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Fotografie ändert ihr Gesicht

Zu meinem letzten Artikel, einer ersten »Bildergeschichte« der noch weitere folgen sollen, habe ich einen Kommentar eines freundlichen Lesers bekommen, der mich auf einen Fehler hinwies, und sich ergänzend kritisch zum Thema HDR-Look äußerte. Beim Verfassen der Antwort entschied ich mich daraus einen Artikel zu machen.

Der Look einer Aufnahme ist eine Frage des Geschmacks, der Intention und der fotografischen Philosophie.

Mich persönlich langweilt mittlerweile der Foto-Look der letzten Jahre. Ich will mich nicht mit einer Begrenzung des Kontrastumfangs auf 8 Lichtwerte abfinden, die durch JPEG vorgegeben ist. Meine Kameras weisen einen Kontrastumfang von 12 Lichtwerten auf, würde ich eine aktuelle Nikon-KB-Kamera einsetzen könnten es 14 oder 15 sein.

14 Lichtwerte sollte so in etwa dem Kontrastumfang der menschlichen Wahrnehmung entsprechen, auch wenn unsere Wahrnehmung visuelle Eindrücke generell anders verarbeitet als ein Bildsensor und die angeschlossene Elektronik. Kameras und Menschen werden nie dasselbe sehen!

In dem Moment wo ich das was beim JPEG als Unter- und Überbelichtung aus dem Kontrastumfang hinausfällt restauriere, indem ich meine 12 Lichtwerte auf 8 komprimiere, sehen Bilder zwangsläufig nach HDR aus. Umso mehr, wenn ich dabei darauf achte Strukturen, beispielsweise in Wolken durch Anheben des Mittenkontrasts zu restaurieren, zu betonen. Dabei mache ich aber nur sichtbar, was meine Wahrnehmung vor Ort aufgenommen hat und bei der Aufnahme lediglich absäuft.

Viele Leute empfinden Bilder denen man einen HDR-Look nachsagen kann als »wie gemalt«. Ich empfinde das auch so. Ich vermute aus folgendem Grund: Spätestens seit der Renaissance erreichte Malerei eine praktisch fotografische Abbildungsqualität. Die Lichtführung der großen Meister gilt Fotografen bis heute  als Vorbild. Was die großen Künstler der realistischen Malerei abbildeten war dabei  nicht wie JPEG auf 8 oder chemischer Film auf 10 Lichtwerte begrenzt. Was sie malten war das was die menschliche Wahrnehmung als Kontrastumfang anbietet, also etwa 14 Lichtwerte.

Unter- und Überbelichtung, wie sie in der Landschaftsfotografie bei einem 8-Lichtwerte-Limit oft zwangsläufig der Fall sind, kommt in der menschlichen Wahrnehmung nicht vor. Stattdessen enthielten die Gemälde der Künstler eine Durchzeichnung der Strukturen von den tiefsten Schatten bis in die hellsten Lichter. Genauso wie wir es erreichen, wenn wir mit Hilfe der Bildbearbeitung den hohen Kontrastumfang eines RAWs auf den Kontrastumfang eines JPEGs komprimieren. Dass sich der Bildeindruck dadurch verändert ist zwangsläufig der Fall. Die Bilder sind am Ende in Sachen Kontrastumfang einem Gemälde näher als einer JPEG-Fotografie.

Vergleiche ich das was eine Kamera als JPEG oder als unbearbeitetes RAW ausgibt und das was ich damit machen kann, wenn ich Tiefen und Lichter restauriere, mit dem, was meine Wahrnehmung mir vermittelt, dann ist etwas das wir heute als HDR-Look empfinden mögen oft näher an der Realität wie das, was im JPEG zu unter- und überbelichteten Bereichen ausbricht. Wohl gemerkt: Keines von beidem zeigt die Realität wie wir sie wahrnehmen!

Der Grund, dass wir in den letzten Jahren den Look von auf 8 Lichtwerte begrenzten Digitalaufnahmen als naturgetreue Wiedergabe der Realität empfinden, ist schlicht der, dass wir es gewohnt sind, dass das Meiste was wir fotografisch zu sehen bekommen dieses Limit spiegelt. So wie in den 1970er oder 80er Jahren Aufnahmen den damaligen Stand der Filmtechnik spiegelten. In den jeweiligen Jahrzehnten empfanden wir das was die Filme abbildeten als realitätsgetreu, wobei in den 80ern Bilder aus den 70ern retro wirkten und später Fotos der 80er als antiquiert empfunden wurden und werden. Gerade in den 80ern war uns der fotografische Stil sehr clean und beinahe hyperreal erschienen, doch schon wenige Jahre später wirkten die Aufnahmen künstlich.

Dasselbe gilt übrigens für Kinofilme. Filme deren Wiedergabecharakter wir zu ihrer Zeit als realistisch empfanden vermitteln uns wenige Jahre später einen antiquierten Charakter. Ich bin gespannt ob es uns mit den Filmen von heute in 20 Jahren auch so geht. Ich kann es mir nicht vorstellen, doch ich konnte mir auch in den 80ern nicht vorstellen, dass mir die Filmwiedergabe von damals eines Tages verstaubt vorkommen würde. Als ich in den frühen 80ern »Das Imperium schlägt zurück« zum ersten Mal sah, war der Film technisch gesehen State of the Art. Wenn ich ihn heute sehe wirkt sein Wiedergabecharakter kaum weniger verstaubt als die Odysseus-Filme der 50er Jahre.

Die fotografische Aufnahme- und Wiedergabetechnik ändert und entwickelt sich. Was uns heute als realitätsnahe Abbildung erscheinen mag muss es in 10 Jahren nicht mehr unbedingt. Ein fotografischer Charakter den wir heute als HDR-Look und künstlich empfinden kann in einigen Jahren zur Gewohnheit geworden sein. Die Entwicklung dahin sehe ich. Immer mehr Fotografen scheinen ihre Arbeit nicht mit dem Abdrücken abzuschließen sondern die Ausarbeitung der Bilddaten als Teil ihrer Arbeit zu betrachten und nach Bild-Looks zu suchen, die mit dem was die Kamera ausspuckt wenig zu tun hat. Die Aufnahme selbst ist am Ende ein RAW im wahrsten Sinne des Wortes – ein Rohmaterial aus dem der Fotograf seinen Bild-Look formt. Der Stil der dabei entsteht lässt die Limits der JPEG-Technik hinter sich und erzeugt Bildeindrücke die Gemälden tatsächlich wieder ähnlicher sehen als dem was Bildsensoren sehen.

3.4. Licht- und Blendenwert

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An der Belichtung jedes Fotos sind die vier Faktoren Belichtungszeit, ISO-Empfindlichkeit, Blende und Umgebungslicht beteiligt. Ein ­optimal belichtetes Foto gelingt nur dann, wenn ­diese Faktoren gut ausbalanciert sind.

Umgebungslicht

Das Umgebungslicht ist für den Fotografen der Faktor der Belichtung, der am schwierigsten zu beeinflussen ist. Er kann auf die Lichtsituation in der Umgebung eingehen, indem er die Blende ­öffnet oder schließt, die Lichtempfindlichkeit des Sensors erhöht oder verringert, oder die Belichtungszeit verlängert oder verkürzt. Oft wird er an zwei oder allen drei Parametern drehen, um die ­optimale Belichtung zu erreichen. Das Umgebungslicht hat er höchstens im Studio voll unter Kontrolle. Bei Landschaftsaufnahmen ist die einzige Möglichkeit das Umgebungslicht zu beeinflussen, wenn man zu ­einem anderen Zeitpunkt zurück kehrt, sollte das Licht im Moment nicht optimal sein.

Lichtwert als relatives Maß

Dass ein Lichtwert (LW) für eine Verdoppelung beziehungsweise Halbierung der Helligkeit, Lichtmenge, beziehungsweise Belichtung steht, habe ich bereits erwähnt, als ich das Zonensystem vorgestellt habe.

Nehmen wir an, wir fotografieren im Freien, die Dämmerung ist herein gebrochen und die Lichtmenge hat sich seit dem letzten Foto halbiert – das Umgebungslicht hat sich um –1 LW reduziert. Nun können wir auf die veränderte Lichtsituation so reagieren:

  • Die Belichtungszeit auf das Doppelte ausdehnen. Das heißt, Sie heben die Belichtungszeit um +1 LW an.
    Beispiel: Die Belichtungszeit wird von 1/60 Sekunde auf 1/30 ­Sekunde verdoppelt.
  • Die Blendenöffnung verdoppeln. Das heißt, Sie öffnen die Blende um +1 LW.
    Beispiel : Sie öffnen die Blende von vormals ƒ 2.8 auf ƒ 2.0.
  • Die ISO-Empfindlichkeit verdoppeln. Das heißt, die Empfindlichkeit des Bildsensors um +1 LW anheben.
    Beispiel: von ISO100 auf ISO200.

