Fotografie ändert ihr Gesicht

Zu meinem letzten Artikel, einer ersten »Bildergeschichte« der noch weitere folgen sollen, habe ich einen Kommentar eines freundlichen Lesers bekommen, der mich auf einen Fehler hinwies, und sich ergänzend kritisch zum Thema HDR-Look äußerte. Beim Verfassen der Antwort entschied ich mich daraus einen Artikel zu machen.

Der Look einer Aufnahme ist eine Frage des Geschmacks, der Intention und der fotografischen Philosophie.

Mich persönlich langweilt mittlerweile der Foto-Look der letzten Jahre. Ich will mich nicht mit einer Begrenzung des Kontrastumfangs auf 8 Lichtwerte abfinden, die durch JPEG vorgegeben ist. Meine Kameras weisen einen Kontrastumfang von 12 Lichtwerten auf, würde ich eine aktuelle Nikon-KB-Kamera einsetzen könnten es 14 oder 15 sein.

14 Lichtwerte sollte so in etwa dem Kontrastumfang der menschlichen Wahrnehmung entsprechen, auch wenn unsere Wahrnehmung visuelle Eindrücke generell anders verarbeitet als ein Bildsensor und die angeschlossene Elektronik. Kameras und Menschen werden nie dasselbe sehen!

In dem Moment wo ich das was beim JPEG als Unter- und Überbelichtung aus dem Kontrastumfang hinausfällt restauriere, indem ich meine 12 Lichtwerte auf 8 komprimiere, sehen Bilder zwangsläufig nach HDR aus. Umso mehr, wenn ich dabei darauf achte Strukturen, beispielsweise in Wolken durch Anheben des Mittenkontrasts zu restaurieren, zu betonen. Dabei mache ich aber nur sichtbar, was meine Wahrnehmung vor Ort aufgenommen hat und bei der Aufnahme lediglich absäuft.

Viele Leute empfinden Bilder denen man einen HDR-Look nachsagen kann als »wie gemalt«. Ich empfinde das auch so. Ich vermute aus folgendem Grund: Spätestens seit der Renaissance erreichte Malerei eine praktisch fotografische Abbildungsqualität. Die Lichtführung der großen Meister gilt Fotografen bis heute  als Vorbild. Was die großen Künstler der realistischen Malerei abbildeten war dabei  nicht wie JPEG auf 8 oder chemischer Film auf 10 Lichtwerte begrenzt. Was sie malten war das was die menschliche Wahrnehmung als Kontrastumfang anbietet, also etwa 14 Lichtwerte.

Unter- und Überbelichtung, wie sie in der Landschaftsfotografie bei einem 8-Lichtwerte-Limit oft zwangsläufig der Fall sind, kommt in der menschlichen Wahrnehmung nicht vor. Stattdessen enthielten die Gemälde der Künstler eine Durchzeichnung der Strukturen von den tiefsten Schatten bis in die hellsten Lichter. Genauso wie wir es erreichen, wenn wir mit Hilfe der Bildbearbeitung den hohen Kontrastumfang eines RAWs auf den Kontrastumfang eines JPEGs komprimieren. Dass sich der Bildeindruck dadurch verändert ist zwangsläufig der Fall. Die Bilder sind am Ende in Sachen Kontrastumfang einem Gemälde näher als einer JPEG-Fotografie.

Vergleiche ich das was eine Kamera als JPEG oder als unbearbeitetes RAW ausgibt und das was ich damit machen kann, wenn ich Tiefen und Lichter restauriere, mit dem, was meine Wahrnehmung mir vermittelt, dann ist etwas das wir heute als HDR-Look empfinden mögen oft näher an der Realität wie das, was im JPEG zu unter- und überbelichteten Bereichen ausbricht. Wohl gemerkt: Keines von beidem zeigt die Realität wie wir sie wahrnehmen!

Der Grund, dass wir in den letzten Jahren den Look von auf 8 Lichtwerte begrenzten Digitalaufnahmen als naturgetreue Wiedergabe der Realität empfinden, ist schlicht der, dass wir es gewohnt sind, dass das Meiste was wir fotografisch zu sehen bekommen dieses Limit spiegelt. So wie in den 1970er oder 80er Jahren Aufnahmen den damaligen Stand der Filmtechnik spiegelten. In den jeweiligen Jahrzehnten empfanden wir das was die Filme abbildeten als realitätsgetreu, wobei in den 80ern Bilder aus den 70ern retro wirkten und später Fotos der 80er als antiquiert empfunden wurden und werden. Gerade in den 80ern war uns der fotografische Stil sehr clean und beinahe hyperreal erschienen, doch schon wenige Jahre später wirkten die Aufnahmen künstlich.

Dasselbe gilt übrigens für Kinofilme. Filme deren Wiedergabecharakter wir zu ihrer Zeit als realistisch empfanden vermitteln uns wenige Jahre später einen antiquierten Charakter. Ich bin gespannt ob es uns mit den Filmen von heute in 20 Jahren auch so geht. Ich kann es mir nicht vorstellen, doch ich konnte mir auch in den 80ern nicht vorstellen, dass mir die Filmwiedergabe von damals eines Tages verstaubt vorkommen würde. Als ich in den frühen 80ern »Das Imperium schlägt zurück« zum ersten Mal sah, war der Film technisch gesehen State of the Art. Wenn ich ihn heute sehe wirkt sein Wiedergabecharakter kaum weniger verstaubt als die Odysseus-Filme der 50er Jahre.

