Di, 30. Sep. 08

von Markus

Kai Müllers Weblog stylespion.de über »… Design, Inneneinrichtung, Wohndesign, Möbel …« gehört seit langem zu meinen Alltime-Favorites in der Bloggosphäre. Sein Blog kaimueller.org über Fotografie, Web- und Grafikdesign ist nicht minder interessant. In der Beschreibung zu kaimueller.org steht »Seit Beginn dieses Jahrtausends arbeite ich an Websites – Websites deren Ziel klar definiert ist: Nutzen für den Besucher und Nutzen für den Auftraggeber«, womit er ziemlich genau mein eigenes Design-Verständnis trifft.
Kai lebt und arbeitet in Köln als Webdesigner.

Frage: Hallo Kai. Kannst du kurz deinen Werdegang beschreiben – wie du zum Webdesign gekommen bist, welche Leidenschaft du damit verknüpfst und womit du heute im Wesentlichen dein Einkommen bestreitest?

Kai: Ich verdiene mein Geld  als Web Designer in Festanstellung bei einem Kölner Unternehmen, das auf SEO spezialisiert ist. Weitere Einnahmen generiere ich aus meinem Blog stylespion.de. Hin und wieder arbeite ich an weiteren Projekten, allerdings ist stylespion.de in der Zwischenzeit zu einem sehr arbeitsintensiven “Job” angewachsen, was toll ist, aber leider keine Zeit für weitere Projekte lässt.

Mein Weg bis hierher verlief recht kurvig: Ausbildung zum Speditionskaufmann, Zivildienst, Praktikum in einer Online Redaktion und erster Kontakt mit dem Internet als Arbeitsplatz (2000), Unternehmensgründung, Arbeit als Freelancer und nun Festanstellung. Eine klassische Ausbildung in diesem Bereich besitze ich nicht, ich habe fast keine Erfahrung im Print-Bereich – dafür aber die Erfahrung von wahrscheinlich inzwischen 200 realisierten Websites.

Leidenschaft ist ein schönes Wort, und darauf basiert eigentlich alles, was ich mache. Ich mag schöne Sachen. Egal, ob das Webseiten, Magazine, Wohnungseinrichtung, Musik oder Fotografien sind. Entdecke ich ein neues Gebiet für mich (wie zuletzt die Fotografie), setze ich viel daran es zu erlernen. Ich bin es gewohnt, in Themen autodidaktisch einzutauchen. Über das Netz ist das mittlerweile ein Kinderspiel – vorausgesetzt man hat hat den Willen dazu – und vielleicht auch ein wenig Talent.

Frage: Gestaltung lebt im Spannungsfeld zwischen Kreativität und Funktionalität. Wo liegen bei dir die Prioritäten, und: Beinhaltet ein Gestaltungprozess für dich mehr Inspiration oder Transpiration?

Kai: Ich sehe mich nicht als Kreativen. Das ist mir zu klischeeüberladen. Schwarze Rollkragenpullover? Bei mir Fehlanzeige.

Der weitaus größte Part meiner Arbeit besteht in der Anwendung etablierter Maßnahmen. Selbstverständlich muss man innerhalb des recht engen Korsetts seinen Weg finden, eine Website unique zu gestalten. Doch zuvorderst stehen ganz klar Usability und Accessibility. Eine Website ist dann gut, wenn der Nutzer sich darin zurechtfindet und sich wohl fühlt. Klingt banal, ich weiß.

Frage: Wie gehst du ein Gestaltunsprojekt an? Wie kommst du zu kreativen Lösungen und was machst du, wenn sich die Inspiration einmal nicht bis zur Deadline einstellt?

Kai: Ein neues Projekt entsteht bei mir meistens wie ein Puzzle. Ich habe Elemente, von denen ich weiß, dass ich sie unterbringen will, es gibt weitere Elemente, die es eventuell schaffen könnten. In der Regel werden grobe Layouts von mir nach und nach von allem befreit, was nicht unbedingt da sein muss. Schmuckelemente mag ich nicht so sehr. Und  in letzter Zeit habe ich nach einem groben Skizzieren auch direkt angefangen, den Quelltext zu schreiben, um die Seite danach mit CSS zu gestalten. Das hat eigentlich sehr gut funktioniert und ich werde das weiter ausbauen. Während des Gestaltungsprozesses erlaube ich niemandem auf meinen Monitor zu sehen - ein Tick von mir, und eine Vorsichtsmaßnahme, damit niemand sehen kann, dass meine Layouts bis kurz vor Fertigstellung oft komplett gekippt werden.

Bei ausbleibenden Ideen helfen mir meine Bookmarks weiter. Ein wenig surfen, adaptieren, weiterentwickeln oder reduzieren …

Frage: Welche Bedeutung hat Schrift und Typografie für deine Arbeit?

Kai: Da ich am liebsten mit sehr reduzierten Layouts arbeite, hat die Typografie wohl die größte Rolle in der Gestaltung. Darüber hinaus liebe ich typografische Arbeiten im Print.

Frage: Und welche Bedeutung haben Bilder für dich? Woher beziehst du sie in der Regel?
Kai: Bilder erfüllen für mich zwei wesentliche Zwecke: Stimmung und schnell erfassbare Illustration des Inhaltes. Ich habe viele Quellen, aus denen ich Fotos wähle. In letzter Zeit greife ich auch gerne auf eigene Arbeiten zurück.

Frage: Ich bin der Ansicht, dass das Thema »Corporate Design« (bei kleineren Unternehmen ein stringentes Erscheinungsbild) in der Ausbildung von Gestaltern recht stiefmütterlich behandelt wird. In der späteren Berufspraxis wird es dann oft vernachlässigt, nicht verstanden um nicht zu sagen: ignoriert. Natürlich verengt es den Rahmen, in dem Kreativität statt finden kann. Doch ein guter Gestalter sollte in der Lage sein, auch unter klar abgegrenzten Rahmenbedingungen gute Lösungen zu erarbeiten.
Wie stehst du zu diesem Thema?

Kai: Corporate Design sollte schon sein, aber ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn große Agenturen 100-seitige Styleguides für Websites  präsentieren und Unternehmen dafür viel Geld bezahlen. Ruft man die Website  dann in 3 verschiedenen Browsern auf, sieht man, wie absurd manche Vorgaben sind, da sie oft nicht browserübergreifend umgesetzt werden können. Im Print ist die Lage natürlich etwas anders, klar.

Frage: Gibt es ein Buch für dich, von dem du sagst: »Das muss jeder Gestalter gelesen haben!«
Kai: Nein. Als Autodidakt bin ich eher der Meinung, dass ein Gestalter mit offenen Augen durch die Welt gehen sollte, und sich an der Praxis orientieren sollte. Das schult das Auge und sorgt für ständig neue Inspiration.
Bücher über Gestaltung im Internet empfinde ich oft bereits bei Erscheinen als veraltet.

Frage: Hast du noch weitere Informationstipps? Zeitschriften? Websites? Blogs? Oder: Wie informierst du dich und was sind deine Lern- und Inspirationsquellen?
Kai: Schwieriges Thema. Ich würde mich selbst als generalinteressiert bezeichnen. In meinem Feedreader tickern knapp 600 Blogs und Websites. Die Ausrichtung ist unterschiedlich. Webdesign, Webworking, Grafikdesign, Musik, Mode, Fotografie, Einrichtung usw. Inspiration kommt aus allen Ecken – man muss es nur entdecken.

Frage: Was würdest du Neueinsteigern raten, die Gestalter werden möchten: Wie wird man Gestalter und wie schafft man den Einstieg in die Branche?
Kai: Praxis. Ich mag theoretische Ansätze nicht allzu sehr. Klar, man muss die Basics kennen, aber das beste was man tun kann, um gut zu werden ist anwenden, anwenden, anwenden. Wer sich über die Zeit ein gutes Portfolio aufbaut, sollte wenig Probleme haben, einen Job zu finden.

