Gestaltung ist keine Geschmacksache

Dass Laien denken Gestaltung sei Geschmacksache ist für mich nachvollziehbar. Schwerer nachvollziehen kann ich es wenn Profis diese Position vertreten, schließlich stellt das ihre ganze Profession in Frage oder genauer gesagt: Es negiert, dass es so etwas wie qualitative Unterschiede und somit Professionalität in der Gestaltung überhaupt geben kann.

Wenn gut ist was (irgendjemandem) gefällt brauche ich nur etwas x-Beliebiges zu gestalten und es Kraft meines Geschmacks als gelungen zu adeln. Die Frage des qualitativen Unterschied stellt sich erst, wenn ich anerkenne, dass es diese Unterschiede gibt. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass Gestaltung minder- oder höherwertiger sein kann.

Ohne zumindest relativ objektive Kriterien was gute Gestaltung ist und was eine gestalterische Fehlleistung darstellt kann ich keinen gestalterischen Diskurs mehr führen. Der Versuch sich gestalterisch zu entwickeln führt zwangsläufig ins Leere, wenn das was ich nach Jahren der Erfahrung gestalte, keine besseren Ergebnisse erzielt, als das was ich als absoluter Novize – früher sprach man vom Dilletanten – geschaffen habe.

Ich finde, dass meine gestalterischen Arbeiten – egal ob als Grafikdesigner oder als Fotograf – heute um Welten besser sind als das was ich vor Jahren und Jahrzehnten produzierte. Besser sein kann es aber nur, wenn es qualitative Unterschiede in der Gestaltung gibt und das bedeutet, dass Gestaltung keine reine Geschmacksache ist!

Natürlich steht es niemandem zu den Geschmack eines Individuums zu verurteilen. Was mir persönlich gefällt ist absolut und ausschließlich meine persönliche Privatsache! Wenn ich gerne grüne Gummistiefel zu beigen Cordhosen und Frackjacke trage ist das ausschließlich meine Sache, einen Style-Wettbewerb könnte ich damit aber niemals gewinnen, weder in der Vergangenheit noch in einer irgendwie absehbaren Zukunft.

Wenn ich mein Apfelkompott mit Champignons und Senf esse ist das meine Sache, doch ich darf mich nicht wundern, wenn ich das Freunden zum Essen serviere und anschließend nie wieder jemand meinen Einladungen zum Dinner folgen will.

Wenn ich »Modern Talking« als Krone abendländischen Musikschaffens betrachte steht es niemandem zu mir diese Meinung zu verbieten, doch mich persönlich wundert nicht, dass die belanglosen Ergüsse dieses deutschen Duos in den Playlists der Pop-Sender schon unmittelbar nachdem sie aus den Charts verschwanden keine Rolle mehr spielten.

Natürlich gibt es unterschiedliche Gestaltungsrichtungen und -ansätze, so wie es unterschiedliche Musikrichtungen gibt. Der Eine mag Klassik mögen und bei Pop Ohrensausen bekommen. Der Andere mag mit Jazz liebäugeln und mit Rock nichts anfangen können. Doch wer wollte bestreiten, dass es in jeder einzelnen Richtung anspruchsvollere und handwerklich besser ausgeführte Musik gibt, sowie Werke beziehungsweise Interpretationen die eher von Dilettantismus zeugen. Ich weiß wovon ich schreiben, ich habe Jahre lang dilettantisch den Bass gezupft – die einzigen die unsere Musik wirklich mochten waren unsere persönlichen Freunde (und ein paar Betrunkene).

Auslöser mich dieses Themas anzunehmen ist eine Debatte auf einer Facebook-Seite mit Thema Fotografie. Dort wurde ein Bild eingestellt das man wirklich nur als dilettantisch bezeichnen kann. Sofern dieses Bild mit seiner völlig überzogenen Bearbeitung tatsächlich der Ernst seines Schöpfers ist, sollte man ihm raten sich einem anderen Hobby anstatt der Fotografie zuzuwenden. Ich glaube zwar, dass Gestaltung etwas ist das fast jeder lernen kann, aber dennoch gibt es Leute denen größeres gestalterisches Geschick gegeben ist und solche mit weniger Talent. Und es gibt eben auch Leute die gar kein Händchen für Gestaltung haben.

