Unfreie Fotografie

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Es herrschen seltsame Sitten in dieser Bananenrepublik, die wir liebevoll Österreich nennen. Zum Beispiel darf nicht jeder, der Fotografieren kann, sein Können auch als Dienstleistung anbieten. Ein solcher Schutz soll in Europa einzigartig sein. Ich liebe es ja mich einzigartig zu fühlen. Doch in dieser Beziehung macht mir das gar keine Freude.

Ich bin Grafikdesigner. Jeder dahergelaufene Fotograf darf in meinem Tümpel fischen und Grafikdesign als Leistung anbieten, mag es auch noch so lausig und stümperhaft sein. Das ist auch in Ordnung. Schließlich darf sich auch jeder Zuckerbäcker, Fenster- und Kloputzer Grafikdesigner schimpfen. Grafikdesign ist hier ein freies Gewerbe in einem freien Land. Nun ja: Mehr oder weniger freien Land, müsste man korrigieren. Denn wenn ich als Grafikdesigner meine Leistung als Fotograf anbieten würde, wäre ich ein Wilderer.

Ich gebe zu, dass ich so einige Schwächen in Lichtführung und Blitzerei habe und mit richtigen Studioblitzen habe ich eher marginale Erfahrung. Aber in Sachen Fototechnik, Bildgestaltung, visueller Kommunikation und Bildbearbeitung braucht mir kaum einer was erzählen. Trotzdem: Fotografieren darf ich nur, so lange ich kein Geld dafür verlange.

Trotz einer Petition mit über 10.000 Unterstützern scheinen sich Österreichische Volkspartei und Sozialdemokratische Partei Österreichs, vor allem in Persona von Konrad Steindl (ÖVP) und Christoph Matznetter (SPÖ), einer Gesetzesänderung entgegen zu stellen – um Qualität zu wahren, so heißt es.

Doch von was für einer Qualität reden wir? Ich kenne viele professionelle Fotografen, die toll Fotografieren und vor deren Arbeit ich größten Respekt habe. Aber Dilettantismus ist auch unter geprüften und damit gewerblich anerkannten Fotografen keine Seltenheit. Und warum zum Teufel ist deren Qualität schützenswert und die Qualität von Grafikdesign nicht?

Schlechtes Grafikdesign kann Menschenleben fordern. Das mag übertrieben klingen, aber eine Bedienungseinleitung, die zu falschem Handeln führt, kann in manchen Fällen wirklich fatale Folgen haben. Man denke dabei unter anderem an die illustrierten Blätter, die in Flugzeugen ohne Worte vermitteln sollen, wie im Notfall zu handeln ist. Wo bestünde eine vergleichbare Gefahr durch Fotografie?

Wie gesagt: Grafikdesign soll ein freies Gewerbe bleiben. Freiheit ist für mich eines der schützenswertesten Güter der Welt. Gerade deshalb möchte ich auch die Fotografie in Freiheit sehen. Haben denn die Gewerbevertreter der Fotografen so wenig Vertrauen in die Qualität der Leistungen ihrer Mitglieder, dass sie Mauern um sie herum aufstellen und aufrecht erhalten müssen?

Dass die Vertreter der Fotografen ihren Gewerbeschutz nicht einfach mit einem Achselzucken aufgeben, ist klar. Das würde kein Gewerbe machen, auch nicht wir Grafiker, wenn wir so einen Schutz hätten. Aber weshalb stellt sich die Politik hinter diesen antiquierten Schutz?

Weil wir in Österreich sind. Weil man hier am liebsten immer alles so lässt wie es immer war. Und weil es wahrscheinlich irgendwelche Freundschaften und Seilschaften von den Verantwortlichen des Gewerbes zu den letztendlichen Entscheidungsträgern der Politik gibt. So wie das nun mal läuft, in einer Bananenrepublik.

Als Nutzer sozialer Netzwerke drängt es sich natürlich auf, Fragen zu diesem Thema dort zu posten, wo man sich aufhält, wenn man miteinander kommunizieren will: In den sozialen Netzwerken eben, sprich bei Facebook. Also habe ich an die Pinnwand der ÖVP geschrieben, ob es wahr ist, dass die ÖVP die Befreiung des Fotografengewerbes blockiert. Die selbe Frage habe ich auch an der Pinnwand der SPÖ deponiert. Antworten stehen noch aus. Aber ich will mal fair sein: Ich habe die Fragen erst gestern Vormittag gepostet.

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10 Gedanken zu „Unfreie Fotografie“

  1. danke für diesen Kommentar, voll ins schwarze getroffen, bodenlose Frechheit trifft das ganze noch genauer auf den Punkt, auch werde in dieser Woche beginnen den Verantwortlichen inkl. Wirtschaftsminister ein Posting zu gönnen. Sollten sich beide Großparteien hier dumm anstellen haben’s das letzte mal meine Stimme bei einer Wahl bekommen!

  2. Hallo Markus,
    du hast dem Nagel auf den Kopf getroffen und perfekt ausgedrückt, was ich denke und hinter dem ich zu 100% stehe. Bin gespannt, ob die Großparteien auf dein Posting reagieren und hoffe, dass die Gesetzesänderung zum Wohle des „freien Fotografierens“ endlich möglich wird.
    LG Johannes

  3. Gratuliere, sauber formuliert auf den Punkt gebracht!!!
    Wenn es die beiden oben genannten Herren wirklich schaffen, wider aller Vernunft und genau genommen gegen das verbriefte Recht jedes einzelnen auf Erwerbsfreiheit die Freigabe zu verhindern, habe ich wieder ein gutes Stück Glauben an Österreich verloren. Allerdings wird das die beiden kaum kümmern….
    Um die Qualität zu wahren? Sorry, Faktum ist, dass es auf der ganzen Welt absolute Topfotografen ohne Meisterbrief gibt, mir ist bis jetzt entgangen, dass das Niveau in Österreich deutlich höher ist als in anderen vergleichbaren Ländern ohne Zugangsbeschränkung. Und es sollte den Verantwortlichen zu denken geben, dass die berühmtesten Fotografen Österreichs auch Autodidakten sind, die allerdings im Ausland Karriere gemacht haben, weil es offenbar im eigenen Land nicht geht…

  4. Lieber Markus, was wäre die Alternative? Totale Anarchie? Im gelobten land (Deutschland) darf jeder Depp sich eine Knipse nehmen und ablichten, was das zeugs hält. So manch ein Hobbyknipser mit eher mäßig guten (bis grottenschlechten!) Bildern führt gar die Bezeichnung „Fotograf“ als Zusatz zu seinem Namen – klingt auch gut, wenn man sonst keine Titel hat! Doch was bringt ihm das? Maximal eine persönliche Befriedigung (Illusion) und schlimmstenfalls fallen auf ihn ein paar Schülerinnen rein, die zuviel Model-TV geschaut haben. Das Recht der freien Berufsausübung birgt auch Gefahren – doch die Pfründe zu bewahren ist keine Lösung, sondern hat Stillstand zur Folge. Mach doch einfach eine Bananendiät und komm ins land, wo Mich und Honig fließt und di wirst sehen, hier ist der Boden auch nur Teer und Nicht Gold 😉
    halte durch
    Holger, Der Wupperphotograph, der was ganz anderes studiert hat 😉

    1. Von Freigabe einer Branche zur totalen Anarchie ist aber schon ein recht langer Weg, nicht? Ich frage nur: Weshalb darf der Fotograf Grafik machen, aber der Grafiker keine Fotografie? Ich hätte gerne Gleichberechtigung für vergleichbare Leistungen. Und da ist mir eine Öffnung der Fotografie lieber, als Mauern ums Design.

  5. Super diese Bewegung gefällt mir und ist schon längst überfällig !
    Bin seit 4 Jahren selbstständig als Pressefotograf !
    Arbeite für Andreas Gabalier, nik p ,den ORF uvm.
    Weil ich auch im Studio fotografiere , um zb. cd Covers zu shooten, wird ständig versucht mir ans Bein zu pinkeln ,hab deshalb meine Homepage-sparten umbenennen müssen in Presse und Privat usw.
    Höchste Zeit dass das Monopol der Vollfotografen fällt !
    Danke !

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