Frage: Gibt es sonst noch einen besonderen Rat oder Tipp, den du allen aufstrebenden Gestaltern mit auf den Weg geben möchtest?
Kai: Dran bleiben. Sich nicht auf alten Arbeiten ausruhen.

Frage: Aus persönlichem Interesse: Ich bin über deine Aktivitäten im Internet auf dich aufmerksam geworden. Weshalb engagierst du dich auf diese Weise?
Kai: Ok, naiv formuliert: Ich freue mich, wenn ich durch meine Beiträge anderen etwas geben kann. Das Internet ist zwar ein kostenloses Medium, doch darf man nicht vergessen, dass all die Inhalte irgendwer, irgendwann erstellt hat. Mir reicht da schon ein kurz eingeworfenes “Danke” als Anerkennung. Der weniger naive Kai sagt: Die Kontakte, die in den zwei Jahren des Bloggens entstanden sind, sind wunderbar. Es ergibt sich vieles, was ohne diese beiden Websites nie zustande gekommen wäre. Und ja, man kann mit Bloggen auch Geld verdienen.

Danke, Kai, dass du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten. Und Dank auf für deinen Einsatz als Blogger.

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Di, 23. Sep. 08

von Markus

Es hat jetzt ein paar Wochen Pause mit meiner Interview-Serie gegeben, weil ich selbst im Urlaub bzw. mit Arbeit übervoll war, und den Kollegen denen ich meine Fragen zugesandt habe, geht es offensichtlich ebenso. Nun aber ist mein fünftes Interview eingetroffen, und ihr könnt es hiermit nachlesen

Trixy Freude ist mir als angenehme, engagierte und aktive Forumsteilnehmerin bei Xing aufgefallen. Sie ist Gesellschafterin der 5gestalten GmbH in Stuttgart und bloggt unter anderem unter blog.5gestalten.de und bei webdesign-und-usability.de

Frage: Hallo Trixy. Kannst du kurz deinen Werdegang beschreiben – wie du zum Webdesign gekommen bist, welche Leidenschaft du damit verknüpfst und womit du heute im Wesentlichen dein Einkommen bestreitest?

Trixy: Ich kam so um 1995 rum zum Internet, das ja damals schon das wahre Web 2.0 war - viele haben ein bisschen rumgebastelt, sich Webseiten gebaut, HTML gelernt, diesen Traum vom Konsumenten zum Produzenten gelebt. Und wie so viele habe ich weitergebastelt, bin irgendwann vom Tabellendesign auf CSS umgestiegen und habe gemerkt, dass ich das leidlich genug kann, um das – nach meinem Studium als Informationsdesignerin – auch Kunden anzubieten. Heute liegt meine Leidenschaft aber eher bei der Web-Evaluation. Webseiten beurteilen kann ich nämlich doch noch besser als bauen :)

Frage: Gestaltung lebt im Spannungsfeld zwischen Kreativität und Funktionalität. Wo liegen bei dir die Prioritäten, und: Beinhaltet ein Gestaltungprozess für dich mehr Inspiration oder Transpiration?

Trixy: Ich bin keine klassische Gestalterin, aber ich habe durchaus viele Ideen, die ich auch mal skizziere, um sie dann von anderen umsetzen zu lassen. Kreativität und Funktionalität halten sich da die Waage, schließlich habe ich als Informationsdesignerin auch immer die Usability im Blick. Keine Frage, dieser ganze kreative Denkprozess ist anstrengend und nervenaufreibend, aber ich würde sagen: Eher Inspiration, Schweiß spielt weniger eine Rolle.

Frage: Wie gehst du ein Gestaltungsprojekt an? Wie kommst du zu kreativen Lösungen und was machst du, wenn sich die Inspiration einmal nicht bis zur Deadline einstellt?

Trixy: Das ist noch nie passiert. Im Gegenteil, gerade die Deadline befördert die Kreativität. Ich kann unter etwas Druck ganz gut arbeiten. Ansonsten versuche ich, mich in den Nutzer zu versetzen, zum Beispiel mit der Personas-Methode, bei der man quasi einen Stellvertreter der anvisierten Nutzerschaft personalisiert und für diesen Stellvertreter konzipiert und gestaltet. Oder ich gehe ganz strukturiert vor, mache mir Notizen, welche Dinge mit dem zu lösenden Problem am meisten zu tun haben könnten, welche anderen Dinge ähnlich sind und so weiter.

Frage: Welche Bedeutung hat Schrift und Typografie für deine Arbeit?

Trixy: Schrift und Typografie sind in jedem Bereich meiner Arbeit wichtig, sowohl in der Gestaltung selbst bei der Auswahl der passenden Schriften, als auch bei der Evaluation. Wenn Kunden wissen möchten, wie sie ihre Produkte verbessern können, erwähne ich immer, dass ein einheitliches Schriftbild, gut gewählte Schriftgrößen, Abstände und so weiter die Text-Verständlichkeit fördern.

Frage: Und welche Bedeutung haben Bilder für dich? Woher beziehst du sie in der Regel?

Trixy: Das ist manchmal ein schwieriges Thema. Die meisten Kunden möchten beispielsweise bei einem Relaunch ihrer Webseite mehr Bildmaterial haben, aber sie haben in der Regel keine Vorstellung davon, woher man diese Bilder bekommt, was das kostet, und dass man eigenes Bildmaterial auch möglichst professionell gestalten sollte und nicht einfach selbst mit der Digitalkamera mal eben seinen Kollegen vor dem Aktenberg fotografiert. Feste Bildagenturen habe ich nicht, aber wir haben Kontakte zu guten Fotografen, die wir dann auch gerne vermitteln.

Frage: Ich bin der Ansicht, dass das Thema »Corporate Design« (bei kleineren Unternehmen ein stringentes Erscheinungsbild) in der Ausbildung von Gestaltern recht stiefmütterlich behandelt wird. In der späteren Berufspraxis wird es dann oft vernachlässigt, nicht verstanden um nicht zu sagen: ignoriert. Natürlich verengt es den Rahmen, in dem Kreativität statt finden kann. Doch ein guter Gestalter sollte in der Lage sein, auch unter klar abgegrenzten Rahmenbedingungen gute Lösungen zu erarbeiten.
Wie stehst du zu diesem Thema?

Trixy: Es ist doch eine unheimlich spannende Aufgabe, ein komplettes, einheitliches Gestaltungsbild für ein Unternehmen zu entwerfen. Ich finde nicht, dass das die Kreativität behindert, und es gibt ja auch unglaublich viele tolle Beispiele für Corporate Designs. Für Informationsdesigner ist es vielleicht auch nicht ganz so schwer, mit CD und CI gut umzugehen; in unserer Ausbildung ist das Wort “Konsistenz” vermutlich das, was wir alle am häufigsten benutzen :)

Frage: Gibt es ein Buch für dich, von dem du sagst: »Das muss jeder Gestalter gelesen haben!«

Trixy: Eigentlich nicht. Viele dieser Bücher beschäftigen sich oberflächlich mit einer hübschen Optik, erklären aber kaum die Hintergründe. Ich denke aber, jeder Gestalter, gleich welches Medium er gestaltet, sollte ein gutes Buch über Farbgestaltung besitzen.

Frage: Hast du noch weitere Informationstipps? Zeitschriften? Websites? Blogs? Oder: Wie informierst du dich und was sind deine Lern- und Inspirationsquellen?

Trixy: Ich lese ganz gerne »A List Apart«. Ich verfolge auch diverse Blogs, aber meine Interessen sind da sehr vielfältig, es wäre schwer eins rauszugreifen.

Frage: Was würdest du Neueinsteigern raten, die Gestalter werden möchten: Wie wird man Gestalter und wie schafft man den Einstieg in die Branche?

