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Monat: Dezember 2011

3.10. Belichtungsmodi

Posted in Fotoschule Online

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Kameras für ambitionierte Fotografen stellen in der Regel drei verschiedene Programme für die Belichtungsautomatik und einen ­Modus zur manuellen Belichtungseinstellung zur Verfügung. Die Bezeichnungen und Abkürzungen der verschiedenen Hersteller unterscheiden sich wieder einmal etwas.

  • Programmautomatik | Wird bei allen mir bekannten Kameras mit ›P‹ abgekürzt.
  • Blendenvorwahl | Die Blende wird vorgewählt, die Kamera regelt die Zeit automatisch. Deshalb wird dieser Modus manchmal auch als Zeitautomatik bezeichnet. Die Abkürzungen lauten ›A‹ für ‘Aperture’ (englisch für ›Blende‹) oder ›Av‹ für ‘Aperture Value’ (›Blendenwert‹).
  • Zeitvorwahl | Die Zeit wird vorgewählt und die Kamera regelt die Blende automatisch. Hier spricht man deshalb manchmal von Blendenautomatik. Die üblichen Abkürzungen sind ›T‹ oder ›Tv‹ für ‘Time Value’ (›Zeitwert‹) oder ›S‹ für ‘Shutter’ (›Verschluss‹, also auf die Verschlusszeit bezogen).
  • Manuell | ›M‹ steht bei allen mir bekannten Modellen für manuelle Einstellung.

Programmautomatik

Die meisten Digitalkameras – angefangen von der günstigsten Kompaktkamera bis hin zur professionellen DSLR – bieten in der Regel einen Auto- und einen Programm­modus.

Auto | Der vollautomatische Modus ›Auto‹ nimmt dem Fotografen in der Regel jede Einstellungsentscheidung ab. Wenn es die Kameraelektronik für erforderlich hält zu blitzen, klappt sie den Blitz auf und sorgt bei der Aufnahme für zusätzliches Licht. Blitzen oder nicht Blitzen ist für mich allerdings eine zu essenzielle Frage, als dass ich die Entscheidung der Elektronik einer Kamera überlassen möchte. Deshalb kommt der Auto-Modus für mich nicht in Frage.

Programm (P) | In Programm (P) balanciert die Elektronik der ­Kamera die Blende und die Belichtungszeit automatisch aus, um zu einer möglichst sicheren und optimalen Belichtung ohne Verwackelung zu kommen. Dazu wird sie versuchen die Belichtungszeit so kurz wie möglich zu halten, wenn möglich ohne die Blende vollständig aufzureißen. Eine maximale Blendenöffnung würde zwar die kürzest mögliche Belichtungszeit bedeuten, doch die Schärfen­tiefe könnte dabei kürzer ausfallen, als es dem (ungeübten) Fotografen lieb wäre. Außerdem erinnern wir uns, dass viele Objektive bei maximaler Blendenöffnung nicht mehr ihre maximale Abbildungsschärfe er­reichen. Die Kamera wird deshalb versuchen die Blende im mittleren Bereich, zwischen ƒ 5.6 und ƒ 8, zu halten. Nach meiner Erfahrung berücksichtigt die Elektronik dabei auch, dass die Belichtungszeit nicht länger als der Kehrwert der Brennweite ausfällt, um nicht zu verwackeln.

Programmverschiebung | Viele Kameras erlauben in ›Programm‹ das Shiften der vom Programm ermittelten Belichtungseinstellungen. Das bedeutet, dass die Programmautomatik für eine bestimmte Szene eine bestimmte Kombination aus Blende und Belichtungszeit vorschlägt, der Fotograf allerdings die Möglichkeit nutzt diesen Vorschlag zu verändern. In der Regel wird zu diesem Eingriff an einem der Einstellräder der Kamera gedreht. Die Kamera öffnet je nach Richtung, in die der Benutzer dreht, die ­Blende und verkürzt die Belichtungszeit, oder schließt die Blende und erhöht die Zeit. An der Belichtung selbst ändert sich dadurch nichts; nur das Verhältnis Zeit/Blende verschiebt sich. Man bezeichnet es deshalb auch als Programmverschiebung.

Blendenvorwahl

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Gros der Fotografen überwiegend im Modus Blendenvorwahl fotografiert. Gehen wir von ­unserem ›Vier Schritte‹-Konzept aus, ist das auch logisch: Zuerst wird durch Blickwinkel, Distanz und Brennweite die Perspektive gestaltet, dann wird über die Blendeneinstellung die Schärfentiefe, die sich aus Distanz und Brennweite ergeben hat, dem ­Motiv entsprechend angepasst. Die Kamera übernimmt die Berechnung und Einstellung der Zeit zur optimalen Belichtung automatisch.

Zeitvorwahl

Im Modus Zeitvorwahl gibt der Fotograf, wie der Name schon sagt, die Belichtungszeit vor, und die Kamera passt die Blendenöffnung für die Belichtungszeit an. Sie wird vor allem dort eingesetzt, wo ein bestimmter Effekt mit Bewegung erzielt werden soll. Zum Beispiel, wenn man einen Sportler durch eine sehr kurze Belichtungszeit sicher einfangen will, oder wenn man ein Fahrzeug durch Mitziehen vor verwischtem Hintergrund abzubilden gedenkt.

Manueller Modus (M)

Im manuellen Modus nimmt der Fotograf die Zügel der Belichtung in die eigenen Hände. Er definiert die Blendenöffnung und die Belichtungs­­zeit. Klingt kompliziert und anspruchsvoll. Tatsächlich ­jedoch kann man sich auch hier von der Belichtungsmessung der Kamera unterstützen lassen, und dann ist es eigentlich gar nicht mehr kompliziert.

Sucher Manuell Lichtwert-Skala im Sucher.

Die Abbildung oben zeigt noch einmal einen Blick durch einen ­Sucher. Die Lichtwert-Skala zeigt für die aktuelle Lichtsituation bei der derzeitigen Einstellung von Zeit ① und Blende ② (und ISO) eine Überbelichtung von +1 Lichtwert an ③. Der Fotograf kann nun die Belichtungseinstellung um –1 LW korrigieren. Zur Auswahl stehen für diese Korrektur, die Blende um –1 Schritt auf ƒ 5.6 zu schließen, die Belichtungszeit um –1 Lichtwert von 1/60 auf 1/120 ­Sekunde zu verkürzen (in der Praxis 1/125) oder den ISO-Wert um einen –1 ganzen Schritt zu verringern. Oder man entscheidet sich für einen beliebigen Mix aus zwei oder drei dieser Parameter. Normaler Weise stehen ja Drittel-Lichtwert-Schritte für Blende, Zeit und ISO zur Verfügung.

Doch warum sollte man sich die Mühe antun diese Einstellung mit menschlicher Geschwindigkeit von Hand vorzunehmen, statt sie von der Kamera mit elektronischer Geschwindigkeit auto­matisch ausführen zu lassen?

Für mich gibt es vor allem zwei gute Gründe: Erstens kann ich als Fotograf individuell und kreativ entscheiden, ob ich für exakt die Situation vor meinen Augen ein besseres Ergebnis erziele, wenn ich die ­Blende ändere, wenn ich die Zeit ändere, oder wenn ich die Empfindlichkeit ändere.

Manueller Modus bei konstantem Licht | Zweitens brauche ich bei konstanten Lichtbedingungen nicht vor jeder Aufnahme neu ­messen. Oft sind die Lichtbe­dingungen während eines Foto-­Shootings weitgehend konstant. Das gilt für Fotosafaris unter freiem Himmel und noch viel mehr für die Arbeit im Studio. Das heißt, wenn einmal eine optimale Belichtungseinstellung für die Lichtsituation ­getroffen worden ist, kann ich mit derselben Einstellung weiter foto­grafieren, bis sie sich wieder deutlich ändert.

