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Fotografische Theorie und Praxis

Mein Artikel über »Schärfentiefe und Abbildungsmaßstab« scheint für etwas Aufmerksamkeit und Diskussionsstoff gesorgt zu haben. Das merke ich nicht nur an Nachrichten die mich direkt erreichen, sondern auch an dem was in Foren darüber diskutiert wird, wenn ich eingehenden Links folge.

Was mich überrascht, ist, wie sehr manche Leute an der Theorie festhalten, auch wenn die Praxis etwas anderes zu sagen scheint. Sehen wir uns dazu noch einmal zwei Beispiele aus dem oben genannten Artikel an.

Der Fotograf weiß, dass er über die Brennweite Perspektive und Tiefenstaffelung gestalten kann. Der Theoretiker widerspricht und behauptet, dass das falsch ist. Die Brennweite habe keinen Einfluss auf die Tiefenstaffelung, dass man mit ihr die Tiefenwirkung verdichten könne sei Unsinn.

Damit hat er zunächst einmal recht: Eine längere Brennweite verengt lediglich den Bildausschnitt und ändert nichts an Perspektive und Tiefenwirkung. Verkürzt man die Brennweite erhält man einen weiteren Ausschnitt, auch das bei gleicher Perspektive und Dichte. Die Theorie erweist sich auch in der Praxis als korrekt – das kann jeder überprüfen (und ich kann nur empfehlen Theorie zu überprüfen, bevor man für sie auf die Barrikaden steigt).

Der Praktiker aber weiß, dass Perspektive aus dem Zusammenspiel von Brennweite und Distanz entsteht. Wenn ich die Distanz vergrößere und Brennweite verlängere, dann verdichtet sich die Perspektive für jeden sichtbar. Die folgenden Abbildungen zeigen das deutlich.

weitwinkel
Brennweite 14mm (28mm KB), Blende ƒ5.6, Abstand ca. 0,5m
tele
Brennweite 150mm (300mm KB), Blende ƒ5.6, Abstand ca. 1,5m

Der Denkfehler vieler Theoretiker scheint mir, dass sie theoretisch korrekte Merksätze generalisieren. Tatsächlich sind Merksätze in der Regel an bestimmte Bedingungen geknüpft. Ändert sich der Kontext, hat das meist auch Auswirkungen auf das Resultat.

Die Aussage, »die Veränderung der Brennweite hat keinen Einfluss auf die Perspektive«, ist korrekt, so lange ich alle anderen Parameter (Distanz und Sensorformat) unverändert lasse. Die Aussage, »die Brennweite hat keinesfalls Einfluss auf die Perspektive«, ist falsch. Ändere ich zusammen mit der Brennweite auch die Distanz (und/oder das Aufnahmeformat), ändert sich die Perspektive. Das belegen die Abbildungen oben und jeder Fotograf wird das wissen und in der Praxis gezielt nutzen.

Nun wurde nicht nur meine Aussage zur Tiefenstaffelung bekritelt, sondern auch meine Schlüsse zur Schärfentiefe.

Die Theorie besagt, dass die Schärfentiefe nicht von der Brennweite, sondern lediglich von Abbildungsmaßstab und Blende abhänge. Dieser Merksatz war Auslöser für den angesprochenen Artikel. Nehmen wir ihn wörtlich, würde das heißen, dass eine längere Brennweite nicht zu einem unschärferen Hintergrund führt. Jeder Fotograf weiß jedoch aus der Praxis, dass man mit Tele deutlich besser freistellen kann als mit Weitwinkel – wer das noch nie erlebt hat fotografiere einmal mit einem Nikon 200mm ƒ2.0!

Ein Selbstversuch belegt: Wird ein Objekt bei jeweils unterschiedlicher Brennweite und Distanz im selben Abbildungsmaßstab fotografiert, ist die Unschärfe der Elemente im Hintergrund praktisch identisch.

Allerdings wird das nur bei genauer Analyse der Aufnahme deutlich, denn die größere Entfernung bei längerer Brennweite führt dazu, dass der Hintergrund näher rückt. Die Verdichtung der Tiefenstaffelung vergrößert den Hintergrund. Analog zum Hintergrund wird die Unschärfe mit vergrößert. Obwohl sie im Verhältnis zu den Elementen des Hintergrunds gleich ist wie bei kurzer Brennweite, wird sie durch die Vergrößerung auch größer wiedergegeben. Anders gesagt: Im Verhältnis zu den Elementen auf einer Ebene im Hintergrund ist die Unschärfe unverändert, im Verhältnis zum Element im Vordergrund jedoch ist sie größer. Und das ist eben der Effekt den man meint, wenn man behauptet man könne mit längeren Brennweite besser freistellen.

Dasselbe gilt übrigens auch für das Sensorformat. Tatsächlich ändert auch das Sensorformat lediglich den Bildausschnitt. Doch im Kontext der verschiedenen Parameter die in der Fotografie zusammenspielen ergibt sich der praktische Effekt, dass ich umso größere Schärfentiefe erhalte, je kleiner der Sensor ist. Absurderweise scheinen manchmal genau die zu widersprechen, dass das Sensorformat Einfluss auf die Schärfentiefe haben, die auf Vollformat schwören, weil man damit mehr Bokeh erhalte (noch einmal: ich weiß um die theoretischen Hintergründe und Zusammenhänge, doch was für mich zählt sind die praktischen Auswirkungen).

Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn man versucht theoretische Grundsätze 1:1 auf die Praxis zu übertragen: Theorie baut oft auf idealen Bedingungen auf. Ideale Bedingungen kommen in der Praxis meist nicht vor. Man braucht diese idealen Annahmen aber um eine Basis für eine Theorie zu schaffen – ein Beispiel bietet der sogenannte schwarze Körper an der sich die Farbtemperatur Kelvin orientiert (diesen Körper gibt es nicht, er ist ein theoretisches Konstrukt). Manchmal sind ideale Bedingungen auch Annahmen die etwas vereinfachen, weil die Realität zu komplex ist um sie theoretisch zu erfassen.

Ich kann nur noch einmal den Rat wiederholen, theoretische Grundlagen im Selbststudium in der Praxis zu überprüfen – vor allem bevor man versucht andere zu bekehren. Es hilft nicht nur Fehlschlüssen auf die Spur zu kommen und zu verstehen was die Theorie für die Praxis bedeutet, sondern auch die praktische Relevanz theoretischer Grundlagen zu erforschen.

Eine gute Basis für fundiertes theoretisches Wissen bildet ein PDF das von Carl Zeiss verbreitet wird. Darin werden die Zusammenhänge von Schärfentiefe, Abbildungsmaßstab, Brennweite, etc. vom Experten sehr ausführlich erklärt und zwar so, dass auch ein optisches Greenhorn wie ich es versteht.

Nicht, dass ich das unbedingt jedem empfehlen möchte der einfach nur fotografieren will.

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Über Schärfentiefe und Bokeh

Die meisten Rückmeldungen zu meinem Blog und seinen Artikeln sind positiv und wohlwollend. Gelegentlich gibt es Kritik und manchmal ist sie gerechtfertigt. Auch wenn ich mich bemühe gründlich zu recherchieren bevor ich Betrachtungen und Behauptungen verbreite, unterliege ich schon einmal Fehlschlüssen, Irrtümern, Vorurteilen oder sitze falschen Behauptungen anderswo auf. Auf einen Fehler hingewiesen zu werden ist mir nicht unbedingt angenehm aber willkommen – das letzte was ich möchte ist an falschen Ansichten festhalten.

Natürlich ist nicht jede Kritik fundiert und gerechtfertigt und Manchen gelingt es nicht Kritik höflich zu formulieren. So erreichte mich beispielsweise dieser Tage das Mail eines »Kollegen« der sich über meinen Artikel »Schärfentiefe und Abbildungsmaßstab« ausließ und ihn mehr oder weniger durchwegs als Unsinn bezeichnete.

Es ist nicht sinnvoll hier auf die in meinen Augen etwas wirren Behauptungen zu Schärfentiefe und Bokeh einzugehen, doch ein Anlass einmal meine Position zu Theorie und Praxis in der Fotografie zu definieren: Mein Interesse gilt allein der Praxis. Die Theorie interessiert mich soweit, wie sie für die Praxis relevant ist. In der Theorie gibt es Konstruktionen die in der Praxis niemals auftreten.

Natürlich muss sich jeder Fotograf bis zu einem gewissen Punkt mit theoretischen Themen befassen und für mich als Autor und Trainer gilt das umso mehr. Allerdings ist mir wichtig, dass ich mein Wissen so vermittle, dass es verständlich bleibt, auch wenn ich dazu Vereinfachungen und Abkürzungen verwenden muss, die dem Theoretiker die Haare zu Berge stehen lassen.

Viele Theoretiker scheinen dermaßen in der Theorie verhaftet zu sein, dass sie den Blick für die praktische Relevanz oft verlieren. Außerdem kenne ich nur wenige, denen es gelingt ihr Wissen so zu vermitteln, dass sie von Leuten mit weniger Expertise verstanden werden. Oft habe ich das Gefühl, dass manch Experte aus Eigendefinition selbst nicht versteht was er von sich gibt, bei einigen Kommentaren die mich bis heute erreicht haben war das mehr als offensichtlich – eine Diskussion ist dann meist vergebene Liebesmüh.

Den Besuchern meines Blogs sei gesagt, dass sie an der richtigen Stelle sind, wenn sie einfache Erklärungen für die Praxis suchen. Wer vor allem an theoretischen Aspekten interessier ist, für den bin ich sicher nicht die richtige Anlaufstelle.

Ein Verständnis der optischen Phänomene die hinter meinem Artikel über Schärfentiefe und Abbildungsmaßstab  stehen findet sich in einem PDF das bei Carl Zeiss veröffentlicht wurde – wer an optischer Theorie interessiert ist, dem sei die Lektüre empfohlen. Interessant ist das PDF vor allem »… für diejenigen, die Freude haben an der Schönheit mathematischer Zusammenhänge …« haben – um eine Passage daraus zu zitieren (wobei sich die Anzahl mathematischer Formeln glücklicherweise in Grenzen hält). Allen anderen empfehle ich sich mehr an der Praxis zu orientieren und sie vor allem zu üben.

Persönlich habe ich mir übrigens angewöhnt Theorien nicht einfach zu übernehmen, sondern sie anhand praktischer Versuche zu überprüfen. Eine Theorie die ich durch praktische Selbstversuche nicht bestätigt sehe verwerfe ich – nicht als falsch, sondern als irrelevant!