Trixy:Ich finde es schwierig, von »dem Gestalter« an sich zu sprechen, weil heutzutage alles wahnsinnig spezialisiert ist. Ich denke, man muss sich klar werden, in welcher Richtung die Talente liegen. Ohne Talent wird es nicht völlig gehen, aber es ist auch wichtig, das Handwerk zu lernen. Als Quereinsteiger hat man es sicher auch als Gestalter heute nicht mehr ganz so leicht.

Frage: Gibt es sonst noch einen besonderen Rat oder Tipp, den du allen aufstrebenden Gestaltern mit auf den Weg geben möchtest?

Trixy: Kreativitätstechniken lernen und anwenden! Wenn einem nichts mehr einfällt, wirken Brainstorming, Mindmapping oder schlichtes Knetgummi Wunder.

Frage: Aus persönlichem Interesse: Ich bin über deine Aktivitäten im Internet auf dich aufmerksam geworden. Weshalb engagierst du dich auf diese Weise?

Trixy: Wissen vergrößert sich, wenn man es teilt. Und außerdem bin ich wohl irgendwie sehr mitteilungsbedürftig :)

Vielen, lieben Dank für das Interview, Trixy, und weiterhin ein gutes Händchen beim Evaluieren von Websites – wir User werden es brauchen können.

Anmerkung: Wenn ich mir die letzten vier Interviews anschaue, dann ist das Feedback mit einer Bewertung von ca. 1 nicht eben berauschend. Zwar ist es schwer aus ein bis drei abgegebenen Stimmen Rückschlüsse zu ziehen, aber wir kommen dennoch ins Grübeln ob das Thema vielleicht tatsächlich so am Interesse vorbeit geht. Also lasst uns wissen, wie euch unsere Interviews gefallen und vergebt ein bis drei ehrliche Sternchen hier unten.

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Di, 19. Aug. 08

von Markus

Monika GauseDie Kollegen und Kolleginnen schienen so beschäftigt zu sein wie ich. Deshalb konnte ich auch nicht wie geplant an den vergangenen beiden Dienstagen je eines veröffentlichen. In der Zwischenzeit ist aber ein weiteres Interview eingetroffen, und ich bin froh hier Monika Gause vorstellen zu dürfen.

Auf Monika Gause bin ich durch ihr Buch »Adobe Illustrator – das Praxisbuch zum Lernen und Nachschlagen« aufmerksam geworden. Während es zu Photoshop ja viel – auch sehr gute – Literatur auf dem Markt gibt, sind gute Werke zu Illustrator Mangelware. Ich unterstelle jetzt einmal, dass Monikas Buch das beste zum Thema auf dem deutschsprachigen Markt ist, auch wenn ich natürlich nicht alle gelesen habe.

Monika Gause lebt und arbeitet in Hamburg, ist freiberufliche Grafikerin in der Mediawerk Ateliergemeinschaft und veröffentlicht Tutorials unter www.vektorgarten.de

Frage: Hallo Monika. Kannst du unseren Lesern kurz deinen Werdegang beschreiben – wie du zum Gestalten gekommen bist, welche Leidenschaft verbindet dich damit und womit verdienst du heute im Wesentlichen dein Einkommen?

Monika: Eigentlich wollte ich ja Tierärztin werden. Da kamen dann aber zwei Dinge dazwischen: die Erkenntnis, dass das wohl doch nicht das Richtige wäre und die Bekanntschaft mit den typografischen und fotografischen Arbeiten der Bauhaus-Künstler.

Ich habe nach der Schule ein dreivierteljähriges Praktikum in einer großen Werbeagentur gemacht (bezahlt wohlgemerkt) und mich währenddessen nach den Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten umgesehen.
Studiert habe ich dann am Institut für Graphik Design (heute Institute of Design: http://ingd.de) in Hamburg.

Durch meinen Freund und jetzigen Partner bin ich später in eine Klasse der HfbK (Hochschule für bildende Künste http://www.hfbk-hamburg.de/) gekommen. Dort haben wir uns künstlerisch auseinandergesetzt mit den Fähigkeiten des Werkzeugs Computer, wie Vernetzung und Programmierbarkeit.

Anschließend habe ich 10 Jahre lang mit Partnern zusammen Multimedia-Anwendungen gebaut und wollte eigentlich nie wieder Print machen. Das ging dann ganz selbstverständlich in Web-Abwendungen über. In der theoretischen Beschäftigung mit Computern, Animation, und dem Raum als Medium bin ich auch wieder zum Bauhaus gekommen. Irgendwie haben die in den 20ern schon alles gemacht, was wir heute für neu halten.
Inzwischen verdiene ich einen großen Teil meines Einkommens neben Design-Aufträgen mit Unterrichten und dem Schreiben für verschiedene Medien. Das ist eine Arbeit, die ich sehr befriedigend finde und vielseitig ist sie obendrein, da ich viele Anwender mit ganz unterschiedlichen Aufgabenbereichen kennen lerne. Diese Nahtstelle zwischen Kreativität, technischem Verständnis und Software-Grundlagenforschung finde ich sehr spannend.

Frage: Gestaltung lebt im Spannungsfeld zwischen Kreativität und Funktionalität. Wo liegen bei dir die Prioritäten, und: Beinhaltet ein Gestaltungprozess für dich mehr Inspiration oder Transpiration?

Monika: Woher weißt Du, dass ich gerne Joggen gehe, wenn ich nicht mehr weiter komme? ;-)

Inspiration ist ohne Transpiration nicht zu haben. Ideen kommen nicht aus dem luftleeren Raum. Die wirklich guten kommen dann, wenn man sich eigentlich schon länger mit einer Sache beschäftigt. Dann scheint es zwar so, als wäre es im Schlaf passiert, aber die Arbeit hat man ja vorher gemacht.

Und: ja, das Joggen hilft. Schokolade aber auch.

Frage: Welche Bedeutung siehst du in den Gestaltungswerkzeugen wie Photoshop, Illustrator und InDesign für den Gestaltungsprozess? Lassen sich die Grafiker zu sehr von den Verlockungen des Design-by-Buttonklick verführen? Beherrschen die Anwender Ihre Werkzeuge, oder werden sie von den Tools beherrscht?

Monika: Die wirklich guten Leute setzen ihre Werkzeuge punktgenau ein. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Und sie setzen die Medien mediengerecht ein. Natürlich trifft man in Anwenderforen auf jede Menge Leute, die nicht aus noch ein wissen und einen Effekt für die Lösung ihrer Probleme halten. Aber sie stellen sicher nicht den Großteil der professionellen Nutzer oder der Nutzer überhaupt. Ich sehe den Computer auch nicht als eine Verführung - jedenfalls nicht für Leute »vom Fach«. Es gibt ja keine Alternative - wer professionell tätig ist, muss seine Sachen mit dem Computer machen, weil die Weiterverarbeitung es erwartet.

Ausgenommen sind hier höchstens noch Illustratoren.

Frage: Welche Bedeutung haben die Tools für deine eigene Arbeit als Gestalterin? Könntest du ebenso gut mit Illustrator oder Freehand 6 noch arbeiten?

Monika: Mit FreeHand 6 sicher nicht, denn diese Version gab es nicht. Mit Illustrator 6 könnte ich nicht mehr arbeiten, weil mein Rechner sie nicht mehr unterstützt. Aber ich bin sicher, Du meinst, ob mir die Möglichkeiten reichen würden. Das würde ich bedingt mit Ja beantworten, denn Illustrator 6 hatte noch keine Aussehen-Palette. Und auf die könnte ich nun wirklich schwer verzichten.

Ich habe schon immer gerne reduzierte Sachen gemacht - schwarzweiß mit groben handgezeichneten Illustrationen - die dann auf einem Fotokopierer vervielfältigt werden. Bei meinen regelmäßigen Non-Profit-Aufträgen ist auch nur manchmal Geld da für einen 4-Farb-Druck. Da die ganze Welt inzwischen bunt plakatiert ist, fallen schwarzweiß-Sachen häufig ja sogar viel besser auf als farbige. Und: die Reduktion in der Darstellungstechnik macht die Idee umso wichtiger und bringt sie besser zur Geltung.

