Gut beraten im Fotofachgeschäft?

Interessante Informationen bekommt man im Fachhandel: »Ich habe mir gleich gedacht, dass Sie aussehen wie ein Arschloch. Da kann man nichts machen. Wenn man ein Arschloch ist, ist man ein Arschloch.« Aber der Reihe nach.

Als vor einigen Jahren digitale Spiegelreflexkameras in Preisregionen sanken, die man sich auch leisten konnte, wenn man nicht von der Fotografie lebt, beschloss ich mich nach einer DSLR umzusehen. Mein erstes Interesse galt Sony. Ich begab mich also zum Fachhändler im Zentrum der Lokalmetropole Dornbirn, Foto Murer. Ein freundlicher junger Verkäufer händigte mir das begehrte Gerät aus, konnte aber meine Fragen nicht beantworten und rief nach einem älteren Kollegen. Dieser kam, Brille putzend und die Nase hoch erhoben, auf mich zu und eröffnete mir »Ohne konkrete Kaufabsicht gibt es keine Beratung«.

Man kann sich vorstellen, dass sich mir zunächst das Unterkiefer aus der Verankerung löste. Ich schluckte kurz durch, legte die Sony A100 auf den Verkaufstisch, sagte »danke« und »auf Wiedersehen« und verließ den Laden (nachzulesen auch in einem Artikel von 2006).

Glücklicherweise hatte zu der Zeit ganz in der Nähe ein neues Fotogeschäft eröffnet. Bei Digital Willam erregte dann eine Olympus E330 mein Interesse. Eine der ersten Kameras mit Live-View und darüber hinaus auch noch ein Klappdisplay. Ich hätte mir die Kamera schon fast einpacken lassen, da riet mir und bot mir Armin Willam an, die Kamera doch einmal fürs Wochenende zu testen, bevor ich sie fix kaufte.

Ein Segen! Meine anfängliche Begeisterung schwand schnell. Ich kam mit der Bedienung nicht richtig zurecht, der dunkle, kleine Sucher war suboptimal und Live-View, so fand ich schnell heraus, mag bei einer Kompakten eine feine Sache sein, aber bei einer SLR ist es für die meisten Aufnahmesituationen nicht so der Bringer. Jedenfalls für mich nicht. Ich habe bei Armin dann eine Nikon D80 gekauft, eine Wahl für eine Kamera (und viel mehr noch für eine Marke) die ich bislang nicht bereut habe.

Seither habe ich mehrere Tausend Euro für Kameraausrüstung ausgegeben. Einen guten Teil davon bei Digital Willam. Wäre ich bei Foto Murer damals korrekt beraten worden, wäre dieser Umsatz wahrscheinlich dort gelandet.

Schon damals hatte ich aber auch den Wunsch nach einer kompakten Zweitkamera und seit ich mit der D700 fotografiere ist dieser Wunsch noch viel dringlicher geworden. Auch die an sich hervorragenden Kompakten G12 und S95 von Canon haben mich nicht glücklich gemacht. Auch wenn diese Geräte außerordentlich benutzerfreundlich sind, die S95 super schick aussieht und die Qualität dank RAW hervorragend ist, selbst bei erhöhten ISO-Werten – der kleine Sensor bietet einfach zu wenig Möglichkeit mit der Schärfentiefe zu spielen.

Systemkameras bieten mittlerweile eine sehr gute Alternative. Deshalb habe ich vor einigen Wochen begonnen, mich in diesem Marktsegment schlau zu machen.

Man darf eine Kamera nicht vom Datenblatt kaufen. Oder weil sie einem von Freunden empfohlen wurde. Man muss sie in die Hand nehmen. Man muss spüren wie sie sich anfühlt und wie sie sich bedienen lässt und ob man mit ihr zurecht kommt. Ob man sich mit ihr wohl fühlt. Eine Kamera muss passen wie ein Schuh, wenn man Freude am Fotografieren haben will. Und Schuhe muss man anprobieren.