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Schärfentiefe und Abbildungsmaßstab

An verschiedenen Stellen in meinem Blog steht zu lesen, dass die Brennweite die Schärfentiefe beeinflusst: Je länger die Brennweite desto geringer die Schärfentiefe. Nicht zum ersten Mal wurde ich vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass die Brennweite keinen Einfluss auf die Schärfentiefe habe sondern lediglich Abbildungsmaßstab und Blende dazu beitrügen.

Die Anmerkung ist theoretisch so richtig wie praktisch falsch. Um den Denkfehler zu demonstrieren habe ich mir von meinem freundlichen Fachhändler ein Objektiv mit großem Brennweitenumfang ausgeborgt – einmal mehr gilt mein Dank Foto Hebenstreit für die Unterstützung. Natürlich hätte ich auch zwei meiner Objektive nehmen können, doch ich wollte verhindern, dass mir jemand vorwerfen kann die verschiedenen Linsen hätten die Ergebnisse verfälscht.

Im ersten Aufbau habe ich einen Textmarker etwa einen halben Meter vor meinem Bücherregal aufgehängt, und dann einmal bei 14mm aus geringer und einmal bei 150mm aus größerer Distanz abgelichtet.

weitwinkel
Brennweite 14mm (28mm KB), Blende ƒ5.6
tele
Brennweite 150mm (300mm KB), Blende ƒ5.6

Ich kann mir nicht helfen, doch bei der Aufnahme mit langer Brennweite wirkt die Schärfentiefe bedeutend geringer als bei jener mit kurzer Brennweite.

Theoretisch stimmt es zwar, dass die Schärfe des Hintergrunds bei beiden Aufnahmen praktisch gleich ist. Doch während das Weitwinkel den Hintergrund in die Tiefe rücken lässt und einen bedeutend größeren Ausschnitt abbildet, während mit Tele der Hintergrund an das fokussierte Objekt heranrückt und größer abgebildet wird, ist der praktische Effekt jener einer geringeren Schärfentiefe.

Um das zu verdeutlichen habe ich in den beiden Aufnahmen einen etwa gleichen Ausschnitt markiert und auf ihn zugeschnitten und dann auf die gleiche Größe gebracht. Der Vergleich der beiden Aufnahmen zeigt, dass die Unschärfe des Hintergrunds tatsächlich identisch ist.

weitwinkel-ausschnitt
Ausschnitt aus der Weitwinkelaufnahme
tele-ausschnitt
Ausschnitt aus der Teleaufnahme

Wie ihr seht ist der Unterschied in der Unschärfe des Hintergrunds marginal, und dass überhaupt ein Unterschied sichtbar ist liegt an der mangelnden Präzision meines Versuchsaufbaus. Dennoch zeigt sich: Die Theorie, dass die Schärfe des Hintergrunds bei identischem Abbildungsmaßstabs des fokussierten Objekts im Vordergrund korrekt ist.

Praktisch jedoch führt die Verdichtung durch das Tele dazu, dass der Hintergrund näher rückt und seine Elemente mitsamt ihrer Unschärfe vergrößert abgebildet werden.

Der Ausschnitt aus der Weitwinkelaufnahme ist eine 1:1 Abbildung und hat eine Höhe und Breie von 474 Pixel. Der Ausschnitt aus der Teleaufnahme hingegen ist eine Verkleinerung – ich habe ihn auf die gleiche Größe wie den Weitwinkelausschnitt hinunter gerechnet. Vor dem Hinunterrechnen hatte er eine Höhe und Breite von 1554 Pixel. Das heißt die effektive Unschärfe war mehr als drei Mal so hoch wie bei der Weitwinkelaufnahme.

Theoretisch ist es also richtig, dass die Unschärfe der Elemente im Hintergrund identisch ist. Praktisch jedoch ist die Unschärfe durch die Verdichtung längerer Brennweiten größer – und das noch nicht einmal theoretisch sondern tatsächlich effektiv, sichtbar und nachvollziehbar.

Hier noch die zweite Versuchsanordnung. Der Grund für das hohe Rauschen aller Bilder ist übrigens, dass ich den Versuch zwischendurch einmal bei available light machte und deshalb einen hohen ISO-Wert wählen musste.

weitwinkel2
Brennweite 14mm (28mm KB) bei Blende ƒ5.6 aus geringer Distanz
tele2
Brennweite 150mm (300mm KB) bei Blende ƒ5.6 aus großer Distanz

Ich kann nur raten sich in der Fotografie nicht zu sehr auf die Theorie zu versteifen, sondern sich vor allem um die Praxis zu kümmern. Die Schärfentiefe sei unabhängig von der Brennweite kann man doch nur behaupten, wenn man das irgendwo gelesen, aber nie die Wirkung von unterschiedlichen Brennweiten auf die Schärfentiefe verglichen hat. Oder drastisch ausgedrückt: Der Einfluss der Brennweite auf die Schärfentiefe kann einem als praktizierender Fotograf doch nicht entgehen!

Nachtrag: All jenen die mehr über die theoretischen Grundlagen und Hintergründe von Schärfentiefe und Abbildungsmaßstab erfahren wollen empfehle ich ein ein PDF das bei Carl Zeiss heruntergeladen werden kann.

