0.1. Vier Schritte zum Bild

Fotoschule onLine - Kreative Digitalfotografie verständlich erklärt

Möchte man Fotografie ambitioniert be­treiben, steht man plötzlich vor einem Berg theoretischer und technischer Grundlagen und Fragen:

  • Kann ein Zoomobjektiv mehr als entfernte Objekte heran­holen?
  • Mit was für einer Brennweite fotografiert man Gesichter am Besten?
  • Was macht die Blende genau? Wann wähle ich welche Ein­stellung und weshalb stehen kleine Blendenzahlen für große Blendenöffnungen?
  • Mit welcher Automatik zur Belichtung soll man arbeiten? Oder ist es besser alle Einstellungen manuell vorzunehmen?
  • Wenn die Belichtung von Zeit, Blende und ISO-Empfindlichkeit beeinflusst wird – was stelle ich dann wann wie ein?
  • Und wie finde ich überhaupt heraus was die optimale Be­lichtung ist?

Dabei sind das alles mehr oder weniger technische Fragen. Doch lebt gute Fotografie von der Technik alleine? Genügt es eine gute Foto-Ausrüstung zu haben und mit den Einstellungen vertraut zu sein? Oder ist Fotografie mehr als das?

Ich glaube, dass die Technik in der Fotografie eine Nebensache sein sollte. Was zählt, ist das Bild. Das Ergebnis. Die Technik ist lediglich Mittel zum Zweck.

Doch bei aller Überzeugung, dass der Fotograf das Foto macht, nicht die Kamera, bleibt unbestritten, dass in der digitalen Fotografie ohne Technik rein gar nichts geht. Wer sich nicht mit den theoretischen Grundlagen der Fotografie im Allgemeinen und den technischen Möglichkeiten seiner Digitalkamera im Speziellen auseinander setzt, wird immer durch die Grenzen seines Know-hows in seiner kreativen Entfaltung eingeschränkt bleiben.

Reines Wissen darum, was für eine Auswirkung eine be­stimmte Funktion hat, genügt dabei jedoch keinesfalls. Trockenes Grundlagenwissen führt genauso wenig automatisch zu besseren Bildern, wie die neuere, teurere Kamera. Gute Aufnahmen sind in erster Linie eine Frage des Gewusst-wie. Wer allerdings rein bei Fragen, wie »was macht die Blende«, ansetzt zäumt das Pferd von hinten auf. Schließlich stellt sich der Fotograf nicht die Frage »Ich habe hier Blende ƒ1.8 – was könnte ich damit fotografieren?« Vielmehr ist der Ausgangspunkt der Überlegungen das Motiv. Zum Beispiel die Frage wie viel sogenannte Schärfen­tiefe ich mir dafür vorstelle. Dann kommt die Antwort: Mit der Blende. Oder der Brennweite. Oder von beidem ein bisschen.

Vier Schritte – dann: Klick!

Der Weg zum kreativen Bild lässt sich in der Regel auf vier gestalterische Grundüberlegungen reduzieren:

  • Perspektive | Welchen Blickwinkel auf mein Motiv wähle ich? Wie weit entfernt positioniere ich mich und welche Brennweite setze ich ein?
  • Schärfe | Was soll scharf sein? Wo soll der schärfste Punkt liegen und wie tief darf der Bereich davor und dahinter sein der auch noch scharf abgebildet wird?
  • Belichtung | Welche Einstellungen sind notwendig, um zu einer optimalen Belichtung zu gelangen? Wie kann ich Unter- und Überbelichtung verhindern.
  • Komposition | Wie wähle ich den Bildausschnitt des Motivs, so dass das Bild nicht nur abgebildet ist sondern auch harmonisch und spannend wirkt?

Dann: Klick!

Solche Überlegungen unterscheiden das bewusst gestaltende Fotografieren vom einfachen Knipsen von Schnappschüssen. Beim Letzteren zückt man die Kamera und: Klick! Beim Ersteren stehen zwischen Einschalten der Kamera und Durchdrücken des Auslösers meist diese vier Schritte. Nicht bei absolut jeder Aufnahme. Doch als Anhaltspunkt, mit welchen Überlegungen man grundsätzlich beim kreativen Fotografieren ansetzen kann, ist das Konzept bestens geeignet.

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Ein persönlich wertvolles Bild muss keinen künstlerischen Anspruch erfüllen oder technisch brillant in Szene gesetzt sein. Knipsen von Schnappschüssen ist erlaubt und hilft uns später beim Erinnern – und das nur selten weniger gut als perfekt inszenierte Szenen (Dank an Thom für das Foto).

Der fünfte Schritt

Streng genommen braucht es einen fünften Schritt zum perfekten Bild. Und dieser fünfte Schritt ist eigentlich der erste: Bevor ich mich vor einem Subjekt positionieren und über Perspektive, ­Schärfe, Belichtung und Komposition nachdenken kann muss erst einmal ein Bildinhalt gefunden sein – muss die Bildidee stehen.

Auch das Finden des Bildinhalts ist ein kreativer Prozess – gute Motive werden nur selten zufällig eingefangen. In der Regel steht vor der fotografischen Umsetzung ein guter Einfall als Initial­zündung. Oder aber die offenen Augen des Fotografen entdecken ein scheinbar alltägliches, in jedem Fall interessantes Objekt, an dem der normale Passant vielleicht achtlos vorüber ginge.

Wenn ich von ›vier Schritten zum Bild‹ spreche, dann meine ich die vier Schritte die zwischen Bildidee oder Motivauswahl und dem Drücken des Auslösers liegen.

Der Inhalt dieser Online-Fotoschule ist in erweiterter Form auch als Buch erhältlich:
»Die kreative Fotoschule – Fotografieren lernen mit Markus Wäger«
Rheinwerk-Verlag 2015, 437 Seiten, gebunden, komplett in Farbe
ISBN 978-3-8362-3465-8
Buch: 29,90; E-Book: 24,90
Weitere Informationen und Demokapitel auf der Website des Verlags;
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