Fri, 17. Jul. 09

Sensoren im Kleinbildformat haben gegenüber kleineren Formaten Vor- und Nachteile, obwohl die Diskussionen oft vermuten ließen, Kleinbild wäre der Weisheit letzter Schluss. Der derzeit unbestreitbare Vorteil der größeren Sensoren ist mit Sicherheit das bessere Rauschverhalten bei höheren Empfindlichkeiten. Man würde die Sache aber viel zu sehr vereinfachen, wenn man die Wahrheit auf diesen Blickwinkel beschränkte.

Olympus hat mit einigen Partnern den Four Thirds Standard aus der Taufe gehoben und kann damit einen entscheidenden Vorteil für sich verbuchen: Olympus und seine Partner bauen die derzeit kompaktesten Systemkameras. Dabei nagen diese Kameras jedoch bislang am Problem auf den kleineren Sensoren weniger Auflösung unterzubringen als die Konkurrenz und bereits bei geringeren ISO -Empfindlichkeiten zu mehr Rauschen zu neigen. Ob aber Auflösung und Rauschen die allein selig machenden Argumente beim Kauf einer Kamera sind, darf in Frage gestellt werden. Gerade Leute, die auf kompakte Kameras setzen, mögen mit einem solchen Gerät besser bedient sein als mit großen Kleinbildboliden. Durch den im Herbst 2008 eingeführten Micro Four Thirds Standard werden Kameras mit Wechselobjektiven nicht nur noch kompakter. Durch das Wegfallen des Spiegels bei den ersten Modellen dieses Systems (Panasonic G1) sollen sie auch praktisch geräuschlos sein. Langfristig läge in diesem System sicher vor allem für Fotografen, die gerne mit langen Brennweiten fotografieren ein großer Vorteil: Sie müssten nicht mehr mehrere Kilo schwere, klobige Superteles mit sich herumschleppen, sondern erhalten vergleichbare Brennweiten mit wesentlich weniger Glas. Ob der Markt das System jedoch annehmen wird muss sich erst herausstellen.

Betrachten wir einmal ein paar Vor- und Nachteile der Systeme und stellen Sie einander gegenüber:

Schärfentiefe: Mit der Größe des Sensors in unmittelbarem Zusammenhang steht die Schärfentiefe, die bei einer bestimmten Blende zu erreichen ist. Bei »normalen« Aufnahmen von Landschaft oder Architektur mögen sich diese Unterschiede nicht weiter dramatisch auswirken. Bei Makroaufnahmen jedoch fällt dieser Unterschied oft sehr eklatant ins Gewicht.

Makroaufnahme mit der APS-C-Kamera Nikon D80 – trotz Blende ƒ 32 ist die Schärfentiefe äußerst gering. Mit einer Kamera mit Vollformat-Sensor wäre sie noch einmal geringer!

Die Sensorgröße ist also der Grund, weshalb Sie mit preiswerten Kompaktkameras oft Makroaufnahmen erzielen können, die mit großen teuren Spiegelreflexkameras – wenn überhaupt – nur mit viel Aufwand zu erreichen sind. Für Makrofotografen kann der größere Sensor also durchaus ein Nachteil sein, wenn Sie die Tiefe des scharf abgebildeten Bereiches nicht auf ein Minimum reduzieren möchten.

Nahaufnahme mit der Kompakt­kamera Canon PowerShot A620 – trotz Blende ƒ4 ist die Schärfentiefe im Vergleich zur vorange­gangen Aufnahme der Blüten enorm! Der Grund dafür ist der deutlich kleinere Sensor.

Doch kein Vorteil ohne sein Gegenstück: Den Nachteil. Den Nachteil dieser enorm hohen Schärfentiefe bei kleinen Sensoren erfahren Sie, wenn Sie mit einer kompakten Knipse Menschen vor unruhigem Hintergrund fotografieren. Mit dem großen Sensor und der damit einhergehenden kleineren Schärfentiefe ist es ein leichtes den Hintergrund unscharf zu halten, wodurch das eigentliche Subjekt von ihm getrennt wird. Bei Kompakten ist das oft ein unlösbares Problem.

Schnappschuss mit einer Kompaktkamera: Die hohe Schärfentiefe der Kompaktkamera, mit der dieses Bild aufgenommen wurde, zeichnet den Hintergrund viel zu scharf. Wegweiser und Strukturen machen sich wichtig und lenken vom eigentlichen Motiv ab. Mit dem großen Sensor einer DSLR wäre es ein Leichtes gewesen, trotz großer Nähe mit weit offener Blende den Hintergrund zum »unscharfen Etwas« verfließen zu lassen.

Objektiv-Bildfeld-Abdeckungsverhältnis: Objektive erreichen ihre beste Abbildungsqualität zur Mitte hin. Kameras mit APS-C-Sensor nutzen zwar zum Teil dieselben Objektive wie sie auch für Kleinbildformat-Kameras eingesetzt werden. Sie nutzen aber nur einen Teil der Objektivöffnung. Jene Bereiche, in denen sich die Abbildungsqualität meist verschlechtert – was durch Vignettierung, Verzerrungen und deutliche Unschärfe zu Tage treten kann – werden von ihnen meist gar nicht mit abgebildet. APS-C-Kameras schneiden sich sozusagen das Sahneteil aus dem Objektivtörtchen.

Brennweiten und Brennweitenverlängerung: Das ist auch wieder ein Thema für Sparefrohs. An einer Kamera mit APS-C-Sensor wird aus einem 200 mm Objektiv quasi ein 300 mm Objektiv (bei Nikon; bei Canon ist der Umrechnungsfaktor nicht 1,5, sondern je nach Modell 1,3 oder 1,6). Natürlich verlängert sich die Brennweite des Objektivs um keinen Millimeter, wenn Sie sie von einer Vollformatkamera auf eine mit APS-C-Sensor schrauben. Doch wie eben erwähnt, schneidet sich der kleine Sensor aus dem Bildfeld nur einen kleineren Bereich heraus. Der Effekt ist also nicht viel anders, als würden Sie ein Bild mit der Vollformatkamera und einem 200 mm Objektiv aufnehmen, und das dann in Photoshop auf einen Bereich freistellen, welcher der Größe des kleineren Sensors entspricht. Deshalb dürfen Sie für Portraits auch nicht einfach ein 50mm-Objektiv auf 75mm hochrechnen. Die perspektivische Wirkung ist bei einem 50mm-Objektiv immer gleich, egal ob es an einer APS-C- oder einer Vollformatkamera montiert ist – und die täte den Gesichtsproportionen bei einer Portrait-Nahaufnahme nicht unbedingt gut. Das heißt für Portraits bleibt es auch mit kleineren Sensoren bei 85–120mm als optimale Brennweite.

Diese Aufnahme entstand mit Kleinbildsensor bei einer Brennweite von 40 mm und Blende ƒ 2,8.

Im Vergleich dazu 40 mm aus der­selben Distanz und Perspektive mit einem APS-C-Sensor, ebenfalls bei Blende ƒ 2,8. Der »Ausschnitt« entspricht einer 60 mm Brennweite.

Hier haben wir einen Ausschnitt der 40mm-APS-C-Aufnahme (dunkler und rund angeschnitten) über das erste 40mm-Kleinbildformat-Bild montiert – ­Perspektive und Ausschnitt sind deckungsgleich!

Aus der vermeintlichen und praktisch durchaus spürbaren Brennweitenverlängerung jedoch gleich den Schluss zu ziehen mehr Brennweitenverlängerung = besser, würde außer Acht lassen, dass Sie im Weitwinkelbereich Weite verlieren.

Empfindlichkeit: Größere Sensoren mit größeren Aufnahmepunkten haben in Bezug auf die Empfindlichkeit die Nase vorne – das ist landläufig bekannt.

Sucher: Die Größe des Suchers hängt vor allem auch von der Größe des Sensors ab. Nehmen wir an eine Kamera stellt das Sucherbild 1:1 dar (normalerweise wird das Sucherbild verkleinert dargestellt: Nikon D3 0,7-fach; Canon EOS-1Ds Mark III 0,76-fach), dann ergibt das natürlich mit einem Kleinbildsensor größeres Kino, als bei einem 1,5- oder 2-fach kleineren Sensor.

