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1.6. Brennweiten, Fluchtpunkte und Bilddynamik

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Wir haben uns Eingangs zu diesem Kapitel über die Grundlagen der Perspektive unterhalten. Ich habe dabei skizziert, wie sich die perspektivische Wirkung eines Motivs verändert, wenn die Position zu ihm verändert wird. Ob man ein Objekt aus der Frontalansicht oder einer diagonalen Ansicht ablichtet hat Auswirkungen auf die Bildwirkung und führt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das Eine rührt zu eher statischen Ergebnissen, das Andere wirkt eher spannender und dynamischer.

Position und Brennweite sind die beiden Parameter, mit denen sich die perspektivische Wirkung von Aufnahmen gestalten lässt. Durch die Distanz zum Hauptdarsteller des Motivs und die Wahl der Brennweite wird aktiv beeinflusst wie die Betrachter eine Aufnahme empfinden werden.

Werfen wir nun einen Blick auf den grundsätzlichen Unterschied in der perspektivischen Wirkung der wichtigsten Objektiv­arten – Weitwinkel-, Normal- und Teleobjektiv.

Normalobjektiv

Die Abbildung unten soll die Wirkung eines Normalobjektivs mit einer Brennweite von 50mm illustrieren. Ich habe die Perspektive in dieser und den folgenden Illustrationen etwas übertrieben zur Darstellung gebracht, um die Unterschiede in den Charakteristiken zu betonen.

Perspektive normal Normalperspektive: Perspektivische ­Wirkung, Fluchten und Proportionen fallen in der Regel deutlich aber nicht übertrieben aus).

Spricht jemand von Normalobjektiv, dann ist in der Regel von 50mm Brennweite die Rede. Auch wenn von Standardobjektiv die Rede ist, ist oft 50mm gemeint. Wie schon früher angedeutet, ist der Blickwinkel dieser Brennweite sehr nah an der Wahrnehmung des Menschen. Somit ist so ein Objektiv für alle möglichen Einsatzzwecke gut geeignet und vor allem wenn es darum geht, einen natürlichen und authentischen Eindruck zu vermitteln.

Die Normalbrennweite erzeugt eine natürliche, authentische Perspektive.

Normalobjektiv und Porträt | Mit Vorsicht zu genießen ist das Normalobjektiv bei Gesichtsporträts. Man sollte Gesichtern damit beim Porträtieren nicht zu nahe kommen, denn sie neigen dazu die Gesichtsproportionen zu verzerren.

portrait-gesicht-50mm.jpg Nahaufnahmen von Gesichtern mit 50mm Brennweite – wie hier – fallen oft wenig schmeichelhaft aus.

Portaitfotografen verwenden in der Regel Brenn­weiten zwischen 80mm und 120mm, die Gesichtszüge harmonischer abbilden können. Ein paar Beispiele die die Wirkung von Brennweiten auf Gesichtszüge demonstrieren habe ich bereits unter ›People- und Porträtfotografie‹ im Artikel ›Fotografische Genres und die geeignete Kamera‹ gezeigt.

Anders sieht es aus wenn man mit dem 50mm beim Porträt dem Modell nicht zu sehr auf den Pelz rückt. Bei einem Porträt ab Brust, Bauch oder Oberschenkeln kommt es zu keinen unschönen Verzerrungen der Gesichtszüge.

portrait-oberkoerper-50mm.jpg Dieses Porträt stammt ebenfalls von einem 50mm Objektiv. Da die Distanz hier größer ist, wird die Perspektive und damit die Physiognomie des Gesichts weniger verzerrt.

Die beiden vorangegangenen Abbildung sind mit der Kompaktkamera S95 entstanden. Für Porträts aufgrund der hohen Schärfentiefe kein optimales Gerät. Dass die 50mm-Brennweite für Gesichtsporträts nicht optimal, für Oberkörperporträts jedoch gut geeignet ist, zeigen die beiden Fotos aber allemal.

