Österreich bleibt unfrei

So sehen Siege und Revolutionen in Österreich aus. Die Regierung beschließt, dass Parteispenden offen gelegt werden müssen. Natürlich nicht alle, nur die fetteren ab 3.500 Euro. Im Ausgleich lässt man sich die Parteienförderung verdoppeln.

Auch das ist Revolution auf österreichisch: Die restriktive Regulierung der fotografischen Branche wird etwas aufgeweicht, Pressefotografen dürfen nun auch kommerzielle Aufträge annehmen (unglaublich eigentlich, dass sie dass nicht schon immer druften), und ein paar Zugangsbeschränkungen werden durchlässiger. Die Macher hinter freiefotografie.at geben das mit der fetten Überschrift »FOTOGRAFIE ist nun auch in Ö (so gut wie) FREI!« bekannt. Die Betonung liegt wohl auf »so gut wie«. Oder soll es ironisch verstanden werden?

Die Mauer steht nach wie vor, sie schützt in Zukunft nur ein paar Leute mehr und es mag leichter sein an den Wachposten vorbei zu kommen. Die, die jetzt in den Schutz der Mauer einkehren dürfen, freut das natürlich. So sind wir, wir Österreicher. Die Freiheit, die ich meine, ist das nicht.

ÖVP-Mann Steindl kommentiert den erzielten Kompromiss: »Das ist auch im Sinne des Konsumentenschutzes. Die Kundinnen und Kunden müssen sichergehen können, dass sie ihren Auftrag an einen erfahrenen, seine Tätigkeit mit Kompetenz ausübenden Photographen vergeben.«

Versteh ich jetzt nicht: Wieso schützt man den Konsumenten vor inkompetenten Fotografen, nicht aber vor inkompetenten Grafikern? Wer einen Computer einschalten kann, darf sich heute doch Grafiker nennen. Wieso darf nicht fotografieren, wer eine Kamera einschalten kann?

»Schlechtes Grafikdesign kann Menschenleben fordern. Das mag übertrieben klingen, aber eine Bedienungseinleitung, die zu falschem Handeln führt, kann in manchen Fällen wirklich fatale Folgen haben.« Das habe ich in meinem vorangegangenen Artikel über »Unfreie Fotografie« geschrieben. Wo können Menschen durch schlechte Fotografie zu Schaden kommen? Weshalb ist Fotografie schützenswerter als Grafikdesign? Wenn es um den Schutz von Investitionen geht: Ich würde schätzen, dass für Werbung und Grafikdesign ein Vielfaches an Geld ausgegeben wird. Design ist omnipräsent in unserer Umwelt.

Nicht, dass ich jetzt der Mauer ums Design das Wort reden will. Mit gesetzlichen Regeln und Regulierungen kann ich nur Leben, wo sie unbedingt notwendig sind. So viel als notwendig, aber so wenig wie möglich. Bei willkürlichen Ungleichbehandlungen und Ungerechtigkeiten bekomme ich allerdings einen Kropf. Und hier genießt eine bestimmte Gruppe an Unternehmern einen Schutz, auf den sich, mit vergleichbaren Leistungen, nicht berufen können.

Aber so ist es halt, in Österreich.

Ein Nachtrag noch zum letzten Artikel: Ich habe an den Facebook-Pinnwänden der Parteien SPÖ, ÖVP, BZÖ und Grünen nachgefragt, wie sie zu einer Öffnung des fotografischen Gewerbes stehen. Keine Partei hat geantwortet. Laufend sprechen sie alle von mehr Demokratie, Volksbefragungen und Volksabstimmungen. Und dann verweigern Sie sich der Kommunikation an einem Ort, der nichts anderem dient: Den sozialen Netzwerken.

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Ein Gedanke zu „Österreich bleibt unfrei“

  1. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Das Motto „Net amal ignorieren“ hat Tradition in der Politik bei unbequemen Forderungen.

    Bei den Pseudothemen reden die Politiker aber wie mit Sprechperlen gefütterte Papageien: Polly, talk! -> Politik

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