Welche Kamera soll ich kaufen?

Die richtige Antwort auf diese Frage ist dieselbe, wie auf die meisten Fragen: Es kommt drauf an!

Freude an maximaler Abbildungsqualität

Ist es dir wichtig unter allen Bedingungen nicht nur praktisch sondern auch theoretisch die ultimative Abbildungsqualität zu erzielen, bist du mit einer Vollformatkamera auf dem richtigen Weg. Besser wäre natürlich gleich eine Mittelformatkamera, allerdings liegen deren Preise samt Objektiven dann in der Liga von Mittelklasse PKWs.

Mit einer guten Vollformatkamera lassen sich auch unter ungünstigen Lichtbedingungen vergleichsweise rauscharme Aufnahmen erzielen. Für Landschafts- und Architekturaufnahmen bietet Vollformat meist deutlich mehr Auflösung, als Systeme mit kleineren Sensoren. Das ist ein Plus das sich durchaus bemerkbar macht, wenn man regelmäßig Prints in A2 und größer anfertigen lässt. Man muss dazu allerdings mit entsprechend exzellenten Objektiven, geschlossner Blende, optimaler Fokussierung (Hyperfokale Distanz) und Stativ arbeiten. Im Studio lässt sich alternativ die kurze Belichtungsphase die durch Blitze entsteht nutzen, um das Potenzial von Auflösungen jenseits der 30 MP auszuschöpfen.

Mit Vollformatkameras entsteht darüber hinaus bei vergleichbarer Distanz, Brennweite und Blendeneinstellung eine geringere Schärfentiefe. Vollformat ermöglicht Bokehs, die mit kleineren Sensoren schwer bis gar nicht zu erzielen sind. Schon gar nicht, wenn man keine 10.000 Euro in eine Linse investiere möchte, was bei State-of-the-Art-Vollformatlinsen von Leica schon einmal der Fall sein kann. Für MFT existieren Linsen in dieser Preisklasse erst gar nicht.

Freude am Fotografieren

Wenn es mehr um die Freude am Fotografieren geht, ist für mich MFT das perfekte System. Die Kameras von Panasonic und Olympus sind im Vergleich deutlich leichter und handlicher, als APS-C- oder Vollformatsysteme. Zwar sind bieten auch Canon, Nikon und Sony mittlerweile spiegellose Vollformatkameras an die kaum größer sind als reguläre MFT-Modelle. Doch die größeren Sensoren verlangen zwangsläufig nach größeren Optiken. Werden die handlichen Bodys dann mit notwendigerweise voluminösen und schweren Vollformat-Teleobjektiven kombiniert, ergibt sich eine äußerst unausgewogene Balance und ein eher kontraproduktives Handling. Nicht umsonst hat Olympus gerade für alle die mit langen Brennweiten arbeiten das MFT-Monster E-M1X auf den Markt gebracht, die nur geringfügig leichter ist als eine Nikon D850.

Die Kompaktheit von MFT ergibt sich nicht durch die Größe der Kameras. Kompakt ist das im Volumen des Systems der Optiken wegen. Erst wenn man diese zur Fotoausrüstung hinzurechnet – und wie könnte man das nicht tun! –, reduziert sich das Gewicht des Equipments schnell auf ein Drittel von Vollformat oder weniger.

Die Stärke des MFT-Systems liegt beim Fotografieren auf Achse. Im Studio macht das kleine System in meinen Augen wenig Sinn. Weshalb auf die zusätzliche Auflösung und das weitere Bokeh verzichten, wenn Gewicht keine Rolle spielt? Und überhaupt: Mit den gerade auf den Markt gekommenen Spiegellosen von Canon, Nikon und Sony kombiniert mit einer Festbrennweite oder einem Standardzoom ist auch Vollformat nicht nennenswert schwerer als MFT. Ich würde niemandem MFT empfehlen, der auf Studiofotografie aus ist. Das wäre fast ein bisschen absurd. Nicht völlig, aber ein bisschen!