Eine fixe Einstellung für die Belichtung ist vor allem im Studio ein großer Vorteil. Das Licht sollte dort ja absolut konstant sein, bis die Beleuchtung verändert wird. Mit einer einzigen, konstanten Belichtungseinstellung über eine gesamte Serie hinweg fallen alle Ergebnisse absolut gleich hell aus. Das erleichtert vor allem auch das Kopieren von Entwicklungseinstellungen von einem Bild auf die anderen bei der Entwicklung in der digitalen Dunkelkammer.

Doch nicht nur im Studio ist eine gleich bleibende Belichtungseinstellung von Vorteil. Auch beim Fotografieren im Freien. ­Arbeitet man mit einer automatischen Belichtungseinstellung, egal ob Blendenvorwahl, Zeitvorwahl oder Programm, dann misst und bewertet die Kamera die Lichtsituation vor jeder Aufnahme neu.

Neigt man die Kamera bei Landschaftsaufnahmen und in ähnlichen Situationen etwas nach oben, kommt ein großer Ausschnitt des fast immer hellen Himmels ins Bild. Die Kamera wird die helle ­Vorlage ausgleichen, indem sie eine dunklere Belichtungseinstellung wählt.
Neigt man die Kamera eher nach unten, dann dominiert die Landschaft im Bildausschnitt, und die ist deutlich dunkler als der Himmel. Die Kamera wird also eine hellere Einstellung wählen, um zu einer neutralen Belichtung zu gelangen.

Tatsächlich aber sollten beide Aufnahmen mit exakt derselben Belichtungseinstellung zu einer weitgehend optimalen Belichtung führen. Im manuellen Modus erhält man also konstantere Resultate als im Automatikbetrieb. Darüber hinaus lässt sich die Belichtungsautomatik auch einmal von einer ungewöhnlichen Lichtsituation in die Irre führen. Im manuellen Betrieb kann höchstens der Fotograf in die Irre geführt werden.

M, der Modus für Einsteiger | Es mag seltsam klingen und im ­Gegensatz zu dem stehen, was wohl viele andere Fotografen ­einem Einsteiger empfehlen würden. Ich rate, wenn man ­Einsteiger ist, sich zumindest eine gewisse Zeit auf den ­manuellen Modus zu konzentrieren. Allerdings nur dann, wenn man für die Auseinandersetzung mit den Einstellungen Zeit hat und niemand auf einen wartet und die Motive nicht davon laufen. Man lernt ­dadurch einfach am meisten über Fotografie. Wenn der Umgang mit Blende, Zeit und ISO einmal in Fleisch und Blut über gegangen ist, spricht nichts dagegen einen anderen Modus zum eigenen Standard zu erklären. Doch Souveränität im Umgang mit Ihrer ­Kamera lernt man manuell am besten.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
Weitere Informationen und Demokapitel auf der Website des Verlags;
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Hinterlässt die Bilderflut Spuren?

Posted in Fotografie

Digitalfotografie hat Bilder den Kosten enthoben. Du kaufst eine Kamera, eine Speicherkarte und einen Computer, und irgendwie: Je mehr Bilder du machst, desto besser fällt das Preis-per-Bild-Verhältnis aus. Wenn deine Kamera 100 Euro kostet und du machst ein Bild damit, hat dich dieses Bild 100 Euro gekostet. Zwei Bilder kosten dich je 50 Euro, 4 Bilder je 25 und 40 Bilder je 2,50.

Die Rechnung ist natürlich Unsinn. Niemand wird so denken. Aber es zeigt, dass ein Bild nichts mehr kostet. Sind Bilder deshalb nichts mehr wert?

Die omnipräsente Kamera

Ich habe die beliebteste Kamera bei Flickr: Ein iPhone. Ich habe auch einige Apps mit denen man Fotos machen und gleich mit coolen Effekten versehen und direkt zu Flickr, Twitter oder Facebook hochladen kann. Ich habe in den letzten Tagen auch überlegt ob ich auf den Instagram-Zug aufspringen soll. Immerhin: Jedes Bild, das du bewusst aufnimmst, trägt zu deiner Entwicklung als Fotograf bei.

Älter als die Zeitung von gestern

Aber was dann? Sind diese, in den sozialen Netzwerken publizierten Schnappschüsse, jemandem mehr als einen flüchtigen Blick wert? Ist der Tweet oder der Facebook-Status von vor fünf Minuten nicht schon älter als die Zeitung von gestern und die damit geposteten Bilder mit ihm? Dabei kann man noch nicht einmal Fisch darin einwickeln!

Sicher: Wenn ich das Glück habe mit meinem iPhone eine bemerkenswerte Szene zu erwischen, dann ist es die Publikation sicher wert. Was aber ist mit den 99,9% restlicher Aufnahmen, die nichts Spektakuläres darstellen? Wenn sie schon jetzt niemandem mehr als eine Sekunde Aufmerksamkeit entlocken können – werde ich sie selbst in einem Monat, einem Jahr oder in der Pension noch einmal anschauen wollen? Oder vergrößern sie nur einen gigantischen Haufen visueller Eindrücke in digitalen Quadraten festgehalten?

Digitalfotografie ist Freiheit (für mich)

Ich liebe die digitale Fotografie, weil sie es mir ermöglicht frei zu probieren und zu experimentieren und zu lernen, ohne, dass jedes Bild meine Geldtasche plündert. Ich genieße den Luxus Bilder zu machen, von denen ich schon vor dem Fotografieren weiß, dass das Licht, der Hintergrund oder andere Rahmenbedingungen eine gelungene Aufnahme unmöglich machen. Wenn ich mit meiner Einschätzung richtig lag, ist das Foto schnell gelöscht. Doch manchmal täuscht meine Einschätzung und das Resultat hat doch etwas reizendes. Das ist für mich auch eine Form der Freiheit.

Sicher: Analoge Fotografen können jetzt einwerfen, dass das eine feige Einstellung ist. Ich möchte, dass mich das Scheitern nichts kostet. Für den Analogfotografen ist jede Aufnahme eine Investition. 36 Aufnahmen machen einen Film voll, die Entwicklung kostet Geld und den Film kann man nach der Bildentwicklung icht wieder leeren und für die nächsten 36 Aufnahmen nutzen.

Es ist legitim diese Herausforderung zu suchen. In meinen Augen ist das weder besser noch schlechter als digital zu Fotografieren und ich würde mir den Respekt von Analogfotografen gegenüber der Digitalfotografie wünschen, den Digitalfotografen der analogen entgegen bringen. Was zählt ist die Freude an der Fotografie und Resultate, die den Betrachter berühren. Egal ob die Bilder chemisch oder elektronisch zustande gekommen sind.

Nicht jede Aufnahme ist bemerkenswert

Digitalfotografie heißt für mich aber nicht, dass ich jeden Schnappschuss und jede Aufnahme einer Serie von zwei Dutzend Ansichten einer Blume aus verschiedenen Perspektiven behalten muss, geschweige sie ins Internet stellen. Nicht jede Aufnahme ist bemerkenswert und man muss deshalb auch nicht jedes Bild archivieren. Bilder löschen ist auch ein Teil des kreativen Prozesses, dem sich der Fotograf stellen muss.

Ich werde es deshalb es wohl auch unterlassen mich mit täglich zehn Bildern an Instagram zu beteiligen und jeden Schritt den ich mache, durch unscharfe und mit Effekten versehene Bilder öffentlich zu dokumentieren.

‘Just because we can’ ist keine ausreichende Begründung für ein Bild

Digitalfotografie sollte nicht heißen, gedankenlos Speicherkarten voll zu stopfen und jeden Kuhmist zu digitalisieren. ‘Just because we can’ ist kein Ausreichendes Argument für eine Aufnahme. Wenn es mir ausschließlich ums Fotografieren geht, ohne dass mich die Resultate noch interessieren, ist das legitim – eine Speicherkarte brauche ich dazu aber nicht. Noch nicht einmal eine Batterie.

