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Martin Hömmerich
Vor einiger Zeit kam mir die Idee, in diesem Weblog einmal andere Stimmen, als die meine – und neuerdings Pascals – zu Wort kommen zu lassen. Genauer definiert entstand der Gedanke ein paar Blogger, bei denen ich besonders gerne vorbei schaue, zu interviewen. Aus dem Gedanken wurde ein Wunsch und diesen Wunsch habe ich dann den bloggenden Kollegen mitgeteilt. Das Feedback zu meiner Anfrage war beinahe durchgehend positiv, und ich freue mich mit Martin Hömmerich den ersten Gesprächspartner präsentieren zu dürfen.
Die Interviews fanden nicht live statt, sondern wurden über den Austausch eines Textdokuments erstellt. Das ist einfach zu organisieren (bei meinem derzeit chronischen Zeitmangel ein wichtiger Faktor – und für meine Interview-Partner dürfte dasselbe gelten), und hat den Vorteil, dass meine Leser gut durchdachte Antworten präsentiert bekommen.
Ich plane jeweils Dienstags ein Interview zu veröffentlichen und hoffe bald genug Material für die kommenden Wochen zu erhalten.
Martin hat mir mitgeteilt, dass es interessant für ihn war die Fragen zu beantworten, und dass ihm das auch Spaß gemacht hat. Für mich waren seine Antworten äußerst interessant. Nun hoffe ich, dass auch ihr für euch interessantes in den Antworten findet und Spaß am Lesen habt.
Über Martin Hömmerich
Martin Hömmerich ist Gründer und Geschäftsführer von »THAVIS | Agentur für interaktive Produktpräsentation«. Der Diplom-Ingenieur (Photo- und Medientechnik) lebt und arbeitet in Köln.
Martin bloggt seit langem unter hoemmerich.com über »Agenturleben, Grafik, Design, Fotografie & Werbung«. Auch auf ihn bin ich natürlich über sein Weblog aufmerksam geworden – seit vielen Monaten fixer Bestandteil meiner Feed-Sammlung.
Frage: Hallo Martin. Kannst du kurz deinen Werdegang beschreiben – wie du zu Fotografie und Gestaltung gekommen bist, welche Leidenschaft du damit verbindest und womit du heute im Wesentlichen dein Einkommen bestreitest?
Martin: In mir schlagen seit ich denken kann zwei Herzen: Naturwissenschaftler und Gestalter. Während meiner Schulzeit habe ich die Chance eines kreativen Nebenjobs in einer Agentur wahrgenommen und nachmittags Broschüren und Internetseiten gestaltet, abends dann die Hausaufgaben gemacht. Da war ich gerade mal 17 Jahre alt.
Warum ich mich nach dem Abitur für ein Informatikstudium entschieden habe kann ich nicht sagen – jedenfalls habe ich schnell gemerkt, dass das ein Holzweg für mich ist und mir einen sowohl technischen als auch kreativen Studiengang gesucht (Photoingenieurwesen, www.fh-koeln.de). Während dieser Zeit war ich nebenbei Junior-Art-Direktor einer Full-Service Werbeagentur und habe mich immer mehr Richtung Corporate Design und Webdesign vorgearbeitet. Da man während des Studiums eine fotografische Ausbildung erhält, durfte ich für die Werbeagentur auf Kongressen und Messen in der ganzen Welt fotografieren. Das war ein Traum. Noch heute denke ich gerne an diese Zeit zurück, auch wenn ich oft nur vier Stunden vor Klausuren schlafen konnte.
Nach einer Diplomarbeit bei Nokia in Düsseldorf habe ich mich letzten Endes für eine selbstständige Tätigkeit entschieden und bin zunächst mit einer One-Man-Show gestartet – was ich nicht anbieten konnte habe ich mit Freelancern auf die Beine gestellt – und bot vorwiegend Corporate Design, Internetauftritte und Fotografie an. Nach nur einem Jahr habe ich das große Glück gehabt, dass ein von mir mitgestaltetes Projekt – ein Flashmodul zur 360°Produktpräsentation – so erfolgreich wurde, dass ich mit zwei befreundeten Agenturen beschlossen habe, eine neue Agentur in Köln zu gründen, die sich nur mit dem Thema der interaktiven Produktpräsentation beschäftigt.
Als kleine Weisheit zu diesem Werdegang möchte ich sagen (wenn ich mir das erlauben darf), dass es in meinen Augen nie wichtig ist, was andere Menschen erwarten, sondern nur der eigene Wille zählt, das zu tun, was Erfüllung, Selbstverwirklichung und Freude bedeutet. Wenn sich dann die richtigen Wegbereiter und ein wenig Glück finden, ist der Rest Nebensache.
