Vor Kurzem habe ich mit meinem neuesten Buch-Projekt begonnen – der ›Fotoschule zur G12/S95‹. Letzte Woche habe ich meinen Eindruck zur S95 in einem Blog-Artikel veröffentlicht. Nun reiche ich den Bericht zur G12 nach.

Die G12 hat für bedeutend mehr Rauschen im Blätterwald der Fachpresse gesorgt, als die kompakte S95. Natürlich! Stellt sie doch das Flaggschiff in Canons Kompaktkamera-Armada dar. Dabei unterscheiden sich die ungleichen Schwestern G12 und S95 in der Praxis geringer, als man es von der Form her vermuten würde.

Vergleicht man die beiden Kameras nach dem Datenblatt, dürften beide denselben Bildsensor mit 10 Megapixel beinhalten und denselben Verarbeitungsprozessor. Zumindest verarbeiten beide RAW schnell genug, dass praktisch keine Wartezeiten entstehen. Auch in der Bildqualität kann ich bisher keine Unterschiede erkennen.

Am kurzen Ende der Brennweite ist die S95 etwas lichtstärker, am langen Ende – also da, wo’s drauf an kommt – hat die G12 die Nase form. Darüber hinaus hat die G12 insgesamt die längere Brennweite; während die S95 bis 105mm reicht (umgerechnet auf Kleinbild), reicht die G12 bis 135mm. Letztere liefert also etwas mehr Potenzial zum Freistellen von Motiven.

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Dank der längeren Brennweite der G12 sind mit 135mm Freisteller (Subjekt der Aufnahme scharf, Hintergrund unscharf) nicht allzu großer Objekte möglich, die mit den 105mm der S95 nicht möglich sind.

Generell will Freistellen mit einer Kamera mit kleinem Bildsensor – wie G12 und S95 – aber mit Vorbehalten betrachtet werden. Kann man kleine Objekte bei langer Brennweite und möglichst offener Blende zumindest noch ein bisschen freistellen, ist es schon bei Portraits praktisch zu vergessen. So lange die Sensoren bei Kompaktkameras so klein bleiben, wie sie bisher sind, werden sie nicht annähernd an die Freistellerqualitäten einer SLR heranreichen. Hatte ich von der Lichtstärke ƒ2.8 noch etwas zusätzliches Freistellungspotenzial erwartet, hat sich schon bei den ersten Bildern herausgestellt, dass diese Hoffnung etwas naiv war. Bei der kurzen Brennweite von 28mm bringt Blende ƒ2.8 nicht viel, und am langen Ende von 135mm ist dann ƒ4.5 auch nicht alle Welt.

Auch die generelle Möglichkeit die Bildwirkung von Aufnahmen großartig beeinflussen zu können, kann man sich weitgehend abschminken. Auf der langen Seite der Brennweite spielt sich der kreative Spielraum zwischen ƒ4.5 und ƒ8.0 ab. Bei der ohnehin schon extrem weiten Schärfentiefe der kleinen Sensoren kann man da eigentlich gar nicht mehr von kreativem Gestaltungsspielraum sprechen. Im Grunde ist der rasche Zugriff auf die Belichtungskorrektur bei G12 wie S95 bedeutsamer, als die Manipulation der Blende.

Dafür lassen sich über die manuelle Steuerung von Blende, Belichtung und Empfindlichkeit jedoch schon Aufnahmen umsetzen, hinter denen man zunächst wohl eher eine SLR vermuten würde, wie verwischtes, fließendes Wasser oder Mitzieher.

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Mitzieher haben mir der G12 überraschend gut geklappt.
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Auch ›fließend Wasser‹ ist für die G12 eigentlich keine Herausforderung.

Augenscheinlichster Unterschied zwischen den Kameras: während die S95, wie für Kompaktkameras üblich, mit einer überschaubaren Anzahl an Dreh- und Drückknöpfen ausgestattet ist, macht die G12 hier einen bedeutend üppigeren Eindruck. Was einen besonderen Reiz auf mich ausgeübt hat: Es gibt einen Hardware-Drehregler für Belichtungskorrektur, und einen für ISO-Werte. Ein Segen, in einer Zeit, in der Kompaktkameras vor allem dadurch ›glänzen‹, dass man sich zum Gros der Funktionen über Menüs hanteln muss. Für einen geübten Fotografen ist das eher hinderlich und verzögert den Einstellungsprozess.

Das wirkt sich in der Praxis auch tatsächlich wie erwartet aus: Das anpassen des ISO-Wertes geht an der G12 bedeutend flotter, als an der S95, wo man dazu ins Menü muss.

Unterm Strich ist es allerdings nicht so hinderlich, da man den ISO-Wert ohnehin nicht laufend ändert.

