Was für eine Art Fotograf bin ich eigentlich?

Habt ihr euch das auch schon einmal gefragt?

Eigentlich bin ich ja gar kein Fotograf. Ich bin Grafikdesigner.

Grafikdesign hat meinen Blick auf Fotos geprägt. Ich suche immer nach Achsen, Proportionen, Harmonien und Kontrasten. Gestalterisch wichtige Parameter. Parameter, die sich nicht an Schaltern an irgendeiner Kamera einstellen lassen.

Noch viel wichtiger ist für mich als Grafiker – als Kommunikationsdesigner – aber die Botschaft, die in einem Bild steckt. Grafikdesign ist visuelle Kommunikation. Und in jedem grafischen und fotografischen Detail steckt eine Geschichte. Fotos sind voller Geschichten. Oft braucht es mehr als tausend Worte sie zu erzählen, heißt es.

Was Fotos erzählen, ist viel wichtiger, als ihre technische Brillanz in der Umsetzung. Sicher: Gute Werbung verlangt nach guten Fotos. Fotos, die auch technisch professionell umgesetzt sind. Unprofessionelle Fotos assoziieren nur einen unprofessionellen Betrieb hinter einer Werbung. Doch, abgesehen von der reinen Produktfotografie, sind technisch brillante Fotos die keine Emotionen wecken, verschwendete Farbe.

So gesehen bin ich als Fotograf ein Geschichtenerzähler und Emotionenfänger. Allerdings keiner der Geschichten erfindet und Emotionen inszeniert.

Eigentlich wäre ich der klassische Street Photographer. Nirgends begegnen einem mehr Geschichten als auf einer Straße voller Menschen. Leider bin ich zu feige und zu schüchtern Menschen mit dem Fotoapparat zu überfallen und ihnen ihre Geschichten zu klauen. Zwar schleiche ich trotzdem gelegentlich über Plätze und durch Gassen und stehle mir unbemerkt ein paar Impressionen. Aber was ich publiziere muss die Privatsphäre der Abgebildeten wahren. Wegen dieser Skrupel entgehen mir zwar dauernd wunderbare Motive. Aber man kann halt nicht aus seiner Haut. Ich bin kein Henri Cartier Bresson.

Ich funktioniere als Fotograf nach einem Zitat von Emile Zola: »Nach meiner Ansicht kann man nicht behaupten, etwas gesehen zu haben, bevor man es fotografiert hat.« Es fasziniert mich die Welt mit der Kamera aus Blickwinkeln zu sehen, aus denen ich sie selbst normalerweise nicht sehe. Blickwinkel, aus denen ich sie niemals sehen könnte, weil ich meine Augen weder auf Weitwinkel noch auf Makro stellen kann.

Also verlasse ich meine vier Wände und halte meine Augen nach Geschichten offen. Geschichten von Türklopfern, von Bäumen, die ihre Wurzeln in Treppen schlagen, verlassenen Weingläsern, fleißigen Bienen, schiefen Häusern, verwilderten Gärten, etc. Und wenn sie mir begegnen suche ich nach der passenden Perspektive (und den Dingen mit der Schärfe, der Belichtung und der Komposition, um unauffällig auch mein Buch ein bisschen ins Licht zu rücken).

Und immer suche ich nach Leuten, die meine Freude an der Fotografie teilen. Allerdings von der anderen Seite des Suchers aus gesehen.

Mein letztes Privatprojekt war ein Fotoalbum meiner Familie. Aber ich habe die Idee nach einem Shooting wieder gecancelt. Fotografieren macht mir einfach keinen Spaß, wenn die Modelle es nicht erwarten können, bis der Spaß wieder vorbei ist.

Also suche ich nach freiwilligen Opfern. Laien, die sich gerne ablichten lassen. Meist kommt dann die Frage: Was soll ich (als Modell) machen? Welche Idee hast du (lieber Fotograf)?

Keine! Die traurige Wahrheit ist: Ich habe keine Vorstellung. Ich habe keine Ideen im Kopf, die ich unbedingt fotografisch umsetzen muss. Nun ja. Manchmal schon. Aber es ist nicht mein grundsätzliches Interesse Motive zu inszenieren.

Fotografie ist für mich eine Entdeckungsreise. Ich setze die Segel und lass mich von meinen Modellen überraschen. Mich interessiert Chareaktere. Authentizität. Oder wie er oder sie sich sieht und sich selbst inszenieren will.

Ich halte mich als Fotograf gerne im Hintergrund. Beobachte und versuche im richtigen Moment einen Hauch der Wirklichkeit einzufangen. Oft habe ich den Eindruck die besten Aufnahmen entstehen dann, wenn das Modell vergisst, dass ich und meine Kamera anwesend sind. Ich versuche also unsichtbar zu werden.

Das mag an meinem Background als Typograf liegen. Als Typograf versuchst du auch nicht den Geschichten deiner Autoren deinen eigenen Stempel aufzudrücken. Du hast deinen Job dann am besten gemacht, wenn der Leser dich überhaupt nicht mehr wahrnimmt sondern sich voll auf die Geschichte konzentrieren kann.

Aber vielleicht bin ich auch Typograf weil ich bin wie ich bin. Und deshalb bin ich auch die Art Fotograf die ich bin. Es passt so gut zu meinen Lebensmottos: Der Weg ist das Ziel. Der Weg eröffnet sich beim gehen. Und: Wer kein Ziel hat kann es auch nicht verfehlen.

Und welche Art Fotograf bist du?

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Ein Gedanke zu „Was für eine Art Fotograf bin ich eigentlich?“

  1. Dann wärst du eigentlich idealer Auftragsfotograf. Also jemand erteilt dir einen Auftrag, erklärt sein Ziel, seine Geschichte, und du setzt sie mit deinen Mitteln um, wobei das Foto so im Hintergrund bleibt wie die Typografie beim Buch, und der Inhalt in den Mittelpunkt rücken kann.

    In dem Punkt habe ich es einfacher: ich liebe es, Tänzer festzuhalten oder in Szene zu setzen.

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