Die Suche nach der Street- und immer-dabei-Kamera

Seit vielen Monaten treibt mich die Suche nach einer kompakten immer-dabei-Kamera um. Gewöhnlich fotografiere ich mit der Nikon D700. Ein tolles Arbeitsgerät, aber zum Mitnehmen etwas klobig. Besonders wenn man auch noch entsprechende Objektive anschraubt.

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G’scheiter Brocken, die Nikon D700; Bild: © Nikon GmbH

Kompaktkameras und das Schärfentiefe-Problem

Zuletzt hatte ich gehofft in der Powershot S95 beziehungsweise Powershot G12 die Antwort auf meine Bedürfnisse gefunden zu haben. Die zwei Kleinen von Canon sind klasse Kompaktkameras, deren Qualität kaum etwas zu bemängeln gibt, so lange man berücksichtigt, dass sie nur etwa die Hälfte einer Einsteiger-DSLR mit Objektiv kosten. Wäre da nicht der kleine Sensor!

Das Problem ist weniger das Rauschen, wie wohl Viele vermuten würden, sondern vielmehr der kaum vorhandene Spielraum bei der Schärfentiefe. Blendenvorwahl hin und manuelle Einstellung her. Wenn ich bei 50mm Brennweite, Blende ƒ2.8 und 6m Entfernung bereits eine Schärfentiefe von 1,5m habe, dann lässt sich damit kaum mehr etwas Freistellen oder kreativ mit der Schärfentiefe gestalten. Zum Vergleich: Die Nikon D700 hat mit denselben Einstellungen eine Schärfentiefe von 26cm. (Sollte das jetzt ein spanisches Dorf sein, dann verschafft vielleicht mein Artikel über Sensorformate uns Schärfentiefe mehr Klarheit.)

Was meine immer-dabei-Kamera können soll

Wonach ich konkret suche? Nach einer Kamera für unterwegs mit Eignung zur Street Photography. Das heißt: Klein, leicht, unauffällig und leise. Allerdings mit all den Einstellmöglichkeiten, die man von einer Profi-DSLR gewohnt ist. Bei meiner D700 heißt das zwei Einstellräder, um Blende und Zeit beim Fotografieren im manuellen Modus rasch justieren zu können. Außerdem schätze ich eine AF-On-Taste. Je mehr Einstellungen über Hardware-Knöpfe vorgenommen werden können, desto besser. Menügeführte Einstellungen scheinen mir immer ein Klotz am Bein zu sein.

Dann bin ich es gewöhnt mit meinen DSLRs über den Sucher zu fotografieren. Die Vorstellung, eine Kamera mit mehr oder weniger ausgestreckten Armen vor meinen Kopf zu halten, gefällt mir absolut nicht. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich mir kaum eine Kamerahaltung vorstellen kann, bei der es schwieriger ist die Kamera ruhig zu halten. Wenn schon über Display fotografieren, dann ziehe ich es vor die Kamera vor meine Brust oder meinen Bauch zu halten, wie es mit einem Klappdisplay möglich ist. Überhaupt habe ich mit der Powershot G12 die Qualitäten eines Klappdisplays wieder sehr zu schätzen gelernt – es macht ungewöhnliche Perspektiven einfach einfacher.

Street Photography Enthusiasten werden jetzt anmerken, dass ich mir doch eine Leica M9 kaufen soll, wenn ich eine kompakte, professionelle Kamera mit großem Sensor und Sucher suche. Aber ehrlich: 5000 Euro für eine Zweitkamera will ich mir einfach leisten.

Kompakte mit großem Sensor und fixem Objektiv

Was am Markt bisher so gut wie nicht vorhanden ist, sind Kompaktkameras mit mit Sensoren in einem Format, wie sie in Spiegelreflexkameras verbaut werden. Zwei der wenigen Ausnahmen sind die Fuji X100 und die DP-Serie von Sigma. Leider sind die Geräte hier zu Lande schwer für Tests in die Finger zu bekommen. Ich muss aber auch gestehen, dass ich mich mit beiden Konzepten nicht so ganz anfreunden kann, auch die Geräte sicherlich hervorragenden Qualitäten haben.

Fuji x100 Fuji Finepix X100; Bild: © Fuji Deutschland
Sigma dpx2 Sigma DP2X; Bild: © Sigma Deutschland

Systemkameras

Interessant sind natürlich die sogenannten Systemkameras. Das sind Kameras, bei denen man die Objektive wechseln kann, die aber nicht über einen optischen Sucher verfügen, wie eine Spiegelreflexkamera. Solche Systeme werden heute im Wesentlichen von Olympus, Panasonic, Sony und Samsung angeboten.