Gute Bilder sind Resultat von Kreativität, offener Augen und der aktiven Auseinandersetzung mit dem Motiv. Und das wird auch so bleiben, egal welche Ästhetik- und Kreativitätsautomatismen die Marketingabteilungen von Kameraherstellern in ihre Geräte einpflanzen. Welchen Sinn hätte Fotografie überhaupt noch, wenn am vorderen Ende der Fotograf beim Fotografieren nur mehr den Auslöser drücken muss und die Kamera alles, bis auf den Bildausschnitt und die Schärfentiefe automatisch wählt, und am hinteren Ende die Resultate eh niemand mehr sehen will?

Nicht jedes Bild ist es wert archiviert zu werden. Das meiste ist weder persönlich noch historisch eine Katastrophe, wenn man es so schnell wieder löscht, wie man es aufgenommen hat. Publizieren muss man es schon gar nicht – auch nicht ‘just because we can’.

Die Flut, die keine Spuren hinterlässt

Wir werden ohnehin von viel zu vielen Bildern überflutet. Die Welt der neuen Medien beschießt uns mit einem Dauerfeuer visueller Reize, denen wir nirgends entgehen können. Schon die guten Bilder sind um Tonnen mehr, als wir registrieren können – an Genuss kann ich dabei gar nicht denken. Wir schwimmen in einer Flut an Eindrücken die immer schneller an uns vorbei zieht.

Aber wird dieses Dauerfeuer an Bildeindrücken Fotografie überhaupt gerecht? Ist Fotografie nicht viel eher das Einfrieren der Zeit das Stille braucht die Werke zu betrachten und wirken zu lassen?

Etwas Entschleunigung, aktive Auseinandersetzung mit den Resultaten unserer fotografischen Aktivitäten und der Mut zu löschen, was nicht bemerkenswert ist, würde uns sicher gut tun. Denn die Bilderflut die aktuell an uns vorbei schwappt hinterlässt doch im Wesentlichen eines: keine Spuren.

Es gibt keine unbearbeiteten Bilder

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Ich muss immer etwas schmunzeln wenn jemand Digitalfotos herzeigt und behauptet, diese wären völlig unbearbeitete.

Es gibt keine unbearbeiteten Digitalbilder!

Unbearbeitet wäre das Bild so, wie es der Bildsensor der Digitalkamera gesehen hat. Der sieht aber keine bunten Farben, sondern lediglich winzige Punkte (Pixel) in unterschiedlich hellen Nuancen von Rot, Grün und Blau. Das rohe Datenmaterial kann der Normalanwender normalerweise nicht betrachten. Selbst wenn er es könnte, wäre es wahrscheinlich so naturgetreu wie ein analoges Negativ.

Damit das Bild das Motiv einigermaßen so abbildet, wie es der Fotograf gesehen hat, muss das Rohmaterial des Sensors erst interpretiert werden, wobei die Kamerahersteller ein bisschen schummeln.

Ein Beispiel | Nehmen wir an, wir haben einen Bildsensor mit 1200 Pixel in der Breite à 800 Pixel in der Höhe. Das wären dann 960.000 Pixel – knapp ein Megapixel.

Auf dem Sensor sind ein Viertel davon (240.000) für rot empfindlich, ein Viertel für blau und die Hälfte (480.000) für grün. Keiner der Pixel sieht Mischfarben wie Orange, Violett oder Braun. Die Farben eines einzelnen Pixel des fertigen Bildes müssen jeweils aus zwei grünen, einem roten und einem blauen Sensorpixeln zusammen berechnet werden.

Genau genommen dürfte demnach ein Bildsensor mit 960.000 Pixeln nur 240.000 Pixel im fertigen Digitalbild ausspucken. Aber eine reale Kamera mit 960.000 Pixel spuckt im fertigen Bild auch 960.000 Pixel aus.

Durch Interpolation zu hoher Auflösung | Erreicht wird das durch sogenannte Interpolation. Das bedeutet, dass die Software der Kamera für jedes bunte Pixel (das sie aus zwei grünen, einem roten und einem blauen Sensorpixel berechnet), drei weitere Pixel dazu erfindet.

Was da in der Kamera abläuft ist tatsächlich etwas komplexer als hier beschreiben, aber es sollte reichen, das Grundkonzept zu verstehen. In der Praxis sollte es uns auch egal sein, solange das Resultat unseren Anspruch an Schärfe erfüllt. Wichtig ist nur: Was wir am Ende am Computer zu sehen bekommen, ist nicht das, was der Bildsensor gesehen hat, sondern das Resultat hoch komplizierter Berechnungen.

Der Trick mit der Pixelschieberei ist aber nicht das einzige was die Software der Kamera an einer Aufnahme baselt. Wenn ich im JPEG-Format fotografiere, dann wird das Programm Rauschen reduzieren, Kanten schärfen, Tonwerte korrigieren, Farbsättigung puschen, eventuell Schatten aufhellen und Lichter reduzieren, und was auch immer die Maketingabteilung des Kameraherstellers die technische Entwicklung vorgegeben hat.

Von unbearbeitet kann man bei Digitalbildern also nicht wirklich sprechen. Es mag zwar nicht durch den Fotografen bearbeitet worden sein; so lange der Fotograf die Kamera nur in die Hand nimmt und abdrückt, geschieht die Bildbearbeitung im engeren Sinn durch die Software des Apparats. Die Entwicklung basiert aber auf Richtlinien und Programmabläufen, die die Software-Ingenieure des Kameraherstellers definiert haben. Also ist es im weiteren Sinn der Ingenieur in Japan, der die meisten Bilder entwickelt hat, die viele Fotografen als unbearbeitet präsentieren.

Natürlich kann der Fotograf bei den meisten Kameras auch leicht in die Bildbearbeitung eingreifen. So bieten zum Beispiel viele Modelle die Möglichkeit die Intensität der Farben zu bestimmen, in dem man eine spezielle Einstellung für ‘Vivid’ bzw. ›Lebendig‹, für Hauttöne oder Sonnenuntergänge wählt. Je nach Einstellung wird die Software der Kamera das JPEG anders entwickeln. Das ist nichts anderes als Bildbearbeitung.

Auch Raw-Bildern werden entwickelt | Auch wer im Raw-Format fotografiert kommt um die Bearbeitung der Bilddaten nicht herum. Nur geschieht die Entwicklung nicht mehr wie beim JPEG in der Kamera, sondern im Raw-Converter – ob der nun iPhoto, Aperture, Lightroom, Adobe Camera Raw, Bible, LightZone, DXO Optics, Capture One, Nikon Capture oder wie auch immer heißt. Der Unterschied ist nur, dass jetzt der Ingenieur, der die Entwicklung bestimmt, nicht mehr unbedingt in Japan sitzen muss, sondern in den USA oder vielleicht auch in Deutschland.

Raw-Converter entwickeln Raw-Bildern nach vordefinierten Rezepten – nicht anders, als bei der Software die JPEGs in der Kamera entwickeln. Auch hier gehören wieder Beeinflussung der Farbsättigung, Gradation, Tonwertvereilung, Rauschunterdrückung, usw. zum Standard.

Was ein Raw-Converter ausspucken ist am Ende immer Resultat des Rezepts, das die Software-Programmierer als optimal erachtet haben, um in möglichst vielen Fällen Resultate zu erzielen, mit denen möglichst viele Anwender möglichst glücklich sind. Da es aber auch Geschmacksache ist, wie entwickelt ein Bild ein gut entwickeltes Bild ist, werden die gleichen Rohdaten in unterschiedlichen Raw-Convertern unterschiedliche Resultate liefern.

So habe ich in meiner Zeit beim Wechsel von Adobe Photoshop Lightroom zu Apple Aperture den Eindruck gewonnen, dass Aperture Grastöne in den Bildern einer Nikon D80 schöner entwickelt, während Lightroom in den Schatten von Hauttönen eindeutig schönere Töne erzeugt. Das muss aber noch nicht einmal heißen, dass dieses Verhalten bei Gras- und Hauttönen bei den beiden Programmen auch auf die Bilder anderer Kameras zutrifft. Schließlich brauchen die Programmierer von Lightroom, Aperture und Co für jede neue Kamera ein neues Entwicklungsrezept.

