 die Schärfe, die das 1.8 bei ƒ8 erzielt.

Ich muss zu den beiden Tests oben allerdings anmerken, dass mir keine Laborbedingungen für Kamera- und Objektivtests zur Ver­fügung stehen. Kompetentere Urteile über Kameraausrüstung findet man zum Beispiel bei dpreview.com.

Bei den meisten Objektiven muss man etwas abblenden um die maximale Schärfe zu erreichen.

Ich persönlich bin kein absoluter Schärfe-­Fetischist. Ich kann mich zwar durchaus für knackscharfe Abbildungen begeistern und gebe gute, scharfe Optiken auch etwas aus. Doch am Ende zählt für mich das Bild und nicht die Schärfe. Wäre ich allerdings Architektur- oder Landschaftsfotograf, würde ich das sicher anders sehen. In diesen Genres kommt es sehr wohl auf das letzte Quäntchen Schärfe in allen Ecken und Enden der Abbildung an. Schließlich will der Betrachter dieser Art von Fotografien oft jedes Detail erkunden – da kann man sich Unschärfe nicht leisten.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
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