3.1. Was ist Belichtung?

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Wer ›Belichtung‹ hört und an ›Belichtung‹ denkt, hat wahrscheinlich zuallererst die Belichtungszeit im Kopf. Allerdings ist das nur ein Faktor der Belichtung. Aber was ist Belichtung überhaupt?

Duden und Brockhaus beschreiben Belichtung sinngemäß als »Vorgang, bei dem Licht auf eine lichtempfindliche Schicht einwirkt«.

Ziel des Fotografen ist es in der Regel die lichtempfindliche Schicht – einen lichtempfindlichen Analogfilm oder einen Bildsensor – so zu belichten, dass ein Motiv vor der Linse optimal wiedergegeben wird. Der Fotograf sucht dazu nach einer korrekten Belichtung. Aber was ist eine korrekte Belichtung?

Korrekte Belichtung ist einmal vor allem etwas: Relativ! Zwar könnte man rein technisch betrachtet einschränken, dass ein korrekt belichtetes Bild weder unter- noch überbelichtete Bereiche aufweisen darf. Aber streng nach diesem Kriterium zu urteilen würde viel zu eng greifen.

Korrekt belichtet 2
Dieses Bild beinhaltet weder unter- noch überbelichtete Bereiche.
Korrekt belichtet 1
Dieselbe Szene mit anderer Belichtungseinstellung mit anderer Belichtungseinstellung.

Die beiden Bilder oben wurden mit unterschiedlichen Belichtungseinstellungen entwickelt. Beide enthalten weder unter- noch überbelichtete Bildbereiche.

Unter- und Überbelichtet | Von Unterbelichtung kann man sprechen, wenn ein Bildbereich absolut keine Zeichnung mehr enthält, sondern eine mehr oder weniger große, rein schwarze Fläche bildet. Dem entgegen gesetzt spricht man von Überbelichtung, wenn ein Bildbereich rein weiß ist und ebenso keine Struktur oder Zeichnung enthält.

Technisch betrachtet kann man den beiden oberen Bildern keine Mangel nachsagen. Da das Motiv eine Landschaft im Nebel zeigt, spiegelt der geringe Kontrast – was ansonsten gerne als fotografischer Fehler betrachtet wird – lediglich die milchige Stimmung der Szene. Ob man die hellere oder dunklere Entwicklung des Motivs als gelungener und korrekter empfindet, liegt im Auge des Betrachters. Objektive Kriterien mit denen man das eine oder das andere als richtiger identifizieren könnte, gibt es hier nicht.

Motive, wie die vorangegangene Nebelszene, bieten dem Fotografen ordentlich Spielraum in der Belichtung, für eine hellere und eventuell etwas leichtere, oder eine dunklere und damit wohl auch etwas gedrücktere Bildwirkung. Andere Szenen hingegen – das Gros der Aufnahmen sogar – schreien förmlich nach bestimmten Belichtungseinstellungen, die man für sie als optimal empfinden wird. Das trifft für die meisten Aufnahmen unter normalen Tageslichtbedingungen zu.

Ausgewogen belichtet
Ausgewogenen Lichtverhältnisse herrschten für diese Aufnahme. Eine geringfügig dunklere Belichtung hätte zu ausgeprägter Unterbelichtung im Hintergrund und der schwarzen Zeichnung des Katers geführt. Eine etwas heller Belichtung hingegen hätte bereits Stellen im weißen Fell zu strukturlosem Weiß ausbrechen lassen.

Durchschnittsmotive (›durchschnittlich‹ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Lichtsituation, nicht auf die Art der Szene) weisen meist einen geringen Spielraum für kreative Variation der Belichtungseinstellung auf. Bereits geringfügig zu dunkel oder hell belichtet und die meisten Betrachter würden das Bild als nicht ganz gelungen empfinden.

Aber so wie zwar die Durchschnittsgröße beim deutschen Man bei etwa 1,79 liegt, aber nur die wenigsten Männer exakt dieser Größe entsprechen, ist es auch mit durchschnittlichen Lichtsituationen: Das Gros der Szenen weicht mehr oder weniger deutlich vom allgemeinen Durchschnitt ab. Und dann wird der Interpretationsspielraum, wie eine korrekte Belichtung dafür im Ergebnis auszusehen hat auch zunehmend größer.

Dunkel belichtet Diese Aufnahme habe ich über die Belichtungseinstellungen in der digitalen Dunkelkammer am Computer sehr dunkel entwickelt.
Hell belichtet Das ist dieselbe Aufnahme wie oben, die ich allerdings heller entwickelt habe.