Panasonics G-Modelle

Bei Panasonic findet man derzeit drei Modelle im besonders kompakten Micro FourThirds-Standard. Die G3 ist die Größte im Trio und erinnert im Design an eine SLR. Sie hat auch tatsächlich einen Sucher, der allerdings nicht optisch funktioniert, sondern über ein hochaufgelöstes, elektronisches Display im Inneren. Alternativ kann man allerdings auch über ein Klappdisplay fotografieren, das als Besonderheit Touch-Funktion bietet. Es kann also wie ein Smartphone mit dem Finger am Display bedient werden.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich eine Kamera über ein Touchdisplay trotz menügeführter Bedienung effizient einstellen lässt. Im Gegensatz zu Menüs, durch die man sich über Info-, Funktions-, Set-, Menü-, Kipp- und Drehtasten quälen muss. Leider ist die G3 nicht wirklich wesentlich kompakter als meine kleine DSLR.

Als Alternative bietet Panasonic die Lumix GF2 und die noch kleinere GF3 an. Allerdings haben beide weder einen Sucher, noch ein Klappdisplay und sind über ein paar Steuerungstasten menügeführt zu bedienen. Ohne Touch-Display!

Panasonoc Image DMC GF2k Panasonic Lumix GF2; Bild: © Panasonic Deutschland

Was mit beim Stöbern im Angebot von Panasonic aufgefallen ist: Auf der Panasonic-Homepage merkt man, dass man bei einem Anbieter von Unterhaltungselektronik ist, der auch Kameras im Programm hat. Im Gegensatz zu den Websites von Olympus, Sigma und Nikon, wo man spürt, dass Kamerablut durch die Kabel fließt, fühlt man sich speziell bei Panasonic als Fotograf nicht ganz ernst genommen. So ist es mir zum Beispiel bei einem Objektiv nicht gelungen herauszufinden, was für eine Naheinstellgrenze es hat. Auch nicht nach Herunterladen des Datenblattes. Ähnliches empfindet man übrigens auch, wenn man Sony besucht. Auch hier ist Fotografie ein Thema von vielen.

Sonys NEX-System

Sony hat vor einiger Zeit mit der NEX-Reihe eigene Systemkameras auf den Markt gebracht und sehr erfolgreich eingeführt. Leider ist das Angebot an Objektiven für dieses System noch mehr als überschaubar. Die einzige für mich infrage kommende Brennweite stellt ein 16mm Objektiv (24mm KB) dar. Allerdings haut mich eine Lichtstärke von ƒ2.8 wirklich nicht aus den Socken.

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Sony NEX 5; Bild: © Sony Europe

Limited

Andererseits hat Sonys NEX den Vorteil mit einem Klappdisplay ausgestattet zu sein. Deshalb wollte ich ein solches Gerät schon einmal in die Hand nehmen, bevor ich es als für mich ungeeignet abhake. Allerdings haben meine Versuche die Kamera zu bedienen mein Vorurteil bestätigt, dass menügeführte Kamerabedienung für einen ambitionierten Fotografen keine Lösung ist.

Ich habe versucht der Kamera Einstellungen beizubringen, wie ich sie von einer DSLR her gewohnt bin. Leider bin ich kläglich gescheitert. Natürlich habe ich dazu kein Handbuch in die Hand genommen. Erschließt sich die Bedienung einer Kamera nicht von selbst, sollte man eher die Finger von ihr lassen. Jedenfalls, wenn man schon einige Kameras bedient hat. Als Einsteiger kommt man wohl nicht drumherum, einmal ein Handbuch zu lesen. Aber erfahrenden Fotografen sollte sich die Bedienung einer Kamera intuitiv erschließen. Es ist wie mit einem Auto: Es darf nicht so gestaltet sein, dass jemand der Autofahren kann, nicht damit fahren kann. Licht, Blinker, Scheibenwischer, Gas, Bremse, Warnblinker – alles muss sich an gewohnten Plätzen befinden und klar zu finden sein.

Dass ich eine Nikon bedienen kann ist klar. Schließlich fotografiere ich lange genug mit Nikon und ein Buch über eine Nikon zu schreiben hat auch geholfen. Doch auch mit den kompakten S95 und G12 von Canon bin ich sofort und ohne Blick ins Handbuch klargekommen. Die Menüführung der NEX5 hingegen hat sich mir nicht intuitiv erschlossen. Ich vermute einmal, dass Sony die NEX-Kameras dermaßen darauf getrimmt hat, Laien rasches Point-and-Shoot-Fotografieren zu ermöglichen, dass alles, was der erfahrene Fotograf sucht, aus dem Weg geräumt wurde. Diesen Eindruck hatte ich übrigens auch bei der Lumix GF2.