Weitwinkel

Im Vergleich zur Brennweite eines Normalobjektivs erzeugt ein Weitwinkel eine Perspektive, in der die Fluchtpunkte deutlich näher am Objekt liegen. Es entstehen deutlich stärker geneigte und dadurch ­dynamischere Linien.

Perspektive weitwinkel Beim Weitwinkelobjektiv rücken die Fluchtpunkte näher zusammen. Das führt zu ausgeprägt fliehenden Linien – vor allem auf kurze und mittlere Distanz.

Der Nachteil: Auf manche Motive – wie Gesichter – kann das verheerende Auswirkungen haben. Das kennen wir schon ein bisschen vom Normalobjektiv. Beim Weitwinkel fällt der Effekt allerdings bei Weitem extremer aus. Je kürzer die Brennweite, desto extremer zu Verzerrung.

Weitweinkelverzerrung 21mm Brennweite aus kürzester Distanz. So etwas halten auch die edelsten Gesichtsproportionen nicht aus. Die Gefahr für verunstaltete Menschen ist extrem groß. Bei solchen Ergebnissen ist es kein Wunder, dass manche Leute die Kamera scheuen wie der Teufel das Weihwasser!

Während beim Normalobjektiv und bei Brennweiten um die 50mm Porträts noch immer gelingen, wenn man Oberkörper oder Beine mit in den Bildausschnitt nimmt, ist das Weitwinkel generell gefährlich für menschliche Proportionen. Nicht nur bei Nahaufnahmen kommt es zu deutlichen Verzerrungen, sondern ebenso in den Randbereichen auf etwas größere Distanz.

Andreaweitwinkel Meine zweifellos bessere Hälfte, hier schonungslos vom Weitwinkel gequetscht, gezogen und deformiert.

Doch auch wenn Weitwinkel mit Sicherheit die anspruchsvollste Brennweite ist – vor Allem wenn wir den Dingen nahe kommen –, so übt es in meinen Augen auch den größten Reiz aus. Vor allem für beeindruckende Landschafts- und Architekturaufnahmen gehören Weitwinkel zur Pflicht.

Weitwinkel Landschaft
Eine ziemlich klassische Weitwinkelaufnahme.
Weitwinkelverzerrt
Kritisch wird es wie bereits weiter oben beschrieben, wenn Menschen das Weitwinkel kreuzen. Dieses Bild ist nicht digital verzerrt worden, sondern die Deformation der Protagonisten ist rein auf das Weitwinkel zurück zu führen.

Allerdings schließt das nicht aus, dass Weitwinkel für das Ablichten völlig ungeeignet ist. Richtig eingesetzt lassen sich damit witzige, freche und überraschende Porträts gestalten.

Amelie Eines meiner liebsten Beispiele eines Porträts mit Weitwinkel: ›Die Fabelhafte Welt der Amelie‹. Ohne wäre Audrea Tautous kecker Blick hier nur halb so frech.
weitwinkelportrait.jpg
Auch der Blick mit Weitwinkel von oben hinab eröffnet eine witzige Perspektive für ein Porträt, hier, passend zum öden Treppenhaus, betont kühl entwickelt.
Grossehaende
Typisch Weitwinkel: Was nah ist wirkt ganz nah und riesig groß. Schon dicht dahinter wirken die Dinge viel kleiner.
Grossefuesse Und noch einmal Weitwinkel: Hier mit riesigen Schuhen und endlos langen Beinen.

Die Eigenschaft von Weitwinkel die Dinge von Nah bis Fern in die Länge zu ziehen wird auch gerne von Fashion- und Beauty-Fotografen genutzt, um den Models Beine zu machen. Fotografiert man Menschen aus kürzerer Distanz mit Weitwinkel aus einer tiefen Perspektive scheinen die Beine länger als sie sind (über das, was den Models in der digitalen Dunkelkammer an Schönheitsoperationen widerfährt bewahren wir Schweigen).

Denise weitwinkel 36mm + kurze Distanz + tiefe Perspektive = lange Beine.