In der praktischen Anwendung hat die S95 die Nase fast etwas vorne – jedenfalls, wenn es um die Steuerung der Belichtung geht. Der wichtigste Modus für die Belichtungsautomatik stellt für mich – wie wohl für die meisten Fotografen – die Blendenvorwahl (Av) dar. An der S95 stelle ich das am Rad um das Objektiv ein, die G12 hat dazu (im Unterschied zur G11) ein Einstellungsrad unterhalb des Auslösers, wie man es von Spiegelreflexkameras kennt.

Nach dem Auslösen checke ich die Belichtung einer Aufnahme in der Regel anhand des Histogramms am Display. Zeigt das Histogramm eine Unter- oder Überbelichtung an, muss über die Belichtungskorrektur eingegriffen und neuerlich belichtet werden. Bei beiden Kameras geht das flott, allerdings bei der S95 etwas flotter, wenn man die Belichtungskorrektur auf dem hinteren Einstellungsrad liegen hat – der Blick bleibt bei der Veränderung der Einstellung am Display. Bei der G12 muss man umgreifen, um das obere Einstellrad bedienen zu können, und wird auch den Blick vom Display nehmen, um auf das Einstellrad schauen zu können. Allerdings ist das jetzt Erbsenzählerei – die G12 ist nicht wirklich umständlicher zu bedienen als die S95.

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Professionelle Bildvorschau nach der Aufnahme: Histogramme sind wichtiger, als die Anzeige des Bildes selbst. Die G12 kann sogar für Rot, Grün und Blaukanäle separate Histogramme anzeigen.

Unterm Strich lassen sich beide Kameras intuitiv und effizient bedienen und behindern den Fotografen in keinem Moment in der Arbeit.

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Professionelle Einstellmöglichkeiten: Programme für Zeit- und Blendenvorwahl und eine manuelle Belichtungseinstellung. Die Empfindlichkeit lässt sich per Wahlrad einstellen, die Belichtungskorrektur ebenso.

Sehen wir uns weitere Unterschiede von der G12 zur S95 an.

Die G12 hat einen Sucher, der mir – bevor ich die Kamera in der Hand hatte – sehr verlockend erschien. Aber als Nikon-SLR-Fotograf bin ich große und helle Sucher gewöhnt und habe den Sucher sofort wieder ad Akta gelegt. Ich kann damit nicht arbeiten.

Anders das Schwenkdisplay. Wenn es etwas gibt, was für mich ein bitterer Abstrich an der S95 ist, dann ist es das Fehlen eine Schwenkdisplays.

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Für solche Perspektiven ist eine Leiter erforderlich – oder ein Schwenkdisplay.

Ein weiterer Unterschied: Auf der Oberseite der G12 wartet ein Blitzschuh auf einen externen Blitz. Wenn man – wie ich – versucht das Blitzen von einem Blitz, der fix mit der Kamera verbunden ist, nach Möglichkeit tunlichst zu vermeiden, dann kann einen diese Erweiterungsmöglichkeit kaum reizen. Für Unternehmen jedoch, die eine Kamera brauchen um beispielsweise auf Veranstaltungen Fotos machen zu können, und nicht gleich eine Spiegelreflex-Kamera nutzen wollen, stellt das aufsetzen eines zusätzlichen Blitzgeräts einen absoluten Vorteil dar. Erstens sitzt – auch beim direkten Blitzen – der Blitz weiter vom Objektiv entfernt. Zweitens haben externe Blitze mehr Power. Und drittens, lässt sich mit Aufsteckblitzen auch indirekt blitzen, was in der Regel zu deutlich besseren Aufnahmen führt, als wenn der Blitz direkt in Richtung Motiv feuert.

Deutliche Vorteile finden Makrofotografen in der G12 gegenüber der S95 – die G12 fokussiert noch auf einen Mindestabstand von 1cm, die S95 benötigt 5cm.

Mein Fazit | Die G12 ist eine tolle Kamera, die dem ambitionierten Fotografen alle Möglichkeiten bietet, die er auch von einer Spiegelreflexkamera erwarten würde, mit der Einschränkung, dass ein so kleiner Sensor mit den kreativen Möglichkeiten einer SLR mit mittlerem oder großem Sensor einfach nicht mithalten kann.

Als kompakter Begleiter und Zweitkamera zur SLR würde ich in jedem Fall die S95 vorziehen – die G12 ist doch schon relativ groß und alles andere als leicht. Wer jedoch unterhalb einer SLR nach einer Kompaktkamera mit einem Maximum an Möglichkeiten sucht, der sollte schon einen Blick auf die G12 werfen.

Weitere, überwiegend unbearbeitete Aufnahme-Beispiele der G12 habe ich in einer mobileMe-Galerie zusammengestellt.

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