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Schärfentiefe – die Zusammenhänge, schnell aber anschaulich

Das Video oben von Filmmaker IQ erklärt aus welchen Variablen sich Schärfentiefe zusammensetzt und wie sie zusammenhängen. Das Ganze ist sehr flott erklärt, und dass es für uns (zumindest mich) in einer Fremdsprache vorgetragen wird macht es nicht einfacher den komplexen Beschreibungen zu folgen, obwohl ich mit der Materie im Großen und Ganzen vertraut bin. Sehr schön aber, wie die optischen Grundlagen mit einfachsten Mitteln – einem Licht und einer Lupe – erklärt werden.

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Affinity Photo: Feldunschärfe

Der Feldunschärfe-Filter ermöglicht es Aufnahmen annähernd den Look zu verleihen den sie erhalten wenn man sie mit einer entsprechenden Kamera, einem lichtstarken Objektiv und bei Offenblende aufnimmt. Affinity Photos Feldunschärfe ist dem gleichnamigen Filter in Photoshop ähnlich mit ein paar Detailunterschieden.

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Affinity Photo: Tiefenschärfe-Filter (Tilt-Shift-Effekt)

Dieser Screencast demonstriert wie man in Affinity Photo mit dem Tiefenschärfe-Filter den sogenannten Tilt-Shift-Effekt simulieren kann.

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Kauft euch eine Festbrennweite!

Im Rahmen meiner Fotokurse weise ich auch auf die Vorteile lichtstarker Festbrennweiten hin. Den Einsteiger befremdet natürlich die Vorstellung auf den Luxus des Zoomens verzichten zu müssen. Heranzoomen geht damit nicht! Man muss herangehen.

Im Grunde ist das schon der erste Vorteil einer Festbrennweite: Näher dran sieht einfach oft auch besser aus. Es vermittelt dem Betrachter den Eindruck ganz nah dran, mitten im Geschehen, Hautnah dabei zu sein. Brennweiten von 50mm und weniger vermitteln Authentizität.

Doch das ist nicht das Einzige! Der Komfort von Zoomobjektiven befördert die Faulheit. Erblicken, Kamera zücken, hinzoomen – klick! Reinster Zufall, wenn dadurch eine bemerkenswerte Fotografie zustande kommt.

Wer mit Festbrennweite fotografiert kommt gar nicht darum herum sich bewusster mit der Bildgestaltung auseinander zu setzen. Statt Hinzoomen bewegen einen die Beine näher hin oder weiter weg. Festbrennweiten schaffen Bewusstsein und sind schon deshalb ein Segen, weil sie einen zwingen den fotografischen Prozess zu entschleunigen.

Wer jedoch eine Festbrennweite kauft, kauft sie aus einem anderen Grund: Lichtstärke! Die Blende lässt sich weiter öffnen, wodurch ich weniger Licht zum Fotografieren benötige und die Schärfentiefe geringer gestalten kann. Lichtstarke Festbrennweiten bedeuten Fotografieren in einer anderen Dimension.

After Sunset

Eine andere Welt eröffnen lichtstarke Festbrennweiten weil man damit tiefer in den Abend vordringen kann ohne ein Stativ benützen zu müssen. Mit einer Consumer-Kamera und einem üblichen Standardzoom mit einer Brennweite von 18–55mm und Lichtstärke ƒ3.5–5.6 ist bei 55mm ohne Stativ und ohne Anheben der Empfindlich nach Faustregel spätestens kurz vor Sonnenuntergang Schluss mit unverwackelten Aufnahmen. Eine vergleichbare Festbrennweite und Lichtstärke ƒ2.0 hingegen ermöglicht es bis kurz vor Einbruch der Nacht ohne höhere ISO-Werte und ohne Stativ zu fotografieren. Kein Wunder: Bei ƒ2.0 genügt zur Belichtung 1/8 des Lichts (Umgebungslicht) das bei  ƒ5.6 notwendig ist.

Freistellen

Vom Freistellen spricht man, wenn ein Motiv im Vordergrund vor unscharfem Hintergrund abgebildet ist. Das lässt sich mit einer langen Brennweite erreichen, geht aber noch viel besser mit einer Blende die sich weit öffnen lässt. Das oben genannte Standardzoom erreicht bei 55mm und ƒ5.6 auf eine Distanz von 3m eine Schärfentiefe von 66cm – von flauschiger Weichzeichnung der Elemente dahinter ist da nicht mehr zu träumen.

Eine Festbrennweite mit 55mm und Lichtstärke ƒ1.8 erzielt auf 3m eine Schärfentiefe von knapp 22cm – das ist gerade einmal ein Drittel! Objekte im Vordergrund vor unscharfem Hintergrund freizustellen lässt sich damit natürlich bedeutend leichter erreichen.

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Vom »Freistellen« spricht man wenn ein Hauptmotiv im Vordergrund durch geringe Schärfentiefe vor unscharfem Hintergrund abgebildet wird. Olympus OM-D E-M1; Objektiv: Olympus M.Zuiko 45mm ƒ1.8 | 45mm (90mm KB); ƒ1.8; 1/3200s; ISO200; entfesselt geblitzt

Begeisterung garantiert!

Schon viele Teilnehmer meiner Seminare haben sich bereits während die Kurse liefen meinem Rat folgend eine Festbrennweite gekauft und ich kann mich an keinen einzigen erinnern der nicht vom Fleck weg begeistert gewesen wäre.

Profiqualität zum Schnäppchenpreis

Lichtstarke Festbrennweiten sind oft nicht billig. Doch die meisten Hersteller haben die eine oder andere Linse im Programm die professionelle Abbildungsqualität zum Sparpreis liefert.