Auf Englisch nennt sich der Lichtwert ‘Exposure Value’ (EV), ­weshalb Sie auf Kameras auf die Abkürzung ›EV‹ stoßen können. In der fotografischen Praxis wird statt von Lichtwert auch oft von ›Blendenstufe‹ gesprochen. Rät Ihnen also ein Kollege – oder lesen Sie das irgendwo – eine Blende höher (heller) zu belichten, will er ­damit sagen, dass Sie eine Einstellung wählen sollten, die die Lichtmenge um einen Lichtwert verdoppelt. Das muss nicht unbedingt heißen, dass Sie tatsächlich die Blende um einen ganzen Schritt ­öffnen müssen. Er meint lediglich, die Belichtung sollte einen Lichtwert heller ausfallen. Ob Sie das erreichen, indem Sie tatsächlich die Blende öffnen, den ISO-Wert erhöhen oder die Belichtungszeit verdoppeln, bleibt bei dieser Aussage in der Regel Ihnen überlassen.

Auf diese Art angewandt ist der Lichtwert ein relativer Wert, bei dem sich ±X auf einen relativen Ausgangswert bezieht.

Viele Kameras – bei DSLR oder Systemkameras praktisch alle – erlauben es, die Einstellungen für Belichtungszeit, Blendenöffnung und ISO-Empfindlichkeit nicht nur in ganzen Schritten zu verdoppeln oder halbieren, sondern ermöglichen Halb- oder Drittelschritte. Das heißt, Sie können, statt nur Blende, Zeit oder ISO um einen ganzen Schritt zu ändern, auch an jedem Parameter ein Drittel drehen, oder einen beliebigen anderen Mix aus zweien wählen.

Falls Ihnen das jetzt erschreckend kompliziert erscheint, bitte ich Sie um etwas Geduld. Sie werden sehen, dass es in der Praxis gar nicht so kompliziert ist.

Lichtwerttabelle: Lichtwert als absolutes Maß

Die Bezeichnung ›Lichtwert‹ steht nicht nur für relative ­Werte um Belichtung zu halbieren oder zu verdoppeln. Lichtwert wird auch als absolutes Maß eingesetzt um die Helligkeit einer Szene zu bezeichnen. Lichtwert 0 ist der Basiswert und bezeichnet eine Szene, bei der eine Kombination von ISO100, Blende ƒ1.0 und 1 Sekunde Belichtungszeit zu einer neutralen, mittleren Helligkeit des Resultats führt.

Lichtwert 0 entspricht etwa der Lichtsituation einer Neumondnacht, LW4 einer beleuchteten Straße bei Nacht oder ­einer Szene im Kerzenlicht, LW8 hellen Innenräumen und Sport­hallen ; LW12 ist typisch für die Zeit kurz Sonnenauf- oder kurz nach Sonnenuntergang beziehungsweise für bedeckte Tage, LW14 spiegelt die normale Tageslichtsituation am helllichten Tag; und mit LW16 darf man rechnen, wenn die Sonne zur Mittagszeit voll vom Firmament knallt.

Aus der Tabelle unten lässt sich ablesen, was für eine Zeit/Blenden-Kombination beim Lichtwert einer bestimmten Lichtsituation zu einem optimal belichteten Ergebnis führt. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass eine perfekte Einstellung aus technischer Sicht nicht immer ein optimales Bild liefert.

Lichtwertabelle
Lichtwerttabelle

Bitte glaubt jetzt nicht, ihr müsstet die Lichtwerttabelle auswendig lernen, um bessere Bilder zu machen. Auch wenn Profifotografen mit Lichtwerten arbeiten, die Sie von Belichtungsmessgeräten ­ablesen, denke ich, dass es für den Hobby- und Amateurfotografen deutlich effizienter ist, das Histogramm zu verstehen und über Belichtungskorrekturen die optimale Belichtung zu ermitteln. Um zu verstehen wie das geht, werde ich euch im nächsten Artikel erklären, was das Histogramm bedeutet.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
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3.2. Das Zonensystem

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Das Zonensystem unterteilt den Verlauf der Tonwerte von Schwarz bis Weiß in elf Zonen. Der Schritt von einer Zone zur benachbarten entspricht einer Verdoppelung beziehungsweise Halbierung der Helligkeit. In der Fotografie bezeichnet man einen Wert, der die Helligkeit verdoppelt oder ­halbiert, als Lichtwert (LW).

Zonensystem
Zonensystem
  1. Zone 0 | Absolutes Schwarz; Unterbelichtung ohne geringste Zeichnung. ­Solche Flächen sind praktisch frei von Information, und es lässt sich auch durch Nachbearbeitung keine Struktur wiederherstellen.
  2. Zone 1 | Optisch schwarzer Tonwert, geringe Spuren von Zeichnung, allerdings für das menschliche Auge nicht zu erkennen. Durch Entwicklung lässt sich diese Zeichnung jedoch sichtbar machen.
  3. Zone 2 | Beinahe schwarzer Tonwert, mit für das menschliche Auge erkennbarer Zeichnung . Beispiel : Gefieder eines Raben.
  4. Zone 3 | Dunkler Tonwert mit deutlich sichtbarer Zeichnung. Beispiel : im Schatten liegende Wälder, frisch asphaltierte Straße.
  5. Zone 4 | Tendenziell dunkler Tonwert mit klaren, erkennbaren Details. Beispiel : beschattete Haut, dunkler Stein.
  6. Zone 5 | Mittlerer Tonwert. Beispiel : südländischer Hautton, verwittertes Holz, mittelgrauer Stein, Schotter und Kies.
  7. Zone 6 | Tendenziell heller Tonwert. Beispiel : trockener Fels, heller Stein und trockener Sand, Schnee im Schatten, Handinnenfläche bei praktisch allen Menschen.
  8. Zone 7 | Heller Tonwert mit deutlicher Zeichnung. Beispiel : weißgraues Haar, Gefieder einer Hausgans, verwitterter Kalkanstrich.
  9. Zone 8 | Sehr heller Tonwert. Beispiel : Sonnen beschienener Schnee, in dem noch die Schneekristalle zu erkennen sind.
  10. Zone 9 | Beinahe Weiß ohne erkennbare Zeichnung. In der Bildbearbeitung am Computer lässt sich aus diesen Flächen wieder Farbe und Zeichnung sichtbar machen.
  11. Zone 10 | Reines Weiß; Überbelichtung. Aus Flächen der Zone 10 lässt sich auch mittels Nachbearbeitung keine Farbe oder Zeichnung restaurieren.

Natürlich sind Angaben wie ›dunkler Stein‹ und ›Felsen‹ sehr ­relativ. Die Beispiele können jedoch helfen sich eine ungefähre Vorstellung der genannten Tonwerte zu machen. Tonwert bezieht sich dabei nicht nur auf Grautöne, sondern auf den Helligkeitswert jedes beliebigen Farbtons. Das kann man auch in Abbildung unten sehen, wo ich neun der elf Zonen in einem Bild gekennzeichnet habe.

Zonen im Bild
Mehrere Zonen in einem Bild

Kontrastumfang

Der Kontrastumfang unserer natürlichen Umwelt umfasst etwa zwanzig Schritte der Verdoppelung beziehungsweise Halbierung der Helligkeit (= 20 Lichtwerte beziehungsweise 21 Zonen) vom tiefsten Schwarz ➀ einer Höhle tief unter der Erde bis zum blendenden Weiß ➁ der Sonne. Das menschliche Auge hingegen kann lediglich zehn Lichtwerte (11 Zonen) auf einmal wahrnehmen ➂.