Frage: Was sind deine wichtigsten Tools?

Monika: Brain 2.0, Apple Mail, Bleistift/Kuli und ein Stapel Papier, Illustrator, Photoshop, Indesign (je CS3), das Web, mediengestalter.info, eine Kanne Tee (schwarz)

Frage: Und wie gehst du den Gestaltungsprozess an? Nach wie vor vom Scribble zum Computer?

Monika: Mal so, mal so. Manche Idee kann (und muss) schnell umgesetzt werden - aber auch da mache ich häufig eine Wacom-Skizze, bevor ich Illus Zeichenstift ansetze. Andere Ideen gehen auch zwischen Papier und Computer hin und her.

Frage: Welche Bedeutung hat Schrift und Typografie für deine Arbeit?

Monika: Eine große. Durch die Typografie bin ich zum Design gekommen und ich mache immer noch gerne reine Typo-Sachen. Dir ist ja sicher die Überlänge des Schrift-Kapitels in meinem Buch aufgefallen. Das liegt sicher nicht daran, dass die Text-Werkzeuge in Illustrator so bedeutsam wären. Das Thema ist mir einfach wichtig und es gibt eine Menge dazu zu sagen, damit Anwender den Hintergrund haben, die Funktionen optimal zu nutzen.

Ich nutze Typografie gerne spielerisch, wenn man mich lässt.

Frage: Und welche Bedeutung haben Bilder für dich? Woher beziehst du sie in der Regel?

Monika: Werden von Kunden geliefert, selbst gemacht (Foto oder Illustration), sxc.hu (für Non-Profit und Wenig-Profit-Projekte)

Bilder haben für mich ebenfalls eine große Bedeutung. Ich bin häufig sehr lange auf der Suche nach einer passenden Bildidee und anschließend nach dem passenden Bild. Manchmal länger als das Layout dauert.
Im Print-Bereich geht es ja noch, Multimedia-Anwendungen sind da viel bilderhungriger. Andererseits kann man bei bildschirmbasierten Medien fast alles verarbeiten.

Frage: Ich bin der Ansicht, dass das Thema »Corporate Design« (bei kleineren Unternehmen ein stringentes Erscheinungsbild) in der Ausbildung von Gestaltern recht stiefmütterlich behandelt wird. In der späteren Berufspraxis wird es dann oft vernachlässigt, nicht verstanden um nicht zu sagen: ignoriert. Natürlich verengt es den Rahmen, in dem Kreativität statt finden kann. Doch ein guter Gestalter sollte in der Lage sein, auch unter klar abgegrenzten Rahmenbedingungen gute Lösungen zu erarbeiten.

Wie stehst du zu diesem Thema?

Monika: Für mich zählen die Grenzen (die sich ja nicht nur aus Design-Richtlinien ergeben) als Merkmal der Kreativität dazu. Je mehr Grenzen gesteckt sind, umso mehr Kreativität muss man entwickeln, damit das Ergebnis der Aufgabe mit allen Anforderungen gerecht wird. Was die Ausbildung der Gestalter angeht - da kenne ich mich nicht gut genug aus (ich unterrichte Kulturwissenschaftler). Ich weiß aber auch nicht, ob so etwas ein geeignetes Thema für ein Studium oder eine Ausbildung ist. Das ist eher etwas, das man am besten von einem erfahrenen guten Kollegen bei der Arbeit lernt. Und ich denke auch, dass man sehr viel Produktions-Erfahrung braucht, um ein umfassendes Corporate-Design zu entwickeln und zu dokumentieren. Dazu reicht nicht das Wissen um die Technik, sondern man muss es gemacht haben.
Wenn es dabei also ein Problem gibt, dann eher das, dass Auftraggeber (oder Chefs) es in die Hände unerfahrener Leute legen, weil sie die Tragweite des ganzen nicht erkennen.

Frage: Gibt es ein Buch für dich, von dem du sagst: »Das muss jeder Gestalter gelesen haben!«

Monika: Nein. Wenn wir davon ausgehen, dass mit »Gestalter« nur die Leute gemeint sind, die eine Ausbildung oder ein Studium hinter sich haben. Je nach Schwerpunkt, den man sich setzt, gibt es natürlich Bücher, die ich jemandem dringend ans Herz legen würde. Und bestimmt gibt es auch noch Bücher, die ich lesen sollte.

Dazu gehört zum Beispiel Photoshop LAB-Color von Dan Margulis, das ich schon angefangen habe, wobei mir aber ständig etwas dazwischenkommt.

Zwei Design-Bücher, die ich in letzter Zeit interessant fand, waren der Aufsatz »Das hohe Bürogebäude« von Form-follows-function-Sullivan und Wilhelm Braun-Feldweg: »Industrial Design heute« (nur noch antiquarisch erhältlich). Da unser wichtigstes Kommunikationsmittel immer noch die Sprache ist, halte ich auch die Lektüre von Wolf Schneider »Wörter machen Leute« für gut investierte Zeit.

Und als werbender Krimifan braucht man wohl »Mord braucht Reklame« von Dorothy Sayers. Und sei es nur, um festzustellen, dass bereits in den 30ern das einzige Bestreben von Grafikern darin bestand, den Text aus der Anzeige herauszudrängen ;-)

Frage: Hast du noch weitere Informationstipps? Zeitschriften? Websites? Blogs? Oder: Wie informierst du dich und was sind deine Lern- und Inspirationsquellen?

Monika: Die meisten Anstöße, mich mit Neuem zu beschäftigen, kommen aus dem Gespräch mit Kollegen - dem virtuellen in Foren zumeist. Oder, wenn ich etwas sehe und mich interessiert, wer das gemacht hat und vor allem wie.

Blogs … das sind viele: regelmäßig sehe ich aber nur bei Mordy Goldings rwillustrator.blogspot.com, den Adobe-Bloggern unter blogs.adobe.com und dem Schockwellenreiter vorbei. Und bei Dir. Unregelmäßig bei vielen weiteren. Mein »Haus- und Hofforum« ist mediengestalter.info. Darüberhinaus bin ich bei hilfdirselbst.ch, traum-projekt.com und der XING-Gruppe der Adobe-Anwender aktiv.

Ansporn und Vorbild für meine Herangehensweise geben mir Doc Baumann mit seiner Kombination von künstlerischen Inhalten und technischem Verständnis, Mordy Golding mit seiner Detailkenntnis und dem Abtauchen in die hintersten Hintergründe (von Illustrator) und mein Partner Klaus mit seiner sturen Neugier bei der Problemlösung.

TV-Pflichtprogramm für jeden, der unterrichtet, sollte die Sendung mit der Maus sein: Einstein sagte »Wenn Du es einem 6-jährigen nicht erklären kannst, verstehst Du es wahrscheinlich selbst nicht«.

Frage: Was würdest du Neueinsteigern raten, die Gestalter werden möchten: Wie wird man Gestalter und wie schafft man den Einstieg in die Branche?

Monika: Technik und Theorie kann man sich durch Lesen und Probieren im stillen Kämmerlein aneignen, aber gute Sachen entstehen nur in der Auseinandersetzung mit Anderen. Ein Studium oder eine Ausbildung bietet das: nicht nur die Anleitung und Korrektur durch Ausbilder und Profs, sondern vor allem die Kritik und Nachfragen der Kommilitonen und Kollegen. Man lernt dabei nicht nur, seine Ideen zu verteidigen, sondern auch, sich selbst immer wieder neu zu hinterfragen.

Und vor allem braucht man Kontakte und Netzwerke, welche sich auch ganz natürlich bei Ausbildung oder Studium ergeben.

Frage: Gibt es sonst noch einen besonderen Rat oder Tipp, den du allen aufstrebenden Gestaltern mit auf den Weg geben möchtest?