Wer mit Weitwinkel fotografiert und nicht gerade eine Landschaft als Motiv gewählt hat, muss in der Regel nahe an sein Motiv ran. Betrachter des Resultats spüren das. Weitwinkelaufnahmen vermitteln das Gefühlt mitten im Geschehen zu stecken und die Protagonisten fast schon greifen zu können. Deshalb sind sie auch sehr beleibt bei Reise- und Reportagefotografen. Während Normalobjektive eher noch zur trockenen, sachlichen Authentizität neigen, erzeugen Weitwinkel schon vom Grundcharakter her mehr Spannung und Leben.

Weitwinkelobjektive ­können Nähe vermitteln und dramatische Perspektiven erzeugen.

Mitten drin
Man spürt die Nähe von Kamera zum Motiv: Hier 28mm Weitwinkel mit der Kompaktkamera PowerShot G12.

Teleobjektiv

Je weiter man in den Bereich der Telebrennweite vorrückt, desto weiter rücken die Fluchtpunkte auseinander und desto mehr nähern sich die horizontalen und vertikalen Linien auch in der Abbildung der Horizontalen und Vertikalen.

Perspektive tele Bei der Tele-Perspektive rücken die Fluchtpunkte weit auseinander. Die Resultate wirken flacher und sachlicher.

Zwar klingt es im ersten Moment verlockend die Dinge so horizontal und vertikal abbilden zu können, wie sie in der Realität sind. Doch den Resultaten einer solchen Wiedergabe fehlt oft Tiefe und Dynamik. Aufnahmen mit Teleobjektiv wirken oft flach, sachlich und trocken. Während Weitwinkel-Bilder Nähe vermitteln und Normalobjektiv-Bilder eine natürliche Bildwirkung erzeugen, vermitteln Teleobjektive den Eindruck der Distanz.

Distanz Die Distanz, aus der Aufnahmen mit Teleobjektiven entstehen, ist auch für den Betrachter eines Fotos spürbar.

Wir Menschen sind Seh-Wesen und nehmen 80% unserer Umwelt über das Sehen wahr. Auch wenn wir nicht von Geburt an dazu in der Lage sind Fotos zu interpretieren und zu analysieren, ob sie mit Weitwinkel-, Normal- oder Teleobjektiv aufgenommen wurden. Intuitiv spürt jeder von uns von Natur aus, ob ein Bild aus kurzer, mittlerer oder weiter Distanz aufgenommen wurde. Gerade wenn man mit Weitwinkel Menschen aufnimmt, vermitteln die Aufnahmen oft eine gewisse Ungestörtheit und Intimität aber gerade deswegen eben auch ein bisschen etwas Voyeuristisches.

Teleobjektive erzeugen sachlich distanzierte ­Anmutung.

Auch wenn der rein bildgestalterische Wert langer Telebrennweiten nicht an leichte Teles (für Porträts), Normalobjektiven (Allround) und Weitwinkeln (Landschaft, Reise, Reportage, Action) herankommt, soll das ihre Bedeutung nicht herabwürdigen. Überall dort, wo entfernte Motive abzulichten möchte, denen man sich nicht ohne Weiteres annähern kann, sind sie wichtig. Ob es um scheue oder wilde Tiere geht, oder um Sportler auf Straßen und Feldern. Wo das Hingehen unmöglich ist ist das Tele unverzichtbar!

