Direkt zum Inhalt

Schlagwort: Ergonomie

Mein Eindruck der Fujifilm X-T1 – Teil 1

Posted in Fotografie

Obwohl mir meine Olympus OM-Ds ans Herz gewachsen sind verfolge ich mit Interesse was sich am Kameramarkt auch abseits von MFT tut. Meine besondere Aufmerksamkeit und Sympathie zieht dabei  Fujifilm auf sich, seit die X100 vorgestellt wurde.

Nachdem Fuji mit einigen Kameras im leicaesken Messsucherstil viel Begeisterung bei Fotografen die wie ich viel auf Achse sind ausgelöst hat, folgte mit der X-T1 ein Modell das eher den Stil klassischer Spiegelreflexkameras aufnimmt.

_EM50582
Die Fujifilm X-T1 nimmt das Design klassischer Spiegelreflexkameras auf – vulgo »Retro-Design« –, hat also mehr Ecken und Kanten als das von Luigi Colani geprägte ergonomische Design das Spiegelreflexkameraformen seit den 1980er Jahren prägte.

Um den Apparat nicht nur aus der Ferne zu beurteilen bat ich meinen freundlichen Fachhändler mir ein Modell zur Verfügung zu stellen. Der Deal lautet: Ich bekomme Kameras zum Testen und rühre dafür ein bisschen die Werbetrommel, was ich hiermit auch gerne mache.

Freundlicher Fachhändler

Wenn ihr in Vorarlberg und Umgebung zuhause und auf der Suche nach einer Kamera seid schaut bei Foto Hebenstreit in Feldkirch rein. Vor allem wer noch nicht weiß welches Modell welcher Marke es werden soll findet in der Region wohl keine bessere Adresse in der Region – Canon, Nikon, Sony, Pentax, Olympus, Panasonic und Leica sind hier friedlich vereint.

Die Beratung ist stets freundlich und rasch auch freundschaftlich, man kann an der Ausrüstung herumspielen und ausprobieren, ohne, dass ein Verkäufer als Wachhund jeden Handgriff argwöhnisch beobachtet. Und wenn du dich beim ersten Besuch noch nicht für ein Modell entschieden hast kannst du den Laden verlassen ohne das Gefühl mit zu bekommen, dass du gerade verflucht wirst weil du vielleicht etwas Zeit mitgenommen aber keine Kohle dagelassen hast.

Alles subjektiv

Wer auf der Suche nach einem objektiven Bericht über die X-T1 ist wird in diesem Artikel kaum fündig werden. Ausführliche Angaben über Ausstattung und Funktionen von Kameras sowie objektive Messwerte aus Labortests finden sich bei digitalkamera.de, dpreview.com und dxomark.com (wobei sich dxomark offensichtlich nicht sehr engagiert wenn es um das Testen von Fujifilm-Ausrüstung geht). Ich möchte lediglich meinen subjektiven Eindruck beschreiben wie sich eine Kamera für mich und in meinen Händen anfühlt.

Eine Kamera ist mehr als die Summe ihrer Teile. Vergleicht man die Messergebnisse von Labortests verschiedener Kameramodelle derselben Preisklassen mögen die Unterschiede am Datenblatt oft eklatant aussehen, in wiefern sie aber praktisch relevant sind steht auf einem anderen Blatt.

Viel wichtiger als objektive Zahlen ist wie sich eine Kamera subjektiv anfühlt – ob sie zu mir, meiner Arbeitsweise und meinen Motiven kompatibel ist, ob ich sie intuitiv bedienen kann und ob der Look and Feel meinem Geschmack entgegen kommt.

Design-Betrachtungen

Look and Feel der X-T1 kommen meinem Geschmack durchaus entgegen, auch wenn ich finde, dass die OM-Ds noch ein Stück besser gelungen sind. Das Seitenverhältnis Breite zu Höhe wirkt bei der X-T1 etwas plumper und sie wirkt pummeliger als die E-M5 – um es im Fotografen-Jargon auszudrücken: die Proportionen der OM-D sind näher am Goldenen Schnitt beziehungsweise der Drittelregel.