Man kann weder die erste noch die zweite der beiden Aufnahmen oben als richtig oder falsch bewerten. Es liebt in der Intention des Fotografen und im Geschmack des Betrachters, welches Ergebnis ihm eher entspricht. Anders bei den beiden Entwicklungsvarianten unten:

Unterbelichtet Ein Bild ist hier kaum mehr vorhanden. Die Belichtung ist viel zu dunkel eingestellt. So dunkel belichtete Szenen lassen sich auch mit Hilfe der Ausarbeitung am Computer nicht mehr verbessern.
Ueberbelichtet So wie das Bild oben ein irreparable Unterbelichtung zeigt, zeigt diese Aufnahme eine nicht zu rettende Überbelichtung. Die Blätter der Pflanze sind zu reinem Weiß ausgebrochen oder gehen teilweise ohne klar erkennbare Konturen in Nachbarblätter über. Auch wenn die Metallstangen des Zaunes im Hintergrund korrekt belichtet sein mögen – das eigentliche Hauptmotiv ist hoffnungslos überbelichtet.

Vor dem Hintergrund, dass es einen mehr oder weniger breiten Spielraum für Belichtungseinstellungen gibt, die zwar zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, aber von denen nicht das eine richtiger ist als das andere, sollten wir die Rede von korrekten Belichtungseinstellungen vielleicht vergessen. Ich rede lieber von optimaler Einstellung. Das unterstellt zwar immer noch, dass eine ganz bestimmte Einstellung das Optimum sein könnte, unterstellt aber nicht ganz so deutlich richtig oder falsch. Anders als in der Mathematik können in der Fotografie auch unterschiedliche Ergebnisse für die gleiche Aufgabe korrekt sein.

Ein so klares Kriterium zur Beurteilung von Ergebnissen als gelungen oder verunglückt sind Unter- und Überbelichtung ohnehin nicht, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Auch wenn man in der Regel danach trachtet beides zu vermeiden, gibt es doch auch Situationen, in denen es sich gar nicht vermeiden lässt, das eine oder das andere oder sogar beides zu akzeptieren. Und nicht immer muss das Ergebnis ein fauler Kompromiss sein.

Teils ueberbelichtet
Dieses Bild wurde in einem Innenraum vor großen Fenstern Richtung des helllichten Tages fotografiert.

Sind in Innenraumbildern Fenster zum Tag Teil des Bildausschnitts muss man in der Regel akzeptieren, dass sie als große, rein weiße Fläche auf dem Foto erscheinen – höchstens man hat kräftige Blitze mit denen man gegen das Tageslicht anstinken kann. Auch wenn Überbelichtung in der Regel als fotografischer Fehler gewertet werden kann und meist vermieden werden sollte, gibt es eben Situationen in denen es sich nicht vermeiden lässt und in denen es auch keineswegs misslungen aussehen muss, sondern ganz im Gegenteil aparter Teil der Szene sein kann.

Teils unterbelichtet
Die Störche auf der Straßenbeleuchtung sind völlig unterbelichtete Silhouetten vor dem Abendhimmel.

Die beiden Störche oben blickten in den Sonnenuntergang. Das Bild ist eine Gegenlichtaufnahme. Auch wenn Sie etwas unterbelichtet wirkt, ist sie in der Tat sogar eher etwas überbelichtet aufgenommen und entwickelt worden. Tatsächlich zeigt sie eine Abendszene und in Wirklichkeit war der Abendhimmel schon deutlich dunkler als er hier erscheint.

Während die beiden vorangegangenen Szenen entweder eine Über- oder eine Unterbelichtung zeigen, besteht das nächste Bild zum allergrößten Teil nur als Über- und Unterbelichteten Bereichen.

Mit unter und ueberbelichtung Unter und Überbelichtung

Wir werden uns im Bereich dieses Abschnitts, der sich mit dem dritten Schritt des Vier-Schritte-Konzepts befasst, ausgiebig mit Belichtung befassen. Ziel von Eingriffen in und Einstellungen für die Belichtung soll es natürlich in der Regel sein eine optimale Belichtung für das erwünschte Ergebnis zu erzielen. Dass das, was eine optimale Belichtung darstellt am Ende vom Motiv und eurer Intention, wie das Ergebnis aussehen soll, abhängt, relativiert das, was man unter ›optimal‹ verstehen kann.

Beeinflusst wird die Belichtung im Wesentlichen durch diese Faktoren:

  • Umgebungslicht
  • Blende
  • Empfindlichkeit
  • Belichtungszeit

Weitere Möglichkeiten, mit denen der Fotograf die Belichtung sonst noch beeinflussen kann:

  • Reflektoren
  • Lichtschlucker
  • Blitz
  • Filter

Damit wären die Themen, die uns in den kommenden Ausgaben von ›Kreativ fotografieren – vier Schritte zum Bild‹ beschäftigen werden. Wir werden uns ansehen, wie man Belichtungseinstellungen ermitteln, die Qualität der Belichtung einer Aufnahme mit Hilfe des Histogramms überprüfen und wie man mit der Belichtungskorrektur korrigierend eingreifen kann.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
Weitere Informationen und Demokapitel auf der Website des Verlags;
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