Samsungs NX100

So wie Panasonic, hat auch Samsung Systemkameras in SLR- und Kompaktkamera-Design im Programm. Die kompakte Variante heißt NX100 und ist mit durchaus interessanten Features ausgestattet, wie dem iFunction-Button. Man drückt eine Taste am Objektiv und kann dann verschiedene Einstellungen über einen Ring am Objektiv verändern. Das klingt sehr interessant und verlockend. Ob es sich in der Praxis bewährt ist natürlich eine andere Frage. Leider ist auch hier die Auswahl an Objektiven überschaubar und deren Lichtstärken hauen einen verwöhnten Nikon-Fotografen auch nicht um.

Olympus’ Pen-Modelle

Frischen Wind bringen nun die vor wenigen Tagen vorgestellten neuen Modelle der Olympus Pen-Serie. Die Olympus Pen-Reihe ist seit mehreren Jahren auf dem Markt. Die Pens lassen sich so bedienen, wie man es als routinierter Fotograf von einer Kamera erwartet. Bisher hat mich allerdings gestört, dass es weder eine Pen mit Sucher gab – außer einem teuren elektronischen Sucher zum Aufstecken, noch eine mit Klappdisplay.

Mit der Pen E-PL3 hat Olympus nun eine Kamera vorgestellt, die das bewährte FourThirds-System nutzt, eine Klappdisplay hat und insgesamt durchaus vielversprechend zu werden scheint.

Mir gefällt an der E-PL3 vor allem das schlichte und schicke Design, das auf Retro verzichtet und äußerst unauffällig daher kommen dürfte. Das Problem von NEX und NX100, ein zu knappes Objektiv-Angebot zu bieten, kann man dem FourThirds-Standard nicht nachsagen. Schließlich passen auch Panasonic-Objektive auf die Olympus FourThirds-Kameras und sogar Sigma bietet bereits Objektive mit FourThirds-Anschluss. Besonders interessant für Street Photography Ambitionierte: Das ebenfalls neu vorgestellte 12mm (24mm KB) ƒ2.0 mit manueller Fokussierung und Schärfentiefeskala.

Schade allerdings, dass die E-PL3 – anders als die E-P3 – keine zwei Einstellräder und auch kein TouchDisplay bietet. Da kommen mir wieder Bedenken bezüglich einer raschen und effizienten Bedienung. Allerdings kann ich es nicht erwarten die Geräte in die Hand zu bekommen und auszuprobieren, wie die Bedienung funktioniert und wie sie sich anfühlen.

Und was machen Nikon und Canon? Derzeit ist nichts von kompakten Systemkameras aus den Häusern der beiden Platzhirschen zu hören. Manche haben den Eindruck hier würden die Marktführer den Trend verschlafen. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass sie ihre Konzepte einfach besonders gut durchdacht entwickeln um Lösungen auf den Markt zu bringen, wie man sie von ihnen erwartet und mit denen auch professionelle Fotografen zufrieden sind.

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14 Gedanken zu „Die Suche nach der Street- und immer-dabei-Kamera“

  1. Für mich würde im Moment nur die Fuji Finepix X100 infrage kommen. Die hat zudem wenigstens einen anständigen Sucher.

    Das Problem mit der geringen Schärfentiefe bleibt zwar bestehen, aber das könnte ich bei einer immer-dabei-Kamera verschmerzen.

    Lediglich der Preis von derzeit rund 1.000€ ist imho exorbitant hoch.

    1. Die X100 hat eine APS-C-Sensor. Da gibt es kein großartiges Schärfentiefe Problem. Vor allem nicht, wenn die Linse ƒ2.0 schafft. Und der Preis von 1000 Euro ist sicher auch nicht übertrieben. Eine Vergleichbare DSLR mit vergleichbarer Optik würde sicher auch nicht weniger kosten. Allerdings: Das Objektiv lässt sich dann wechseln.

  2. Genau diese Frage stelle ich mir auch regelmässig, und bisher habe ich nichts gefunden.
    Allerdings sind meine Ansprüche einen Tick anders: ich möchte bequeme manuelle Belichtung, Blitzanschluss, XSync-Zeit von 1/1000s, RAW-Format, großen Sensor und ein 50mm Objektiv.
    Aktuell würde da wohl nur die Ricoh GXR in betracht kommen.
    Und selbst die Leica M9 fällt aus, wegen der XSync-Zeit. Naja, und dem Preis natürlich 😉

    Also bleibts erstmal die D700.