Unbearbeitete Bilder gibt es also nicht. Die Frage, die sich für den Fotografen stellt, ist lediglich: Wer soll die Fäden in Händen halten: Der Ingenieur in Japan, oder ich, der Fotograf? Will ich das Resultat bestimmen, oder eine Software-Routine?

3.9. Belichtungsmessung und Messmethoden

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Bevor die Elektronik Einzug in Kameragehäuse hielt, waren Fotoapparate nicht in der Lage die Belichtung automatisch zu messen. Der Fotograf war darauf angewiesen die Lichtsituation selbst nach Gefühl zu schätzen und die Zeit/Blenden-Kombination entsprechend dieser Einschätzung einzustellen. Oder er hatte einen Belichtungsmesser.

Belichtungsmesser Belichtungsmesser

Heute befindet sich die ganze Elektronik zur Messung der Lichtsituation und der Belichtung in der Kamera, obwohl Profis nach wie vor auf die punktgenaue Messung mittels spezieller Geräte vertrauen. Das Resultat der Messung wird je nach Kamera im Sucher, auf einem LCD-Display oder am Kamera-Display angezeigt.

Lichtwert-Skala

Die Belichtungsmessung wird meist in Form einer Skala dargestellt.

Optimale Belichtung Lichtwert-Skala, ›mittlere‹ Belichtung und ƒ-Stops

Der Nullpunkt ➀ zeigt eine neutrale Belichtung an (Zone 5). Schlägt die Skala in keine Richtung aus, erachtet die Kamera die Belichtungseinstellung für optimal. Die kleinen ­Punkte der Skala markieren die so genannten ƒ-Stops ➁. Diese markieren eine Verdoppelung beziehungsweise Halbierung der Belichtung (also je einen ganzen Lichtwert).

Entspricht die Lichtsituation, die vom Belichtungsmesser gemessen wird, nicht mittlerer Helligkeit, schlägt die Waage in die eine oder andere Richtung aus. Überbelichtung wird durch ›+‹ gekennzeichnet, Unterbelichtung durch ›–‹. Ob positive Werte links oder rechts stehen, ist von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich und lässt sich zum Teil auch konfigurieren.

Unterbelichtet –2LW unterbelichtet

In der Abbildung oben schlägt der Balken um sechs Punkte zum zweiten ƒ-Stop in den negativen Bereich aus ➂. Jeder Punkt unten in der Skala ➃ steht für 1/3 Lichtwert. Ein Ausschlag um zwei ƒ-Stops in den Minus-Bereich zeigt eine Unterbelichtung um –2 Lichtwerte an.

Ueberbelichtet +1/3LW überbelichtet

Die Abbildung zeigt eine leichte Überbelichtung um +1/3Lichtwert an ➃.

Wenn man in einem der automatischen Belichtungsmodi arbeitet, wird die Kamera dafür sorgen, dass die Waage der Skala am Nullpunkt auf mittlere Helligkeit ausbalanciert ist. Wenn man die Belichtung mit Manuell (M) eigenhändig steuert, dann muss man die Einstellungen für Blende und Zeit selbst vornehmen. In der Regel stellt man dann Belichtungszeit und Blende so ein, dass die Waage annähernd ausgeglichen wird.

Beispiel: Um eine Unter­belichtung um –2 Lichtwerte zu korrigieren, wird a) entweder die Blende um +2 (ganze) ­Blendenschritte geöffnet, oder b) die Belichtungszeit vervierfacht, oder c) die Empfindlichkeit vervierfacht. Oder ein Mix aus diesen Möglichkeiten.

Noch ein Beispiel: Um eine Überbelichtung um +1/3LW auszugleichen, muss entweder die Blende um –1/3 Blendenschritt geschlossen, die Zeit um –1/3 verkürzt oder der ISO-Wert um –1/3 ­verringert werden.

Um die Belichtung mit Hilfe der Elektronik der Digitalkamera zu messen, stehen verschiedene Methoden zur Verfügung.

Mittenbetonte Messung

Mittenbetonte messung
Icons mittenbetonte Messung: Canon, Nikon, Olympus, Pentax, Sony

Bei der mittenbetonten Messung wird in der Regel ein Bereich im Zentrum des Bildfeldes zur Berechnung der Helligkeit heran ­gezogen, der meist etwa 75 % des gesamten Bildausschnitts einnimmt. Zwar werden auch Randbereiche mit in die Berechnung aufgenommen, aber die Priorität liegt im Zentrum.

Wie groß der Bereich tatsächlich ist, auf dem die Priorität liegt, unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller und eventuell auch von ­Kamera zu Kamera. Auch in welchem Verhältnis die Gewichtung zwischen Zentrum und Rand verteilt ist, entscheiden die Hersteller nach ­ihren eigenen Vorstellungen.

Während bei anderen Messmethoden das Zentrum der Messung auf dem ausgewählten AF-Messfeld liegen kann, sollte es bei dieser Messmethode immer in der Mitte des Bildfeldes liegen.

Obwohl das Prinzip sehr simpel ist, funktioniert es in der ­Praxis recht gut und ist für die meisten Szenen und Situationen gut ­geeignet.

Spotmessung

Spotmessung Icon
Icons Spotmessung: Canon, Nikon, Olympus, Pentax, Sony

Während bei der mittenbetonten Messung etwa zwei Drittel des Bildausschnitts zur Messung der Helligkeit heran gezogen werden, ist es bei der Spot-Messung lediglich ein mehr oder weniger kleiner Punkt um das ausgewählte AF-Messfeld.

Mittenbetonte messung im Sucher Bei der mittenbetonten Messung wird der Bereich in der Mitte mit höherer Gewichtung in die Berechnung der Belichtung einbezogen, egal welches Messfeld gerade aktiv ist.
Spotmessung im Sucher Bei der Spotmessung wird innerhalb eines kleinen Bereiches um das ausgewählte AF-Messfeld gemessen.

Messmethoden, die wie mittenbetonte oder Mehrfeldmessung den größten Teil des Bildfeldes zur Berechnung der Helligkeit heran ziehen, erreichen eine relativ hohe Trefferquote bei der Ermittlung der optimalen Belichtungseinstellung. Der kleine Punkt, anhand dessen die Spotmessung die Helligkeit ermittelt, führt hingegen überwiegend zu Fehlbelichtungen, wenn man mit dem Spot nicht sehr bewusst und gekonnt arbeitet.

Ich nutze die Spotmessung manchmal im manuellen Belichtungsmodus – vor allem, wenn ich im Freien unterwegs bin. Dann messe ich einmal auf den Himmel . Bei der Messung auf den Himmel darf der Belichtungsmesser ohne Weiteres zwei Drittelschritte in Richtung Überbelichtung aus­schlagen, ohne dass es ­tatsächlich zu einer Überbelichtung in der Aufnahme kommt. Überbelichtung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass ­dadurch Bildbereiche tatsächlich überbelichtet ausfallen – also in reinem Weiß von Zone 10 landen und ausbrechen – sondern, dass ein Bildbereich heller (über)belichtet ist als mittlere Helligkeit.

Spotmessung auf hellen Bereich Spotmessung auf den Himmel

Nach der Messung der Lichter messe ich auch auf die Schatten des Motivs. Diese fallen allerdings während des Tages auch bei bedecktem Himmel oft mehr als zwei Lichtwerte unter­belichtet aus.

Spotmessung auf dunklen Bereich Spotmessung

Hilfreich kann die Spotmessung auch in Situationen mit extremen Kontrasten (zum Beispiel) zwischen Vordergrund und Hintergrund sein.