Antwort: Probier alles aus. Leg Dich in der Anfangsphase noch nicht fest (auf eine Technik, ein Werkzeug, eine Branche ….) Mach auch Deine eigenen freien Sachen, solange noch die Gelegenheit besteht. Wenn Du erstmal im Job eingebunden bist, hast Du dazu nur noch wenig Zeit.

Frage: Aus persönlichem Interesse: Ich bin über deine Aktivitäten im Internet auf dich aufmerksam geworden. Weshalb engagierst du dich auf diese Weise?

Monika: Meine ersten Websites entstanden deswegen, weil ich darüber mein (und unser - als Ateliergemeinschaft) Angebot bekannt gemacht habe. Mein erstes Engagement in Mailinglisten kam durch die Suche nach Kooperationen und Austausch über praktische Probleme zustande.

Beides spielt immer noch eine Rolle, dazu kommt Spaß am Vermitteln, am Schreiben und Formulieren, das Weil-es-so-einfach-ist, der Wunsch, selbst etwas beizutragen (weil ich auch am Netz profitiere). Und mir ist der Kontakt zu meinen Lesern wichtig: Über meine Aktivitäten erreichen mich Kommentare, Anregungen und Fragen von Kollegen, die ich, wenn es geht, in meine Artikel und Bücher aufnehme.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, auch wenn es leider nur virtuell und Zeitversetzt stattfinden konnte. Ich wünsche dir auch mit einen weiteren Publikationen viel Erfolg, und dass sie so gut gelingen, wie die bisherigen.

Wie findest du den Artikel: Lau …Cool.Echt fett! (Artikel bisher ohne Wertung)
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Di, 29. Jul. 08

von Markus

Achim Schaffrinna schreibt das designtagebuch.de – seit vielen Monaten die unangefochtene Nr. 1 meiner Blogparade. In diesem Weblog stellt er beinahe täglich Re-Designs vor – in erster Linie Logos, aber auch Internet-Auftritte. Eine Informations- und Inspirationsquelle, wie mir sonst für diesen Bereich eigentlich kaum eine zweite einfällt.

Achim spart nicht mit Kritik, bleibt dabei aber stets sachlich. Missgunst oder gar Neid – wie er bei Gestaltern ja leider doch oft und gerne zu finden ist – dürfte ihm niemand unterstellen können. Gerade deshalb gehört sein Weblog längst zu den wichtigsten und meist besuchten Weblogs in der deutschen Gestaltungs-Weblogsphäre. Achim lebt und arbeitet – nach einer neun Monate dauernden Weltreise – heute in Hannover.

Achim

Frage: Hallo Achim. Kannst du kurz deinen Werdegang beschreiben – wie du zur Gestaltung gekommen bist, welche Leidenschaft du damit verknüpfst und womit du heute im Wesentlichen dein Einkommen bestreitest?

Achim: Gestaltung begann bei mir maßgeblich mit Airbrush. Als Jugendlicher habe ich mir mit der Gestaltung von T-Shirts, Einladungskarten und Schildern ein Taschengeld verdient. Eigentlich wollte ich damals Innenarchitektur studieren, bis mich ein Kunde mal gefragt hat, ob Grafikdesign für mich nicht die bessere Wahl sei. Die Frage brachte Einiges ins Rollen. Bei einem einjährigen Praktikum in einem kleinen Designbüro, habe ich dann herausgefunden, was ich mein Leben lang machen möchte. Ich zog dann 1994 zwecks Studiums aus dem Rheinland nach Hannover. Wo ich bis Anfang 1999 “Designinformatik”, so hieß der Studiengang tatsächlich, studierte. An der FH Hannover habe ich in den 5 Jahren eine unglaublich wertvolle Sensibilisierung für Farben und Formen erfahren. Nach den Vorlesungen und an den Wochenenden arbeitete ich zudem freiberuflich für zahlreiche Agenturen in Hannover und gestaltete für ein Plattenlabel alles, was sie benötigten. Seit Oktober 2000 arbeite ich bei der Agentur Cybay New Media, wo ich heute den Bereich Design leite, was auch den letzten Teil Deiner Frage beantwortet. Noch mal kurz zur angesprochenen Leidenschaft. Während meiner Weltreise habe ich festgestellt, dass ein Leben ohne kreatives Arbeiten für mich ein Stück weit unausgefüllt ist. Trotz der Freiheit jeden Tag tun und lassen zu können wonach einem ist, verspürte ich mit Fortdauer der Tour ein innere Unruhe, die daraus resultierte, dass meine Kreativität nicht ausgelebt werden konnte. Es gibt wohl zwei Dinge, die ich nicht abstellen bzw. in mir unterdrücken kann. Fernweh und die Leidenschaft für das Gestalten.

Frage: Gestaltung lebt im Spannungsfeld zwischen Kreativität und Funktionalität. Wo liegen bei dir die Prioritäten?

Achim: Gerade bei den digitalen Medien ist Funktionalität unablässlich. Nutzer dürfen erwarten, dass ein Webauftritt die für sie relevanten Informationen leicht zugänglich bereithält. Ist dies nicht gegeben, werden sie eine alternative Adresse ansteuern. Bei jedem meiner Projekte schlüpfe ich selbst in die Rolle des Nutzers, um das Design in Bezug auf seine »Führungsqualitäten« zu hinterfragen. Gleichzeitig ist das Design eine entscheidende Komponente innerhalb eines Markenauftritts, um sich vom Mitbewerber deutlich sichtbar zu unterscheiden. Ein gutes Corporate Design sollte im Idealfall sowohl gangbare Wege aufzeigen und notwendige Grenzen ziehen, aber auf der anderen Seite den unterschiedlichen Medienadaptionen möglichst viel Freiraum einräumen. Wahrlich ein Spagat. Über die Jahre hat sich mein Schwerpunkt deutlich in Richtung Design für digitale Medien verlagert, wo ich mich heute sehr sehr wohl fühle. Mich fasziniert die Dynamik in Web und die Aufgabe Design und Funktion unter einen Hut zu bekommen jedes Mal aufs Neue.

Frage: Wie gehst du ein Gestaltunsprojekt an? Wie kommst du zu kreativen Lösungen und was machst du, wenn sich die Inspiration einmal nicht bis zur Deadline einstellt?

Achim: Stressig und hektisch gehts bei mir nicht zu. Ich gehe eigentlich sehr besonnen und gut sortiert an eine Aufgabe. Selbst an Stellen, wo es mal hakt überwiegt bei mir immer die Zuversicht, dass am Ende etwas Gescheites dabei rum kommt. Vor der Gestaltung beginne ich mit der Sondierung der Mitbewerber. Eine Recherche, sofern sie nicht schon während der Konzeption erfolgte, ist meist der erste Schritt. Das gilt für die Entwicklung einer CD-Linie ebenso wie für das Design von Webanwendungen. Aufgrund vielfältiger Vorgaben, Anforderungen und Ziele kanalisiert sich das Design dann meist in eine entscheidende Richtung. Diese wird dann ausgearbeitet. Ich glaube ein Entwurf sollte immer auch ein Stück weit eine Empfehlung für das gemeinsam verfolgte Ziel sein, weshalb ich eher davon absehe den Kunden mit zu vielen unterschiedlichen Varianten zu verwirren, die zwar alle recht unterschiedlich sein können, bei denen aber dann später offenkundig würde, dass sie eine konzeptionelle Tiefe vermissen lassen. Diese, meist aus Zeitknappheit, geborenen Pseudoentwürfe können später ein Projekt arg bedrängen. Zugegeben gelingt es nicht immer einen Neukunden, davon zu überzeugen, dass ein gut durchdachter Entwurf mehr kann, als drei eben mal auf die Schnelle skizzierten, gewollt unterschiedlichen Lösungsansätze. Sicherlich sollte man aber immer auch berücksichtigen, dass Kunden anders ticken, als Kreative. Deswegen muss ein Entwurf trotz aller Empfehlung offen genug sein, die nicht erfüllten Wünsche aus Kundensicht noch mit aufzunehmen. Klingt nach einer Gratwanderung. Ist aber aus meiner Sicht weniger schwindelerregend, als es sich anhört.