Zonen Licht und Wahrnehmung ➀–➁ Kontrast der natürlichen Umwelt vom absoluten Schwarz bis zu reinem Weiß;
➂ Kontrastumfang der menschlichen Wahrnehmung;
➅ Menschliche Wahrnehmung an helle Umgebung angepasst;
➆ Menschliche Wahrnehmung an dunkle Umgebung angepasst;
➇ Kontrastumfang einer Digitalkamera und einer Raw-Datei;
➈ Kontrastumfang einer JPEG-Datei;
➉ Kontrastumfang des Vierfarbendrucks;

Das heißt, bei mittlerer Helligkeit sehen wir Schwarz, was messtechnisch nur ein dunklerer Tonwert ist ➃, und Weiß, was tatsächlich nur einem hellen Tonwert entspricht ➄. Ist unser ­Sehsystem gefordert dunklere Tonwerte zu erkennen, muss sich die ­Pupille erweitern, um den Lichteinfall zu drosseln, wodurch sich ­unser Kontrast­umfang in den dunklen Bereich verschiebt ➅. Um­gekehrt muss sich die ­Pupille verengen, um hellere Bereiche wahrnehmen zu können, und den Kontrastumfang in den hellen Bereich verschieben ➆.

Analoger Schwarzweiß-Negativfilm entspricht etwa dem Kontrast­umfang der menschlichen Wahrnehmung ➂. Digitalkameras sollen zehn bis zwölf Lichtwerte erreichen können ➇. Im JPEG-­Format stehen Ihnen etwa acht Lichtwerte zur Verfügung ➈. Fotografieren Sie hingegen im RAW-Format, dann können Sie, je nach Entwicklungssoftware, einen guten Teil des größeren Kontrastumfangs der Kamera ➇ nutzen, und Informationen, die in den Schatten unsichtbar sind, lassen sich in der Nachbearbeitung am Computer wieder sichtbar machen, die durch JPEG nicht aufgezeichnet würden. Noch kleiner ist der ­Kontrastumfang im Vierfarbendruck, wo er auf etwa fünf Lichtwerte sinkt ➉.

Nehmen wir an, Sie fotografieren eine Landschaftsaufnahme mit der Sonne direkt im Bildausschnitt und einem Tunnel, dem Sie geradewegs tief in den Schlund blicken können. Ihr Motiv beinhaltet also sowohl das dunkle Ende des natürlichen Kontrastumfangs ➀, als auch das helle ➁. Die Kamera kann aber bestenfalls zwölf der zwanzig Lichtwerte mit einer einzigen Aufnahme aufzeichnen. Wenn Sie eine mittlere Einstellung wählen, dann wird alles, was dunkler als der Kontrastumfang des Bildsensors ist, unterbelichtet und schwarz, und alles, was heller als der Kontrastumfang ist, überbelichtet und weiß.

Aber was hilft dieses Zonensystem nun konkret in der Praxis? Gibt es an Ihrer ­Kamera einen ein Schalter, um die richtige Zone einzustellen? Ja und nein. Zwar findet sich so Schalter an keiner mir bekannten ­Kamera, doch die Automatik Ihrer ­Kamera zielt bei den Belichtungseinstellungen in der Regel auf mittlere Helligkeit ab, also Zone 5. Und damit werden wir uns im nächsten Artikel befassen.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
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2.4. Blende

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Die Blende befindet sich im Objektiv und funktioniert wie ein Ventil, das sich öffnen und schließen lässt. Sie dosiert die Lichtmenge, die zum Objektiv durch­dringen kann. In der Regel besteht sie aus Lamellen, die sich in die Objektivöffnung hinein schieben und damit die Öffnung vergrößern und verkleinern können. Ist die Blende offen, verhält sie sich wie ein geöffnetes Ventil an einem Wasserhahn – es fließt viel Wasser durch und füllt ein Wasserglas rasch. Die offene Blende führt zu einer kurzen Belichtungszeit.

Offene Blende Die offene Blende lässt viel Licht zum Sensor durch.
Wasserventil offen Wird das Ventil an einer Wasserleitung weit geöffnet, füllt sich das Glas sehr viel schneller. Ebenso verkürzt sich die Belichtungszeit bei offener Blende.

Wird die Blende vergrößert und damit die Blendenöffnung reduziert (Abbildung 3.22) – man spricht vom Abblenden –, lässt sich das mit einem Wasserhahn vergleichen, bei dem man das Ventil schließt – es fließt nur mehr wenig Wasser durch die Leitung und dauert länger das Glas zu füllen (Abbildung 3.22). Ebenso dauert es in der Fotografie länger bis ausreichend belichtet worden ist.

Geschlossene Blende Bei geschlossener Blende findet weniger Licht den Weg durch das Objektiv.
Wasserventil geschlossen So wie ein nur leicht geöffnete Wasserleitung ein Wasserglas nur langsam füllt, führt das schließen der Blende zu längerer Belichtungszeit.