Nikon beispielsweise hat gleich zwei unschlagbare Preis/Leistungs-Knüller im Programm. Das wäre zum einen das 50mm ƒ1.8, bei Amazon (Affiliate-Link) zum Hammerpreis von unter 200 Euro zu haben – ein Objektiv, das sowohl an Einsteigermodellen im DX-Format als auch an Vollformatkameras verwendet werden kann. An DX-Kameras ist das 50er ein durchaus ernstzunehmendes und profitaugliches Porträtobjekitv, am Vollformat übernimmt es die Rolle der vielseitig einsetzbaren Normalbrennweite.

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AF-S NIKKOR 50 mm 1:1,8G (© Nikon)

Kaum weniger Interessant: Das 35mm ƒ1.8, aktuell bei Amazon (Affiliate-Link) um 180 Euro zu haben. Das ist zwar nur an DX-Kameras sinnvoll zu nutzen und entspricht dort mit umgerechnet 52,5mm etwa einer Normalbrennweite, es ist aber dadurch vielseitiger einsetzbar.

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AF-S DX NIKKOR 35 mm 1:1,8G (© Nikon)

Während ich die beiden oben genannten Nikkore aus eigener Erfahrung empfehlen kann, habe ich mit Canons Linsen keine Erfahrungen. Ich weiß aber, dass sich Canons 50mm ƒ1.8 kaum geringerer Beliebtheit erfreut wie Nikons 50mm-1.8er Linsen –  bei Amazon (Affiliate-Link) bereits um knappe 120 Euro zu haben.

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Canon EF 50mm f/1.8 STM (© Canon)

Eine besonders exzellente Linse zum Schnäppchenpreis ist das 45mm ƒ1.8 von Olympus. Auf Kleinbild umgerechnet ist es länger als die oben genannten Linsen von Nikon und Canon, denn es entspricht 90mm. Das macht es zwar weniger universell einsetzbar, aber dafür zur umso besseren Porträtbrennweite. Sein Preis bei Amazon (Affiliate-Link) liegt derzeit bei knapp über 250 Euro.

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Olympus M.ZUIKO DIGITAL 45mm 1:1.8

Auch für die anderen Kameramarken werden lichtstarke Festbrennweiten angeboten, sei es von den Herstellern selbst, sei es von Drittherstellern wie Sigma. Da mir beim Angebot für diese Marken aber der Überblick fehlt kann ich keine wirklichen Tipps dazu abgeben. Sachdienliche Hinweise und Tipps als Kommentar von euch, liebe Leser, wären diesbezüglich sicher hilfreich.

Anmerkung: Ich persönlich kaufe meine Ausrüstung weitest gehend beim Fachhändler, auch wenn ich dort manchmal etwas mehr bezahle als bei Bestellungen im Internet. Nur wenn ich mir bei einem Produkt nicht sicher bin und es bei meinem Händler nicht lagernd ist, bevorzuge ich den Weg über Amazon, weil ich die Produkte dort problemlos eintauschen kann. Eintauschen geht zwar bei meinem Fachhändler auch, aber ich möchte nicht, dass der auf irgendwelchen exotischen Bestellungen von mir sitzen bleibt, wenn ich mich gegen den Kauf entscheide.

Wo ihr einkauft werdet ihr selbst entscheiden. Wenn ihr den Weg über Amazon wählt würdet ihr mir einen Gefallen tun, die Bestellung über meine Affiliate-Links hier zu starten. Euch kostet das keinen Cent mehr, doch bei mir bleiben ein paar Euros hängen, je nach Preis des Produkts.

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2.13. Bokeh

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Abschließend zum Kapitel ›Schärfe‹ möchte ich noch ein paar Worte zum Thema Unschärfe verlieren und über das Bokeh sprechen. Der Begriff ›Bokeh‹ stammt aus dem Japanischen und bezeichnet die Qualität der Unschärfe in einem Foto. Foto­grafischen Neueinsteigern mag etwas wie ›Qualität der Unschärfe‹ etwas philosophisch und esoterisch vorkommen. Doch mit der Zeit entwickelt man Auge und Gefühl dafür. Man beginnt Fotos nicht nur an der Qualität der Schärfe zu beurteilen, sondern genauso am Aussehen der unscharfen Bereiche.

Die Spreu vom Weizen teilt sich bei Objektiven nicht nur bei der Detailschärfe, sondern auch darin, wie weich – oder aber verworren und hart – unscharfe Elemente abgebildet werden. In der Regel wird ein flauschig weicher Hintergrund als angenehmer empfunden, als wenn die Unschärfe unruhige Strukturen zeigt. Mir gefällt der englische Begriff ›smooth‹ zur Beschreibung eines schönen Bokehs ganz gut.

Bokeh ist nichts, was der Fotograf durch Einstellungen an Kamera und Objektiv bewusst beeinflussen kann, auch wenn eine Veränderung der Brennweite und Blende die aus der Einstellung resultierenden Bokehs beeinflusst. Primär hängt die Art des Bokehs allerdings vom Objektiv ab.