Wie Sie sehen, wird Kleinbildformat (oft auch als Vollformat bezeichnet) = besser der Wirklichkeit nicht gerecht. Die Wahrheit liegt einmal mehr im »Es kommt drauf an«.

Sensorformate: 1) Eines von vielen möglichen Großformaten;
2) Eines von mehreren möglichen Mittelformaten;
3) Kleinbildformat (35mm);
4) APS-C mit Faktor 1,5 im Verhältnis zu Kleinbild;
5) Four Thirds

Gekürzter und leicht adaptierter Auszug aus dem Buch »Nikon D700 – Das Buch zur Kamera«. Diese Auszüge sind auf dem Blog veröffentlicht:


6 Responses to “Das Sensorformat, eine Glaubensfrage?”

  1. 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 xirogus Says:

    Die perspektivische Wirkung ist bei allen Brennweiten gleich. Die Perspektive hängt nur vom Standort ab.

  2. 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 Markus Says:

    Die perspektivische Wirkung ändert sich mit den Brennweiten radikal. Ein Normalobjektiv bringt eine ähnliche perspektivische Wirkung, wie wir Menschen sie wahrnehmen. Ein Weitwinkelobjektiv hingegen lässt perspektivische Linien in extremen Winkeln flüchten. Ein extremes Weitwinkel hat eine Wirkung wie ein Türspion. Ich ich würde nicht sagen, dass die perspektivische Wirkung eines Türspions unserer normalen Wahrnehmung entspricht.

  3. 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 xirogus Says:

    Die optische Wirkung ändert sich, da hast du Recht, das hat aber nichts mit der Perspektive zu tun.

    Wenn ich 10m von meinem Motiv entfernt stehe, und ein Foto mit einem Weitwinkel und einem Teleobjektiv mache habe ich die absolut gleiche Perspektive, nur der Bildwinkel unterscheidet sich.

    Wenn ich nun mit zwei unterschiedlichen Kameras dortstehe, einmal 1,5 Crop und einmal Vollformat, und ich am Crop ein 50mm Objektiv verwende und am Vollformat ein 75mm Objektiv verwende, habe ich ein absolut identisches Bild.
    (Mal abgesehen von der Schärfentiefe)
    Wenn ich mit dem 50mm an beiden Kameras fotografiere, könnte ich ein identisches Bild nur dadurch erreichen, dass ich das Bild aus der Vollformatkamera nachträglich beschneide und somit die Wirkung eines 75mm Objektivs erziele.

    Ich könnte selbst mit einem Weitwinkelobjektiv fotografieren und das nachträglich so beschneiden dass der gleiche Bildwinkel erreicht wird. Wieder habe ich ein identisches Bild (hier dann abgesehen von der natürlich schlechteren Qualität).

    Oder? :-)

  4. 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 Markus Says:

    Ja, das stimmt schon: Ein kleiner Ausschnitt im Zentrum einer Aufnahme mit einem Weitwinkel ist perspektivisch identisch mit dem, was ein Teleobjektiv abbilden würde. Außerhalb des Zentrums des Weitwinkels sähe es aber anders aus. Was ein Weitwinkel am Rand abbildet, würde ein Tele nicht mit der selben Perspektive abbilden, auch nicht vom selben Standpunkt aus. Die Perspektive selbst kann sich vom selben Standpunkt aus natürlich nicht ändern – das ist unmöglich. Doch da ein Weitwinkel einen viel weiteren Bereich auf dieselbe Fläche abbildet, ist die perspektivische Wirkung völlig anders als bei einem Tele. Die perspektivische Wirkung eines Objektivs ergibt sich ja nicht aus einem kleinen Ausschnitt aus dem Zentrum, sondern aus der Gesamtfläche die abgebildet wird.

  5. 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 Nikon D700 – Das Buch zur Kamera – Review Says:

    [...] Das Sensorformat, eine Glaubensfrage? [...]

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