Canon S95: Kompakter Profi

Ich bin ja ein großer Fan der Street- und Reportagefotografie. Kein fotografisches Genre liefert – in meinen Augen – mehr Stoff für spannende, unterhaltsame, lustige, berührende oder einfach nur interessante Bilder. Für einen Feigling wie mich, der zu schüchtern ist sich mit kurzen Brennweiten an Personen heran zu pirschen und sie nach einer Aufnahme auch anzusprechen, ihnen die Bilder zu zeigen, ihnen anzubieten, sie ihnen zukommen zu lassen oder im Bedarfsfall zu löschen, sind lange Brennweiten natürlich die Alternative, mit denen sich verhindern lässt die Leute auch anzusprechen. Aber es bleibt bei mir bei dieser Form des stillen Voyeurismus immer ein etwas schaler Geschmack übrig. Ich werde das Gefühl nicht los die Menschen heimlich um intime Momente zu bestehlen.

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Witzige Szene auf einem Marktplatz am Lago Maggiore. Wir wissen, dass sie nicht miteinander telefonieren (na ja, vermutlich jedenfalls), aber doch stellt unser Gehirn diese Verbindung her. Streetphotograpy ist für mich eines der spannendsten fotografischen Genres.

Das Problem an Spiegelreflexkameras mit langen Brennweiten ist daneben auch, dass lichtstarke Boliden – Kameras mit langen Rohren – den Eindruck eines Paparazzos vermitteln und sich viele Leute davon bedroht fühlen. Bei meinen Streifzügen durch Orte habe ich – mit einer D700 und einem langen 300mm-Objektiv vor Augen – immer wieder sehr skeptische – fast schon böse – Blicke von Leuten geerntet, in deren Richtung ich fokussierte. Ich kann das auch verstehen.

Bei mir entstand der Wunsch nach einer unauffälligeren Kamera für unterwegs. Nachdem ich das iPhone 4 bekommen hatte, war eine kleine Kamera für ›immer-dabei‹ eine Zeit lang gar kein Thema mehr. Für Schnappschüsse bietet das iPhone eine hervorragende Qualität. Aber natürlich reicht es nicht in die Qualität einer brauchbaren Kompaktkamera heran und bietet schon gar nicht deren Einstellungsmöglichkeit.

Als ich begann nach potenziellen Kameras für meine Ansprüche umzusehen, konnte ich vier potenzielle Kandidaten ausmachen:

Erfreulicherweise konnte ich »Point of Sale« dafür gewinnen über die G12/S95 ein Buch zu schreiben. Seit einigen Tage habe ich die Kameras nun da und bereits ausgiebig getestet. Dabei ist mir die S95 bisher mehr ans Herz gewachsen.

Ich würde es vielleicht anders sehen, wenn ich nicht in der Hauptsache mit Spiegelreflex fotografieren würde, sondern eine Kompaktkamera als Hauptkamera bräuchte. Vor allem das klapp- und schwenkbare Display der G12 hat Vorteile und erlaubt Perspektiven, die mit Kameras ohne Schwenkdisplay fast nicht möglich sind.

Aber als kleine Alternative zur Spiegelreflex-Ausrüstung hat für mich die S95 die Nase klar vorne. In der Bedienung schenken sich die beiden Kameras, trotz deutlich weniger Knöpfen und Reglern bei der S95, kaum etwas. Ich finde sogar, dass die Einstellungen von Blende und Belichtungskorrektur an der S95 leichter und flotter von der Hand geht.

Blickt man von oben auf die S95 findet der ambitionierte Fotograf alles, was sein Herz begehrt, und zwar in Form eines Drehschalters, der es erlaubt einen Programmmodus (P), eine Zeitvorwahl (Tv), eine Blendenvorwahl (Av) und einen komplett manuellen Modus (M) zu wählen. Was braucht man mehr?

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Programmmodus, Zeitvorwahl, Blendenvorwahl und manueller Modus – alles, was der ambitionierte Fotograf von einer Kamera erwartet. Der gerippte Ring um das Objektiv lässt sich drehen und mit Funktionen belegen – im (meist genutzten) Modus Blendenvorwahl liegt bei mir darauf die Blendeneinstellung.

Der gerippte Ring um das Objektiv ist kein Designelement, sondern lässt sich drehen und mit Funktionen belegen. Über die Taste ›Ring Func.‹ auf der Kamera lässt sich diesem Ring für jeden Modus (P, Tv, Av, M) eine eigene Funktion zuweisen. Ich nutze die S95 vorwiegend in der Blendenvorwahl (Av) und habe auf den Ring die Blendeneinstellung gelegt.

Der Rücken der Kamera ist klar und übersichtlich gestaltet. Der Einstellring um die Taste ›Func. Set‹ lässt sich einerseits nach oben, rechts, unten und links kippen, wodurch man die Belichtungskorrektur aufrufen kann, den Blitz einstellen, den Selbstauslöser aktivieren und auf Makro (Blume) und manuellen Fokus (MF) umstellen kann. Auch hier also alle wichtigen Funktionen schnell und ohne klicken durch Menüs aufrufbar.

Der gerippte Ring außen um den Kippschalter herum kann, ebenso wie der Ring um das Objektiv an der Front, mit einer Funktion belegt werden. Ich habe darauf die Belichtungskorrektur gelegt. Die S95 lässt sich also bedienen wie eine Spiegelreflexkamera mit zwei Wahlrädern. So könnte man beispielsweise im manuellen Modus die Blende auf den vorderen und die Zeit auf den hinteren Ring legen. Das Bedienkonzept ist wirklich clever und wenn man so eine Arbeitsweise gewöhnt ist, kommt man damit sofort zurecht.