Meine Kamera erlaubt es die Spotmessung auf eine Sondertaste zu legen. Das hat den Vorteil, dass ich permanent mit der von mir bevorzugten, mittenbetonten Messung arbeiten kann, bei Bedarf aber nur die Funktionstaste drücken brauche, um für einen ­Moment die Spotmessung für einen kleinen Messbereich zu aktivieren. Lasse ich die Funktionstaste wieder los, schaltet die Kamera zurück auf mittenbetonte Messung. Das ist bequemer, als tatsächlich zwischen Spot- und mittenbetonter Messung umschalten zu müssen.

Mehrfeldmessung

Mehrfeldmessung Icon
Icons Mehrfeldmessung: Canon, Nikon, Olympus, Pentax, Sony

Für Einsteiger und Gelegenheitsfotografen ist die Mehrfeldmessung (bei Nikon ›Matrixmessung‹ und bei Olympus ›Digitale ESP-­Messung‹ genannt) die komfortabelste Methode die optimale ­Belichtung ermitteln zu lassen. Bei dieser Messmethode kommt eine ganze Reihe an Messfeldern, verteilt über den ganzen Bildbereich, zum Einsatz. In der Regel ist diese Messung mit einer Datenbank im Speicher der Kamera verknüpft, womit ermittelt werden soll, um welche Art Motiv es sich handelt. Somit kann die Kamera ­natürlich individueller und intelligenter auf Szenen unterschiedlicher Lichtsituationen eingehen.

Dass die Mehrfeldmessung für Einsteiger und Amateure interessant ist, bedeutet nicht unbedingt, dass sie nicht auch von Profis und Semi­profis genutzt wird. Auch wenn ich schätze, dass der über­wiegende Teil der professionellen Fotowelt mit mittenbetonter Messung arbeitet, so weiß ich doch von einigen erfahrenen Fotografen, dass sie die Mehrfeldmessung bevorzugen.

Ich habe einmal den Rat gehört, dass man sich im Großen und Ganzen auf eine Methode konzentrieren soll. Nutzt man immer die gleiche, arbeitet die Kamera immer nach demselben Prinzip, und man entwickelt ein besseres Gefühl für die Resultate. Mir würde kein Grund einfallen, weshalb man ein Mal mittenbetont und ein anderes Mal mit Matrixmessung messen sollte. Also würde ich mich dem Rat anschließen.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
Weitere Informationen und Demokapitel auf der Website des Verlags;
Affilate-Link zum Buch bei Amazon.

Nikon SB-900 Praxisguide

Posted in Fotografie

Cover 2 180x230

Einst war ich ein erklärter Available-Light-Fan und stand Blitzen skeptisch gegenüber. Aber ich denke, das ist normal, wenn man von etwas keine Ahnung hat. Dann habe ich The Hot Shoe Diarys von Joe MacNally gelesen und habe begonnen mich für das Thema zu begeistern. Ich habe verstanden, dass Systemblitze ganz Anderes leisten können, wenn man sie von der Kamera entfernt.

Da Nikon ein hervorragendes Wireless Lighting System in ihren Kameras eingebaut hat und man damit die Systemblitze, die man im Raum oder im Freien verteilt aufgestellt hat, bequem über das Kameramenü einstellen kann, ohne jeden Blitz zu Fuß zu besuchen, macht die Arbeit damit besonders viel Spaß. Außerdem sind Systemblitze ja klein und leicht und man kann sie ganz bequem überall hin mitnehmen. Dabei steckt in dem System mittlerweile so viel Intelligenz und es lässt sich so einfach anwenden, dass man auch als Anfänger sehr rasch zu beeindruckenden Ergebnissen kommt.

Je mehr man von der Sache versteht und sich vorstellen kann, was da abläuft, desto mehr lassen sich die Ergebnisse natürlich bewusst kreativ gestalten. Und wenn am Schluss nicht nur zufällig und dank Elektronik tolle Ergebnisse herauskommen, sondern weil man ganz bewusst Akzente gesetzt und die Lichtsituation systematisch geformt hat, wächst der Spaß noch mehr.

Im Moment habe ich etwas freie Zeit gewonnen und nutze sie unter anderem dazu mein Wissen über entfesseltes Blitzen zu erweitern. Dabei bin ich auch auf das eBook »Nikon SB-900 Praxisguide« von Patrick Ludolph von neunzehn72.de gestoßen.

Für 7 Euro kann man das PDF bestellen und man erhält unmittelbar eine E-Mail mit einem Link um es herunter zu laden. Es ist sehr simpel gestaltet – eine Silbentrennung würde dem Blocksatz gut bekommen – macht aber was es soll: Es bietet einen guten Einblick in die Arbeit, nicht nur mit dem SB-900, sondern generell mit Systemblitzen und entfesselten Blitzen. Anders gesagt: Obwohl absolut auf Nikon und den SB-900 zugeschnitten, kann wohl jeder, der bei Blitzen noch zu den Ein- und Aufsteigern gehört, von dem kleinen PDF-Buch etwas lernen. Umso mehr natürlich, wenn man eine Nikon Kamera und Nikon Blitze hat, mit denen man das gleich ausprobieren kann.

Patrick schreibt sehr klar verständlich und bringt die Dinge gut auf den Punkt. Obwohl ich mich bereits etwas mit der Thematik befasst habe, hatte ich doch den einen und anderen Aha!-Effekt und konnte ein paar gute Tipps mitnehmen.

Über Fotografie

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Steffen Böttchers Buch »Abenteuer Fotografie«, das ich gerade lese, ein Artikel auf knusperfarben.de, Diskussionen über Kunst und Fotografie und die generelle Frage nach meiner eigenen fotografischen Identität, lassen mich darüber nachdenken, was denn ein Fotograf eigentlich ist.

Qualität und Berufung

Auf kusperfarben.de werden Fotografen in Ebenen-Schubladen untergebracht. Ich muss gleich einmal sagen, dass ich den Artikel durchaus mit Wohlwollen gelesen habe. Ich mag differenzierte Meinungen und sie sind mir lieber als Ansichten die sich nach dem Wind richten und im Mainstream verlaufen. Ich respektiere das, auch wenn ich eine andere Ansicht dazu haben mag. In dem Artikel heißt es unter anderem, dass die Qualität (in Deutschland) darunter gelitten hat, dass Fotografie zum freien Gewerbe geworden ist.

Bei uns in Österreich ist Fotografie noch immer ein geschütztes Gewerbe (Anmerkung: 2013 fiel der Gewerbeschutz). Nur ein amtlich anerkannter Fotograf darf fotografische Leistungen verkaufen – ob er nun fotografieren kann oder nicht! Und hier, in unseren Landen, darf noch nicht einmal jeder, der als Fotograf anerkannt ist, Hochzeitsfotograf sein.

Ob das der Qualität hilft? Nach meinem Eindruck nicht. Ich kenne zu viele ausgezeichnete Fotografen, die Autodidakten sind, und habe schon zu viele Bilder von amtlich anerkannten Fotografen gesehen, die lausig waren. Es ist im Grunde wie auch im Grafikdesign.

Grafiker die ihren Beruf einfach als Job von ‘nine to five’ ausüben und sich ab 17:00 mit Sesamstraße, Häkeln, Briefmarken sammeln oder Lokal-Touren befassen, leisten in der Regel an guten Tagen Durchschnittliches. Gute Grafiker mit Layouts die dir die Augen und den Mund aufmachen und ein Boa! und Wow! entlocken, sind besessene Spinner. Leute die sich mit viel Leidenschaft für Gestaltung begeistern. Berufsgrafiker für die ihr Beruf Berufung ist.

Ich glaube das ist in jedem Bereich so. Ein Lehrer der ganz Lehrer ist und nicht nur vom Vormittag zum Nachmittag unterrichtet wird ein besserer Lehrer sein. Ein Koch der auch nach Feierabend noch mit Leidenschaft kocht wird wohl bessere Suppen servieren. Ein Berater der mit Leidenschaft berät wird der bessere Berater sein. Von Sportlern und Musikern wollen wir hier gar nicht anfangen.