Nein, MFT ist das System für unterwegs. Je länger die Brennweite wird, desto mehr fallen die Vorzüge im wahrsten Sinne des Wortes ins Gewicht. Meine 300mm Festbrennweite von Olympus – immerhin 600mm kleinbildäquivalent – ist leichter und nur geringfügig länger als Nikons 70–200mm ƒ2.8 Telezoom. Ein dem Olympus-Supertele vergleichbares Nikon-Objekitv ist doppelt so lang und drei Mal so schwer.

Keine Frage: Das Nikon-Tele ermöglicht Aufnahmen, die mit meinem Olympus unerreichbar sind, was man anhand des 5-fachen Preises allerdings auch erwarten darf. Aus freier Hand wird man die Qualität des Super-Nikkors allerdings kaum nutzen können, denn bei bei 5kg inklusive Kamera braucht man wahrscheinlich einen enormen Bizeps das Teil verwackelungsfrei zu stemmen. Auch das reduziert das Gewicht eines MFT-Systems: Man kann viel öfter auf das Stativ verzichten, was selbst bei einem lichten Stativ 1kg weniger Transportgewicht bedeutet.

Nicht nur das geringere Gewicht und die geringere Auflösung erlaubt es eher, auf ein Stativ zu verzichten. Auch die Bildstabilisierung ist bei MFT im Vergleich zu Vollformat aus einer anderen Welt. Mit Vollformat bislang unerreichbare Belichtungszeiten von 1s und mehr, gehen mit aktuellen Kameras von Panasonic und Olympus problemlos. Kleinere Sensoren lassen sich schlicht leichter stabilisieren. Sogar Belichtungsreihen mache ich in Mittlerweile ohne Stativ und baue die 7 Belichtungen dann am Computer zu HDR-Bildern zusammen.

HDR-Aufnahme aus 7 Belichtungen aus freier Hand

Zwar ist der Nutzen des Handheld-Sensor-Shiftings, mit dem die E-M1X nun 50MP aus freier Hand erlaubt, überschaubar. Nach meinen bisherigen Versuchen wird damit auch keine feinere Detailzeichnung erzielt als mit den regulären 50MP – dass sich extrem hohe Auflösungen nur mit Stativ nutzen lassen gilt eben auch für MFT. Doch, dass Langzeitbelichtungen aus freier Hand möglich sind – was die E-M1X jetzt mit einem virtuellen ND-Filter unterstützt –, ist auch so eine Möglichkeit der exzellenten Bildstabilisierung, die das Fotografieren einfach leichter macht.

2,5s Verschlusszeit mit E-M5 II aus freier Hand
1/8s mit Life-ND-Filter der E-M1X aus freier Hand

Die Krone der Abbildungsqualität gehört Vollformat, wenn nicht Mittelformat – keine Frage! Bei MFT steht die Leichtigkeit und Freude des Fotografierens im Mittelpunkt. Nicht umsonst höre ich immer wieder Fotografen, die den Systemwechsel von Vollformat auf MFT gemacht haben, sagen, dass ihnen das System die Freude am Fotografieren wieder gebracht hat. Ich kann das nur bestätigen. Genau das habe ich empfunden, als ich begann mit der OM-D E-M5 zu fotografieren. Nein, es ist nicht so, dass ich mit meinen Nikons keine Freude hatte. Absolut nicht. Nur die sprichwörtliche Leichtigkeit des MFT-Systems ermöglicht eine Leichtigkeit des Fotografierens, die einfach (noch) mehr Spaß macht.

Und, seien wir doch ehrlich: In Zeiten, in denen darüber diskutiert wird, wie lange es noch dauert, bis Smartphones der Fotografie mit Systemkameras endgültig den Gar ausmachen, ist die Sache mit der Qualität ohnehin sehr relativ. In vielen Situationen erreichen die Handys mit ihren winzigen Sensoren eine Abbildungsqualität, die unter den üblichen Ausgabebedingungen nicht von echten Kameras zu unterscheiden ist – egal ob man ihnen MFT oder Vollformat gegenüber stellt.

