Die Summe der Teile

Der Artikel ›Detail is everything‹ von HD Schellnack hat mich veranlasst einmal mehr über Design nachzudenken.

Tatsächlich ist der gute Designer ein Mensch der sich sehr intensiv mit Details auseinandersetzt. Für den Nicht-Designer mag dies oft schwer nachvollziehbar sein; eine Tatsache die dem leidenschaftlichen Gestalter die Arbeit oft erschwert (ein Gestalter ohne Leidenschaft wird nie ein guter sein, wie auch ein Musiker ohne Herz kaum Mittelklasse erreichen wird). Besonders wenn sein Auftraggeber den Aufwand zur Bearbeitung der Details nicht sieht, oder ein Detail verändert haben möchte, welches dann die Harmonie des Großen und Ganzen stört steht der Designer vor einem Problem.

Ich vergleiche den Designer gerne mit dem Uhrmacher — und Design mit einem Uhrwerk. Jedes Zahnrad, das kleinste Detail, ist unverzichtbar für das Funktionieren der Uhr. Entfernt man nur einen einzigen Stift, zieht man nur eine Schraube zu fest oder passt nur das winzigste Rädchen nicht korrekt ein, ist das Uhrwerk im Eimer. Man kann nicht an einem Rad drehen ohne das Ganze zu verändern (ich bin kein Uhren-Freak, aber wenn Sie einmal in die Nähe von Schaffhausen kommen, empfehle ich Ihnen einen Einblick in die Uhrenmanufaktur von IWC; sehr beeindruckend!)

Im Grunde genommen ist es absurd zu glauben, man könne ästhetische Gestaltung schaffen ohne dabei die Details zu berücksichtigen, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass dies für den Laien pedantisch erscheinen mag (so wie ich, Laie, nicht verstehen konnte weshalb eine mechanische Uhr 3.000, 5.000 oder 10.000 Euro kosten kann, bevor ich Einsicht bei IWC hatte).

Ein weiteres Bild möchte ich Ihnen beschreiben um die Bedeutung der Details im Design zu illustrieren:

Von einer leichten Anhöhe blicken wir auf eine Landschaft, eine wunderschöne; Wälder, Wiesen, ein paar Siedlungen mit ursprünglichem Charme — quasi das perfekte romantische Gemälde, sogar Wolken- und Lichtstimmung könnten nicht besser sein. Nur rechts unten im Tal — auch ein altes Bauernhaus. Daran pickt eine große Satellitenschüssel und gleich daneben ein Sendemast für Mobilnetze. Eine Schande! Nun ja. Wir werden es später in Photoshop aus dem Bild retuschieren.

Das Ganze ist immer die Summe seiner Teile. Stehen die Teile in Harmonie zueinander, dann ist es sogar bedeutend mehr als das.

Photographie — besser geht’s nicht

Die Zeitschrift ›Photographie‹ kenne ich seit langem. Vor einigen Jahren habe ich diese, neben ›Fotomagazin‹, regelmäßig gekauft und gelesen — ich mochte vor allem die angenehm zurückhaltende Typografie des Magazins.

Im Frühjahr habe ich meine längere Zeit schlafende Leidenschaft für die Fotografie wiederentdeckt. Ebenfalls wiederentdeckt habe ich im Herbst dann die ›Photographie‹.

Das Magazin hat in jeder Hinsicht an Format gewonnen — im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Es bringt in jeder Ausgabe interessante Interviews in denen Profis aus dem Nähkästchen plaudern. Technik-Tests finden sich nicht inflationär für unüberschaubare Mengen an Produkten, sondern nur wenige, aber diese umfassend, kompetent und aufschlussreich (soweit ich dies als Amateur beurteilen kann).

Was ich auf jeden Fall beurteilen kann: die umfangreichen Workshops für die digitale Bildbearbeitung sind erste Sahne.

Etwas ist geblieben: die Typografie ist noch immer angenehm unspektakulär und hebt sich angenehm vom Mainstream des aktuellen Editorialdesigns ab. Nur der Schriftzug scheint mir etwas unpassend und würde wohl eine etwas bessere Zurichtung der Buchstabenabstände vertragen (und bitte schließen sie nicht von der Gestaltung der Website auf die Qualität des Magazins!)

Prädikat: Lesenswert!

Untersuchung zur Nutzung von legal erworbenen Schriften

Ich weiss, dass sicher vielen meiner Leser das Thema leidlich egal sein wird. Da es mir aber nicht egal ist, möchte ich wieder einmal einen Hinweis in diese Richtung geben.

Jürgen Siebert hat in seinem Fontblog eine Untersuchung veröffentlicht, wieviele Nutzer von Schriften wieviele ihrer Schriften lizensieren, also bezahlen, was sie nutzen.

Daraus ist eine lebhafte Diskussion entstanden, die natürlich leider wieder einmal nur von Fachleuten geführt wird.

Ich lade alle die mit Gestaltung und Schrift zu tun haben ein, sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, die Diskussion zu verfolgen und sich eine Meinung dazu zu bilden. Ich persönlich glaube ja, dass Schriften nur darum von vielen Nutzern nicht lizensiert werden, weil sie sich mit der Thematik niemals auseinander gesetzt haben und das Dasein und Entstehen von Schriften als Selbstverständlichkeit erachten.

Link: Fontblog

Das Wort zum Sonntag

»Farbmanagement ist wie Treibsand —
je mehr Sie es verstehen wollen,
desto tiefer sinken Sie ein.«

© Scott Kelby,
›Photoshop CS2 für digitale Fotografie‹

Das Wort zum Sonntag

»Ich suche eine aussagekräftige Schrift, da ich selbst nichts zu sagen habe.«

(gesehen: www.typografie.info im Forum)

Bitte etwas mehr Durchschuss!

Über Usabillity, oder zu Deutsch: Benutzerfreundlichkeit, werden viele Worte verloren. Unter Webdesignern und -experten ist es ein besonderes heiß diskutiertes und vehement gefordertes Thema. Aber eines scheint offensichtlich vielen Benutzerfreundlichkeitsexperten zu entgehen, was der Typograf seit Jahrhunderten lernt und weiss: Je länger die Zeile, desto höher der Durchschuss!

Webdesign wird heute, professionell ausgeführt, sehr oft fließend angelegt. Das heisst, dass die Satzbreite (die Länge der Zeilen) sich an die Breite der Browserfenster anpasst. Daraus ergibt sich zwar bei den heute üblichen, breiten Bildschirmen ein Problem ein weiters Problem mit der Lesefreundlichkeit, aber diesen Quark möchte ich im Moment hier nicht breit treten.

Wenn ich nun also sehr (oder eigentlich: zu) breite Zeilen vor Augen habe, dann brauche ich auch einen erhöhten Zeilenabstand (Zeilenabstand = Schriftgröße + Durchschuss). Mit den Standardeinstellungen für den Zeilenabstand kleben die Zeilen zu sehr aneinander, was beim das Auge dabei stört seine Weg in der Zeile zu finden und es erschwert nach dem Ende einer Zeile das Auffinden des Einstieges in die folgende Zeile. Jeder Typograf weiss das. Webdesigner scheinen dies meist nicht zu wissen. Und Benutzerführungsexperten scheinen die Texte der Websites die sie analysieren nicht zu lesen.

Warum Schriften Geld kosten

Eine Diskussion die vor zwei Wochen bei typografie.info (wieder einmal) lief veranlasst mich zu einem kurzen Artikel zum Thema.

Eine Schrift zu entwickeln ist viel Arbeit. Ich selbst habe schon ein paar Hundert Stunden darauf verwendet Welche zu entwerfen (die beste Übung zur Schulung formalen Empfindens die ich kenne), kann mich deshalb aber noch lange nicht als Schriftdesigner bezeichnen. So wie ich als Designer am Bild interessiert bin und deshalb fotografiere, interessiert mich Schrift als Gestaltungsmedium und deshalb versuche ich mich auch hin und wieder eigenen Schriften zu gestalten; in beidem bleibe ich aber interessierter Laie.

Wir können davon ausgehen, dass eine einfache, professionell gestaltete Schrift mit den wichtigsten vier Schnitten dem Gestalter ein paar Hundert Stunden Arbeit gekostet hat. Nun ist es nur legitim, dass wir, wenn wir jemandes Leistung in Anspruch nehmen, dafür auch etwas bezahlen. 100 Euro für eine preiswerte Kleinfamilie mag nach viel Moos für eine Hand voll Buchstaben klingen, aber die wenigsten Schriften werden so erfolgreich, dass sie dem Gestalter der Typen einen einigermaßen angemessenen Gewinn bescheren. Der überwiegende Teil der Schriften wird in erster Linie mit viel Idealismus und Leidenschaft geschaffen, ebenso wie nur ein Bruchteil all der Bands die sich in den Kellern ihre Finger wund spielen tatsächlich einmal zu Erfolg in Barem kommen.