Frage: Gestaltung ist ja kein rein kreativer Prozess, sondern es gibt immer auch das Konzeptionelle und Organisatorische. Wie siehst du das als Fotograf: Beinhaltet ein Gestaltungsprozess für dich mehr Inspiration oder Transpiration?
Martin: Inspiration ist oft wunderbar – man sieht etwas und hat sofort neue Ideen für aktuelle Projekte. Man denkt oft, dass viele Agenturen nur nach diesem Prinzip zu arbeiten scheinen: Ist bei Youtube ein Video populär, in dem man vor lauter Ball werfender Menschen den „moonwalkenden Bären“ nicht sieht, kommt eine Autowerbung, in der man vor lauter Auto andere Dinge übersieht.
Inspiration bedeutet eine Idee zu transportieren, aber so geschickt, dass etwas Neues entsteht. Vor vollkommen neuen Ideen habe ich große Ehrfurcht, denn ich werde nur noch selten wirklich überrascht. So selten, dass mir gerade nicht einmal ein Beispiel einfällt. Für mich ist es schon bemerkenswert, wenn jemand technisch perfekt und sauber arbeitet, so dass etwas entsteht, das mir und den Kunden gefällt. Bin ich als Gestalter tätig, verlasse ich mich meist auf das was ich kann, hole mir zwar technische aber selten kreative Inspiration – man hat über die Jahre sicherlich auch einen eigenen Stil entwickelt. Ich könnte das am besten mit „bekannten Pfaden“ beschreiben, die man schon oft erfolgreich mit Kunden beschritten hat und wegen denen man auch engagiert wurde.
Frage: Wie gehst du ein Gestaltungsprojekt an? Wie kommst du zu kreativen Lösungen und was machst du, wenn sich die Inspiration einmal nicht bis zur Deadline einstellt?
Martin: Früher habe ich oft diese Erfahrung gemacht, dass die Eingebung sich einfach nicht einstellen wollte – wir haben damals Logos und Designs vorwiegend für die Pharmaindustrie entwickelt. Von mir als Jüngstem in der Kette wurden oft kreative Neuschöpfungen erwartet, wenn Altbewährtes in Runde 1 vom Kunden abgeschmettert wurde. Das waren schlaflose Nächte vor der Google Bildersuche, verzweifeltes Nachschlagen in Stock-Katalogen und scheinbar endlose Gespräche mit Art-Direktor und Agenturchef. Irgendwann zündet dann ein Funke im Brainstorming – von da an geht alles recht schnell.
Heute bieten wir meist bekannte und bewährte Lösungen an und sind eher technisch kreativ, trotzdem helfen mir die Erfahrungen von früher. Meist hilft nur ein kurzzeitiges Abschalten und die Konzentration auf etwas Neues: Gemeinsames Essen, Spaziergänge oder ein spannender Film. Drüber Schlafen ist meines Erachtens auch ganz wichtig und fehlt unserer Branche leider sehr. Ein ausgeruhter Kopf schafft mehr.
Frage: Manche Fotografen behaupten ja, dass heute in der Fotografie viel zu viel über Technik gesprochen wird, und dass viele Fotobegeisterte den Gestaltungsaspekt völlig aus dem Auge verloren haben – wenn sie ihn überhaupt jemals im Auge hatten. Ich persönlich glaube ja, dass man zunächst einmal den Umgang mit der Technik und die theoretisch/praktischen Grundlagen in Fleisch und Blut bekommen muss, bevor man sich ungehindert und frei der reinen Gestaltung von Bildern widmen kann.
Wie stehst du dazu?
Martin: Es ist wie mit dem Schach spielen: Die Züge der Spielfiguren kennt man schnell, aber ein Kasparov ist man deshalb noch lange nicht. Nicht umsonst gibt es bei Fotografen Tagesgagen von 400–120.000 Euro (wobei ich Letzteres extrem unsympathisch finde, aber das ist eine andere Diskussion).
Ich selbst habe noch mit einer Nikon FT3 angefangen, da war ich in der 4. Klasse und habe mein gesamtes Erspartes auf einmal ausgegeben – trotzdem weiß ich heute trotz jahrelanger Erfahrung, dass ich in manchen Bereichen besser nicht fotografiere, in anderen dafür schon.
Der Aspekt Technik ist vielleicht überbewertet – keine Frage – doch trifft das mehr auf den internen Bereich einer Agentur zu. Nach außen ist es als Agentur durchaus wichtig, auf dem „neuesten Stand“ zu sein. Kunden fühlen sich einfach wohler, wenn sie eine professionelle Ausstattung sehen, die den Gegenwert eines Mittelklassewagens hat und sich die Diskussion auch einmal um die neue Kamera und das Objektiv dreht – das schafft Vertrauen. Mir ist das wichtig. Natürlich könnte man auch mit dem Vorgängermodell vergleichbar produzieren.
