Wie Sie wissen, hat – neben der Blende – auch die Brennweite Einfluss auf die Schärfentiefe: Kurze Brennweite = große Schärfentiefe, lange Brennweite = geringe Schärfentiefe. Sie können auch diesen Umstand nutzen, um Ihre Aufnahmen bewusst mit dem Gegensatz Scharf–Unscharf zu gestalten.
Für den gemeinen Knipser ist die Brennweite in Form des Zoomobjektivs kein Gestaltungswerkzeug, sondern ein Faulheitswerkzeug. Es ermöglicht ihm auf seinem Allerwertesten sitzen zu bleiben, anstatt sich zu bewegen, die beste Position für eine Aufnahme zu suchen und sich dabei eventuell dem Motiv anzunähern. Man muss ihm aber zugestehen, dass er die gesparte Energie später dazu brauchen wird, um etwas Begeisterung für die mittelmäßigen Schnappschüsse aufzubringen, die daraus entstehen.
Nun wissen wir, dass es Notwendigkeiten gibt, in denen Wechsel- oder Zoomobjektive ein Segen sind. Weder einen Vogel in freier Wildbahn, noch die Weite einer Landschaft werden Sie mit einem 50 mm Standardobjektiv vernünftig ablichten können und bei einem Tiger im Dschungel raten wir dringend davon ab, ihm zu nahe zu kommen. Jenseits der Notwendigkeit, sich scheuen Tieren mit einem Teleobjektiv zu nähern oder die Unendlichkeit einer Wüste mit einem Weitwinkel erfassen zu können, bergen Brennweiten aber noch ganz andere gestalterische Möglichkeiten – man muss sich dazu eben nur bewegen.
Bevor wir uns aber ansehen, wie Sie verschiedene Brennweiten nutzen können, um Ihre Bilder kreativ zu gestalten, möchten wir mit einem Irrglauben aufräumen, der noch immer weite Verbreitung genießt, nämlich, dass man mit einem Teleobjektiv ein Bild »verdichten« könne – dass der Hintergrund mit ihm quasi näher an das Subjekt einer Aufnahme heranrücke. Dazu bilden wir mit der ersten Grafik den Winkel je eines typischen Vertreters der Kategorie Weitwinkel, Normal- und Teleobjektiv ab.

Falls jemandem noch nicht bewusst war, woher der Name Weitwinkel kommt, sollte es jetzt klar sein. Wenn Sie nun – nehmen wir an mit einem Zoomobjektiv – von der gleichen Position je ein Bild mit der Brennweite 28 mm, 50 mm und 160 mm machen, dann sehen die Ergebnisse so aus.

Bildausschnitt eines 28mm Weitwinkel-Objektivs.

Bildausschnitt eines 50mm Normalobjektiv vom selben Standpunkt aus.

Bildausschnitt eines 160mm Teleobjektiv vom selben Standpunkt aus.
Zwar erscheinen die Person und die Fenster im Turm dahinter bei der Aufnahme mit Brennweite 160 mm am nächsten. Aber, wenn Sie die drei Bilder vergleichen, werden Sie feststellen, dass das Verhältnis der Person zu den Fenstern dahinter bei allen drei Aufnahmen identisch ist. Solange Sie von derselben Position aus fotografieren, erhalten Sie Resultate wie Sie in der nächsten Abbildung in einem Bild gekennzeichnet sind. Die Verhältnisse von Vordergrund zu Hintergrund bleiben absolut unverändert, lediglich der Ausschnitt ändert sich durch die verschiedenen Brennweiten.

In dieser Abbildung sind die drei Ausschnitte, wie sie sich aus den drei Brennweiten aus gleichem Standpunkt ergeben übereinander gelegt.
Dass also ein Teleobjektiv den Hintergrund näher an ein Subjekt heranholt ist eine Legende – jedenfalls solange Sie sich nicht vom Fleck bewegen. Wenn Sie aber bereit sind, ein paar Schritte zu gehen, können Sie hingegen mit unterschiedlichen Brennweiten Aufnahmen erzielen, die sich in Ihrer Wirkung drastisch unterscheiden.
Nehmen wir einmal an, das Subjekt Ihrer Bilder soll die Person sein. Sie möchten also die Person möglichst formatfüllend in der Aufnahme haben. Um sie mit der mittleren Normalbrennweite von 50 mm formatfüllend ablichten zu können, müssen Sie sich von dem Standort, von dem aus Sie die oberen drei Bilder gemacht haben, fortbewegen und sich der Person nähern. Durch die Veränderung Ihrer Position scheint es, als hätte sich der Turm im Verhältnis zur zuvor abgebildeten Normalobjektiv-Aufnahme deutlich von der Person entfernt.


Position und Ergebnis, wenn eine Person mit einem 50mm Normalobjektiv formatfüllend abgelichtet werden soll.
Um die Person mit dem 160 mm Teleobjektiv formatfüllend ablichten zu können, müssen Sie sich von ihr entfernen. Das Model bleibt bei allen Beispielen hier gleichweit vom Turm entfernt. Sie müssen sich für diese Aufnahme aber ein Stück weiter weg bewegen, über die Position hinaus, von der Sie die ersten drei Aufnahmen gemacht haben. Beim Ergebnis der neuen Aufnahme entsteht dann der Eindruck, als wäre der Turm näher an das Model herangerückt.


Position und Ergebnis, wenn die Person mit einem 160mm Teleobjektiv formatfüllend aufs Foto soll.
Dramatisch können Sie ein Bild mit Weitwinkel gestalten, indem Sie (wieder) ganz dicht an das Subjekt Ihrer Aufnahme herangehen. In diesem Fall treten wir so nah an unser Model heran, dass es unser Format ebenso hoch ausfüllt, wie bei den beiden vorangegangenen Aufnahmen. Dazu verwenden wir diesmal eine 28 mm Brennweite. Durch die extreme Nähe zum Subjekt, die durch den weiten Winkel überhaupt erst möglich wird (mit Normal- oder gar Teleobjektiv würden Sie aus dieser Nähe ja bestenfalls einen Ausschnitt der Person ablichten können), entsteht plötzlich der Eindruck als wäre der Turm in weite Ferne gerückt. Obwohl also das Modell seinen Abstand zum Turm keinen Millimeter verändert hat, haben sich die Proportionen in den drei Bildern komplett geändert – im Gegensatz zu den ersten drei Beispielen mit Zoom, in denen sich lediglich der Ausschnitt geändert hat. Ausschlaggebend für diese Veränderung der Bildwirkung ist also nicht die Brennweiten sondern die Beweglichkeit des Fotografen. Brennweiten sind also doch nicht nur ein Segen für Faule!


Position und Ergebnis, wenn das Bild mit einem 28mm Weitwinkel formatfüllend abgelichtet wird.
Neben der Möglichkeit, die Größenverhältnisse von Vorder- und Hintergrund durch Veränderung der Brennweite und Ihrer Position zu bestimmen, beeinflussen Sie mit der Brennweite wie erwähnt auch die Schärfentiefe.
Auszug aus dem Buch »Nikon D700 – Das Buch zur Kamera«. Diese Auszüge sind auf dem Blog veröffentlicht: