Welche Kamera kaufen, Teil 1: Grundfragen

Die Frage nach der richtigen Kamera stellt sich jedem, für den ›drauf halten und abrücken‹ nicht ausreicht. Die Frage nach der Marke sollte dabei zunächst nebensächlich sein. Vielmehr sollte man nach dem passenden Modell Ausschau halten, ganz egal welcher ›Brand‹ auf dem Gehäuse prangt.

Ausschlaggebend für die Entscheidung ist vor allem wo und wie man welche Motive fotografieren möchte.

Frage 1: Wo

Mit der Frage nach dem ›wo Fotografieren‹ meine ich vor allem, wie einen die Kamera zur ›Location‹ begleiten soll. Begibt man sich speziell zum Zweck des Fotografierens an einen bestimmten Ort und geht es dann ausschließlich um das Fotografieren? Dann darf die Kamera auch ein ordentliches Volumen und Gewicht haben. Man wird vielleicht sogar eine ganze Kameraausrüstung mitschleppen.

Oder fotografiert man eher bei Gelegenheit und Beiläufig wenn sich Motive gerade erbeben? Dann ist natürlich vor allem wichtig, dass die Kamera dabei ist. Dann brauche ich also eine Kamera, die klein genug ist, um in die Jacken- oder Handtasche zu passen.

Natürlich wäre es schön, wenn man aus der kleinsten, schicksten und leichtesten Kamera dasselbe herausholen könnte und wenn sie genauso ergonomisch zu bedienen wäre, wie das bei großen und schwereren Kameras der Fall ist. Doch wer sich für ein möglichst kleines Gerät entscheidet, muss sich bewusst sein: Je kleiner das Gerät, desto mehr muss man mit qualitativen, gestalterischen und ergonomischen Einschränkungen rechnen. Diese Erkenntnis ist wichtig: Nicht nur die Qualität ist (etwas) und die Bedienung (deutlich) eingeschränkt, sondern vor allem auch der gestalterische Spielraum.

Frage 2: Wie

Schicke, kleine Kompaktkameras decken kaum eine Handfläche ab. Zum schnellen draufhalten auf ein Motiv ist mehr Ergonomie nicht unbedingt notwendig. Doch wer ausgedehnt fotografieren will, wird schnell merken, dass diese kleinen Geräte der Hand wenig Griffigkeit anbieten. Man hält sie mit den Fingern und bei längerem Fotografieren eher etwas verkrampft. Verkrampft heißt unruhig. Und unruhig ist für scharfe Fotos eher nicht so optimal.

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Schick und klein, aber ohne Ergomie für lange Foto-Sessions – die Komapktkamera.

Möchte man außerdem kreativ mit einem Fotoapparat arbeiten, ist es am besten für möglichst viele Einstellungen möglichst viele Knöpfe direkt am Gehäuse zu haben. Bedienung über Hardware, sozusagen, und nicht über die Software-Menüs, die sich am Display darstellen lassen. Kamera-Einstellungen über Menüs stören den Fluss des Einstellens und Fotografierens. Doch kleine Kameras haben, sofern sie überhaupt die Möglichkeit bieten wichtige Einstellungen über Knöpfe und Drehräder vorzunehmen, wenig Platz für diese. Sie sind dann meist zu klein und liegen zu dicht aufeinander.

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Zu groß für die Hand- und viel zu groß für die Jackentasche. Aber ergonomisch geformt für viel Spaß beim langen Fotografieren (Abbildung: Fuji X-S1).

Kameras, die nicht nur für das gelegentliche Schnappschießen gedacht sind, sind deshalb meist größer, so dass sie ein oder zwei Hände gut ausfüllen können – mit zwei Händen hält sich die Kamera einfach besser. Außerdem braucht man für kreativ gestaltendes Fotografieren auch eine Hand fürs Zoomen und Scharfstellen und die andere für Blendeneinstellungen, Zeiteinstellungen, Belichtungskorrekturen, etc.

Die größeren Gehäuse sind auch schwerer. Was als Nachteil für den Transport und ermüdend klingen mag, ist für das Fotografieren ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Denn mehr Gewicht liegt satter in Händen, stabilisiert die Kamera und sorgt somit für mehr unverwackelte und scharfe Bilder.

Auf den größeren Gehäusen lassen sich viele gut ertastbare Schalter und Wählräder bei ausreichendem Abstand unterbringen. Das macht die Arbeit mit diesen Geräten um Welten angenehmer.

Wie gesagt: Fürs draufhalten und abdrücken ist das alles kein Thema. Aber wer ausgiebige Foto-Sessions und -Safaris mit kreativer Bildgestaltung plant, der sollte lieber nicht zur kompaktesten Lösung greifen.

Frage 3: Was

Die dritte Frage ist: Was möchte ich fotografieren? Welche Art von Motiven? Dabei würde ich drei grundlegende Gruppen unterscheiden.

Landschaft und landschaftähnlich

Das klassische Landschaftsbild besteht aus Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund. Alle drei sollen scharf abgebildet sein – die Schärfe soll also von ganz vorne bis ganz hinten reichen. Man spricht dann von großer Schärfentiefe.

Was für Landschaften gilt, gilt grundsätzlich auch für Orts- und Städteansichten – das meine ich dann mit landschaftsähnlich. Auch wenn ich einen Raum fotografiere, oder eine Party, möchte ich wohl meist von vorne bis hinten alles scharf abgebildet haben.

Die Schärfentiefe hängt von verschiedenen Faktoren ab: dem Abstand zum Motiv, der Brennweite, der sogenannten Blende und vom Format des Bildsensors.

Je kleiner der Bildsensor, desto größer fällt die Schärfentiefe aus.

Für Landschaften und landschaftähnliche Motive, bei denen viel Schärfentiefe von vorne bis hinten gewünscht ist, sind auch Kameras mit sehr kleinen Bildsensoren durchaus gut geeignet. Wenn das Licht geht kann die Kamera und der kleine Aufnahmesensor sogar ein Vorteil sein, weil man die sogenannte Blende offen lassen kann, somit das noch vorhandene Licht besser ausnutzt und trotzdem eine hohe Schärfentiefe erzielt. Bei einer Kamera mit großem Bildsensor hat man die Wahl zwischen offener Blende, die das vorhandene Licht gut ausnutzt, und kurzer Schärfentiefe, oder geschlossener Blende, was zwar die Schärfentiefe erhöht, aber nicht mehr viel Licht zum Sensor lässt und somit längere Belichtungszeiten erfordert.

Kleiner Sensor, großer Sensor

Kleine Kompaktkameras und große Kameras – zum Beispiel Spiegelreflexkameras – unterscheiden sich vor allem auch durch die Größe des Bildsensors. Der Bildsensor ist das Aufnahmemedium. In der analogen Fotografie ist das der Film.

Eine Spiegelreflexkamera hat in fast allen Fällen einen um ein mehrfaches größeren Bildsensor als eine Kompaktkamera. Damit ist nach Stand der Technik vor allem etwas mehr Detailschärfe und weniger störendes sogenanntes Bildrauschen möglich. Größere Sensoren erlauben also insgesamt im Detail etwas mehr Bildqualität (was allerdings, abgesehen von Extrembedingungen, bei einer Wiedergabe unter A4 eher marginal ins Gewicht fällt). Vor allem aber erlauben diese größeren Bildsensoren viel mehr Spielraum zwischen wenig und viel Schärfentiefe. Geringe Schärfentiefe (wie in der nächsten Abbildung weiter unten) ist mit Kompaktkameras schwer zu erreichen (nur durch extrem kurzen Abstand oder extrem lange Brennweite).

Doch da bei Landschaft und landschaftähnlich große Schärfentiefe gewünscht ist, erreichen die kleinen Kompakten bei solchen Motiven dennoch Resultate, die jenen von Spiegelreflexkameras kaum nachstehen. Erst bei sehr großen Ausdrucken und bei sehr genauem Hinsehen wird man die Unterschiede deutlich ausmachen können.

Kompaktkameras sind somit für alle gut geeignet, die gerne Landschaften, Plätze, Gärten und Parks, Orte, Städte und Gassen fotografieren, jedoch auf das letzte Maß an anspruchsvoller Qualität zugunsten des leichten Transports verzichten können. Somit sind Kompaktkameras zum Beipsiel gute Reisekameras. Sie erreichen zwar die Güte ihrer großen Geschwister nicht ganz, doch je größer die Kamera, desto lieber und öfter wird man wohl ohne sie aus dem Haus gehen. Und die Kamera, die daheim im Schrank liegt, macht keine besseren Bilder, sondern gar keine!

Porträt und porträtähnlich

Anders sieht es aus, wenn man gerne Leute porträtiert. Bei einem Porträt geht es vor allem darum eine Person, einen Kopf, ein Gesicht zu zeigen. Alles andere würde bei diesen Aufnahmen nur stören und ablenken. Ein unruhiger, penetranter Hintergrund ist der Tod einer jeden gelungen Aufnahme einer Person. Deshalb hat man für diese Motive gerne eine geringe Schärfentiefe. Bei kurzer Schärfentiefe erscheint nur die Person scharf am Bild und der Hintergrund ist unscharf, lenkt nicht mehr vom Hauptmotiv ab und stört auch nicht mehr.

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Porträt. Die Person ist durch kurze Schärfentiefe vom Hintergrund ›freigestellt‹.

Was für Porträts gilt, lässt sich auf alle Objekte übertragen, die nicht wesentlich größer als eine Person sind und die ich zeigen möchte, ohne, dass ihr Hintergrund sich wichtig macht.

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Porträtähnliche Situation. Das Hauptmotiv ist ebenfalls durch kurze Schärfentiefe vom Hintergrund freigestellt.

Leider ist beim kleinen Sensor einer Kompaktkamera die Schärfentiefe so gut wie immer so groß, dass man kaum in der Lage ist das Hauptmotiv durch Unschärfe vom Hintergrund freizustellen.

Ich bin mir sicher, dass darin der Grund liegt, weshalb so viele Leute das Gefühl haben eine Spiegelreflexkamera würde um Welten bessere Fotos machen, als eine Kompaktkamera. Wenn es um Porträts geht erzeugen sie tatsächlich auch im Automatikbetrieb bessere Aufnahmen, als es in vielen Fällen auch mit den ausgefeiltesten manuellen Einstellungen an einer Kompaktkamera möglich ist.

Doch wie gesagt: Auch wenn das für Porträt und porträtähnlich zutrifft, sind die qualitativen Unterschiede bei Landschaft und landschaftähnlich für den Laien oft gar nicht recht auszumachen.

Klein oder Porträt | Das ist eine ganz wichtige Frage. Möchte ich eine kleine Kamera zum immer-dabei-haben? Oder eine Kamera mit der sich tolle Porträts und Bilder von Menschen machen lassen? Beides geht nicht! (genau genommen gibt es kleine Kameras mit relativ großen Sensoren, die aber die absolute Ausnahme dieser Regel sind und meist in der Preisregion einer Einsteiger-Spiegelreflexkamera liegen).

Für den Wanderer stellt sich diese Frage nicht. Seine Motive werden zu einem großen Teil Landschaften sein. Zwar will er sicher auch ein paar Aufnahmen seiner Begleiter einfangen. Aber diese Art der Porträts geraten dann am gelungensten, wenn die Landschaft, in der gewandert wird, mit einbezogen und ebenfalls scharf abgebildet wird. Das heißt, dass bei diesen Porträts die Schärfentiefe groß sein darf oder sogar soll. Er ist also mit einer kompakten Kamera, die klein genug ist um nicht einmal im Rucksack verschwinden zu müssen und somit schnell zur Hand ist, gut bedient. Für den Wanderer ist eine kompakte Kamera also wohl in den meisten Fällen ein Gewinn. Zumindest, wenn man zu jenen Wanderern gehört, für die das Wandern die Hauptsache und das Fotografieren die Nebensache ist (es gibt ja auch Wanderer, für die das Fotografieren die Hauptsache und das Wandern eher die Nebensache ist). Auf den Städtebummel und auf die Reise lässt sich das natürlich genauso übertragen.

Wer aber den Menschen, Objekte zwischen Blumen- und Menschengröße, oder auch Tiere in den Mittelpunkt seines fotografischen Interesses stellt, wird mit einer Kompaktkamera und ihrem kleinen Bildsensor keine langfristige Freude haben. Hier kommt man um eine Spiegelreflex, oder eine sogenannte Systemkamera mit ausreichend großem Bildsensor einfach nicht herum.

Zu einer Spiegelreflex oder Systemkamera würde ich auch den Mamas und Papas raten, für die der Nachwuchs das liebste Motiv darstellt – die Fotos werden einfach besser und machen wohl ein Leben lang mehr Freude. Natürlich darf man sich hier die Frage stellen, ob man diese doch schon mehr oder weniger großen Geräte dann wirklich immer dabei hat, wenn Bambam oder Pebbles gerade wieder ihre herzigsten Momente an den Tag legen. Aber seien wir mal ehrlich: Welche Kamera hat man immer dabei? Richtig: Das Smartphone. Und die Qualität der Kameras von Smartphones sind heutzutage absolut Schnappschusstauglich. Man macht dann halt die Erinnerungsschnappschüsse mit dem Telefon und die Hammerbilder mit der Großen.