Bokeh1 4
Das 50 mm 1.4 Nikkor hat ein ­wunderschönes weiches Bokeh, das bei vergleichbarer Brennweite kaum irgendwo um diesen Preis zu haben ist.
Daten:
Objektiv: AF-S Nikkor 50 mm 1:1,4 G
Brennweite: 50 mm (75 mm KB)
Blende: ƒ2.2
Zeit: 1/320 Sekunde
ISO: 100
Belichtungskorrektur: –1/3LW
Bokeh1 8
Das 50 mm 1.8 Nikkor kostet zwar nur etwa ein Drittel des ƒ1.4 – und ist für diesen Preis ebenso kaum zu schlagen – zeigt aber ein relativ unruhiges Bokeh.
Daten:
Objektiv: AF-S Nikkor 50 mm 1:1,8 D
Brennweite: 50 mm (75 mm KB)
Blende: ƒ1.8
Zeit: 1/400 Sekunde
ISO: 100
Belichtungskorrektur: –1/3LW
Titel Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Kreativ fotografieren – Digitalfotografie verständlich erklärt«
Books on Demand, 1. Auflage Oktober 2011;
240 Seiten, in Farbe, Hardcover;
ISBN: 9783842373938;
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Ladenpreis: 44,90 (D);
Ladenpreis E-Book: 35,99 (D)
Mehr Info und ein kostenloses Demokapitel.

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2.8. Blende bewusst kreativ einsetzen

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Sehen wir uns die Erkenntnisse des letzten Artikels in der Praxis an: Die aus gewählter Brennweite und Distanz resultierende Schärfentiefe wird durch die Wahl der Blende angepasst beziehungsweise korrigiert. Möchte ich das eigentliche Hauptmotiv vor dem Hintergrund hervorheben führt eine geringe Abblendung (offene Blende) zu kurzer Schärfentiefe und weichgezeichnetem Hintergrund. Möchte ich sowohl den Vordergrund als auch den Hintergrund deutlich erkennbar abbilden, dann führt kräftige Abblendung (Blende schließen) zu großer Schärfentiefe und detailreicher Wiedergabe sowohl naher als auch ferner Elemente. Nach der kreativen Kernfrage über die gewünschte Perspektive folgt die kreative Kernfrage über die Schärfe.

Der Vergleich der beiden folgenden Abbildungen verdeutlich noch einmal den Unterschied in der Bildwirkung ob die Blende offen ist oder geschlossen.

Krabbler offeneblende Die drei Stofftierchen sind hier bei Brennweite 28 mm und offener Blende ƒ2.0 fotografiert worden. Die Schärfentiefe ist kurz (kleine Blendenzahl = kurze Schärfentiefe).
Krabbler geschlosseneblende Ebenfalls mit Brennweite 28mm aus derselben ­Distanz, jedoch mit Blende ƒ8.0. Die Schärfentiefe ist weit.

Noch einmal zur Erinnerung: Die Schärfentiefe resultiert nicht aus der Blendeneinstellung allein! Brennweite (siehe ›Schärfentiefe und Brennweite‹), Abstand (siehe ›Schärfentiefe und Distanz‹) und Sensorformat (siehe ›Sensorformat und Schärfentiefe‹) haben einen ebenso bedeutenden Einfluss wie die Blende.

Aber:

  • Die Distanz zum Motiv wird primär durch die Größe der abzubildenden Objekte bestimmt. Die Überlegung, welche Auswirkung eine bestimmte Distanz auf die Schärfentiefe der Aufnahme hat, spielt bei der Aufnahme keine Rolle. Oder anders gesagt: Kein Fotograf wird eine bestimmte Distanz wählen, nur weil er sich davon eine bestimmte Schärfentiefe erwartet.
  • Die Brennweite wird normalerweise ebenso wenig wegen ihrer Auswirkung auf die Schärfentiefe gewählt. Meist ist sie entweder Resultat aus einer langen Distanz, die der Fotograf nur mit Hilfe eines Teleobjektivs überwinden kann, einer kurzen Distanz, die eine Abbildung nur mit Weitwinkel erlaubt (zum Beispiel wenn man eine Fassade in einer engen Gasse fotografieren möchte), oder aber der Fotograf möchte mit der Brennweite eine bestimmte perspektivische Wirkung erzielen.
  • Das Sensorformat ist Resultat der Kaufentscheidung des Fotografen. Die wenigsten Fotografen nehmen drei, vier oder fünf Kameras mit unterschiedlichen Sensorformaten mit auf den Weg, um damit unterschiedliche Schärfentiefewirkungen erzielen zu können.

Deshalb bleibt als wichtigstes Werkzeug zur Steuerung der Schärfentiefe die Blende übrig.

Aber: Kompaktkamera | Da Kompaktkameras, wie bereits mehrfach in dieser Serie erwähnt, in der Regel sehr viel kleinere Sensoren haben, als Spiegelreflexkameras, erzeugen sie damit automatisch eine sehr viel höhere Schärfentiefe, als ihre größeren Brüder und Schwestern. Der Einfluss der Blende auf die Schärfentiefe ist bei diesen Kameras lediglich bei Aufnahmen aus nächster Nähe wirklich relevant (also bei Makro-Aufnahmen). Bei Canons Edel-Kompakten G12 beträgt die Schärfentiefe bereits bei einem Abstand von zwei Metern, 50mm Brennweite und Blende ƒ2.8 einen knappen Meter. Selbst wenn sich ein hässlicher oder nichtssagender Hintergrund fünf Meter hinter einer porträtierten Person befindet, erfolgt dessen Abbildung scharf genug um die Wirkung des Bildes zu zerstören. Zum Vergleich: Bei einer Kleinbildkamera beträgt die Schärfentiefe auf dieselbe Distanz, mit derselben Brennweite und derselben Blendeneinstellung 14cm. Alles was sich einen Meter oder mehr dahinter befindet wird schon dermaßen weichgezeichnet, dass es kaum mehr zu erkennen ist. Eine porträtierte Person ist dadurch deutlich vom Hintergrund freigestellt.

