Fri, 03. Jul. 09

Der Begriff des Zonensystems wird in der Regel mit dem Namen des U.S.-amerikanischen Fotografen Ansel Adams verbunden, soll aber in den Dreißigerjahren von Fred Archer entwickelt worden sein. Lassen wir aber die Geschichte den Historikern, wo doch viel interessanter ist, was es ist und Ihnen bringt.

Im Zonensystem wird der Bereich von absolutem Schwarz bis absolutem Weiss in elf Zonen eingeteilt, und zwar von Zone 0 für Schwarz bis Zone 10 für Weiss. Beschreiben lassen sich diese Zonen in etwa so:


  • Zone 0: Absolutes Schwarz, keinerlei Textur – im Ausdruck eine schwarze Fläche;
  • Zone I: Beinahe schwarz, kaum Zeichnung – mehr oder weniger noch immer schwarz;
  • Zone II: Sehr dunkler Tonwert mir ersten Anzeichen sichtbarer Textur;
  • Zone III: Noch immer dunkler Tonwert, dennoch klar er­kennbare Zeichnung – die tiefen Schatten einer Aufnahme, z.B. im Schatten liegende Wälder einer Landschaftsaufnahme;
  • Zone IV: Tendenziell dunkler Tonwert mit deutlich sichtbarer Zeichnung und Struktur – die Schatten einer Landschaft liegen meist in dieser Zone;
  • Zone V: Mittlerer Tonwert – entspricht einer 18 % Graukarte sowie dem Tonwert der Haut eines Südländers (womit wir also nicht die Haut von Schneewittchen meinen);
  • Zone VI: Tendenziell heller Tonwert – entspricht etwa dem Tonwert von Fels und Stein, Sand oder Schatten im Schnee, aber auch der Handinnenfläche aller Menschen – weshalb sich eine korrekte Belichtung auch über die Handinnenfläche messen und die Einstellung an der Kamera dann um einen Lichtwert korrigieren lässt (= Belichtungszeit verdoppeln, Blende um eine ganze Blende weiter öffnen oder Empfindlichkeit verdoppeln);
  • Zone VII: Heller Tonwert, der aber nach wie vor sehr deutliche Textur und Zeichnung zeigt – entspricht etwa der Haut von Schneewittchen;
  • Zone VIII: Sehr heller Tonwert – wenn Sie eine Winterlandschaft fotografieren und noch einen Rest von Zeichnung im Schnee erkennen wollen, sollte er in dieser Zone liegen;
  • Zone IX: Beinahe weiß – praktisch keine Zeichnung mehr zu erkennen – in dieser Zone ist Ihr Bild kurz davor in Spitzlichter auszubrechen;
  • Zone X: Absolutes Weiß ohne jegliche Zeichnung – eine Belichtung mit großen Flächen in dieser Zone ist oft kaum mehr zu retten.

Was hilft Ihnen nun dieses Zonensystem? Gibt es an Ihrer Kamera einen Schalter bei dem Sie die richtige Zone einstellen können?


Ja und nein. Zwar findet sich dieser Schalter an keiner Kamera, die uns geläufig wäre, aber dennoch ist es von entscheidender Bedeutung für die Art, wie Ihre Bilder belichtet werden. Wenn Sie die oben stehende Liste noch einmal durchgehen, dann können Sie sich vielleicht vorstellen, dass Ihre Kamera kaum versuchen wird, ein Bild für Zone 0 oder X optimiert zu belichten. Auch Zone II, III, VIII und IX klingen nicht wirklich danach, dass Sie in diesen Bereichen umwerfende Ergebnisse erzielen könnten. Das Optimum liegt wie so oft in der Mitte, der Zone V. In diesem Bereich liegt die ausgewogendste Be­lichtung vor.


Natürlich finden Sie in in fast jedem Motiv Bereiche, die in Zone I liegen, und welche die in Zone X anzusiedeln sind. Der Durchschnitt der Tonwerte in einem durchschnittlichen Bild ergibt aber meist einen mittleren Grauwert. Wenn Sie über Adobe Photoshop verfügen, dann können Sie dazu einen ganz einfachen Test durchführen: Öffnen Sie ein Bild, das man weder als High- noch als Low-key-Bild bezeichnen kann, und wählen Sie im Menü Filter • Weichzeichnungsfilter • Durchschnittsberechnung. Als Ergebnis werden Sie eine mehr oder weniger farbig gesättigte Fläche erhalten, die, auf einige Prozent auf oder ab, einem ­mittleren Tonwert von 50 % entspricht.



Ein Bild mit einer mehr oder ­weniger durchschnittlichen Helligkeitsverteilung. Wir haben darauf in Photoshop den Filter Durchschnittsberechnung angewendet und erhalten eine Fläche mit einem Grauwert von 58 %, also im mittleren Tonwertbereich (unten).


Natürlich können Sie jetzt einwenden, dass das Bild eines Golfballs im Schnee keinen mittleren Grauwert ergeben kann. Doch deshalb haben wir im letzten Absatz ja High-key-Bilder – um was es sich dabei ja handeln würde – und Low-Key-Bilder aus­geschlossen. Doch genau bei dieser Art der Bilder liegt der Hase im Pfeffer!