1070008
Die X-T1 wirkt im Vergleich mit der OM-D E-M5 etwas plumper.

Allerdings hat die größere Höhe der X-T1 ergonomische Vorteile: Während mein kleiner Finger bei der OM-D E-M1 ins leere greift und ich einen Hochformatgriff brauche damit sie mir sicheren Halt vermittelt, ist das bei der X-T1 nicht der Fall.

Den vom SLR-Pentaprisma abgeleiteten Aufbau empfinde ich bei der X-T1 etwas zu wuchtig – bei der OM-D wirken die Proportionen auch diesbezüglich stimmiger und die ausgeprägtere Neigung der Seiten lässt ihn bei ihr stromlinienförmiger erscheinen.

Der Wulst zum Halten der Kamera ist keine Augenweide, macht ergonomisch aber Sinn. Dieser ist bei der OM-D E-M5 Mark II besonders zurückhaltend und elegant gestaltet, so dass er sich dort perfekt ins Design einfügt, nur bietet er deutlich weniger Halt als der Griff der X-T1. Den Preis eines etwas aufgesetzt wirkenden und nicht unbedingt attraktiven Handgriffs bezahlt man allerdings auch bei der OM-D E-M1 für die bessere Ergonomie.

Überraschend war für mich, dass die X-T1 neben die E-M5 gelegt nicht wirklich nennenswert größer wirkt. Inklusive des oben abgebildeten 12–40mm ist die E-M5 sogar etwas voluminöser und schwerer als die X-T1 mit dem 18–55mm Standardzoom.

Klassisches SLR-Design

Ebenso wie die OM-Ds nimmt sich das Design der X-T1 klassische Spiegelreflexkameras zum Vorbild – man bezeichnet das heute als Retro. Retro und Vintage haben sich in den letzten Jahren als fester Trend etabliert und wie bei allen Trends gibt es jene die unbedingt dabei sein müssen und jene die jede Mode verteufeln.

Wer Neuinterpretationen von Klassikern verurteilt hat wahrscheinlich von Designgeschichte wenig Ahnung. Bereits die Renaissance orientierte sich an der Kunst der Antike und der Klassizismus hat seinen Namen daher, dass die Architektur des alten Roms als Vorbild herangezogen wurde. Die »Arts and Crafts«-Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts orientierte sich an der Renaissance und die Popart der 1960er Jahre vermischte sich in den frühen 70ern aus der Hippie-Bewegung heraus mit einer Wiederbelebung des Jugendstils.

Retro und Vintage sind also nicht wirklich eine Erfindung des Marketings des 21. Jahrhunderts. Gut gemacht können moderne Interpretationen klassischer Vorbilder durchaus zu einer eigenständigen Design-Ikone werden – der Mini macht’s vor.

Anachronistisches Räderwerk

Wie gesagt: Das Design der X-T1 spricht mich durchaus an und zu ihrem Erscheinungsbild gehört auch das üppige Werk der Einstellungsrädchen. Funktional betrachtet schient mir das Bedienkonzept allerdings ein Bisschen anachronistisch und die Beschriftungen sind für mich reines Zierwerk.

Einstellräder mit Skalen und Werten zu versehen stammt aus einer Zeit als Kameras noch rein mechanische Wunderwerke waren. Damals gab es keine elektronischen Anzeigen und Displays die Einstellungen anzeigten – wären die Werte nicht aufgedruckt gewesen hätte sich eine Kamera kaum bedienen lassen.

Heute kann ich auf analoge Beschriftungen durchaus verzichten, denn was ich über irgendwelche Rädchen einstelle sehe ich im elektronischen Sucher oder am Display angezeigt. Oft interessieren mich aber Histogramme und Überbelichtungswarnungen bedeutend mehr als ob die Verschlusszeit nun auf 1/250 s oder 1/1000 s steht.

Rädchen die keine Skalen aufgedruckt haben haben gegenüber bedruckten einen Vorteil: Man kann sie individuell mit Funktionen versehen. Bei Olympus ist beispielsweise üblich, dass nach Werkseinstellung am vorderen Einstellrad die Verschlusszeit liegt und am hinteren die Blende. Ich bevorzuge es genau umgekehrt.

Natürlich spricht wohl nichts dagegen trotz Beschriftung die Belegung zu verändern – seltsam empfände ich das aber schon.