Frage: Welche Bedeutung hat Schrift und Typografie für deine Arbeit?

Achim: Da mein Schwerpunkt in den, durch technischen Restriktionen bestimmten digitalen Medien liegt, ist die Bedeutung sicherlich nicht so groß, wie bei Kreativen der Print-Branche. Im Mittelpunkt stehen eher die Auseinandersetzung mit Systemschriften, sowie die verschiedenen Techniken zur Einbindung von Hausschriften per Image- und Flash-Replacement (sIFR). Nichtsdestoweniger schätze ich eine gute Typo sehr. Typografie ist eine DER Säulen innerhalb einer CD-Linie. Ich bewundere die Schriftengestalter für ihre Arbeiten, allerdings wäre es mir persönlich zu nüchtern sich alleine mit der Konstruktion von Buchstaben zu beschäftigen. Bei der Logogestaltung wähle ich eher Schriften, die über einer sachliche Anmutung verfügen.

Frage: Und welche Bedeutung haben Bilder für dich? Woher beziehst du sie in der Regel? Ich nehme an – wenn ich dein Kunden-Portfolio so ansehe –, dass du eher fotografieren lassen kannst, anstatt dich bei klassischen oder gar lizenzfreien Agenturen bedienen zu müssen.

Achim: Bilder geben einem Projekt erst die notwendige Würze. Sie brennen sich schneller in die Köpfe der Menschen ein, als jedes Wort. Sie transportieren zwischen den Zeilen die Unternehmenskultur und sprechen unsere rechte Gehirnhälfte an, die sich um die Emotionen kümmert. Ich bin immer sehr glücklich, wenn Kunden bereits einen »Haus- und Hof-Fotografen« mitbringen. Ein Empfehlung spreche ich stets in Richtung Fotos vom Fotografen aus. Man sieht es dem Projekt später einfach an. Das Geld ist immer gut angelegt und für den Preis einer überteuerten Bilder-CD bekommt man locker auch 50-60 originäre Bilder vom Fotografen. Hier ist dann auch ausgeschlossen, dass man die erworbenen Bilder auf einer anderen Website entdeckt, was ich aus Kundensicht immer eher etwas peinlich fände. Anbieter bei denen ich schon einmal Bilder im Auftrag des Kunden erworben habe, sind PantherMedia, GettyImages, iStockphoto und Fotolia.

Frage: Ich bin der Ansicht, dass das Thema »Corporate Design« (bei kleineren Unternehmen ein stringentes Erscheinungsbild) in der Ausbildung von Gestaltern recht stiefmütterlich behandelt wird. In der späteren Berufspraxis wird es dann oft vernachlässigt, nicht verstanden um nicht zu sagen: ignoriert. Natürlich verengt es den Rahmen, in dem Kreativität statt finden kann. Doch ein guter Gestalter sollte in der Lage sein, auch unter klar abgegrenzten Rahmenbedingungen gute Lösungen zu erarbeiten.
Wie stehst du zu diesem Thema?

Achim: Das hängt vermutlich mit der Komplexität der Aufgabe zusammen. Tatsächlich war es auch zu meiner Studienzeit so, dass die Ausarbeitung einer kompletten CD-Linie erst im Diplom von Einigen angegangen wurde. Die Kombination Logo + Geschäftsausstattung ist sicherlich häufig angefragt gewesen, auch dank einiger Wettbewerbe, allerdings ist es damit ja nicht getan. Mein Studium war sehr vielschichtig. Fotografie, Messedesign, Kommunikationsdesign, Editorialdesign, Corporate Design, Kalligraphie, Animation, Webdesign, etc. Ich glaube die Erfahrungen, die man in jeder Disziplin gemacht hat, helfen einem später die ersten Aufträge anzugehen. Ich persönlich habe rückblickend vor allem Vorlesungen zum Thema CI/Branding/Marke vermisst. Beim gestalten einer CD-Linie geht es doch in erster Linie darum, die Unternehmensidentiät zu visualisieren. Um dies zu können, muss man sich aber zunächst einmal mit Kern der Marke oder dem, wofür das Unternehmen steht auseinandersetzen. Als Student hätte ich mir gewünscht, dass nicht nur die Disziplin Gestaltung auf dem Programm gestanden hätte, sondern auch Designberatung, bei der Kreative und Kunde gemeinsam Leitlinien entwickeln, die dann wiederum Auswirkungen auf ein Corporate Design haben. Oftmals ist es doch so, dass Kreative eine Aufgabe auf den Tisch bekommen, die sie dann umsetzen dürfen.

Frage: Gibt es ein Buch für dich, von dem du sagst: »Das muss jeder Gestalter gelesen haben!«

Achim: Wer Webdesign erstellt, sollte ein Vorstellung davon haben was Usability ist. An Jakob Nielsens Theorien / Standardwerken kommt man nicht vorbei, selbst wenn sich immer wieder Dinge ändern, was er selbst betont. Statt sich mit den eigenen Lieblingsfarben zu beschäftigen halte ich es für wichtiger sich mit den Bedürfnissen der Surfer auseinander zu setzen, dem eigentlichen Nutzen (Utility). Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Aspekten, die es Wert sind mehr als einen Gedanken daran zu verschwenden. Themen wie Farbenlehre, Informationsarchitektur (Integrierte Informationsarchitektur, Hendrik Arndt), Corporate Identity und auch die Markenführung (Brand Future, Achim Feige) sind allesamt überaus spannend.

Frage: Hast du noch weitere Informationstipps? Zeitschriften? Websites? Blogs? Oder: Wie informierst du dich und was sind deine Lern- und Inspirationsquellen?

Achim: Ehrlich gesagt würde ich Dir gerne mal über die Schulter schauen, wenn Du mit Photoshop arbeitest. Ich bin sicher, auch wenn ich fast 10 Jahre damit arbeite gibt es eine Menge, was ich noch dazu lernen könnte. Es ist einfach unglaublich komplex. Ansonsten stecke ich meine Nase berufs- und passionsbedingt täglich in unzählige Webauftritte. Wie war das damals noch mit der Inspiration, bevor es das Internet gab? Es ist mit Abstand die größte Inspirations- und Informationsquelle. Wenn ich ein Logo auf den Weg bringe nutze ich es außerdem zur Vorabrecherche. »Los Logos« und ähnliche Büchersammlungen helfen zudem dabei eine grobe Richtung einzuschlagen. Ich schaue mir wie gesagt vor einem Projekt immer die Lösungen der Mitbewerber und der Konkurrenz an, um auszuschließen und einzugrenzen.

Frage: Was würdest du Neueinsteigern raten, die Gestalter werden möchten: Wie wird man Gestalter und wie schafft man den Einstieg in die Branche?

Achim: Alles, was aus dem Kunstunterricht stammt zur Seite legen und eine Mappe eigens für die Bewerbung an einer Hochschule NEU anlegen. Zeichnungen aus der 12. Klasse interessieren keinen. Eine erste Anlaufstelle für Anwärter eines Designstudiengangs ist Precore.net. Hier zeigen Studenten ihre Mappen, mit denen sie erfolgreich die Aufnahme geschafft haben, so dass man einen guten Eindruck erhält, welche Leistung notwendig ist, um an einer Hochschule aufgenommen zu werden. Einrichtungen wie die VHS bieten zudem spezielle Mappenvorbereitungskurse an. Diese gehen über mehrere Monate und bereiten einen auf das Studium schon recht gut vor. Nach einem mehrjährigen Studium kann man sich schließlich in eine Agentur oder in die Selbstständigkeit wagen. Ohne solch eine Sensibilisierung für Farben und Formen geht man meiner Ansicht nach immer auf recht dünnem Eis, was aber nicht heißt, dass auch Ausnahmetalente ohne ein Studium erfolgreich sein können.