Doch um eine Tätigkeit – egal ob fotografieren, gestalten oder kochen – mit Leidenschaft ausführen zu können braucht es keinen Gewerbeschein. Und auch anders herum: Mir wäre nicht bekannt, dass man für den Erwerb einer Gewerbeberechtigung Leidenschaft vorweisen müsste. In der Regel reicht es doch Ausbildungszeit abzusitzen und bei einer Prüfung durchzukommen.

Dass eine Gewerberegelung die Qualität verbessert kann ich nicht glauben. Ein Auftraggeber der seine Aufträge davon abhängig macht ob eine Gewerbeberechtigung vorhanden ist oder nicht, ob der Fotograf in einem Berufsverband ist oder nicht, kann sich wohl kaum beschweren sollten die Ergebnisse nicht das Gelbe vom Ei sein. Vielmehr sollte er sich Referenzen des Fotografen ansehen und entscheiden ob ihm Stil und Qualitätsanmutung zusagen. Das sehe ich fürs Grafikdesign genau so.

Aber wir wissen ja wo oft das Entscheidungskriterium hängt: Am Preis! Und wenn das auf Kosten der Qualität geht sollte es einen auch nicht wundern.

Anders gesagt: Es sollte am Ende die Qualität sein die entscheidet. Und die wird nicht durch Gewerbescheine bestätigt sondern allein durch Referenzen.

Von Förstern und Fischern

Als Grafikdesigner ärgert es mich besonders, dass ich in Österreich keine fotografischen Leistungen anbieten kann. Denn Grafikdesign ist kein geschütztes Gewerbe. So darf also der Fotograf grafische Leistungen verkaufen – ob er dazu fähig ist oder nicht –, aber ich Grafiker darf keine fotografischen Leistungen in Rechnung stellen – ob ich fotografieren kann oder nicht. Das heißt der Förster darf in meinem Teich fischen, aber wenn ich im Wald einen Bock schieße nennt ich das wildern (ok, die Böcke brauchen sich nicht zu fürchten: Ich bin Vegetarier).

Der Nabel der Welt

Profession und Berufung sind aber nur die eine Seite der Medaille, die mich nachdenklich stimmt und über die ich mich regelmäßig echauffieren kann. Die andere Seite ist die Wichtigkeit, mit der sich Kreative und Gestalter gerne nehmen. Man starrt sich voller Ehrfurcht auf den eigene Nabel und hält ihn für den Mittelpunkt der Welt. Damit meine ich nicht unbedingt Selbstverliebtheit in die eigene Arbeit – obwohl das bei besonders egozentrischen Subjekten durchaus der Fall ist – sondern viel mehr die Bedeutung, die man dem Bereich, in dem man tätig ist, beimisst.

Als erstes fallen mir dazu Architekten ein. Als außenstehender Beobachter habe ich den Eindruck diese Profession halte sich oft für den Architekten der Welt und der Gesellschaft, nicht nur von Gebäuden. Wer dann in ihren Werken leben und arbeiten muss und in der Praxis alltäglich gegen die Ecken und Kanten der genialen Entwürfe rennt und Kritik äußert ist nichts anderes als ein unverständiger Banause.

Grafiker sind da nicht anders. Grafikdesign wird nicht selten zum Allerwichtigsten. Botschaften, die man transportieren soll, und Produkte, die man verpacken, oder für die man werben soll, sind doch eher lästiges Beigemüse. Was zählt ist vor allem das ultimative Design.

Ebenso habe ich schon Kommentare von Werbern – auch Kreative – gehört und gelesen, die ihre Branche als Mittelpunkt des Marktes verstehen und behaupten, Werbung wäre der Motor der Wirtschaft.

Und auch Fotografen fallen in den Topf jener, die sich sehr wichtig nehmenden. Im Mittelpunkt steht vor allem die Genialität kreativer Einfälle und vielleicht die Qualität der handwerklichen Umsetzung.

So wichtig sind unsere Ergüsse, dass sich keiner darüber befremdet, dass grafische Werke und Fotografien für Millionen gehandelt werden, während Menschenleben nicht einmal einen Euro wert sind. Ganz im Gegenteil: Um ein paar Euro kann man locker einen Menschen opfern. Schließlich lässt sich die verdiente Kohle ja in Kunst investieren. Gut angelegtes Geld.

Entweder ist unsere Welt abartig, oder ich bin es, wenn ich das pervers finde und nicht nachvollziehen kann.

Boa. Jetzt kommt der auch noch mit der Moral-Keule, mag manch Leser jetzt denken. Aber der Blick auf das Ganze relativiert etwas die Bedeutung der Details. Eine zu starke Fokussierung auf einen bestimmten Bereich kann man auch als engstirnig bezeichnen. Scheuklappen haben noch nie zu einem objektiv weiten Horizont verholfen.

Die schönste Nebensache der Welt

Nein ich spreche jetzt nicht von Sex. Sex ist keine Nebensache. Für mich ist Gestaltung die schönste und wichtigste Nebensache der Welt. Ich liebe Gestaltung und manchmal kann mich ein perfekt geschwungener Bogen vor Begeisterung beinahe zu tränen rühren – ohne Scheiß jetzt!

Aber Gestaltung bleibt Nebensache.

Gestaltung ist inso fern von großer Bedeutung, dass sie unser Leben mit Schönheit und Ästhetik bereichern kann. Ästhetik ist ein wichtiges Gewürz für unsere Augen. Es ist quasi das Salz in unserer visuellen Suppe. Aber nicht das einzelne Salzkorn ist von Bedeutung, sondern Salz an sich. Man darf ein Salzkorn also nicht überbewerten. Satt würden wir auch ohne.

Oder ziehen wir eine Analogie zur Natur. Auch sie ist wichtig. Um vieles wichtiger als Gestaltung. Als Architektur. Als perfekt designte Werbung. Und als Fotografie. Aber auch sie ist vor allem als Ganzheit von Bedeutung. Eine blühende Blume, ein kraftvoller Hengst, eine schleichende Katze, Nebelfelder, herbstliche Wälder und fallende Blätter bereichern Momente unseres Lebens. Aber die Blume wird spätestens im Herbst verwelkt sein. Dann werden neue Blumen kommen und neue Augenblicke bereichern.

Genau so sehe ich Design, Architektur und Fotografie – auch wenn vielleicht nicht alles dieselbe Halbwertszeit hat. Beinahe alle Fotografien, so toll sie auch gemacht sein mögen, werden in einigen Jahren vergessen sein. Selbst die, über die man noch nach Jahrzehnten spricht, finden nur deshalb Beachtung, weil sie mit einem Fotografen verbunden sind, dessen Name zu Berühmtheit gelangt ist, oder weil sie einen historischen Moment zeigen.

Wir Menschen arbeiten hart daran uns vom Erdboden verschwinden zu lassen oder uns zumindest zurück in die Höhlen zu treiben. Es mag noch Jahrhunderte, Jahrtausende oder aber auch nur Jahrzehnte dauern. Danach wischt sich mit heutigen Kunstwerken bestenfalls der Höhlenmensch seinen Hintern.

Und wenn die Erde eines Tages ›paff‹ macht lösen sich auch monumentale Baukunstwerke in Sand, Partikel und Atome auf.

Extrem gezeichnet? Wie gesagt: Der Blick aufs Ganze relativiert die Bedeutung des Details. Das Weltall besteht seit Milliarden von Jahren. Die Erde seit ein paar Millionen (oder so). Der Mensch seit einigen Tausend. Alles, außer dem Menschen, wird nach uns wahrscheinlich noch ein paar Milliarden Jährchen halten. Vor diesen Relationen wird selbst die Mona Lisa zum Furz in der Unendlichkeit.

Fotos sind wichtig und von großer Bedeutung. Für den Moment. Für diesen und vielleicht noch viele in der Zukunft. Immer dann, wenn wir uns an ihnen erfreuen. Aber man sollte dem Foto und der Fotografie nicht zu viel Bedeutung beimessen. Man sollte das alles etwas lockerer und im passenden Maßstab sehen. Nicht so ernst.