Das ist der Irrtum vieler Fotografen, die sich für eine Kompaktkamera mit kreativen Einstellmöglichkeiten entscheiden. Sie erwarten mit Einstellmöglichkeiten für Zeitvorwahl, Blendenvorwahl und manueller Belichtungseinstellung ähnliche Ergebnisse erzielen zu können, wie an einer SLR. Doch solange die Bildsensoren so klein bleiben wie sie derzeit bei kompakten sind, ist der nutzen dieser kreativen Modi bei einer Kompakten fast zu vernachlässigen.

Die meisten ambitionierten SLR-Fotografen fotografieren im Belichtungsprogramm Blendenvorwahl, weil sie durch bewusste Auswahl der Blende die Schärfentiefe kreativ gestalten können. Sie lassen die Blende für kurze Schärfentiefe offen oder schließen sie für weite Schärfentiefe. Bei einer Kompakten bringt das meist wenig.

Das soll die Leistung moderner Kompakter nicht schmälern. Aber wer die Anschaffung einer Kamera plant sollte sich auch solcher Grenzen bewusst sein und wer eine Kompakte besitzt sollte die Einschränkungen noch vielmehr kennen.

Der Besitzer einer Kompaktkamera kann die Brennweite nicht frei wählen, wenn er ein Motiv durch kurze Schärfentiefe freistellen will. Eine akzeptable Freistellung erreicht er nur mit einer langen Brennweite – 100mm, 150mm oder mehr. Während der Spiegelreflex-Fotograf dem 4-Schritte-Konzept folgen kann, Distanz und Brennweite wählt und dann die Schärfentiefe über die Blendeneinstellung großzügig beeinflussen kann, muss der Kompaktkamera-Fotograf die Brennweite für die kreative Gestaltung der Schärfentiefe heranziehen. Sehr oft heißt es dann entweder Wunsch-Perspektive oder Wunsch-Schärfentiefe.

Wenn ich also eben behauptet habe, dass die Schärfentiefe vom Fotografen praktisch ausschließlich mit Hilfe der Blende gestaltet wird, gilt das in erster Linie für Fotografen mit Spiegelreflexkameras und Kameras mit vergleichbar großen Bildsensoren. Der Fotograf mit einer Kompaktkamera hingegen wird sehr wohl gelegentlich die Brennweite nutzen, um die Schärfentiefe kreativ zu beeinflussen. So wähle ich beim Porträt einer Person mit einer Kompakten ganz bewusst eine lange Brennweite (oft eine deutlich längere, als ich mit Spiegelreflex nutzen würde), damit ein allfällig unruhiger Hintergrund zumindest einigermaßen unscharf und das eigentliche Modell somit freigestellt wird.

Cent1 Aufnahme mit der Kompaktkamera Canon PowerShot G12 bei 140mm Brennweite (KB). Die lange Brennweite sorgt hier für den unscharfen Hintergrund und eine sachliche, flache Darstellung der Münzen.
Cent2 Derselbe Münzstapel aus kürzester Distanz (wenige Zentimeter). Die perspektivische Wirkung ist komplett anders wie oben. Der unscharfe Hintergrund entsteht hier vor allem durch die extrem kurze Distanz.
Schluessel
Perspektive und Schärfentiefe ­machen auch aus alltäglichen ­Dingen durchaus interessante ­Objekte.
Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
Weitere Informationen und Demokapitel auf der Website des Verlags;
Affilate-Link zum Buch bei Amazon.

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2.7. Blende und Schärfentiefe

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Nach der vielen trockenen Theorie der letzten Artikel führen wir uns zwischendurch die Grundidee dieser Serie vor Augen, nämlich das Fotografieren nach den vier Schritten. Wo stehen wir mit unseren Betrachtungen im Moment:

  1. Für den ersten Schritt haben wir uns mit der Perspektive befasst und uns angesehen, wie man sie über Brennweite, Distanz und Blickwinkel (frontal oder diagonal, von unten, aus Augenhöhe oder von oben) kreativ beeinflussen kann.
  2. Ziel des zweiten Schrittes ist die kreative Gestaltung der Schärfe.
  3. Ziel des dritten Schrittes ist eine korrekte Belichtung.
  4. Im vierten Schritt schließen wir mit der Komposition des Bildausschnitts ab.

Nun beschleicht uns irgendwie das Gefühl, dass wir beim siebten Artikel im Abschnitt ›Schärfe‹ angekommen sind und noch immer nicht genau wissen, wie man die Schärfe kreativ beeinflusst.

Klar: Wir haben uns darüber unterhalten, dass die Brennweite Auswirkung auf die Schärfentiefe und ebenso die Distanz Auswirkung auf die Schärfentiefe hat.

Aber dann haben wir uns über die Blende unterhalten und dabei fast ausschließlich über Belichtung gesprochen. Der kreativen Beeinflussung der Schärfe scheinen wir noch nicht so recht näher gekommen zu sein. Haben wir uns verlaufen?

Keineswegs. Es war nur notwenig einige Grundlagen zu klären um die folgenden Zusammenhänge besser verstehen zu können.