Jene Schriften nun die man geschenkt im Internet oder fast geschenkt auf dubiosen CDs im Supermarkt erhält, sind entweder minderwertig oder bestenfalls halblegale Kopien der Werke anderer. Es liegt an jedem selbst zu entscheiden ob er damit arbeiten mag, auch wenn kein Richter ist wo der Kläger fehlt. Nun kann man natürlich fragen wozu man denn ein Angebot von tausenden Schriften braucht? weshalb Arial, Verdana und Times nicht ausreichend sind? Ebenso gut kann man selbstverständlich fragen weshalb wir immer wieder neue Lieder brauche, weshalb sich die Mode von Jahr zu Jahr ändern muss und wozu jemand noch ein Buch schreiben soll. Ich vergleiche den allerorts gesichteten Einheitsbrei aus den einfältigen Systemschriften immer gerne mit dem China Maos indem eine Milliarde Chinesen durch eine Einheitsuniform zur gesichtslosen Masse verschmelzen. Charakter oder Individualität kann nicht entstehen wenn alle das gleiche tun und nutzten.

Und die Investition in charakteristische Schriften kann sich durchaus auch bei kleinen Arbeiten rechnen. Eine charakteristische, dem Zeitgeist entsprechende Schrift ist ohne Weiteres in der Lage einem Layout Eigenständigkeit zu verleihen, dem Kunden ein begeistertes »Boa eh! Cool.« zu entlocken und dabei den Aufwand für die Entwicklung um ein, zwei oder drei Stunden zu verkürzen — mit tollen Bildern und starken Fonts wird die Gestaltung zum Kinderspiel.

Mehr über die Thematik finden Sie auch im Artikel ›Warum Schriften Geld kosten‹ bei typografie.info und in der Diskussion ›Schriftpiraterie …‹ am selben Server.

Quellen für Schriften — sogenannte Foundries — finden sich schon ein paar bei meinen Surftipps.

Richtig anführen

Im Juli habe ich einmal darüber geschrieben wie richtige Anführungszeichen aussehen. Nun hat mich ein Kapitel in Bastian Sicks ›Der Dativ ist dem Genitv sein Tod — Folge 2‹ auf die Idee gebracht das Thema für meinen Weblog noch einmal aufzunehmen, diesmal aber nicht zu beschreiben wie sie gesetzt werden, sondern wann.

Ich möchte hier drei Beispiele von Sick zitieren die recht schön illustrieren wie Anführungszeichen falsch eingesetzt werden können.

1. An der Kasse eines Supermarktes: »Gerne packen wir Ihre ›gekauften Artikel‹ in unserer Geschenkabteilung ein« — ist es ein Hinweis darauf, dass Sie nicht erwarten dürfen, dass jene Artikel die Sie eben haben mitgehen lassen auch noch in Geschenkpapier gehüllt werden?

2. An Bord eines Flugzeugs: »Wir wünschen ihnen einen ›guten Flug‹« — bekommen Sie es da nicht mit der Angst zu tun? will uns die Fluglinie damit sagen, dass der Service eher bescheiden ist oder darauf hinweisen, dass Sie schon einmal anfangen sollten zu beten? Wenigstens erfolgt der Hinweis mit einer Prise Humor!

3. Am Flughafen: »Bitte lassen Sie Ihr ›Gepäck‹ nicht unbeaufsichtigt« — Sicks unverblümte Übersetzung des verunglückten Hinweis’: »Ihre schäbigen Koffer verdienen zwar kaum die Bezeichnung Gepäck, aber lassen Sie sie trotzdem nicht unbeaufsichtigt!«

Werden Anführungszeichen nicht für die Wörtliche Rede verwendet, dienen sie oft dazu Ironie zum Ausdruck zu bringen. Genau genommen gibt es vier Anwendungsmöglichkeiten für Anführungen: 1. wörtliche Rede; 2. Zitate; 3. Namen und Titel von Filmen, Liedern, Büchern, etc.; 4. eben: Ironie.

Da es sich bei den drei Beispielen oben ganz offensichtlich weder um eine wörtliche Rede, noch um ein Zitat noch um einen Namen oder Titel handelt ist der einzig gültige Schluss, dass damit Ironie zum Ausdruck gebracht werden soll.