Mein Arbeitsweise sieht in der Regel so aus, dass ich mit einem Einstellrad die Blende steuere, mit dem anderen die Verschlusszeit (in M) oder Belichtungskorrektur (in A) und bei Bedarf eine Zusatztaste drücke um die Empfindlichkeit zu beeinflussen – diesbezüglich gibt es keinen Unterschied zwischen meinen früheren Nikon- und den aktuellen Olympus-Modellen. Die X-T1 verlangt eine andere Arbeitsweise.

Interessant wird es wenn ich beginne Rädchen zu zählen. Bei Nikon und Olympus komme ich mit drei Einstellrädern zurecht: Ein Einstellrad für den Belichtungsmodus (also ob P, A, S oder M) und zwei Einstellräder um die wichtigsten Belichtungsparameter einzustellen.

Bei der X-T1 zähle ich sechs: Ein Rad für die Blende am Objektiv, ein Rad für die Empfindlichkeit, ein Rad für die Belichtungskorrektur, ein Rad für die Verschlusszeit, ein vorderes Einstellrad (das für die Drittelschritte bei der Verschlusszeit benötigt wird, die sich auf dem Verschlusszeit-Einstellrad offensichtlich nicht ausgegangen sind) und ein hinteres Einstellrad (dessen Sinn sich mir im Moment nur bedingt erschließt – es ist offensichtlich dazu gedacht im Quick-Menü Einstellungen vorzunehmen).

Die Bedienung dieses komplexen Rädchenwerks scheint mir nicht besonders effizient zu sein, vor allem, dass ich um Drittelzeitwerte zu ändern zwei Räder bedienen muss befremdet mich ein Bisschen.

Generell sind die Einstellräder eher von der schwergängigen Sorte. Da schon das absichtliche Einstellen (zum Beispiel der Belichtungskorrektur) durchaus Kraftaufwand erfordert, würde ich ein versehentliches eher ausschließen. Trotzdem sind Zeit und Empfindlichkeit zusätzlich mit einer Taste geschützt, was eine flüssige Bedienung auch nicht unbedingt erleichtert. Und warum ist überhaupt nur Zeit und Empfindlichkeit durch eine Taste geschützt, Belichtungskorrektur aber nicht?

Leichtgängig ist übrigens der Ring für die Blende am Objektiv – gegen ein versehentliches Verstellen ist der aber wiederum nicht geschützt.

Während ich bei Olympus und Nikon die Steuerung der Einstellungen im Wesentlichen mit einer Hand erledigen kann muss ich bei der X-T1 die linke Hand zum Einstellen dazu nehmen. Zwar ist es auch bei den Nikons üblich, dass für ISO eine Taste zur linken Hand gedrückt werden muss, die liegt aber in der Nähe des Daumens links und nicht oberhalb. Erschwert wird die Änderung des Werts eben zusätzlich dadurch, dass man nicht nur drehen sondern auch einen Knopf zur Entriegelung drücken muss.

Anders und doch lustig

Das klingt jetzt alles nicht unbedingt nach Begeisterung für die X-T1, doch es spiegelt meine generelle Skepsis an einem Bedienkonzept, das sich an mechanischen Analogkameras orientiert. Eine Digitalkamera ist keine Analogkamera, bietet andere Möglichkeiten – immerhin bedeutet analog das Ändern der Empfindlichkeit einen Filmwechsel – und lässt sich anders bedienen. Ich teile nicht die Ansicht, dass früher alles besser war.

Andererseits gibt es doch genügend Fotografen die diesbezüglich anders ticken als ich, von denen nicht wenige sehr viel erfahrenere Fotografen sind als ich. Ob man Kameras mit diesem ans Analoge angelehnten Bedienkoknzept bevorzugt oder wie ich jenes das in den letzten Jahren an Systemkameras dominierte ist somit am Ende auch Geschmacksache. Auch hier gilt, dass das eine nicht generell besser sein muss als das andere – es ist nur anders. Und ich finde halt Vielfalt immer besser als Einfalt. So kann jeder finden was er sucht.

Trotz meiner Vorbehalte in Sachen Bedieneffizienz ist die X-T1 eine Kamera die Spaß macht – vielleicht auch deshalb weil sie den Fotofluss etwas hemmt und somit möglicherweise ein bewussteres Fotografieren fördert. Über die Erfahrungen mit der Kamera im praktischen Einsatz werde ich in den nächsten Tagen noch berichten: Link.