Die fotografische Aufnahme- und Wiedergabetechnik ändert und entwickelt sich. Was uns heute als realitätsnahe Abbildung erscheinen mag muss es in 10 Jahren nicht mehr unbedingt. Ein fotografischer Charakter den wir heute als HDR-Look und künstlich empfinden kann in einigen Jahren zur Gewohnheit geworden sein. Die Entwicklung dahin sehe ich. Immer mehr Fotografen scheinen ihre Arbeit nicht mit dem Abdrücken abzuschließen sondern die Ausarbeitung der Bilddaten als Teil ihrer Arbeit zu betrachten und nach Bild-Looks zu suchen, die mit dem was die Kamera ausspuckt wenig zu tun hat. Die Aufnahme selbst ist am Ende ein RAW im wahrsten Sinne des Wortes – ein Rohmaterial aus dem der Fotograf seinen Bild-Look formt. Der Stil der dabei entsteht lässt die Limits der JPEG-Technik hinter sich und erzeugt Bildeindrücke die Gemälden tatsächlich wieder ähnlicher sehen als dem was Bildsensoren sehen.

Flattr this!

5 Gedanken zu „Fotografie ändert ihr Gesicht“

  1. Hallo Markus, ein interessanter Artikel, den ich in vielen Aussagen teilen kann. Was ich aber nicht verstehe: warum sollte das JPG Format den Kontrast Umfang begrenzen? Ich weiss, dass JPG pro Farbkanal 8 Bit zur Codierung anbietet, aber letztendlich gibt es halt schwarz (000000) und weiß (FFFFFF) und eben alles, was dazwischen liegt, was mit 256³ Abstufungen abgebildet werden kann. Das hat aber doch nichts mit Kontrastumfang zu tun, oder? Das Problem liegt doch wahrscheinlich in der JPG Engine der Kamera, also wie die Kamea den eigentlichen möglichen Umfang im JPG abbildet? Durch Spitzlichtkorrekturen und Schattenaufhellung als mögliche Kamera-Parameter kann man da ja auch einiges beeinflussen. Wo liegt mein Denkfehler? Vielen Dank,
    Dirk

    1. Ich bin zu wenig Techniker (oder Physiker) um eine fundierte Auskunft dazu geben zu können – die ausführlichen Erklärungen die ich kenne sind für meinen grafischen Verstand zu mathematisch. Ursache ist auf jeden Fall die Farbtiefe.
      Die Kameras, die heute ja meist mit 12 oder 14 Bit arbeiten, erzielen einen Kontrastumfang von 10, 12 oder gar 15 Lichtwerten (Blendenstufen). Mit 12LW können die hellsten Lichter eines Motivs 4096 (212) Mal so hell sein wie die tiefsten Schatten. Beim Kontrastumfang von 8 LW beim JPEG ist die hellste Stelle maximal 256 (28) Mal so hell wie die dunkelste. Was den 8-LW-Kontrastumfang von JPEG überschreitet wird abgeschnitten und resultiert in zeichnungsfreier Unter- oder Überbelichtung. Wenn du solche unterbelichteten Bereiche aufhellst werden sie Grau, genauso wie wenn du überbelichtete Bereiche abdunkelst. Alles was du in der Bildbearbeitung bei einem 8-LW-JPEG wiederherstellen kannst liegt innerhalb des Kontrastumfangs und stellt keine Unter- oder Überbelichtung dar.
      Man muss dabei aufpassen Bit und Lichtwert nicht durcheinander zu bringen: Ist mir grad beim Schreiben passiert. Die Farbtiefe (Bit) und der Kontrastumfang (LW) hängen zusammen sind aber nicht 1:1 dasselbe. Eine Kamera mit einem Bildsensor der maximal 10 LW leistet wird auch mit einer 16-Bit-RAW-Engine keine 16 LW erreichen. Aber wie gesagt: Ich bewege mich hier mit meinen Aussagen über die Hintergründe an den Grenzen meines technischen Wissens.

      1. Danke Markus, für die weiteren Erläuterungen. Ich gebe zu, ich verstehe es nicht. Laienhaft denke ich, wenn ich in LR bzw einem Raw Converter ausgefressene Lichter bzw. tiefe Schatten teilweise „rekonstruieren“ kann, und dann das entwickelte Bild als JPG speichern kann, warum sollte das dann nicht auch die Software in der Kamera (also die JPG Engine) machen können, das Ausgangsmaterial vom Sensor gibt es doch her. Ich hab mir eben mal ein paar Artikel und Diskussionen im Netz überflogen und habe auch den Eindruck, dass Deine Erklärung richtig ist. Es hat bei nur noch nicht Klick gemacht 😉

      2. Deine Frage habe ich mir auch schon gestellt. Wenn ich das Problem weiter denke stellt sich aber auch die Frage, weshalb Programme wie Lightroom oder Capture One keinen Button bieten der einfach alles was über den Kontrastumfang von 8LW hinausragt automatisch auf 8LW komprimiert. Möglicherweise sind die Ergebnisse eines solchen Automatismus zu unvorhersehbar und deshalb wird darauf verzichtet.

  2. „Immer mehr Fotografen scheinen ihre Arbeit nicht mit dem Abdrücken abzuschließen sondern die Ausarbeitung der Bilddaten als Teil ihrer Arbeit zu betrachten und nach Bild-Looks zu suchen, die mit dem was die Kamera ausspuckt wenig zu tun hat.“

    Genau so ist meine Herangehensweise. 90% meiner Bilder sind „Ausgangsmaterial“. Aber nicht nur die „klassischen“ Einstellgrößen nutze ich um daraus MEINE Bilder zu machen, sondern auch Texturen, Filter und Verrechnungsmodi. Die z.Z. vielfach (dogmatisch) propagierte „reine“ Fotografie langweilt mich. Natürlich ist die Reportagefotografie bzw. dokumentierende Fotografie notwendig – mir liegt sie nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*