Was folgt auf Aperture?

Nachdem Apple Aperture einstellt kann der Konzern aus Cupertino endgültig nicht mehr als verlässlicher Lieferant für Software gelten. Zwar haben sich auch andere Konzerne bereits unschön Programmen entledigt und Kunden im Regen stehen lassen, doch die Art in der Apple seine Kunden über Jahre hinweg über die Zukunft ihrer Werkzeuge im Ungewissen lässt ist wohl einzigartig und zeigt, dass hier einfach das Verständnis für die Bedürfnisse der Anwender fehlt. Wer mit professioneller Software arbeiten muss verlangt vor allem Kontinuität – mehr noch als nach Innovation.

Man hört wenig Gutes über Apples Umgang mit Final Cut Pro X, auch wenn sich Stimmen finden, die behaupten nach einer deutlichen Umgewöhnungsphase die Neuerungen im Programm am Ende doch begrüßt zu haben. Aber: Ich will mich nach einem Update nicht vollständig neu in ein Programm einarbeiten müssen. Und ich will schon gar nicht meine zuvor erarbeiteten Projekte nach einem Update abschreiben oder neu aufbauen müssen. Selbst wenn das Programm durch das Update besser wäre als zuvor. Das geht schon gar nicht bei einem RAW-Konverter und Verwaltungstool in dessen Bibliotheken oft Jahre der Arbeit stecken.

Es ist nicht allein Aperture, das Apple verschustert hat. iWorks startete als exzellente Alternative zu Office und Keynote war PowerPoint damals um Welten voraus. Was seither geschehen ist hat mehr mit einem Hauch von Evolution zu tun als mit innovativer Weiterentwicklung. Pages beispielsweise kennt in der aktuellsten Version keine Serienbrieffunktion mehr – Entwicklung nach hinten, könnte man sagen.

Allerdings: Aperture ist für mich noch immer das beste Programm um meine Fotobibliotheken zu verwalten. Die Auswahl an realistischen Alternativen ist nicht besonders groß: Lightroom, Capture One und DxO Optics. Alle drei bieten professionelle RAW-Entwicklung, doch in Sachen Bildverwaltung kann lediglich Lightroom mit Aperture mithalten.

Wie schon oft in den vergangenen Jahren habe ich mir in den letzten Tagen Lightroom wieder einmal in der aktuellsten Version heruntergeladen und angesehen (ab 2008 arbeitete ich für ein knappes Jahr damit und kehrte dann zu Aperture zurück). Und wie jedes Mal habe ich es sehr schnell geschlossen. Ich kann einfach nicht mit dem üppigen, platzverschwenderischen, strikten und unflexiblen Interface arbeiten. Schon gar nicht so lange Adobe keine Möglichkeit anbietet Shortcuts zu individualisieren.

In Aperture kann ich nahezu jede Aktion mit Shortcuts versehen – auch Entwicklungsrezepte. In Capture One kann ich sogar Regler wie Weißabgleich, Belichtung, Sättigung, etc. über Tastaturkürzel ansteuern. So brauche ich oft beim schnellen Entwickeln von Bildern keine Hand von der Tastatur zu nehmen. Das ist Effizienz auf die ich nicht verzichten möchte!

Alle vier Programm bieten professionelle RAW-Entwicklung mit Stärken und Schwächen und am Ende ist es vor allem Geschmacksache ob man die Resultate von Camera Raw (Lightroom), Aperture, Capture One oder DxO Optics bevorzugt – oft ist beim einen Bild das eine Programm besser und beim anderen das andere. Die Unterschiede liegen vor allem in der Verwaltung, wo Aperture und Lightroom die Nase vorn haben, und in der professionellen Qualität der Bedieneroberfläche, da haben Aperture und Capture One die Nase vorne.

Aperture ist zwei Mal Primus: Gute Dateiverwaltung, professionelle Bedienung. Über Jahre hinweg mein Argument bei Aperture zu bleiben! Kein anderes Programm erfüllt sowohl meine Ansprüche an die Verwaltung als auch an die Bedienung. Danke Apple, dass ihr das für mich beste RAW-Programm einstellt.

Werde ich Aperture deshalb jetzt fluchtartig verlassen? Keinesfalls! Vor allem natürlich weil mir die Alternative fehlt. Also abwarten was mit »Photos« kommen wird.