Tatsache ist, dass durch die Auswahl einer bestimmten Brennweite auf eine bestimmte Distanz die Schärfentiefe bereits vorbestimmt wird (siehe auch ›Schärfentiefe‹). Mit einer kurzen Brennweite, wie zum Beispiel 24mm, werde ich immer schon eine weite Schärfentiefe vorprogrammiert haben, mit einer langen Brennweite, wie 200mm, ist bereits eine geringe Schärfentiefe der Fall.

Die Schärfentiefe wird zunächst von Brennweite und Disanz beeinflusst.

Ergänzend zu diesem Merksatz muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass auch das Format des Abbildungsmediums, also bei Digitalkameras des Sensors, einen wesentlichen Einfluss auf die Schärfentiefe hat. Das ist vor allem wichtig um den Unterschied zwischen Spiegelreflex- und Kompaktkamera zu verstehen.

Um die durch Brennweite und Distanz vorgegebene Schärfentiefe zu verändern beziehungsweise korrigieren zu können, kommt die Blende ins Spiel. Mit ihr können wir einstellen ob wir sowohl Vorder-, Mittel- und Hintergrund mit großer Schärfentiefe scharf aufnehmen wollen, oder durch geringe Schärfentiefe ein Objekt vom Hintergrund freistellen möchten.

Der Merksatz für die Auswirkung der Blende auf die Schärfentiefe dazu lautet:

Je größer die Blendenöffnung, desto kürzer die Schärfentiefe.

Offene Blende

Offene Blende für wenig Schärfentiefe.

Geschlossene Blende

Geschlossene Blende für viel Schärfentiefe.

Große Öffnung = kleine Tiefe? Da haben wir wieder eine umgekehrte Logik im Merksatz. Für Alle die es einfach lieben:

Kleine Blenden­zahl
= geringe Schärfentiefe,
große Blendenzahl
= hohe Schärfen­tiefe.

Offenblende und Abblendtaste

Die Blende beeinflusst also Lichtmenge und Schärfentiefe. Wer kein kompletter Neueinsteiger ist, dem war das sicher schon bekannt.

Das Autofokus-System (AF – die Elektronik, die für das Scharfstellen sorgt) einer Kamera arbeitet am schnellsten und zuverlässigsten, wenn es den Bereich, auf den es scharf stellen soll, ausreichend hell sieht. Schließt der Fotograf die Blende für eine hohe Schärfentiefe, dann wird das Bild nicht nur für den Sensor, sondern auch für das AF-Messsystem dunkler. So könnte es sein, dass das AF-System bei Blende ƒ8, ƒ11 oder ƒ22 den zu ­fokussierenden Bereich bereits so dunkel sieht, dass ein Scharfstellen gar nicht mehr möglich ist. Um das zu verhindern, bleibt die Blende so lange man durch den Sucher blickt offen. Nur in dem kurzen Moment, in dem man den Auslöser drückt und das Bild aufgenommen wird, schnellt die Blende kurz auf die voreingestellte Größe zu, um anschließend sofort wieder in die Offenstellung zu springen.

Als Beispiel, um den Sachverhalt näher zu illustrieren, habe ich noch einmal das Motiv mit den fünf Spielkegeln herangezogen. Betrachten wir es mit einem Objektiv mit der Lichtstärke 1.8 durch den Sucher, dann sieht das aus wie in Abbildung unten.

F1 8sucher

So sieht das Motiv bei Blende ƒ1.8 durch den Sucher aus. Scharf gestellt wurde auf den roten Kegel. Da die Schärfentiefe bei ƒ1.8 gering ausfällt sind die Kegel unmittelbar davor und dahinter unscharf.

Schließen wir die Blende auf ƒ22, dann erhält die Aufnahme eine höhere Schärfentiefe und müsste aussehen wie in der folgenden Abbildung.

F22sucher

So müsste dasselbe Motiv bei Blende ƒ22 aussehen. Bei Blende ƒ22 ist die Schärfentiefe groß und deshalb müssten die Kegel vor und hinter dem roten, auf den scharf gestellt wurde, auch deutlich schärfer angezeigt werden, als bei Blende ƒ1.8.

Tatsächlich jedoch sieht man das Bild im Sucher nach wie vor bei der Offenblende, also bei einem Objektiv mit Lichtstärke 1.8 mit der Schärfentiefe von Blende ƒ1.8.

Um die Schärfentiefe eines Motivs im Sucher überprüfen zu können, muss die Blende auf die eingestellte Öffnung geschlossen werden. Zu diesem Zweck verfügen viele SLR-Kameras über eine sogenannte Abblendtaste.

Abblendtaste

Abblendtaste (1) einer Nikon D7000 (Bild: © Nikon GmbH)

Drückt man diese Taste drücken und hält sie gedrückt, dann schließt sich die Blende auf den eingestellten Wert. Das Verkleinern der Blendenöffnung hat aber nicht nur zur Folge, dass die Kamera das Motiv dunkler sieht, sondern auch im Sucher wird es plötzlich zappenduster.

F22abblenden

So etwa sieht man ein Motiv bei ­Blende ƒ22, wenn die ­Abblendtaste gedrückt wird.

Das ist gewöhnungsbedürftig, aber nicht zu vermeiden, wenn man die Schärfentiefe vor der Aufnahme beurteilen will.

Um die Schärfentiefe im Sucher beurteilen zu können muss man die Abblendtaste drücken.

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