Murmelbaer Murmeltiere sind nicht überall in den Alpen völlig scheu. Aber auch wenn Sie sich nicht gleich beim entfernten Auftauchen eines Menschen unsichtbar machen – nah ran und mit Weitwinkel fotografieren erlauben sie meist nicht. Scheue Tiere schießt man nur mit Tele.
perspektive-weitwinkel-stern.jpg perspektive-tele-stern.jpg
Diese beiden Aufnahmen ein und desselben Holzsterns stellen noch einmal die beiden Extreme Weitwinkel und Tele gegenüber. Das linke Bild habe ich aus sehr kurzer Distanz mit 28mm Weitwinkel aufgenommen. Das rechte entstand aus deutlich größerer Entfernung mit 100mm Tele (beides mit dem Zoomobjektiv der Canon PowerShot G12). Während der Stern in der Weitwinkeloptik sehr nah wirkt und extrem fliehende Linien nach hinten zeigt, vermittelt die Tele-Aufnahme den Eindruck deutlich größerer Distanz und die nach hinten fliehenden Linien scheinen schon fast parallel zu verlafen.
Perspektive stark Perspektive schwach Perspaktive keine
Dieses Denkmal steht auf einem Sockel mit einer Höhe von etwa 1,70 Meter. Die linke Aufnahme entstand aus einem tiefen Blickwinkel bei 27mm (KB). Der Soldat richtet sich dramatisch und bedrohlich vor dem Betrachter auf. Bei 105mm (KB; Mitte) und wesentliche größerer Distanz fällt der Blickwinkel naturgemäß ziemlich flach aus. Während man beim Linken Bild die Statur der Statue deutlich zum Himmel hin fliehen sieht, was der Aufnahme die Dramatik verleiht, ist hier von Flucht und Perspektive kaum mehr etwas zu spüren. Bei 300mm Brennweite (rechts) aus großer Distanz ist jegliche Bedrohung aus der Aufnahme gewichen. Der Soldat wirkt in sich gekehrt und geknickt. Er scheint uns, den Betrachter, gar nicht zu bemerken. Wir beobachten ihn aus der Distanz.
Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
Weitere Informationen und Demokapitel auf der Website des Verlags;
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1.1. Grundlagen der Perspektive

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Einer der zentralen Gestaltungsparameter in der Fotografie ist die Perspektive. Um die Perspektive einer Szene bewusst kreativ gestalten zu können hilft es, die Grundlagen der Perspektive zu verstehen und etwas über Fluchtpunkte zu wissen. Wer bereits auf dem Zeichenbrett Illustrationen mit Fluchtpunkten und perspektivisch fliehenden Linien gearbeitet hat, hat beim Fotografieren einen Vorteil. Doch das Grundwissen lässt sich in Grundzügen rasch und ausreichend vermitteln.

Fluchtpunkt und fliehende Linien

Was entfernt ist, wirkt kleiner, kürzer und schmaler – deshalb scheinen die Straßen vor unseren Füßen zum Horizont hin immer enger zu werden. An und für sich verlaufen die beiden Straßenränder natürlich parallel zueinander. Doch wenn wir ihnen mit den Augen in die Ferne folgen, scheinen sie sich am fernen Horizont an einem Punkt zu treffen. Der Punkt an dem sie sich scheinbar treffen wird Fluchtpunkt genannt.

Ein Fluchtpunkt | Mit einem einzigen Fluchtpunkt nehmen wir vor allem flache Objekte wahr. Nicht nur Solche, die sich über die Fläche unter und vor unseren Füßen erstreckt, sondern auch senkrecht stehende Mauern (zum Beispiel am Rande eines Weges) oder in den Himmel ragende Wolkenkratzer vor unserer Nase.

Fluchpunkt1 Perspektive mit einem Fluchtpunkt. Wo sich die beiden Ränder der Straße in der Ferne zu treffen scheinen, liegt der Fluchtpunk.
Fluchpunkt1b Senkrechtes Objekt mit einem Fluchtpunkt das sich in die Ferne (Tiefe) erstreckt.
Fluchpunkt1c Senkrechtes Objekt mit einem Fluchtpunkt, das sich in die Ferne (Höhe) erstreckt.
1fp-perspektive.jpg
Perspektiven mit nur einem Fluchtpunkt können einen regelrechten Tiefensog entwickeln. Vor allem wenn Sie mit Weitwinkel fotografiert wurden. Aufnahme mit Canon Powershot G12 (das Klapp-Display hat die niedrige Kameraposition ­erlaubt) und Brennweite 28mm.