Fotografie – ein Akt der Sinne

Posted in Fotografie

Ich fotografiere aus Leidenschaft. Ich fotografiere auch beruflich. Doch da mein Beruf nicht darin besteht Aufnahmen für Aufträge anzufertigen, sondern Inhalte für Foto-Workshops und Fotobücher vorzubereiten, kann ich fotografieren was und wie ich will. Ich liebe diese Autonomie!

Ergonomie der Geräte | Die Ergonomie meiner Arbeitsgeräte ist mir wichtig. Ich war einst Mountainbiker. Als solcher habe ich immer die harten Kerle bewundert die mit schweren, ganglosen Waffenrädern Pässe erklommen haben. Der Anspruch den ein solches Gerät an Kraft und Ausdauer stellt ist ungleich höher, als bei einem gewichtsgetuneten 21-Gang-Bike. Trotz der Bewunderung beneidete ich die Kollegen nicht um ihre klassischen Drahtesel, sondern zog mein Einigermaßen-Hight-End-Bike vor. Es macht das Leben im wahrsten Sinne leichter. Wer will kann das jetzt ruhig als weiteren Kommentar zur Nikon Df verstehen (wie gesagt: das ist nichts gegen Waffenräder und Holländer, nur wären die nichts für mich).

Trotz aller Begeisterung für ergonomische Geräte ist Ergonomie nicht das Einzige was zählt, zumal ich eben nicht direkt auftragsbezogen arbeite und der Leitsatz, dass Zeit Geld ist für mich diesbezüglich nur bedingt gilt. Ich kann es mir leisten in Ruhe zu fotografieren. Vielleicht sollte ich ehrlicherweise schreiben »ich könnte es mir leisten«, denn oft bin ich in mir zu wenig ruhig und rund und zu hektisch um da in einen sanften Flow zu kommen. Zwar gehe ich wenn ich fotografiere schon dermaßen in der Tätigkeit auf, dass man das als Flow bezeichnen kann, doch ist mein Flow kein ruhiger Fluss sondern eher ein schnell fließender Strom. That’s me.

Fotografie konzentriert den Blick | Fotografie ist eine sinnliche Tätigkeit. Natürlich eine Tätigkeit des Sehsinns. Bin ich fotografisch unterwegs konzentriert sich mein ganzes Bewusstsein auf das was ich sehe und wie ich das mit den Möglichkeiten meiner Kamera optimal einfangen kann. Vielleicht konzentriert sich mein Bewusstesin oft ein bisschen zu sehr auf Letzteres, denn Verschlusszeit, Blendeneinstellung, Fokussierung, Empfindlichkeit – das alles will überlegt, bedacht und eingestellt werden. Wenn da einer davon spricht, dass er sich eine Kamera wünscht, die diesen Prozess einfacher macht, dann frage ich mich wie das gehen soll. Natürlich kann man all diese Parameter der Kamera überlassen. Doch wo bleibt da dann der kreative Prozess? Will ich wirklich die Hälfte der Regie einer Elektronik überlassen und mich selbst rein auf Anweisungen an Modelle und Wahl des Bildausschnitts beschränken? Will ich wirklich eine Elektronik als Co-Regisseur an meiner Seite, der mir wichtige Entscheidungen abnimmt? Wer von einer Kamera »back to the roots« und mehr Einfachheit verlangt sollte überlegen, wie so eine Vereinfachung einer an sich recht komplexen Materie überhaupt gehen soll. Ich bin skeptisch, wenn jemand verspricht komplexe Dinge watscheneinfach lösen zu können. Genau genommen hat weglassen der Einstellung und delegieren an die Kamera ja auch überhaupt nichts mehr mit Back to the roots zu tun.