Fotografen sind Dienstleute

Interessant finde ich, dass geistig und akustisch Kreative, ihre Bedeutung nicht ganz so zu überschätzen scheinen, wie visuell Kreative. Mir scheint, dass sich Musiker, zum Beispiel, bei weitem nicht so wichtig nehmen, wie Architekten. Dabei erreichen sie eine um ein Vielfaches größere Öffentlichkeit. Und ich will hier einmal ganz frech unterstellen, dass die Beatles mehr ‘impact’ auf unsere Gesellschaft hatten, als irgendein Architekt, Fotograf oder Grafikdesigner. Nun ja: John Lennon war vielleicht auch nicht ganz bescheiden, als er behauptete die Beatles wären größer als Jesus.

Kurt Weidemann sagte einst »Typografen sind Dienstleute«. Ich habe mich als Grafiker immer nach diesem Motto verstanden. Ich habe meine Arbeit nie besonders wichtig genommen. Das darf nicht falsch verstanden werden: Für mich gehört Gestaltung zu den wichtigsten Dingen in meinem Leben. Ohne Gestaltung fehlte mir nicht nur das Salz, sondern die ganze Suppe in der ich schwimme. Doch was für mich Essenziell ist muss nicht unbedingt das Zentrum des Weltalls sein.

Grafikdesign, und die Werbung, für die ich selbst viel gestalte, ist letzten Endes nur Beigemüse. Produkte verkaufen sich nicht vor allem wegen der Werbung und ihrer Gestaltung. Produkte verkaufen sich über Qualität, Quantität, Kundennutzen, Preis und Vertriebskanäle. Und, ob sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Werbung und Gestaltung kann bestenfalls Zünglein an der Waage sein. Ein bisschen Zusatzdrive, der es einem Produkt ermöglicht ein vergleichbares Konkurrenzprodukt zu überholen. Dieser kleine Vorteil kann oft entscheidend sein. Aber Werbung und Gestaltung sind eben nicht der Hauptgrund für den Erfolg eines Produkts.

Schon richtig. Mit ordentlich Werbemasse und massiver Präsenz kann ein Produkt auch auf dem Markt gepuscht werden. Aber dann ist es meist eher die Masse der Finanzmittel, die es anschiebt, und nicht die Kreativität und die Gestaltung der Werber.

Und was hat das mit Fotografie zu tun?

Es hat vor allem mit mir zu tun. Als gelernter und besessener Grafikdesigner kann ich aus keinem anderen Blickwinkel, als der Perspektive eines Grafikers, über Fotografie nachdenken und philosophieren. Auch Fotografen sind Dienstleute. Auftragsfotografen stehen im Dienst ihrer Auftraggeber.

Auch wer nicht beruflich fotografiert, steht im Dienst. Im Dienst der Betrachter seiner Bilder. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten. Schließlich fotografiert man ja nicht zuletzt auch dafür, die Resultate her zu zeigen.

Es ist natürlich auch nicht verwerflich zu sagen »Ich fotografiere nur für mich alleine. Was Andere davon halten ist mir Wurst.« Das ist zwar irgendwie Selbstbefriedigung (also durchaus mit Onanieren zu vergleichen und onanieren ist ja nichts ›Böses‹), aber durchaus legitim. Nur muss ich dann die Resultate nicht unbedingt zur Schau stellen und mich mit meiner eigenen Philosophie über die Werke anderer Fotografen her machen. Ersteres wäre dann ein bisschen wie Exhibitionismus, nach dem Motto: Ich habe hier zwar ein verschrumpeltes kleines Teil aber ihr schaut euch das jetzt gefälligst an, ob ihr wollt oder nicht.

Von Zen und Wabi Sabi

Ich selbst fotografiere vor allem aus Spaß an der Freude. Und weil ich diese Leidenschaft gut auch für meinen Lebensunterhalt nutzen kann. Wenn schon nicht als Auftragsfotograf (hier in unserer schönen Alpenrepublik), so zumindest für meine Bücher über Photoshop, Gestaltung und Fotografie. (Eigentlich lustig: Ich darf zwar keine Foto-Aufträge annehmen, aber ich darf Fotografie unterrichten.)

Mein Ziel ist immer auch, dass ich mit meinen Bildern auch einen Betrachter erreiche. Ich möchte, dass er das sieht, was ich gesehen habe. Dass er die Schönheit auch alltäglicher Dinge so sieht, wie ich sie im Moment wahrnehme. Ich möchte, dass ein Betrachter die Schönheit in einer Person erkennt, die nicht dem Mainstream visueller Medien entspricht und die nicht mit Farbe, Styling und Photoshop auf Perfektion getrimmt ist (womit ich jetzt wiederum keine Kritik an der Fashion & Beauty Fotografie üben will – auch sie kann mich begeistern).

Egal was ich fotografiere; für mich zählt dabei etwas, das ich als Wabi Sabi verstehe. Wabi Sabi ist eine japanische Philosophie, die die Schönheit im Alltäglichen, auch Gebrauchten, verehrt. Es geht davon aus, dass die Dinge erst mit der Zeit – wenn man ihnen den Gebrauch, ihre Geschichte, den Zahn der Zeit, ansieht – zu wahrer Schönheit erwachen.

Es ist so ungefähr das Gegenteil von unserem westlichen Wahn alles möglichst neu und unversehrt zu behalten. Ein Wahn, der viele einen Kratzer im iPhone oder im neuen Wagen empfinden lässt, als hätte man sie selbst tief ins Fleisch geschnitten . Ein Wahn, weswegen viele Leute die hässlichen Folienüberzüge, mit denen ihre elektronischen Gadgets geliefert werden, auf den glatten Flächen lassen. Auch wenn das tausendmal hässlicher aussieht, als ein natürlicher Kratzer.

Mir geht es darum die Dinge so zu fotografieren, wie sie sind, oder besser gesagt, so, wie ich sie sehe. Ohne sie maßgeblich zu manipulieren. Egal ob Menschen, Tiere, Dinge, Landschaften oder was auch immer. Auch ich greife natürlich gelegentlich ein und schiebe ein Blatt zur Seite um eine bessere Perspektive auf eine Blüte zu erhalten. Ich retuschiere auch Stromleitungen aus Landschaftsaufnahmen. Ich sage zu Modellen auch, nimm doch die Hand einmal dahin und richte die Augen dorthin.

Am Ende bin ich aber vor allem Beobachter, der in der Tätigkeit des Fotografierens versinken kann. Auch wenn ich dabei nicht mehr daran denke, ist dann vor allem der Weg das Ziel. Es ist wohl ein bisschen wie Zen. Wir können es auch westlicher als ›Flow‹ bezeichnen.

Den Spaß ernst nehmen, aber nicht für zu wichtig

Und dabei bin ich dann dabei angekommen, was Fotografie für mich ist: Eine Tätigkeit, die den Fotografen erfüllen, eventuellen Modellen Freude (und im professionellen Bereich auch Geld) bringen und dem Betrachter etwas geben soll. Das ist ungeheuer wichtig und ich nehme das ernst! Doch die Fotografie im übergeordneten Kontext und das einzelne Foto im untergeordneten, sollte man nicht zu ernst nehmen. Es ist wie mit der schönsten Blüte des Sommers: Spätestens im Herbst wird sie wieder verblüht sein.

3.8. Belichtungszeit und ISO-Empfindlichkeit

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Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Ziehen wir zum Einstieg in die praktischen Einstellungen zur Belichtung einmal ein Zwischenfazit. Wir haben bereits Eingangs ­definiert, dass die wesentlichen Faktoren der Belichtung das vorhandene Umgebungslicht, die Blendenöffnung, die Empfindlichkeit des Bildsensors und die Belichtungszeit sind.

Das Umgebungslicht ist ein Faktor, der sich oft nicht aus­reichend kontrollieren lässt, so lange man die Lichtsituation nicht mit Blitzen beeinflussen oder zu einem anderen Zeitpunkt an den Ort zurück­kehren möchte.