Marko und die Welt des Kleinsten

Eine dritte Gruppe der Motive stellen Makroaufnahmen von winzigen Motiven dar. Der Besitzer einer Spiegelreflexkamera steht hier vor zwei Problemen:

  1. Normale Objektive für Spiegelreflexkameras verlangen einen reltaiv großen Mindestabstand zum Motiv. Das können 20cm, 40cm oder auch 100cm sein. Damit kommt man gar nicht nahe genug an winzige Motive heran um sie formatfüllend abzubilden. Der Spiegelreflex-Makrofotograf muss also in spezielle Makroobjektive investieren und diese kosten meist ein mehrfaches einer normalen Kompaktkamera.
  2. Auf Grund der geringen Schärfentiefe der mittelgroßen bis großen Bildsensoren dieser Kameratypen gerät bei der normalen Automatikeinstellung die Schärfentiefe so kurz, dass es kaum möglich ist, einen Käfer von vorne bis hinten scharf abzubilden. Die Schärfentiefe ist oft sogar so kurz, dass es kaum möglich ist das Facettenauge kleiner Käfer von vorne bis hinten scharf abzubilden und aus freier, unruhiger Hand ist es ein Glücksfall den Punkt maximaler schärfe dorthin zu bekommen, wo er sein soll: auf die Augen.
    Makrofografen mit Spiegelreflexkamera fotografieren deshalb oft mit Blitzen oder Stativen – oder beidem zusammen (der Grund dafür würde für diesen kleinen Leitfaden etwas zu weit führen).

Wer also gerne kleine Blüten, Schmetterlinge, Käfer und andere Winzigkeiten fotografiert, kann mit einer Kompaktkamera und ihrer von Haus aus großen Schärfentiefe viel leichter und bequemer beeindruckende Ergebnisse erzielen. Ich rate deshalb jedem, der Makro liebt und nicht den Aufwand mit Spezialobjektiven, Stativen und Blitzen treiben will, sich für eine Kompaktkamera zu entscheiden. Speziell die sogenannten Birdgekameras bilden hier oft hervorragende Arbeitsgeräte, die auch hohen Ansprüchen gerecht werden.

Die Grundsätzliche Entscheidung

Wer sich auf die Suche nach einer Kamera begibt muss also die Grundsatzentscheidung treffen, zwischen bevorzugten Motiven – landschaftähnlich, porträtähnlich oder Makro – bevorzugter Arbeitsweise – gelegentlich Fotografieren oder ausgedehnte Shootings – und Portabilität – immer dabei oder maximale Qualität und kreative Flexibilität. Wer sowohl ausgedehnte Porträt-Shootings und immer-dabei haben möchte, kommt um die Anschaffung (mindestens) zweier Kameras nicht herum.

Sonstige Kriterien

Natürlich gibt es noch weitere Kriterien. Zum Beispiel wäre die Bedienbarkeit über Hardware-Schalter und -Einstellräder genannt, die bereits angesprochen wurde. In dem Zusammenhang vor allem, wie viele Schalter vorhanden sind, was sich damit bedienen lässt und wie man sie vielleicht mit Individuellen Funktionen belegen kann.

Touch-Display | Neuere Kameras bieten zunehmend die Möglichkeit der Bedienung über ein Touch-Display, also wie bei einem Smartphone. Das ist etwas komfortabler als die Bedienung über kleine Kippschalter und Menüs, bietet zudem ganz neue Möglichkeiten (zum Beispiel mit einem Tipp auf das Display auf einen Punkt scharf zustellen und sogleich auszulösen), kommt aber an echte Schalter, die sich auch blind ertasten lassen, nicht ran.

Wechselobjektive | Ob sich die Objektive wechseln lassen ist natürlich auch ein ganz schwer gewichtiges Kriterium. Allerdings sollte man nicht grundsätzlich dem Schluss verfallen, dass eine Kamera mit der Möglichkeit Objektive zu wechseln grundsätzlich die bessere Entscheidung ist. Wie immer gilt: Es kommt drauf an. Und die Frage nach einem fix verbauten Objektiv, oder mit einem Anschluss für Wechselobjektive würde ich erst als vierten Schritt stellen, nachdem ›wie‹, ›wo‹ und ›was‹ geklärt ist.

Dateiformat | Da ich nicht nur die fotografische Gestaltung, sondern auch die Bildentwicklung, selbst kontrollieren möchte, ist für mich das Speicherformat noch eine ganz wichtige Zusatzfrage. Kompaktkameras bieten mit wenigen Ausnahmen nur das JPEG-Format als Speicherformat an. Wenn man selbst nicht in die Ausarbeitung eingreifen möchte, dann ist das auch perfekt. Doch für die Nachbearbeitung und Optimierung am Computer bietet es viel zu wenig Spielraum. Hier ist das sogenannte Raw-Format einfach besser. Bei Spiegelreflex- und Systemkameras ist das selbstverständlich. Bei Kompaktkameras gibt es diese Option hingegen nur selten.

Weiter zu Teil 2: Megapixel und so

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