Schriften verzerren? Wozu?

Jedes mal wenn ich eine verzerrte Schrift sehe frage ich mich: Warum macht der das?

Ist es schöner? Nein! Glaubt wirklich jemand er könne mit einem Mauswisch in Illustrator oder InDesign die Formen einer Schrift verschönern, an der ein ausgebildeter und erfahrener Schriftdesigner Monate oder Jahre lang gefeilt hat? Wenn ja, dann ist es Arroganz. Wenn nicht, dann hat er sich das Resultat nicht wirklich angeschaut. Dann ist das Ignoranz.

Wenn mir eine Schrift nicht gefällt, dann nehme ich einfach eine andere, anstatt sie durch Verzerrung noch unansehnlicher zu machen.

Aber ich muss doch eine bestimmte Schrift nehmen, weil es die Hausschrift eines Unternehmens ist? In dem Fall darf sie aber auch nicht verzerrt werden, denn nach dem Verzerren ist die Schrift nicht mehr dieselbe Schrift. Und eine unverzerrte Helvetica ist einer Univers näher, als eine verzerrte Helvetica.

Dabei möchte ich nicht den Gelegenheitsgestalter kritisieren, den Laien, der es nicht besser weiß. Ich bin selbst in einer einzigen Sache Fachmann, visueller Kommunikation. In allen anderen Dingen bin ich Laie. Und in all diesen Bereichen mache ich sicher immer wieder Dinge, bei denen es dem Experten die Zehennägel aufrollt und er sich fragt, »wie kann man nur?«

Doch wer sich professioneller Gestalter nennt, der sollte in der Lage sein und sich die Zeit nehmen die Frucht seiner Arbeit ordentlich anzusehen und auf ästhetische Mängel hin zu überprüfen. Und wer das macht, kann unmöglich zum Schluss gelangen, das eine auf 75% verzerrte Futura ästhetisch vertretbar ist. Wenn er dennoch meint, ihm gefalle das, dann kann ihm das niemand nehmen. Aber er sollte vielleicht doch einen anderen Job suchen, als einen, in dem es darum geht ästhetische Layouts zu entwerfen.

Würde ein vernünftiger Mensch ein Portrait wachen Auges auf 75% quetschen? Wohl kaum. Seht euch an, was aus dem Design eines Mercedes, BMW, Aston Marin oder Lamborghini werden würde, wenn man ihn einfach auf 75% zusammenstaucht. Sehen diese Fahrzeuge dann besser aus? Wohl kaum. Kann man die Architektur eines Reichstags, einer Notre Dame, eines Eifelturms, einer Tower Bridge oder eines Gebäudes eines Mies van der Rohes einfach zusammenquetschen ohne die Formen zu zerstören? Wohl kaum. Kann man Leonardos Mona Lisa das antun? Nein!

Weshalb soll das bei einer Schrift anders sein?

Die oberste Regel der Gestaltung lautet »schauen«!

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