Digital Willam hat sich auf die Marken Nikon, Olympus und Fuji spezialisiert. Also musste ich mich für die potenziellen Kandidaten Lumix oder Sony wo anders umsehen. Bei Foto Murer in Bregenz habe ich vor Kurzen bei einem durchaus sehr freundlichen Verkäufer eine Sony NEX in die Hand bekommen. Die paar Minuten, in denen ich probiert habe mit ihr zurecht zu kommen haben mir bestätigt, dass ich mich mit einer von Sonys NEX-Modellen nicht anfreunden kann. Die Bedienung ist zu sehr auf völlig unerfahrene Fotografen ausgelegt. Eine wichtige Erkenntnis!

Nicht in Betracht gezogen hatte ich bis heute die Lumix G2. Doch als ich sie heute im Schaufenster bei Foto Murer sah, fiel mir auf, dass sie deutlich kleiner ist, als sie auf Fotos erscheint. Ich ging also in den Laden und bat darum das Gerät einmal in die Hand nehmen zu dürfen. Sie ist wirklich außerordentlich kompakt und liegt trotzdem gut in Händen. Klappdisplay – ein Muss für meine Zweitkamera zur D700. Ich begann gerade mich mit der Kamera anzufreunden und spielte bereits mit dem Gedanken das Gerät zu kaufen, da kam eine Dame von hinter dem Ladentresen zu mir und meinte »Sie sehen aus als wenn Sie die Kamera nur ausprobieren wollen.« »Richtig. Ich will sie zunächst einmal nur ausprobieren«, erwiderte ich, »ist das ein Problem«. »Nein«, antwortete Sie in einem Ton, der mich nicht überzeugte.

Es war eine Art des Déjà-vu und erinnerte mich an mein Erlebnis von vor Jahren in der Filiale von Foto Murer in Dornbirn. Nach kurzer Überlegung ging ich auf die Dame zu und sagte: »Ich will Ihnen etwas sagen. Ich wollte mich vor Jahren in Ihrer Filiale in Dornbirn nach einer Kamera erkundigen und man sagte mir ich bekäme keine Beratung, wenn ich keine konkrete Kaufabsicht hätte. Seither habe ich mehrere Tausend Euro für Kameraausrüstung ausgegeben« und wollte mich verabschieden. »Ich habe mir gleich gedacht, dass Sie aussehen wie ein Arschloch. Da kann man nichts machen. Wenn man ein Arschloch ist, ist man ein Arschloch«, sagte die Dame.

Mittlerweile habe ich erfahren, dass ich es offensichtlich mit der Herrin des Hauses zu tun hatte. Offensichtlich war mein Erlebnis von 2006 kein Einzelfall, sondern das Diensteistungsverständnis, dass man nur beraten wird, wenn man sich vorher entscheidet das Produkt zu kaufen, scheint bei Foto Murer offensichtlich zur Unternehmensphilosophie zu gehören.

Ich hätte die Lumix G2 wahrscheinlich gekauft. Nun bleibt mir wohl nur das Gerät bei Amazon zu bestellen. Schade. Ich war früher ein so engagierter Freund des Fachhandels.

5 Gedanken zu „Gut beraten im Fotofachgeschäft?“

  1. Auch ich bin ein Freund des Fachhandels – aber nur des engagierten Fachhandels. Ich bin nach wie vor „meinem“ Fotoladen in Ulm verbunden (obwohl ich inzwischen weggezogen bin), gerne denke ich an den unkomplizierten Service bei einer Objektivbestellung zurück („Ihre Bestellung ist immer noch nicht da, und Sie fotografieren nächste Woche eine Hochzeit? Na, da können Sie ja nicht ohne gute Linse hin, hier, nehmen Sie diese hier leihweise mit!“). Und wenn die Preisdiskrepanz zum Netzschieber nicht auf Weltfremdheit schließen läßt, kaufe ich immer noch gerne in solchen Läden.

    Aber manchmal betritt man leider versehentlich das Ladengeschäft eines – um das Zitat der Dame zu verwenden – Arschlochs. Läden mit sochen Verkäufern (oder schlimmer: Chefs) haben es imho verdient zu sterben. Man kann nur hoffen, daß sie es möglichst schnell tun. Zum einen, um Mitmenschen vor Schaden zu bewahren. Zum anderen, um den Ruf der engagierten Fachhändler nich zu demontieren.

  2. Muss ich leider bestätigen. Ein derart überhebliches Verkaufsgespräch wie bei Foto Murer in Dornbirn habe ich sonst noch nirgends erlebt.

  3. Jahaa,

    seit rund einem Jahr wohne ich im kleinen Örtchen Haigerloch. Und startete mehrere Versuche, im örtlichen Fotofachgeschäft eine Beratung zu bekommen.

    Das erste mal besaß ich die Frechheit zu fragen, ob er irgendwelche gebrauchten Canon-L-Objektive zu veräußern hätte. – War wohl die falsche Frage. Was er genau antwortete, hat mein Verstand irgendwie gelöscht.
    Nur das Gefühl blieb, das wir wohl alle kennen, wenn einen ein Lehrer in der Schule mal so richtig zur Sau gemacht hatte.

    Ein weiterer Versuch, den Menschen vielleicht doch ganz okay und somit als Dienstleister in Betracht ziehbar zu finden, scheiterte, als ich mir einen SW-Film kaufen wollte. – Der erste Spruch, den ich vom im vermeintlichen Kundengespräch befindlichen Ladeninhaber bekam war: „Entschuldigung, gehen Sie immer einfach hinter den Ladentisch und bedienen sich selbst?“
    Den Ladentisch hatte ich als solchen nicht wahrgenommen. Es handelte sich um ein Stehtischchen, dass an einer Säule angebracht war und das offene Filmeregal nur halb überdeckte.
    Auf meine Frage nach einem SW-Film bekam ich dann die Antwort, dass die doch heute eh niemand mehr entwickelt. Er habe noch einen C41-SW-Film, der sei abgelaufen, den solle ich einfach mitnehmen.
    Uärch – ich, wieder der betröppelte Schüler von damals – nahm dieses Geschenk auch noch an und verzog mich – der „Kunde“ mit dem der Typ ins Gespräch vertieft gewesen war, stellte sich als Mitarbeiter raus.

    Das Schöne an der Geschichte, der Fotoladen beherbergt die örtliche Poststelle – und da hol ich nun meine Amazon-Päckchen mit Objektiven, Filmen und all so Zeugs ab. :-)

  4. Das Problem des „Beratungsdiebstahls“ macht den kleinen, engagierten Einzelhändler schwer zu schaffen. Soweit habe ich Verständnis. Doch wenn ein Kunde gut beraten wird und sich aufgehoben fühlt (auch NACH einem Kauf!), dann ist der preis nun wirklich nicht mehr DAS Kick-off-Kriterium.
    Über den Preis kann man verhandeln, und wenn man die Konkurrenz kennt, wird der gute Fachhändler sicherlich mit sich reden lassen. Er hat einen Kunden gewonnen und wir diesen sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen haben. Leider ist die Fotografie ein teures Hobby – und am Zubehör liegt doch der eigentliche Verdienst. Kundenbindung ist alles – Geiz ist ungeil.

  5. Hallo,

    das liest sich ja, wie es einem schlechten Film nicht besser hätte inszeniert werden können!
    Unglaublich, dass solche Geschäfte auch noch Filialen besitzen können!
    Jetzt weiss ich noch mehr zu schätzen, was ich an meinem Fotofachgeschäft in Leutkirch im Allgäu habe, welches auf Nikon spezialisiert ist und nur Produkte verkauft, hinter denen der Chef auch steht. (nachdem schon viele Namen geschrieben wurden, gehe ich davon aus, dass auch Positivbeispiele nennenswert sind: http://www.fotohaag.de )

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