In meiner Foto-Bibliothek, die aktuell etwa 50.000 Bilder umfasst, kann ich jedenfalls bei kaum einem Bild anhand der Abbildungsqualität treffsicher bestimmen, ob die Aufnahme mit einer Nikon Vollformat- oder einer meiner MFT-Kameras entstand – jedenfalls nicht, seit der E-M5 (ein paar Jahre davor hatte ich eine Panasonic G3 – deren Abbildungsqualität war noch sichtbar minder, als das meiner damaligen Nikon D700).

Noch einmal: Die qualitativen Unterschiede zwischen Vollformat und MFT sind Fakt. Daran gibt es nichts zu rütteln. Ebenso Fakt ist allerdings, dass sie erst unter besonderen Bedingungen und/oder bei Prints über A2 wirklich relevant werden. Ansonsten muss man die Unterschiede mit der Lupe am Monitor suchen.

Es gibt allerdings einen Punkt, der bezüglich MFT noch einer Warnung bedarf: Abgesehen von den Spitzenmodellen von Panasonic und Olympus, erreicht die Mittel- und Einstiegsklasse der beiden Hersteller in Sachen Fokussierung noch nicht die Geschwindigkeit, die bei DSLR selbstverständlich ist. Wer preiswert mit einer Systemkamera Vögel im Flug oder sehr schnelle Sportarten fotografieren will, der ist bislang mit einer Einsteiger-DSLR definitiv besser bedient.

Der Weg der Mitte

Keine Frage: Ich bin MFT-Fan. Doch ebenso, wie ich Vollformat seine Vorzüge zugestehen kann, sehe ich, dass es zwischen den beiden Extremen noch einen Weg der Mitte gibt: APS-C.

Nun bin ich allerdings etwas skeptisch über die Zukunft von APS-C bei Canon, Sony und Nikon. Früher machten diese Systeme mit kleineren Sensoren bei Einsteigerkameras durchaus Sinn, da der Sensor einer der wesentlichen Preistreiber der Kamera war. Vollformat zum Einsteigerpreis war schlicht nicht möglich. Doch die Zeiten ändern sich. Vollformatkameras werden immer billiger. Canon und Nikon mussten für ihre spiegellosen Kameras ein neues Bajonett einfügen. Ich bin gespannt, ob Nikon für diesen Anschluss in Zukunft auch DX-Kameras und (neue) DX-Objektive vorstellen wird. Ich habe meine Zweifel. Und bei Canon mag es ähnlich sein.

Anders sieht es mit Fujifilm aus. Fuji hat kein Vollformatsystem, sondern setzt auf APS-C und Mittelformat. Mit der Konsequenz nicht mit einem Bajonett zwei Sensorformate bedienen zu wollen, können Sie einen goldenen Mittelweg zwischen Vollformat und MFT gehen. Man verbindet den Vorteil der gegenüber MFT größeren Sensoren, mit jenem, der gegenüber Vollformat kompakter konstruierbaren Objektive. Da man damit auch sehr erfolgreich unterwegs ist, würde ich davon ausgehen, dass APS-C bei Fuji eine langfristige Zukunft hat, was ich bei APS-C bei Nikon und Canon bezweifle.

One Reply to “Welche Kamera soll ich kaufen?”

  1. Ich habe einen Makrofotografen kennengelernt, der die meisten sener Bilder mit der Olympus freihand schiesst. Er hat uns erklärt, dass er noch nie Probleme hatte mit der Bildqualität für seine Multivisionen zu Biodiversität, obwohl er von Kollegen mit Vollformat Kameras immer noch etwas belächelt wird.
    Für mich heisst das, der Unterschied muss wirklich sehr klein sein und für den Hobbyfotografen sicher nicht relevant für die Anschaffung einer Kamera.
    Was mich betrifft: ich konnte. für ca 30 Minuten scharfe Makros freihand schiessen mit meiner Canon 7d und dem Makro 100. Seit ich die Olympus OM-D E-M1 Mark II gekauft habe, gelingen mir wieder scharfe Makros und ich kann einen ganzen Nachmittag damit fotografieren gehen!

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