Fotografieren ist ein Akt des Sehens. Mit der Kamera unterwegs zu sein hilft mir, mich mehr mit dem zu befassen, was mich umgibt, und nicht zu sehr von gedanklichen Spaziergänge über Dieses und Jenes vom Hier und Jetzt ablenken zu lassen. Manch einer mag belächeln, wenn ich an einem neuen Ort aus dem Auto oder dem Bus steige mich umsehe und sofort meine Kamera zücke, wie der Klassiker unter den japanischen Touristen. Fragt mich jemand wie denn mein gerade beendeter Urlaub war sage ich selbst oft scherzhaft »Ich muss erst die Fotos sichten. Dann kann ich es dir sagen.«

Tatsächlich aber komme ich mit der Kamera in der Hand erst richtig mit Augen und Gedanken in einem Urlaubsort an. Ohne Kamera kehrt mein Kopf immer wieder nachhause zurück und beschäftigt sich mit Dingen die vor einem Urlaub wichtig waren oder danach wichtig sind nach. Und natürlich auch viel zu viel zu Dingen die eigentlich unwichtig sind. Das gilt auch für den Wochenendausflug, die Wanderung oder eine kurze Fotosession oder -safari. Urlaub und Ausflüge sollten nicht Fotografie alleine sein. Aber für mich ist es eine Bereicherung wenn sie dabei ist.

Haptik | Fotografieren ist ein Akt des Sehens. Aber nicht nur! Haptik und Akustik sind für mich von leidenschaftlicher Fotografie nicht zu trennen. Riechen und Schmecken bleiben beim Fotografieren außen vor. Ich rieche nicht an meinen Motiven (und habe auch schon in Gegenden fotografiert an denen ich froh war, dass der Geruch nicht mit aufgezeichnet wird) und lecke auch nicht daran – ebenso wenig rieche oder lecke ich an meiner Kamera (muss aber gestehen, dass ich froh bin, dass Kameras und Objektive nicht riechen).

Als visuell sensibler Mensch ist mir nicht nur das Aussehen meiner Motive wichtig, sondern auch die Optik – das Design – meiner Geräte. Ein Gerät kann noch so tolle Funktionen und Leistungsdaten haben, wenn es hässlich ist mag ich es nicht. Das gilt für Autos, für Handys, für Kameras und Objektive und für Software. Ich mag auch nicht mit hässlicher Software arbeiten, ganz gleich wie gut sie ist. Hässlichkeit stört mein sinnliches Empfinden.

Ich kann nur mit einer Kamera arbeiten, die gut designt ist, deren Anblick ich freut. OK. Das ist bei den gängigen DSLR-Kameras ein bisschen schwierig. Die Geräte sind dermaßen auf Funktion und Ergonomie getrimmt, dass man so ein Gehäuse jetzt nicht wirklich nach rein ästhetischen Gesichtspunkten als formvollendet betrachten kann. Aber dennoch gibt es Geräte die den Spagat zwischen Funktion und Ästhetik besser meistern und andere, die einen eher verunglückten Eindruck vermitteln. Gutes Design bedeutet genau diesen goldenen Punkt des Kompromisses zwischen Form und Funktion zu finden.

Produktdesign ist eine große Herausforderung für den Designer. Grafikdesign – und auch Fotografie – sind diesbezüglich simpel gestrickt. Denn jeder Betrachter wird das Design oder die Fotografie zu jeder Zeit gleich sehen, sehen wir einmal von den Auswirkungen des Umgebungslichts ab. Jeder Betrachter sieht das Design oder das Motiv aus dem Blickwinkel aus dem es der Designer oder Fotograf erstellt hat. Das ist bei Produktdesign anders. Da gibt es nicht nur ein vorne. Da gibt es auch ein oben, unten, links, rechts, hingen und alles in allen möglichen Winkeln von Diagonal. Gutes Produktdesign besticht aus jedem Blickwinkel. Nicht nur von vorne oder von oben (wer das jetzt als Seitenhieb auf die Df verstehen will darf das ruhig tun). Für gutes Design muss zwar jedes Detail gelungen sein, doch das Designobjekt an sich ist nur dann gelungen, wenn alle Teile ein harmonisches Ganzes bilden. Dann ist das Ganze mehr als die Summe der Teile.

Geschmack ist Subjektiv | Nun kann man natürlich einwenden, Gutes Design sei am Ende doch immer Geschmacksache. Ja und nein. Was dir, lieber Leser, gefällt, ist allein deine Sache. Lass dir da von niemandem rein reden. Es darf dir genauso wenig jemand vorschreiben was dir an Design zu gefallen hat, wie was dich an Fotos begeistern darf. Geschmack ist rein subjektiv und eine Privatsache. Doch es gibt auch objektive Kriterien über die sich Design beurteilen lassen. Jeder Fotograf weiß, dass es gute Fotografien gibt und lausige. Auch wenn es legitim ist, dass das lausige Bild irgendjemandem aus irgendeinem Grund etwas sagt oder bedeutet, ist nicht jedes Foto ein potenzielles Ausstellungsexponat. Weshalb sollte das mit Design anders sein?