In Wirklichkeit dürfen wir wohl davon ausgehen, dass eine Betonung erzielt werden sollte. Betonung ist jedoch eine Funktion die Anführungszeichen bis auf weiteres absolut nicht haben, dazu wären eher typografische Mittel angesagt, allen voran Fettschrift oder Unterstreichung, eventuell auch g e s p e r r t , farbig oder GROSSGESCHRIEBEN. Sick schlägt auch kursiv vor, wovon ich eher absehen würde, da auch Kursiven oft Ironie kennzeichnen.

Den lesenswerten Artikel auf den ich mich hier beziehe finden Sie in Bastian Sicks Buch und dieses in meinen Buchtipps.

Alles Verdana, oder was? Über Bildschirmschriften.

Die Verdana ist ja nun wirklich eine phantastische Schrift. Bildschirmschrift. Auch im Ausdruck mach sie eine durchaus passable Figur. Aber heißt das denn, dass sie uns mit ihrer stämmigen, etwas ungehobelten aber umso stabileren Statur von jedem Plakat her angrinsen muss?

Im Internet uns Screendesign sind wir auf sie angewiesen. Da gibt es wenig Alternativen: M$ Trebuchet, Tahoma und Georgia. Die Arial haben wir ja hoffentlich bald überstanden (was nicht heißen soll, dass die Arial schlecht ist, aber gut eben auch nicht).

Die Tahoma ist die schlanke Schwester der Verdana. Offensichtlich sind etwas üppigere Typen eher gefragt als die schmalen. Deshalb lebt die Tahoma auch ein weitgehend ruhiges und zurückgezogenes Leben. Sie gibt aber selbst neidlos zu, dass ihre Schwester besser lesbar ist — vor allem in kleineren Schriftgraden.

Die Trebuchet ist so rundlich, weiblich und lebendig wie es ihr Name assoziiert (finde ich jedenfalls) und auch irgendwie etwas eigenwillig. Wunderschön und bestens lesbar in kleinen Schriftgraden (am Bildschirm), mit einer überzeugenden, echten Kursive und falschen Gedankenstrichen. Darf man gerne für ›Homepages‹ verwenden, auf Papier jedoch, und vor allem in großen Schriftgraden, stellt sie doch eher eine Zumutung fürs Auge dar. Jedenfalls zeugt sie nicht unbedingt von ästhetischer Kompetenz des Grafikers der ein Logo damit gestaltet.

Die Georgia. Mein Gott! die Georgia. Ich habe mich in den letzten Monaten unsterblich in sie verliebt. Eingesetzt immer dort wo kompetente Designer Screendesign entwickeln, selten auf dilettantisch zusammengeschusterten — auf gut deutsch also ein seltenes Gewächs. Wollen hoffen, dass das so bleibt, dann verleidet Sie einem nicht zu schnell.

Einst war ich der Ansicht, dass Schriften ohne Serifen am Bildschirm grundsätzlich besser zu lesen sind. In den vergangenen Monaten der Arbeit mit der Georgia aber habe ich meine Meinung geändert. Sie erscheint mir die beste, am flüssigsten lesbare Bildschirmtype zu sein. Deshalb schreibe ich mittlerweile was ich rein für den Bildschirm schreibe in Georgia — und das ist nicht wenig.

Zurück zur Verdana. Wie gesagt sind wir am Bildschirm, beim Design von Websites und bei der Gestaltung von offenen Dokumenten (Word, Excel) auf die Hand voll Bildschirmschriften die verbreitet sind angewiesen. Aber wenn wir uns daran eh schon übersatt gesehen haben, müssen wir dann auch noch Werbung, Plakate und Folder mit ihr gestalten? Auch der beste Song wird öde wenn man ihn zum hundertsten mal hört. Es gibt doch tausende von Alternativschriften und nicht alle kosten ein Vermögen. Gerade vor wenigen Tagen habe ich mir die überzeugende ›Milibusfür eine Hand von Dollar gekauft.

Etwas mehr Kreativität bei der Auswahl von Schriften und dafür etwas weniger beim Verzerren und Verschandeln würde die visuelle Belastung der Umwelt drastisch reduzieren.

Blambot – Alternativen zur Comic Sans

Das kleine Schriften-Label ›Blambot – Comic Fonts & Lettering‹ vertreibt Schriften zum Comic-Lettering. Auf der Website findet man Alternativen zur leider deutlich überstrapazierten ›Comic Sans‹ im Dutzend, ein guter Teil der zum Download zur Verfügung stehenden Schriften sind Freefonts und ein Teil davon ist auch mit den für Deutsch notwendigen Umlauten ausgebaut.