Zwei Fluchtpunkte | Bei dreidimensionalen Objekten sind meist (mindestens) zwei Fluchtpunkte im Spiel. Zwar lässt sich ein Würfel mit nur einem Fluchtpunkt auf dem Reißbrett konstruieren doch in der Realität ist er ebenso unmöglich, wie manch anderes Konstrukt.

Fluchpunkt2 Damit ein dreidimensionales Objekt (zum Beispiel ein Haus) Tiefe bekommt, darf es nicht frontal abgelichtet werden, sondern aus der Diagonalansicht.
fluchpunkt1d.png Man kann nicht gleichzeitig die Vorderseite eines Würfels oder Quaders frontal und zusätzlich eine Seite sehen.
fluchpunkt1e.png Der oben abgebildete Würfel ist in der Realität so ­unmöglich wie dieses konstruierte ­Objekt.

Frontal- und Diagonalansicht

Wenn man sich direkt vor eine Hausfassade stellt und es frontal ablichtet, dann ist es unmöglich gleichzeitig eine im rechten Winkel dazu angelegte Seitenwand zu sehen. Objekte die in der direkten Frontalansicht abgelichtet sind zeigen in der Regel nur kurze Linien die in die Tiefe fliehen. Die Frontal­ansicht erzeugt deshalb oft etwas langweilige und flache Bilder.

fluchpunkt_frontalansicht.jpg spacer.gif perpsektive-frontal.jpg
Frontaler Blickwinkel vor einem Objekt. Die Frontalperspektive wirkt meist sachlich und flach. Frontal meint übrigens nicht nur den Blick von vorne, sondern auch direkt von der Seite oder exakt von hinten.

Bewegt man sich von der Mitte der Front weg und passiert eine der beiden Gebäudeecken, kann man in der Diagonalansicht zwei Seiten sehen. Jede dieser Seiten hat dann ihren eigenen Fluchtpunkt.

fluchpunkt_diagonalansicht.jpg spacer.gif perspektive-diagonal.jpg
Diagonaler Blickwinkel auf ein Motiv. Durch die Diagonalperspektive werden Aufnahmen meist räumlicher, dynamischer und spannender.

Auch wenn es durchaus Situationen und Motive gibt, bei denen die Frontalansicht zum besten Ergebnis führt. Pauschal kann man behaupten, dass die Diagonalansicht in der Regel spannendere Perspektiven und Resultate erzeugt. Die Frontalansicht hingegen neigt zu sachlicheren, ruhigeren, aber eben oft auch langweiligeren Perspektiven. Dabei darf ›Frontalansicht‹ nicht ausschließlich als Blick von vorne verstanden werden. Vielmehr versteht man darunter auch den Blick im 90°-Winkel von der Seite oder direkt von hinten – jede Ansicht die im rechten Winkel zu Front, Rücken oder Seite steht. Diagonalansichten sind umgekehrt alle Blickwinkel dazwischen, die eine schräge Perspektive auf das Objekt liefern.

Auto frontalperspektive Abbildungen in der Frontalansicht wirken nüchtern, statisch und sachlich. Je exakter ein 90° Winkel in Breite und Höhe eingehalten wird, desto sachlicher die Wirkung.
Auto diagonalperspektive Diagonalansichten wirken spannender und dynamischer. Besonders wenn Weitwinkel-Brennweiten im Spiel sind.

Man sollte sich sich, wann immer möglich, bewusst mit dem Blickwinkel auf Motive auseinander und die unter­schiedliche Wirkung der Ansichten nutzen, um dynamische Spannung oder statische Sachlichkeit zu vermitteln.

Eine Ausnahme, in der Frontal- und Diagonalansicht absolut gleichwertig zu betrachten sind, stellt die People- und Porträtfotografie dar. Zwar führt auch hier die Diagonalansicht zu einer besonders plastischen Wiedergabe. Doch kein Motiv zieht unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse mehr an, als ein Gesicht, das uns direkt entgegen blickt.