Frage: Verrätst du uns etwas über dein Equipment und mit welcher Ausrüstung du gerne arbeitest?
Martin: Zur Fotografie: In der Agentur fotografiere ich mit einer 1DMarkIII und den Objektiven der L-Serie von Canon. Zu Hause nur noch selten mit einer EOS 20D.
In der Gestaltung nutze ich die gesamte Creative Suite von Adobe – Photoshop habe ich seit den ersten Versionen nutzen dürfen (damals noch auf einem Apple Performa 460). Heute arbeite ich auf Latitude-Notebooks der Firma Dell. Ohne Grafiktablett.
Frage: Wie stehst du zu klassischen Bildagenturen und Royalty-Free-Anbietern?
Martin: Deren Dienstleistungen stehe ich sehr aufgeschlossen gegenüber. Dazu muss man sagen, dass der Spruch „Was nichts kostet ist auch nichts“ in diesem Segment heute nicht mehr unbedingt zutrifft.
Frage: Gibt es ein Buch für dich, von dem du sagst: »Das muss jeder Fotodesigner gelesen haben!«
Martin: „Wie gewinne ich Freunde“ von Dale Carnegie. Kein Scherz. Und den Knigge können sich einige auch unters Kopfkissen legen. Was den meisten heute fehlt ist nicht mehr die fachliche Kompetenz.
Frage: Hast du noch weitere Informationstipps? Zeitschriften? Websites? Blogs? Oder: Wie informierst du dich und was sind deine Lern- und Inspirationsquellen?
Martin: Ich lese eigentlich nur noch im Netz, sofern die Zeit vorhanden ist. Zeitschriften lese ich eher unterwegs, z.B. wenn ich auf einen Termin warte. Wir leben in einer Zeit, in der uns das Internet Zugang zu den Gedanken so vieler interessanter Menschen verschafft – wir müssen es nur zu nutzen wissen.
Frage: Was würdest du Neueinsteigern raten, die Fotodesigner werden möchten: Wie wird man das und wie schafft man den Einstieg in die Branche?
Martin: Generell ist wie ich finde ein gestalterisches/fotografisch ausgerichtetes Studium empfehlenswert. Nebenbei lassen sich Erfahrungen in Form von Praktika oder Nebenjobs sammeln. Hier ist ganz wichtig, dass man selbst tätig wird und nicht nur Vorgekautes schluckt – der eigene Wille sich selbst etwas beizubringen und zu lernen muss vorhanden sein.
Frage: Gibt es sonst noch einen besonderen Rat oder Tipp, den du allen aufstrebenden Gestaltern mit auf den Weg geben möchtest?
Martin: Mache das wonach Dir ist. Lass Dich nicht abbringen, wenn die Zeiten mal widrig sind. Fange klein an und bleibe bescheiden. Alle kochen nur mit Wasser – es ist die Erfahrung die uns langsam wachsen lässt.
Frage: Aus persönlichem Interesse: Ich bin über deine Aktivitäten im Internet auf dich aufmerksam geworden. Weshalb engagierst du dich auf diese Weise?
Martin: Schon früh habe ich gemerkt, dass ich nur dann zufrieden bin, wenn ich meine Mitmenschen begeistern kann. Daher habe ich auch meinen Beruf so gewählt – ich hatte, wie man so sagt, keine Wahl. Unsere/Meine Arbeit begeistert Menschen.
Das Weblog zeigt in erster Linie nicht meine Arbeiten, sondern etwas, das ich bei meiner täglichen Lektüre gefunden habe. Wenn ich es schaffe jemandem Neues zu zeigen, sie/ihn damit zu begeistern, dann habe ich viel erreicht.
Auf die Frage warum ich blogge, habe ich einmal geantwortet: „Weil ich meine Gedanken zu Themen, die mich interessieren nicht nur sortieren, sondern auch publizieren und danach mit anderen diskutieren kann, was dazu führt, dass ich manche Dinge neu interpretiere und meine Einstellung korrigiere.“
Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast, weiterhin viel Erfolg mit Thavis und ausreichend Zeit für dein Weblog.



Juli 22nd, 2008 at 08:24
Danke für den Beginn einer vielversprechenden Interviewserie. Schöne Idee, klasse umgesetzt.
Juli 22nd, 2008 at 09:02
Und auch von mir ein Dankeschön – dieses Interview war für mich eine ganz neue Erfahrung und hat wirklich Spaß gemacht.
Grüße aus Köln!
Martin
August 8th, 2008 at 07:25
[...] Interessante Beispiele und News zu Gestaltung; Martin Hömmerich war mein erster [...]