Um es noch einmal auf Musik und mich persönlich zurück zu bringen: Ich bin kein musikalisches Naturtalent. Ich habe über die Jahre des Musizierens gelernt beim Mitsingen Töne einigermaßen adäquat zu treffen, bin aber hilflos wenn ich frei singen muss. Als Instrumentalist kommt hinzu, dass meine motorischen Fähigkeiten es niemals zulassen werden ein Instrument virtuos zu beherrschen. Als wäre dem nicht schon genug fehlt mir die Fähigkeit beim Spielen die erforderliche Konzentration aufrecht zu erhalten. Es war für mich einfach sinnvoll das Musizieren bleiben zu lassen und mich Beschäftigungen zuzuwenden die eher meinen Begabungen entsprechen. Zwar spräche nichts dagegen weiter für mich selbst im heimischen Kämmerlein den Bass zu zupfen wenn mir das Freude bereiten würde, doch eine nennenswerte Souveränität für öffentliche Auftritte werde ich niemals erreichen.

Nun braucht man nicht jedem der Freude an einer Tätigkeit hat ins Gesicht sagen, dass ihm jegliches Talent fehlt, auch wenn es offensichtlich ist. Ich darf mich aber auch nicht wundern, dass ich ausgepfiffen werde, wenn ich mich auf eine Bühne stelle und Musik zum Besten zu geben versuche ohne einen einzigen Ton zu treffen. Geschmacksache hört da auf, wo ich meinen privaten Bereich verlasse und mich mit meinen Werken an eine Öffentlichkeit wende.

Wenn ich aus dem Badezimmer heraus trete und nicht mehr nur aus reiner Lust am Singen für mich alleine Gassenhauer schmettere, sondern ein Publikum für meine Darbietung beglücke, sollte ich in der Lage sein den Hörgewohnheiten und den Geschmacksvorstellungen einer Öffentlichkeit zu entsprechen.

Natürlich unterscheiden sich die Vorstellung dessen was gute Musik und gute Gestaltung ist je nach zeitlicher Epoche und Kulturkreis. Doch in einer bestimmten Zeit und vor einem bestimmten kulturellen Hintergrund (der üblicherweise noch einmal in Subkulturen untergliedert ist) gibt es doch immer recht klare Vorstellungen davon was gefällt und was ein no-go ist. Die wirklich exzellenten Werke schaffen es sogar ihre Zeit zu überdauern und über ihren Kulturkreis hinaus zu wirken und zu dauerhaften internationalen Klassikern zu werden.

Ich finde es absurd zu behaupten es gäbe keine qualitativen Unterschiede zwischen Mozart und Helene Fischer, zwischen Dürer und dem was ein angehender Hobbymaler vor dem ersten Kurs an der Volkshochschule fabriziert. Wer könnte das ernsthaft behaupten?

Akzeptiere ich generell, dass es so etwas wie qualitative Unterschiede im kreativen Schaffen gibt, muss ich zwangsläufig auch akzeptieren, dass es gelungene und verunglückte Werke gibt und die Behauptung, dass am Ende alles Geschmacksache ist, ist somit widerlegt.

Wäre Gestaltung tatsächlich reine Geschmacksache, bräuchten wir wie gesagt weder Bild- bzw. Designbesprechungen, wir bräuchten keine Ausbildung zur Gestaltung, schon gar keine Unis und Fachhochschulen und wir bräuchten auch keine Wettbewerbe.

Ich teile zwar die Ablehnung von Gestaltungswettbewerben mit Woody Allens Ablehnung gegenüber Filmwettbewerben, und seine Ansicht, dass man nicht Dürer gegen Kandinsky, Rembrandt gegen Picasso, Dali gegen Chagall antreten lassen und einen davon als den besten küren kann, aber ich bin sehr wohl der absoluten Überzeugung, dass all die genannten auf einem deutlich höheren Niveau arbeiten als ich es jemals könnte. Und auch das habe ich in meinem Leben gelernt: Ich mag ein Talent zum Zeichnen und Malen haben, doch zum bildenden Künstler hätte es niemals gereicht.

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2 Gedanken zu „Gestaltung ist keine Geschmacksache“

  1. Hallo Markus, jetzt bin ich aber schon gespannt, welches Bild Anstoß dieses Blog Beitrags war. Inhaltlich kann ich dir nur zustimmen. VG Dirk

    1. Hallo Dirk. Es ist nicht meine Absicht jemanden direkt zu diskreditieren (obwohl es die Person in diesem Fall vielleicht sogar verdient hätte bloßgestellt zu werden, aber das ist eine andere Geschichte). Aber such einfach einmal »HDR« über irgendeine Suchmaschine – 90% der Resultate die du finden wirst könnten als Basis für diesen Artikel herhalten. Schöne Grüße. Markus

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