Blende und Belichtungszeit

Die Metapher mit Wasserleitung und Wasserglas wird gerne verwendet um die Funktionsweise der Blende zu veranschaulichen. Ich halte sie als Einstieg in das Thema für geeignet. Allerdings hat sie einen Schönheitsfehler: Bei einer Wasserleitung kann ich davon ausgehen, dass der Wasserdruck konstant ist. Möchte ich ein Glas schnell füllen, dann drehe ich das Ventil weit auf, möchte ich mir Zeit beim Einschenken lassen (weshalb auch immer), dann drehe ich das Ventil nur ein Bisschen auf. Im Grunde ist es völlig egal ob wir ein Glas Wasser schnell oder langsam füllen.

Die entscheidenden Unterschiede zwischen der Wasserglas-Metapher und Fotografie:

  1. Der Sensor (das Wasserglas) muss bis zu einer ganz bestimmten Marke belichtet (gefüllt) werden. Fülle ich über die Marke, erhalte ich eine Überbelichtung, fülle ich unter die Marke ist eine Unterbelichtung das Resultat.
  2. Ich muss in der Regel den Sensor (das Glas) möglichst rasch füllen. Längere Belichtungszeiten kann man ohne Stativ nicht halten und ganz lange Belichtungszeiten können das Bild­rauschen erhöhen.
  3. Während bei der Wasserleitung das Wasser konstant in derselben Menge hinter dem Ventil wartet, muss ich mit der Blende das Umgebungslicht kompensieren. Am helllichten Tag muss ich die Blende schließen, damit ich nicht in Sekundenbruchteilen eine Überbelichtung erhalte. In der Dämmerung muss ich die Blende öffnen, damit sich trotz der schwachen Lichtverhältnisse aus­reichend Licht für die korrekte Belichtung sammeln kann.

Generell wird die Blende demnach so eingesetzt: Gibt es starkes Umgebungslicht – zum Beispiel an einem sonnigen Tag – wird das Blendenventil geschlossen. Ist das Umgebungslicht schwach – zum Beispiel im Wald, in einem Raum oder in der Dämmerung – dann wird das Blendenventil geöffnet.

Ich habe die gängige Metapher einmal so abgewandelt, dass sie der Realität der praktischen Fotografie näher kommt. Dabei habe ich die Wasserleitung durch Regen ersetzt und das Ventil durch verschieden große Trichter.

Regnet es heftig, brauch ich einen kleinen Trichter (eine geringe Blendenöffnung), damit das Wasserglas nicht sofort übergeht (damit das Bild nicht überbelichtet ausfällt). Bei leichtem Regen hingegen (also wenn es dämmert oder sonst wenig Licht vorhanden ist) dann nimmt man einen größeren Trichter um das Glas ausreichend schnell voll zu bekommen.

Viel Umgebungslicht Bei kräftigem Regen genügt ein kleiner Trichter um ein Glas in ­Kürze zu füllen. Ebenso führt bei viel Umgebungslicht schon eine kleine Blendenöffnung zu ­einer ­optimalen Belichtungszeit.

Blende gross

Wenig Umgebungslicht Bei schwachem Regen braucht man einen großen Trichter um ­das Glas rasch zu füllen. Genauso muss bei schwachem Umgebungslicht für eine optimale Belichtung die Blende geöffnet werden.

Blende klein

Die Bedeutung der Blende für die Belichtung liegt in der Regel weniger darin, mal für eine kürzere, mal für eine längere Belichtungszeit zu sorgen. Vielmehr geht es darum auf das vorhandene Umgebungslicht reagieren zu können um die kürzest mögliche Zeit für eine optimale Belichtung zu erreichen.

Durch Öffnen und Schließen der Blende kann der ­Fotograf auf die Menge des Umgebungslichts reagieren.

Und weshalb lässt man die Blende dann nicht immer möglichst weit offen? Bei offener Blende haben wir ja immer die kürzest mögliche Belichtungszeit.

Vor allem weil die Blende großen Einfluss auf die Schärfentiefe hat und somit vor Allem auch Mittel zur kreativen Steuerung der Schärfentiefe ist.

Titel Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
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Books on Demand, 1. Auflage Oktober 2011;
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