Frage: Gibt es sonst noch einen besonderen Rat oder Tipp, den du allen aufstrebenden Gestaltern mit auf den Weg geben möchtest?

Achim: Sich immer wieder Fragen stellen. Gutes Design ist meiner Meinung nach die Kunst des Weglassens. Muss diese Linie sein? Oder bekommt man eine Strukturierung auch nur mit Hilfe der Typografie hin? Außerdem lohnt es sich, mit dem, was man gestaltet tatsächlich zu beschäftigen und es nicht nur links oder rechts zu positionieren. Wie steht es um die Begrifflichkeit? Soll die Überschrift wirklich so bleiben? Ein Gestalter, der neben den Farben auch die Sprache selbst im Blick hat, kann für das Gesamtergebnis nur von Vorteil sein. So zumindest meine Interpretation von »Kommunikationsdesigner«.

Frage: Aus persönlichem Interesse: Ich bin über deine Aktivitäten im Internet auf dich aufmerksam geworden. Weshalb engagierst du dich auf diese Weise?

Achim: Vermutlich ist der Beweggrund nicht unähnlich mit dem vieler anderer Blogger. Know-how vermitteln, Diskussionen anstoßen und sich daran beteiligen, nicht nur Konsument sein sondern auch Produzent. Nach über 10.000 Kommentaren, die meine Artikel in gerade einmal 2 Jahren erhalten haben, bin ich zudem davon überzeugt, dass es viel Diskussionsbedarf zu Designthemen im deutschsprachigen Raum gibt. Das freut mich sehr. Ich will meinen Teil dazu beisteuern, dass dies auch weiterhin so bleibt.

10.000 Kommentare!? Wow! Ich habe in derselben Zeit gerade mal etwas über 500 empfangen dürfen. Gratulation zu dem tollen Erfolg und auch weiterhin alles Gute – beruflich, für dein Weblog und natürlich vor allem auch privat. Ich bedanke mich für das tolle Interview.

Wie findest du den Artikel: Lau …Cool.Echt fett! (Artikel bisher ohne Wertung)
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Di, 22. Jul. 08

von Markus

Vor einiger Zeit kam mir die Idee, in diesem Weblog einmal andere Stimmen, als die meine – und neuerdings Pascals – zu Wort kommen zu lassen. Genauer definiert entstand der Gedanke ein paar Blogger, bei denen ich besonders gerne vorbei schaue, zu interviewen. Aus dem Gedanken wurde ein Wunsch und diesen Wunsch habe ich dann den bloggenden Kollegen mitgeteilt. Das Feedback zu meiner Anfrage war beinahe durchgehend positiv, und ich freue mich mit Martin Hömmerich den ersten Gesprächspartner präsentieren zu dürfen.

Die Interviews fanden nicht live statt, sondern wurden über den Austausch eines Textdokuments erstellt. Das ist einfach zu organisieren (bei meinem derzeit chronischen Zeitmangel ein wichtiger Faktor – und für meine Interview-Partner dürfte dasselbe gelten), und hat den Vorteil, dass meine Leser gut durchdachte Antworten präsentiert bekommen.

Ich plane jeweils Dienstags ein Interview zu veröffentlichen und hoffe bald genug Material für die kommenden Wochen zu erhalten.

Martin hat mir mitgeteilt, dass es interessant für ihn war die Fragen zu beantworten, und dass ihm das auch Spaß gemacht hat. Für mich waren seine Antworten äußerst interessant. Nun hoffe ich, dass auch ihr für euch interessantes in den Antworten findet und Spaß am Lesen habt.

Über Martin Hömmerich

Martin Hömmerich ist Gründer und Geschäftsführer von »THAVIS | Agentur für interaktive Produktpräsentation«. Der Diplom-Ingenieur (Photo- und Medientechnik) lebt und arbeitet in Köln.
Martin bloggt seit langem unter hoemmerich.com über »Agenturleben, Grafik, Design, Fotografie & Werbung«. Auch auf ihn bin ich natürlich über sein Weblog aufmerksam geworden – seit vielen Monaten fixer Bestandteil meiner Feed-Sammlung.

Frage: Hallo Martin. Kannst du kurz deinen Werdegang beschreiben – wie du zu Fotografie und Gestaltung gekommen bist, welche Leidenschaft du damit verbindest und womit du heute im Wesentlichen dein Einkommen bestreitest?

Martin: In mir schlagen seit ich denken kann zwei Herzen: Naturwissenschaftler und Gestalter. Während meiner Schulzeit habe ich die Chance eines kreativen Nebenjobs in einer Agentur wahrgenommen und nachmittags Broschüren und Internetseiten gestaltet, abends dann die Hausaufgaben gemacht. Da war ich gerade mal 17 Jahre alt.
Warum ich mich nach dem Abitur für ein Informatikstudium entschieden habe kann ich nicht sagen – jedenfalls habe ich schnell gemerkt, dass das ein Holzweg für mich ist und mir einen sowohl technischen als auch kreativen Studiengang gesucht (Photoingenieurwesen, www.fh-koeln.de). Während dieser Zeit war ich nebenbei Junior-Art-Direktor einer Full-Service Werbeagentur und habe mich immer mehr Richtung Corporate Design und Webdesign vorgearbeitet. Da man während des Studiums eine fotografische Ausbildung erhält, durfte ich für die Werbeagentur auf Kongressen und Messen in der ganzen Welt fotografieren. Das war ein Traum. Noch heute denke ich gerne an diese Zeit zurück, auch wenn ich oft nur vier Stunden vor Klausuren schlafen konnte.
Nach einer Diplomarbeit bei Nokia in Düsseldorf habe ich mich letzten Endes für eine selbstständige Tätigkeit entschieden und bin zunächst mit einer One-Man-Show gestartet – was ich nicht anbieten konnte habe ich mit Freelancern auf die Beine gestellt – und bot vorwiegend Corporate Design, Internetauftritte und Fotografie an. Nach nur einem Jahr habe ich das große Glück gehabt, dass ein von mir mitgestaltetes Projekt – ein Flashmodul zur 360°Produktpräsentation – so erfolgreich wurde, dass ich mit zwei befreundeten Agenturen beschlossen habe, eine neue Agentur in Köln zu gründen, die sich nur mit dem Thema der interaktiven Produktpräsentation beschäftigt.
Als kleine Weisheit zu diesem Werdegang möchte ich sagen (wenn ich mir das erlauben darf), dass es in meinen Augen nie wichtig ist, was andere Menschen erwarten, sondern nur der eigene Wille zählt, das zu tun, was Erfüllung, Selbstverwirklichung und Freude bedeutet. Wenn sich dann die richtigen Wegbereiter und ein wenig Glück finden, ist der Rest Nebensache.

Frage: Gestaltung ist ja kein rein kreativer Prozess, sondern es gibt immer auch das Konzeptionelle und Organisatorische. Wie siehst du das als Fotograf: Beinhaltet ein Gestaltungsprozess für dich mehr Inspiration oder Transpiration?

Martin: Inspiration ist oft wunderbar – man sieht etwas und hat sofort neue Ideen für aktuelle Projekte. Man denkt oft, dass viele Agenturen nur nach diesem Prinzip zu arbeiten scheinen: Ist bei Youtube ein Video populär, in dem man vor lauter Ball werfender Menschen den „moonwalkenden Bären“ nicht sieht, kommt eine Autowerbung, in der man vor lauter Auto andere Dinge übersieht.
Inspiration bedeutet eine Idee zu transportieren, aber so geschickt, dass etwas Neues entsteht. Vor vollkommen neuen Ideen habe ich große Ehrfurcht, denn ich werde nur noch selten wirklich überrascht. So selten, dass mir gerade nicht einmal ein Beispiel einfällt. Für mich ist es schon bemerkenswert, wenn jemand technisch perfekt und sauber arbeitet, so dass etwas entsteht, das mir und den Kunden gefällt. Bin ich als Gestalter tätig, verlasse ich mich meist auf das was ich kann, hole mir zwar technische aber selten kreative Inspiration – man hat über die Jahre sicherlich auch einen eigenen Stil entwickelt. Ich könnte das am besten mit „bekannten Pfaden“ beschreiben, die man schon oft erfolgreich mit Kunden beschritten hat und wegen denen man auch engagiert wurde.