»Photos« ist das Nachfolgeprogramm von Aperture, das Apples Programme zur Bildbearbeitung unter OSX (iPhoto und Aperture) und iOS (Fotos für iOS und iPhoto für iOS) zu einem Programm vereinen soll. Der Verdacht – besser gesagt: die Befürchtung – liegt nahe, dass Photos zwar für iPhoto-User ein Aufstieg sein könnte, für Aperture-User allerdings ein Rückschritt. Und mal ehrlich: Bei aller Freude an der Entwicklungsqualität und der Bedienung von Aperture 3.3+ – bei der stagnierenden Feature-Entwicklung der letzten Jahre ist ein Rückschritt einfach nicht drin!

Offensichtlich bewusst streute das Umfeld von Adobe (Scott Kelby) ein Gerücht wonach Apple mit Adobe gemeinsam an einem Weg arbeiten soll der Aperture-Usern den Umstieg auf Lightroom erleichtern soll. Das signalisiert natürlich Apple wolle seine Aperture-User los werden. Allerdings ist dieses Gerücht nicht richtig und soll wohl lediglich dazu dienen Aperture-User möglichst schnell auf Lightroom umsteigen zu lassen, am besten bevor Apple Photos offiziell präsentiert. Klar: Wer zu Lightroom wechselt wird nicht gleich wieder zu Apple zurück kehren, selbst wenn Photos besser werden sollte als im Moment erwartet.

Ein Tag nach dem ersten Schock über den Tod von Aperture habe ich, nach einem Check der Alternative, beschlossen, bis auf weiteres bei Aperture zu bleiben. Ich erwarte zumindest, dass Photos eine Bildverwaltung liefert die Aperture nicht wesentlich nachsteht. Sollte das neue Programm meine Entwickelten RAWs nicht so übernehmen können, wie ich sie in Aperture entwickelt habe, werde ich die Entwickelten Bilder als TIFF exportieren und mit Photos verwalten. Die Verwaltung wandert dann (aus heutiger Sicht) zu Capture One. Das widerspricht zwar meiner Grundidee RAWs mit dem gleichen Programm entwickeln und verwalten zu können, aber da ich Lightroom nicht mag sehe ich derzeit schlicht keine Alternative.

Vielleicht wird Photos aber doch noch eine Überraschung, den Apple verfolgt mit dem neuen Programm offensichtlich eine ganz neue Philosophie in der Software-Architektur: Photos soll es Drittanbietern erlauben ihre Werkzeuge direkt im Programm zugänglich zu machen (mehr und weiter führende Links darüber hier).

Das heißt Plug-Ins müssen nicht mehr als eigenständiges Programm aufgerufen werden, wodurch man die Umgebung des Basisprogramms verlässt und in einem RAW-Programm TIFFs, JPEGs oder PSD-Dateien produzieren muss, sondern sind direkt integriert. Daraus ergeben sich natürlich phantastische Möglichkeiten, denn die wunderbaren Werkzeuge von Macphun, Topaz, DxO (FilmPack und ViewPoint), Portrait Pro und OnOne-Software ließen sich damit direkt in den RAW-Workflow integrieren. Sollte sich diese Idee so realisieren lassen, wie sie sich darstellt; sollten sich die professionellen Anwender finden die die Flinte noch nicht ins Korn werfen, Apple noch einmal eine Chance geben und abwarten was Photos bringt und es damit versuchen; und sollten sich die Drittanbieter finden die coole Werkzeuge für das neue Konzept entwickeln und anbieten: Dann könnte Photos zu einer neuerlichen bahnbrechende Innovation aus dem Hause Apple werden.

Ich bin skeptisch was die Entwicklung angeht, doch ich will noch kein Urteil und keine Entscheidung fällen bevor ich das neue Produkt gesehen und getestet habe. Nicht zuletzt, weil ich keine Alternative sehe.

Übrigens sollten sich auch Lightroom-User wünschen, dass »Photos« ein Erfolg wird. Konkurrenz wird auch ihnen nützen!

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Ein Gedanke zu „Was folgt auf Aperture?“

  1. Servus,
    Media Pro zur Bildverwaltung und
    Capture One zur Rawentwicklung,
    beides aus dem selben Haus, finde
    ich, sind eine gute Alternative zu
    Lightroom. Bei Lightroom schreckt
    mich auch der mögliche Umzug in
    Die Cloud ab.

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