Robert diagonal Der diagonale Blickwinkel betont in der Regel die Physiognomie von Gesichtern deutlicher, als die ­frontale Ansicht. Allerdings berühren uns Porträts, bei denen der Porträtierte nicht in die Kamera blickt, weniger als solche, bei ­denen er dem Betrachter entgegen sieht.
Robert frontal Blickt uns eine Person direkt in die Augen, dann können wir unsere Aufmerksamkeit kaum entziehen. Das kennen wir aus täglichen ­Begegnungen mit Mitmenschen. Es wirkt aber aus Bildern genauso.

Durch bewussten Einsatz von Frontal- oder Diagonalansicht lassen sich Motive statisch und sachlich oder dynamisch und spannend gestalten.

Drei Fluchtpunkte | In unserer Alltagserfahrung ist die ­natürlichste Perspektive jene, in der geometrische Körper drei Fluchtpunkte haben. Meist liegen dann zwei Fluchtpunkte in der Ferne auf oder in der Nähe des Horizonts und einer in der Tiefe weit unter unseren Füßen.

fluchpunkt3.jpg Drei Fluchtpunkte erzeugen in der Regel äußerst dynamische Ansichten.

Drei Fluchtpunkte entstehen wenn man sich einem Motiv diagonal nähert und dabei einen tiefen Standpunkt von unten hinauf, oder einen hohen Standpunkt von oben herunter wählt. Beim Blick auf Alltagsobjekte führt diese Perspektive entweder zu sehr gewöhnlich empfundenen Ansichten wenn die Perspektive mit drei Fluchtpunkten moderat ausfällt, oder zu besonders ungewohnten und bemerkenswerten Ansichten, wenn die Fluchtpunkte eng beieinander liegen und die Perspektive extrem ist.

Perspektive deutlich
Für dieses Element eines Gebäudes habe ich bewusst mit ­betonter Perspektive gearbeitet, indem ich nahe an das Gebäude herantrat und eine mittlere Brennweite mit 60 mm wählte. Deutlich zu erkennen, wie die Linien nach links, nach rechts und nach oben auf drei verschiedene Fluchtpunkte zu fliehen. Eine kürzere Brenn­weite hätte die Wirkung noch verstärkt, doch dann wäre der Bildausschnitt zu groß geworden und der Turm hätte seine dominierende Wirkung verloren.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Effekt beim Abbilden von architektonischen Objekten. Einerseits kann man aus geringer Distanz und mit Weitwinkel dramatisch fliehende Linien erzeugen, die die Höhe von Objekten betonen können. Die bekanntesten Beispiele dazu sind die Blicke den Wolkenkratzern entlang gen Himmel aus den Straßenschluchten von Großstädten. Fällt die Perspektive jedoch moderat aus und fliehen die Linien in die Höhe nur gering, dann wird das meist als störend empfunden. Der Effekt rührt daher, dass wir beim Ablichten von Architektur in der Regel aus der Froschperspektive heraus fotografieren. Wir müssen die Kamera mehr oder weniger leicht nach hinten kippen und die Blickrichtung nach oben schwenken um auch das Dach mit abbilden zu können. Das Resultat der geneigten Blickachse ist, dass die Fassaden der Gebäude die wir so ablichten nach hinten zu fallen scheinen.

dreifluchtpunkte.jpg Weitwinkel und Nähe zum Objekt bewirkt, dass – neben den fliehenden ­Linien nach links und nach rechts hinten – auch die Linien nach oben fliehen. In diesem Bild wird dadurch die Höhe drastisch betont.
Verzerrte perspektive Auch hier sind drei Fluchten zu erkennen: Nach links hinten, nach rechts und nach oben. In diesem Fall wird aber keine Dramatik erzeugt, sondern die Aufnahme wirkt einfach nur misslungen.

Wieder gilt, dass der Fotograf sehr bewusst mit der ­Perspektive arbeiten muss, möchte er beeindruckende Bildergebnisse erzielen, die als handwerklich souverän gemacht empfunden werden.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
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