Solange Ihr Motiv global etwa der Zone V entspricht, arbeitet die Automatik Ihrer Kamera absolut zuverlässig. Wenn Sie aber einen Golfball im Schnee fotografieren wollen, dann versucht die Kamera – obwohl das Motiv selbst absolut high High-key wäre – die Belichtung so zu steuern, dass der Durchschnitt einem mittleren Tonwert, also der Zone V entspricht. Dabei darf man der Kamera natürlich nicht böse sein, denn Sie kann weder mit dem Begriff Golfball, noch mit dem Begriff Schnee etwas anfangen. Amateurkameras haben deshalb oft spezielle Programme für Motive wie Schneelandschaft, mit der Sie sie auf die Szene »seelisch« vorbereiten können. Wenn Sie jedoch nicht mit solchen Motivprogrammen arbeiten wollen, dann erwartet die Kamera von Ihnen, dass Sie die Einstellungen zur optimalen Belichtung vornehmen, wenn Sie High- oder Low-key aufnehmen wollen.


Machen Sie einmal folgenden Test: Legen Sie einen schwarzen, einen grauen und einen weißen Karton auf den Boden, stellen Sie die Kamera auf Zeit- oder Blendenpriorität oder auf Programmautomatik (nicht auf Manuell!). Erstellen Sie dann von jedem Karton je eine Aufnahme, so dass auf dem Bildbereich nur der Karton zu sehen ist – nichts vom Boden drum herum! Sie werden dazu sicher auf manuelle Scharfstellung umstellen müssen, da die Kamera auf den kontrastlosen Karton mit Sicherheit nicht scharf stellen wird. Um die Schärfe brauchen Sie sich bei diesen Aufnahmen aber ohnehin nicht zu kümmern – sie ist für unser Experiment belanglos.


Nachdem Sie die Aufnahmen gemacht haben, betrachten Sie die Bilder von schwarzem, grauem und weissem Karton auf dem Kamera-Display – wenn Sie wollen auch auf Ihrem Bildschirm. Falls Sie den automatischen Weissabgleich aktiviert hatten, werden die drei Bilder vielleicht vom Farbton her leicht abweichen, aber in punkto Helligkeit sollten alle drei kaum zu unterscheiden sein.


Sie brauchen kein Stativ für diesen Test, sondern können locker aus der Hand heraus auf die Kartons abdrücken.


Schwarzer Karton, Blendenpriorität auf Blende ƒ 8 – die Kameraauto­matik hat mit 1/20 Sek. belichtet.


Grauer Karton, Blendenpriorität auf Blende ƒ 8 – die Kameraautomatik hat mit 1/6 Sek. belichtet.


Weißer Karton, Blendenpriorität auf Blende ƒ 8 – die Kameraautomatik hat mit 3/4 Sekunde belichtet.


Wie unser Experiment beweist, ist die Automatik Ihrer Kamera stets bemüht, das Motiv so zu belichten, dass der Durchschnitt einen mittleren Tonwert ergibt.


Nehmen wir unser Experiment einmal aus der reinen Theorie heraus, und machen einen ähnlichen Versuch mit einem Motiv, wie es in der Praxis eher vorkommen kann. Dazu haben wir uns einen schwarzen und einen (fast) weissen Kamm besorgt und versucht, diese beiden jeweils auf einem gleichfarbigen Karton zu belichten. Die Ergenisse sehen Sie in den kleinen Abbildungen auf der gegenüberliegenden Seite.


Unsere beiden Models gemeinsam auf mittelgrauem Karton – damit kommt die Kameraelektronik noch einiger­maßen zurecht.


Schwarz oder Antrazit? Auf jeden Fall Zone V. Die Kamera war auf ein Low-key-Bild im wahrsten Sinne des Wortes nicht eingestellt.


In der digitalen Nachbearbeitung wird der Kamm, und vor allem der Karton dahinter, eher als schwarz identifizierbar.


Auch hier tendiert die Kameraautomatik in den mittleren Bereich – das Bild ist völlig unterbelichtet.


Etwa so, wie hier nach der Bearbeitung mit Apple Aperture und Adobe Photoshop, sollte das Bild aussehen. Auch hier war die Kamera nicht auf die Lichtsituation – diesmal ein High-Key-Bild – eingestellt.


Fazit: Die Automatik Ihrer Kamera ist perfekt in der Lage, ein durchschnittliches Motiv mit einer durchschnittlichen Helligkeitsverteilung optimal zu belichten. Der Durchschnitt der Helligkeitsverteilung in einem durchschnittlichen Motiv ergibt immer einen durchschnittlichen Tonwert von mehr oder weniger 50 %. Da aber das durchschnittliche Motiv in der Praxis so oft vorkommt, wie der deutsche Mann der einer deutschen Durchschnittsgröße von 1,78 entspricht, führen Sie gezielte Kameraeinstellungen fast immer eher zum erwünschten Ziel als wenn Sie sich auf den Autopiloten in der Kamera verlassen.


Gekürzter und leicht adaptierter Auszug aus dem Buch »Nikon D700 – Das Buch zur Kamera«. Diese Auszüge sind auf dem Blog veröffentlicht:


3 Responses to “Belichtung und Zonensystem”

  1. 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 Micha Says:

    Sehr guter Beitrag und sehr informativ. Danke
    VG Micha

  2. 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 Markus Waeger Designworks® » RAW Says:

    [...] Belichtung und Zonensystem [...]

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