  3. Würde noch die Panasonic LX5 /LX3 in den Ring werfen.
    RAW Format, HD Video, Leica Optik, Blende 2,0 , Sensor [1/1,63 Zoll], Blitzschuh und voll manuelles Menü möglich.
    Ähnlichkeiten mit Leica DLux 5 sind sicherlich rein zufällig.

    Für mich mein Begleiter in der (Platz)Not.

    1. Das Problem bei praktisch allen Kompaktkameras, selbst bei den recht hochpreisigen von Leica, ist, dass sie kleine Sensoren haben. Was professionelle Fotografie unter Anderem ausmacht, das kreative Spiel mit der Schärfentiefe, ist damit so gut wie unmöglich. Da helfen auch Offenblende ƒ2.0e und manuelle Einstellungen nichts.

  4. Eine feine Übersicht hast Du da zusammengetragen, zumal ich aus deiner Kandidatenreihe mit DP1s, X 100 und NEX drei Kameras mein Eigen nennen darf.

    Da ich hier nicht erschöpfend referieren möchte, sei nur auf die angekündigten Linsen für die NEX-Reihe hingewiesen. Darunter soll sein ein Sony Zeiss 24mm mit f1.7 oder (nach einem neueren Gerücht f2). Auch Sigma und weitere Hersteller wollen was bringen.

    Ein Satz noch zur Sigma: sie ist sehr, sehr langsam, aber die Bildqualität ist der Hammer und der Aufstecksucher super.

    Soweit erstmal dazu. 😉

  5. Ich hab eine x100 ergattert und bin hell auf begeistert.
    Die Bildqualität ist besser als bei meiner Nikon D300 mit AF-S 16-85mm DX. Das Rauschverhalten ist ebenso besser als bei meiner D300. Mit der x100 kann ich ohne Probleme bis 3200 ISO gehen. Die Raw-Dateien zeigen dann zwar auch ein Rauschen, aber das lässt sich mit Lightroom viel besser eliminieren als bei den D300-Raw’s. Bereits bei Blende 2,0 ist die Bildqualität zudem klasse.
    Hier x100.dfotos.de/ hab ich mal ein paar Bilder online gestellt mit der Möglichkeit, die Originalgröße herunterzuladen.
    Einziger Wermutstropfen: Die Menü-Führung ist etwas kompliziert und die FN-Taste lässt sich bislang nicht mit der ISO-Automatik verknüpfen. Auch die Einstellungen zur ISO-Automatik sind noch etwas verbesserungswürdig. Aber hier hoffe ich auf ein weiteres Firmware-Update. Auch kann die Autofokusgeschwindigkeit nicht mit der D300 mithalten. Aber damit kann ich leben. Schön wäre auch eine Full-HD Videoqualität gewesen.
    Dass die Kamera keine wechselbaren Objektive zulässt, damit kann ich leben. Es ist verrückt, aber erst bei einer Festbrennweite merkt man, dass man mit einem Zoomobjektiv oft nur zu faul ist, um ein paar Schritte vor- und zurück zu gehen. Die Brennweite 34 mm deckt meine meine meisten Anforderungen ab. Und außerdem hab ich ja noch meine D300. Die würde ich nie weggeben, weil sie unersetzlich für mich ist.
    Viele Grüße
    Andreas

  6. Noch eine Ergänzung. Bei den kleinen Systemkameras verhält es sich m.E. so. Wenn man eine Weitwinkel-festbrennweite verwendet, sind sie schön klein. Sobald man aber ein Zoom drauf setzt, sind sie wieder recht unhandlich. Dann lieber gleiche eine richtige Spiegelreflexkamera. Ist nur meine Meinung.
    Viele Grüße
    Andreas

  7. Moin Markus! Wenn ich mehr dazu hätte schreiben wollen, hätte ich mich gleich an einen eigenen Blogpost gesetzt. Kameras sammle ich eigentlich nicht – es passiert mehr. Die Sigma werde ich nach letztem Neuzugang wohl veraüßen.

  8. @Andreas. Stimmt. Danke. Manchmal vergesse ich einfach auf die Umrechnerei. 34/35mm hat natürlich seine Vorteile, ist aber oft recht eng. Da hat ein 12mm an FourThirds oder ein 16mm an Sonys NEX schon seinen Reiz.

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