Frage: Wie gehst du ein Gestaltungsprojekt an? Wie kommst du zu kreativen Lösungen und was machst du, wenn sich die Inspiration einmal nicht bis zur Deadline einstellt?

Martin: Früher habe ich oft diese Erfahrung gemacht, dass die Eingebung sich einfach nicht einstellen wollte – wir haben damals Logos und Designs vorwiegend für die Pharmaindustrie entwickelt. Von mir als Jüngstem in der Kette wurden oft kreative Neuschöpfungen erwartet, wenn Altbewährtes in Runde 1 vom Kunden abgeschmettert wurde. Das waren schlaflose Nächte vor der Google Bildersuche, verzweifeltes Nachschlagen in Stock-Katalogen und scheinbar endlose Gespräche mit Art-Direktor und Agenturchef. Irgendwann zündet dann ein Funke im Brainstorming – von da an geht alles recht schnell.
Heute bieten wir meist bekannte und bewährte Lösungen an und sind eher technisch kreativ, trotzdem helfen mir die Erfahrungen von früher. Meist hilft nur ein kurzzeitiges Abschalten und die Konzentration auf etwas Neues: Gemeinsames Essen, Spaziergänge oder ein spannender Film. Drüber Schlafen ist meines Erachtens auch ganz wichtig und fehlt unserer Branche leider sehr. Ein ausgeruhter Kopf schafft mehr.

Frage: Manche Fotografen behaupten ja, dass heute in der Fotografie viel zu viel über Technik gesprochen wird, und dass viele Fotobegeisterte den Gestaltungsaspekt völlig aus dem Auge verloren haben – wenn sie ihn überhaupt jemals im Auge hatten. Ich persönlich glaube ja, dass man zunächst einmal den Umgang mit der Technik und die theoretisch/praktischen Grundlagen in Fleisch und Blut bekommen muss, bevor man sich ungehindert und frei der reinen Gestaltung von Bildern widmen kann.
Wie stehst du dazu?

Martin: Es ist wie mit dem Schach spielen: Die Züge der Spielfiguren kennt man schnell, aber ein Kasparov ist man deshalb noch lange nicht. Nicht umsonst gibt es bei Fotografen Tagesgagen von 400–120.000 Euro (wobei ich Letzteres extrem unsympathisch finde, aber das ist eine andere Diskussion).
Ich selbst habe noch mit einer Nikon FT3 angefangen, da war ich in der 4. Klasse und habe mein gesamtes Erspartes auf einmal ausgegeben – trotzdem weiß ich heute trotz jahrelanger Erfahrung, dass ich in manchen Bereichen besser nicht fotografiere, in anderen dafür schon.
Der Aspekt Technik ist vielleicht überbewertet – keine Frage – doch trifft das mehr auf den internen Bereich einer Agentur zu. Nach außen ist es als Agentur durchaus wichtig, auf dem „neuesten Stand“ zu sein. Kunden fühlen sich einfach wohler, wenn sie eine professionelle Ausstattung sehen, die den Gegenwert eines Mittelklassewagens hat und sich die Diskussion auch einmal um die neue Kamera und das Objektiv dreht – das schafft Vertrauen. Mir ist das wichtig. Natürlich könnte man auch mit dem Vorgängermodell vergleichbar produzieren.

Frage: Verrätst du uns etwas über dein Equipment und mit welcher Ausrüstung du gerne arbeitest?

Martin: Zur Fotografie: In der Agentur fotografiere ich mit einer 1DMarkIII und den Objektiven der L-Serie von Canon. Zu Hause nur noch selten mit einer EOS 20D.

In der Gestaltung nutze ich die gesamte Creative Suite von Adobe – Photoshop habe ich seit den ersten Versionen nutzen dürfen (damals noch auf einem Apple Performa 460). Heute arbeite ich auf Latitude-Notebooks der Firma Dell. Ohne Grafiktablett.

Frage: Wie stehst du zu klassischen Bildagenturen und Royalty-Free-Anbietern?

Martin: Deren Dienstleistungen stehe ich sehr aufgeschlossen gegenüber. Dazu muss man sagen, dass der Spruch „Was nichts kostet ist auch nichts“ in diesem Segment heute nicht mehr unbedingt zutrifft.

Frage: Gibt es ein Buch für dich, von dem du sagst: »Das muss jeder Fotodesigner gelesen haben!«

Martin: „Wie gewinne ich Freunde“ von Dale Carnegie. Kein Scherz. Und den Knigge können sich einige auch unters Kopfkissen legen. Was den meisten heute fehlt ist nicht mehr die fachliche Kompetenz.

Frage: Hast du noch weitere Informationstipps? Zeitschriften? Websites? Blogs? Oder: Wie informierst du dich und was sind deine Lern- und Inspirationsquellen?

Martin: Ich lese eigentlich nur noch im Netz, sofern die Zeit vorhanden ist. Zeitschriften lese ich eher unterwegs, z.B. wenn ich auf einen Termin warte. Wir leben in einer Zeit, in der uns das Internet Zugang zu den Gedanken so vieler interessanter Menschen verschafft – wir müssen es nur zu nutzen wissen.

Frage: Was würdest du Neueinsteigern raten, die Fotodesigner werden möchten: Wie wird man das und wie schafft man den Einstieg in die Branche?

Martin: Generell ist wie ich finde ein gestalterisches/fotografisch ausgerichtetes Studium empfehlenswert. Nebenbei lassen sich Erfahrungen in Form von Praktika oder Nebenjobs sammeln. Hier ist ganz wichtig, dass man selbst tätig wird und nicht nur Vorgekautes schluckt – der eigene Wille sich selbst etwas beizubringen und zu lernen muss vorhanden sein.

Frage: Gibt es sonst noch einen besonderen Rat oder Tipp, den du allen aufstrebenden Gestaltern mit auf den Weg geben möchtest?

Martin: Mache das wonach Dir ist. Lass Dich nicht abbringen, wenn die Zeiten mal widrig sind. Fange klein an und bleibe bescheiden. Alle kochen nur mit Wasser – es ist die Erfahrung die uns langsam wachsen lässt.

Frage: Aus persönlichem Interesse: Ich bin über deine Aktivitäten im Internet auf dich aufmerksam geworden. Weshalb engagierst du dich auf diese Weise?

Martin: Schon früh habe ich gemerkt, dass ich nur dann zufrieden bin, wenn ich meine Mitmenschen begeistern kann. Daher habe ich auch meinen Beruf so gewählt – ich hatte, wie man so sagt, keine Wahl. Unsere/Meine Arbeit begeistert Menschen.

Das Weblog zeigt in erster Linie nicht meine Arbeiten, sondern etwas, das ich bei meiner täglichen Lektüre gefunden habe. Wenn ich es schaffe jemandem Neues zu zeigen, sie/ihn damit zu begeistern, dann habe ich viel erreicht.

Auf die Frage warum ich blogge, habe ich einmal geantwortet: „Weil ich meine Gedanken zu Themen, die mich interessieren nicht nur sortieren, sondern auch publizieren und danach mit anderen diskutieren kann, was dazu führt, dass ich manche Dinge neu interpretiere und meine Einstellung korrigiere.“

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast, weiterhin viel Erfolg mit Thavis und ausreichend Zeit für dein Weblog.

Wie findest du den Artikel: Lau …Cool.Echt fett! (Artikel bisher ohne Wertung)
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