Gutes Design ist Objektiv | Was subjektiv gefällt, muss jeder für sich entscheiden. Doch man muss auch erkennen, dass nicht alles, was einem persönlich subjektiv gefällt, objektiv gut ist.

Look and Feel | Eine Kamera muss allerdings nicht nur gut aussehen. Sie muss sich auch gut anfühlen. Fotografiert wird mit der Kamera in der Hand. Das kann ich nur mit Leidenschaft, wenn die Materialen der Ausrüstung sich gut anfühlen.

Ich hatte bisher keine Kamera in der Hand die sich für mich so gut anfühlte, wie die OM-D E-M5. Mag man über ihr Design sagen was man will – ich mag ihre Optik, ich finde sie schöner als alle DSLRs die ich kenne, doch ich will sie nicht mit der ästhetischen Qualität einer Leica M vergleichen –, die Haptik ist einzigartig.

Die erste Überraschung, als ich die E-M5 zum ersten Mal live sah, war, wie klein sie ist – sie sieht auf Fotos viel größer aus. Die zweite Überraschung, wie schwer sie trotz ihres kleinen Gehäuses ist. Und das ist es, was ich an ihr liebe. Sie fühlt sich an, wie ein solider Block aus Metall – als wäre darin alles massiv. Im Vergleich zu ihr vermitteln mir viele manche Bodys den Eindruck als müsste man eine lose Schraube im inneren herumpurzeln hören wenn man ihn schüttelt.

Authentisches Material | Alles an der E-M5 wirkt authentisch. Ich mag keine verlogenen Materialien. Plastik, das so tut als wäre es Holz, oder Plastik, das tut, als wäre es Chrom (bei den Olympus-Objektiven gibt es das leider – man muss damit leben).

Billig wirkende Objektive | Was ich weniger liebe ist die Haptik mancher Micro-FourThirds-Objektive. Das 12–50mm ƒ3.5–6.3 ist so eines. Man kann ihm vielleicht zu Gute halten, dass das Plastik daran ehrlich nach Plastik aussieht, aber leider nach billigem Plastik. An einer haptisch so gelungenen Kamera wie der OM-D ist das ein absoluter Stilbruch. Hier freue ich mich schon auf die Arbeit mit den Voighländer-Linsen – reinstes Heavy Metal! Wirklich schlimm war das 12–42mm-Standardobjektiv, das zu meiner Lumix G3 mitgeliefert wurde. Ich nannte es »das Mikey-Mouse-Objektiv«. Es fühlte sich an wie etwas, das man als Gimmik bei einem Yps-Heft mitbekommen hat. Und es klang auch so. Wenn man am Zoomrad drehte hörte man schabendes Plastik. Das geht einfach nicht für ein System, das man ernst nehmen soll! Bei Nikon habe ich vergleichbares nicht bei der billigsten Linse erlebt. Das soll nichts über die Abbildungsleistung dieser Optiken aussagen – die mag ja gut sein. Aber ein Objektiv muss sich einfach auch gut anfühlen.

Akustik | Womit wir beim dritten Sinn wären. Auch die Ohren sind beteiligt wenn ich fotografiere. Eine Kamera muss nicht nur gut aussehen und sich gut anfühlen, sie darf auch nicht grauslich klingen. Sie kann leise sein, aber was sie von sich gibt, muss gut klingen. Ein künstlich generiertes Shutter-Geräusch finde ich abstoßend. Knarzendes Plastik ebenso.

Als Designer ist mir Funktion ebenso wichtig wie Design. Doch Funktion alleine ist es nicht. Design ist ebenso wichtig wie Funktion. Zu Design gehört neben dem Look, auch die Haptik und die Akustik. Fotografieren macht mir nur mit Geräten Spaß, die Funktion und Design optimal verbinden. Am Ende fotografiere ich lieber mit einer Ausrüstung, die beim Pixelzählen vielleicht nicht den goldenen Blumentopf gewinnt, die jedoch sowohl meine Augen, als auch meine Hände, als auch meine Ohren erfreuen kann.