Nutzen wir die Blende um nach dem System der ›Vier Schritte‹ die Schärfentiefe kreativ zu beeinflussen, können wir die Blendenöffnung nicht mehr nutzen, um auf die Intensität des Umgebungslichts zu reagieren. Es bleiben dem Fotografen also zwei Stellschrauben, um eine optimale Belichtung zu erzielen: Die ISO-Empfindlichkeit und die Dauer der Belichtung. Beides unterliegt Einschränkungen. So lässt sich die Belichtungszeit nicht beliebig ausdehnen, so lange man aus freier Hand, und nicht mit einem ­Stativ fotografieren möchte. Sie sollte kürzer sein als der Kehrwert der Blende. Bleibt im Moment die ISO-Empfindlichkeit.

ISO-Empfindlichkeit des Bildsensors

Als wir uns zuerst über die Blende unterhalten haben, habe ich Ihnen die bekannte ›Wasserglas-Metapher‹ vorgestellt und anschließend meine Variation davon, die ›Regen und Trichter‹-Metapher, erklärt. Die Wasserglas-Metapher erklärt den Zusammenhang zwischen Blendenöffnung und Belichtungszeit. Die Regen und Trichter Metapher bringt Zeit und Blendenöffnung in Verbindung mit dem Umgebungslicht. Was uns nun als vierte ­Dimension zu Licht, Blende und Zeit als Stellschraube noch fehlt, ist die ISO-Empfindlichkeit.

Als flexible Variable ist die ISO-Empfindlichkeit noch relativ jung. In der analogen Fotografie lässt sich die ISO-Empfindlichkeit ­lediglich ändern, indem man den Film wechselt. Erst die Einführung von Bildsensoren als Aufnahmemedium macht es möglich, den ISO-Wert durch eine Einstellung der Kamera zu ändern.

Zu Beginn der Digitalfotografie war der erreichbare Spielraum noch gering. Ausgehend von einem Basiswert von ISO100, bei dem die meisten Digitalkameras eine optimale Abbildungsleistung er­reichen, stieg das so genannte Bildrauschen durch Anheben der Empfindlichkeit sprunghaft an. Werte ab und jenseits von ISO800 führten auch bei hochwertigen Kameras zu absolut inakzeptablen Störungen in den Aufnahmen. Deshalb musste es heißen: Die ISO-Empfindlichkeit sollte so gering wie möglich eingestellt werden.

Mittlerweile geben sich Kameras mit mittleren und großen Bildsensoren bereits bis in den Bereich von ISO800 und darüber hinaus kaum mehr Schwächen im Rauschverhalten, und sogar Kompaktkameras liefern bei ISO 800 durchaus akzeptable Resultate.

Um zu illustrieren, was die ISO-Empfindlichkeit ist, habe ich noch einmal eine Metapher mit Wasserglas und Regen heran gezogen. Allerdings lasse ich den Trichter als Stellvertreter für die Blendenöffnung weg.

Viel Umgebungslicht | Bei dichtem Regen kann ich auch mit ­einem Glas mit schmalem Durchmesser in kurzer Zeit genug Wasser ­sammeln, um es rasch zu füllen. Genau so kann ich bei ausreichendem Umgebungslicht mein Sammelbecken (der Bildsensor) rasch bis zur optimalen Belichtung füllen.

Viel Licht Viel Regen. Das Glas füllt sich trotz geringer Aufnahmefähigkeit (schmaler Form) rasch.

Ist die Niederschlagsmenge hingegen gering, dauert es viel länger, bis das Glas mit einem kleinen Durchmesser ausreichend voll ist.

Wenig Licht Bei geringem Regen dauert es natürlich länger das Glas voll zu bekommen.

Genau so dauert es bei geringem Umgebungslicht ­länger, bis der Sensor mit genug Licht für eine ausreichende Belichtung ­gefüllt ist.
Nun kann man aber durch Erhöhung der Empfindlichkeit die Fähigkeit des Sensors erhöhen Licht auszubeuten. Das ist etwa so, als würde man den Durchmesser des Wasserglases erhöhen und gleichzeitig die Höhe reduzieren. Das Volumen bleibt identisch, aber der Regen sammelt sich schneller, und das Glas ist schneller voll.

Wenig Licht mehr ISO Erweitert man die Aufnahmefähigkeit des Glases – in der Metapher, indem man den Durchmesser bei gleichbleibendem Volumen erweitert – kommt man ebenfalls wieder rasch zur gewünschten Füllmenge.

Sensorformat, Lichtausbeute und Rauschverhalten | Das Problem dabei: Je mehr man die Lichtausbeute des Bildsensors unter Strom stellt, um auch bei schwachem Umgebungslicht kurze Belichtungszeiten zu erreichen, desto mehr entstehen ­Störungen, die sich im Bild als Rauschen bemerkbar machen – man spricht vom Bildrauschen.

Größere Bildsensoren, wie Sie in System- und Spiegelreflexkameras in der Regel verbaut werden, haben bei gleich viel lichtempfindlichen Punkten (Sensorpixel) eine größere Fläche pro Pixel zur Verfügung. Sie können Licht effizienter einsammeln und liegen nicht so dicht neben ihren Nachbarn. Sie stören sich dadurch von Grund auf weniger gegenseitig was zu weniger Rauschen führt. Vereinfacht ausgedrückt.

Ein Pixel auf einem Bildsensor mit 12 Millionen Pixeln (12 Megapixel) auf einem Kleinbild-Sensor, im ­Format 36×24 mm, ist um ein vielfaches größer als ein Pixel auf einem Minisensor, im Format 7,3×5,7 mm, in einer Kompaktkamera mit 12 Megapixel. Das heißt auch, je größer der Sensor, desto größer die Sensorpixel, desto besser die Lichtausbeute und desto geringer das Bildrauschen.

Bildrauschen

Als Rauschen bezeichnet man eine körnige Struktur aus helleren und dunkleren Pixeln in Digitalbildern. Minimales Rauschen wird jedes Digitalbild aufweisen. Man kann es unter guten Bedingungen für die Belichtung allerdings so gering halten, dass es nicht zu erkennen ist. Wie stark eine Kamera dazu neigt unter bestimmten Bedingungen Rauschen zu produzieren, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Sensorformat | Zum Ersten, wie eben erwähnt, von der Größe des Sensors. Je kleiner der Bildsensor, desto anfälliger ist er für Bild­rauschen.

Belichtungszeit | Zum Zweiten von der Belichtungszeit: Je länger belichtet wird, desto mehr Rauschen entsteht. Das liegt vor allem daran, dass sich die Sensoren bei der Belichtung erhitzen und mehr Wärmet mehr Störungen produzier.

Helligkeit | Drittens zeigt sich das Rauschen vor allem in dunklen Bildbereichen und Schatten. Das heißt, bei Motiven mit großen und sehr dunklen Bereichen wird das Rauschen eher zum Problem als bei so genannten High-key-Bildern.

Qualität des Bildsensors | Last but not least: Die Qualität des ­Sensors. Hochwertigere (und leider auch teurere) Kameras be­inhalten bessere Sensoren und sollten weniger zum Rauschen neigen.

Rauschen im Bild |Die letzten Abbildungen unten zeigen eine Aufnahme, die mit einer Kompaktkamera bei ISO800 aufgenommen worden ist und einen vergrößerten Ausschnitt daraus. Ich persönlich finde, dass Rauschen manchen Bildern durchaus ­einen intimen Charme verleihen kann. Umso mehr, wenn die Bilder schwarzweiß entwickelt werden.

Bild
Diese Aufnahme zeigt, dass moderne Kompaktkameras heute in der Lage sind auch bei ISO800 noch gute Fotos zu produzieren.
Bildrauschen In der Vergrößerung ist das Rauschen allerdings deutlich zu erkennen. Neben der körnigen Struktur als die Rauschen zu sehen ist, hat es auch die negative Auswirkung Schärfe zu reduzieren.
Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
Weitere Informationen und Demokapitel auf der Website des Verlags;
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