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Der Ring um ›Func. Set‹ ist vielseitig und erschließt sich doch gleich einmal intuitiv. Canon hat bei der Bedienung hervorragende Arbeit geleistet.

Die Einstellungen sind im Grunde auf zwei Menüs aufgeteilt: Über ›Func. Set‹ erreicht der Fotograf die wichtigsten erweiterten Einstellmöglichkeit für das aufnehmen von Bildern, wie den Weißabgleich, die Auflösung, das Bildformat und so weiter. Über ›Menu‹ lassen sich die Grundeinstellungen der Kamera verändern, wobei man sogar ein eigenes Menü mit den wichtigsten Einstellungspunkten zusammenstellen kann – auf Knopfdruck landet man dann zuerst in diesem ›Custom Menu‹.

Die Taste ›S‹ Links oberhalb des Einstellungsrings lässt sich wieder mit einer eigenen Funktion belegen. Bei mir liegt darauf die Belichtungsspeicherung. Auch hier steht die kleine S95 also einer SLR nicht nach. Es mag echt zu begeistern, wie benutzerfreundlich Canon eine Unmenge an Anwendungsmöglichkeit an dieser kleinen, übersichtlichen Kamera anbieten.

Selbstverständlich bietet die S95 auch die Möglichkeit nach der Aufnahme ein Histogramm samt Überbelichtungswarnung anzeigen zu lassen, so dass man im Falle einer Überbelichtung eine Belichtungskorrektur vornehmen und noch einmal auslösen kann. Auch hier also auf Augenhöhe mit SLR.

Blickt man von vorne auf die S95, hat man ein ausgesprochen cooles, reduziert gestaltetes und unauffälliges Kameragehäuse vor sich. Schicker kann eine Kompakte wohl kaum sein. Dabei stimmt nicht nur die Form. Auch die Haptik ist vom Feinsten. Keine Spur von billigem Plastikfeeling, sondern ein solides Gehäuse, das weder zu schwer noch zu leicht wirkt. Design hat hier ganz offensichtlich nicht bei der Formgebung aufgehört. Sehr gut.

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Die S95 ist nicht nur funktional gut ausgestattet, sondern auch ausgesprochen cool und ansprechend gestaltet.

Und die sonstigen Werte? Ein richtiges Weitwinkel war etwas, was lange Zeit bei kaum einer Kompakten zu finden war. Ich würde jedoch nie wieder eine Kamera kaufen, die keine kürzere Brennweite als 35mm erlaubt. 28mm ist keine besonders weite Brennweite, doch es genügt weite Landschaften einzufangen, in engen Räumen mehr als einen kleinen Ausschnitt ablichten zu können, und auch einmal etwas spektakulär mit der Perspektive zu spielen.

Lichtstärke 2.0 klingt beachtlicher, als es sich in der Praxis auswirkt. Bei reduziertem Umgebungslicht am langen Ende der Brennweite (Tele) – wo mehr Lichtstärke ja wichtiges ist, als im Weitwinkelbereich – ist man bei Lichtstärke 4.9 und das ist nicht mehr so berauschend. Und mit dem kleinen Sensor der Kamera lässt sich die große Offenblende auch nicht so zur Steuerung der Schärfentiefe nützen, wie man es von einer SLR mit mittlerem oder großem Sensor gewohnt ist. Anders gesagt: Kurze Schärfentiefe zum Freistellen portraitierter Personen oder von Objekte ist zu vergessen.

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Freistellen von Objekten durch geringe Schärfentiefe ist nur für kleine Objekte auf kurze Distanz möglich. Die S95 teilt ihr Schicksal mit fast allen Kompaktkameras, dass sie aufgrund des kleinen Sensors als Portraitkamera praktisch ungeeignet ist. Wer mit einer Kompakten portraitieren will muss auf Apparate mit mittlerem oder Kleinbild-Sensor warten. Das kann aber noch dauern.

Was für mich im Übrigen Kompaktkameras endlich wieder attraktiv gemacht hat, ist, dass sie heute schnell genug und in der Lage sind RAW-Dateien aufzunehmen. Ich muss gestehen, dass ich nach Jahren reinen SLR-Fotografierens im RAW-Dateiformat zunächst etwas enttäuscht von den Resultaten der S95 war. Derzeit kann ich die RAW-Dateien noch nicht entwickeln, da weder Aperture, noch Adobe Camera Raw noch Adobes RAW-Converter das Dateiformat der neuen Kamera unterstützt. Ich fotografiere deshalb im Moment parallel in RAW ›und‹ JPEG. Die Spannung steigt, was ich aus den gemachten Aufnahmen später noch herauskitzeln werde können. Auf jeden Fall geht auch das parallele Fotografieren und Speichern von RAW+JPEG ohne nennenswerte Wartezeit von statten. Das hat bei Kommpaktkameras vor ein paar Jahren noch anders ausgesehen.

Die S95 ist eine sehr sympathische, schicke Kompaktkamera mit allen Einstellmöglichkeiten, die sich ein ambitionierter Fotograf von einer Kamera erwartet und dabei intuitiv und flott zu bedienen. Auch wenn ich noch kein abschließendes Resümee ziehen kann, weil mir noch die Möglichkeit der Entwicklung der RAW-Dateien fehlt, glaube ich doch, dass ich sie absolut empfehlen und jedem ans Herz legen kann, der eine kompakte Zweitkamera zur SLR sucht – auch wenn er, wie ich, sonst eher mit Nikon unterwegs ist.

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Ansprechende Landschaftsaufnahmen sind auch mit Kompaktkameras möglich.

Weitere Bilder aus der S95 habe ich (weitgehend unbearbeitet) in einer mobileMe-Gallerie online gestellt.

 

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