Und der Herr sprach: »Du sollst nicht brechen die Typoregeln!«

War es der Herr Prof. Weidemann, der so sprach? Nein, wahrscheinlich war es der Herr Iwan Tschichold der dieses Gebot in Stein meisselte und wahrscheinlich wird uns sein schrecklicher Zorn treffen, wenn wir uns wider die guten typografischen Sitten vergehen.Als junger Wilder oder wilde Junge hat man aber mit Regeln nur eines im Kopf: brechen wo’s geht.Dieser Artikel ist die Zusammenfassung einer Diskussion die ich vor einigen Wochen im Forum von typografie.info führte.

Man soll die Regeln kennen die man bricht

Ich finde Regeln in Design und Typografie sehr sinnvoll, da sie helfen den Gestaltungsprozess zu verkürzen. Davon abgesehen kann Kommunikation ohne Regeln gar nicht funktionieren. Man stelle sich nur vor ich würde diesen Text von Rechts nach links schreiben — nesel hcon nnad sad ies netnnök?Andererseits halte ich nichts davon Regeln zu befolgen nur weil jemand sie einmal aufgestellt hat.Ich arbeite immer nach den Regeln der Gestaltung und der Typografie – in angemessenem Rahmen zur Aufgabe. Ist das Groblayout fertig, drucke ich mein Werk aus, lehne mich zurück und überlege: ›sieht das gut aus so?‹ — ›bringe ich damit rüber was zu transportieren ist?› — ›erfüllt es die Funktion in meinem Sinn und dem Sinn des Auftraggebers?‹Meist komme ich dann drauf, dass das Auge die Regeln bestätigen. Steht aber eine Regel dem Zweck meiner Arbeit im Weg, dann werde ich großen Schrittes über sie hinweg schreiten, ohne dabei über meinen Schatten springen zu müssen.Ich respektiere natürlich wenn jemand die Ansicht vertritt, Regeln seien immer und unter allen Umständen und ohne Ausnahme zu befolgen. Ich selbst finde aber, dass ein Regelverstoß im Sinne der Funktion oder der Ästhetik einen Freiraum bietet, die der souveräne Gestalter auch zur Entwicklung seines eigenen Stils nutzen darf. Nur sollte der Grafikdesigner, der Kommunikationsdesigner, der Typograf — sollte der Gestalter dabei nicht so weit gehen, dass der Zweck seines Schaffens untergraben wird. Und als Grafikdesigner, Kommunikationsdesigner oder Typograf ist es unsere Aufgabe Botschaften zu vermitteln, dies in der Regel klar und ohne Hinternisse.Auf der anderen Seite muss es immer auch die Avantgarde geben, die voraus prescht und Regeln wie Mauern nieder reißt um neue Horizonte zu erschließen. Hier sind aber die Übergänge von der angewandten Grafik und dem Kommunikationsdesign zur Kunst fließend. Wenn die großartigen Werke eines David Carson heran gezogen werden um die Regeln der funktionalen Typografie in Frage zu stellen, dann schießt man am Ziel vorbei. Carsons Typografie war dem künstlerischen Ausdruck immer näher als der visuellen Kommunikation. Vor allem aber war und ist Carson ein Künstler, nicht nur im Sinne der Kunst, sondern auch im Sinne Handwerks ein Könner ist und sein Handwerk versteh und beherrscht. Auch er hat die Regeln gelernt, die er dann bewusst niedergerissen hat.Wenn nun ein dahergelaufener Rotzlöffel, gleich welchen Alters oder Geschlechts, glaubt er könne Typografie und Kommunikation gestalten und dabei blindlings jegliche Regel ignorieren und darüber hinweg trampeln, dann ist er am Ende nichts anderes als ein ignoranter Trampel.Wer ausgesprochenes Talent und die Gabe zum Schauen und logischen Denken hat — ein Mozart der Gestaltung sozusagen — wird natürlich auch ohne jemals eine Regel vernommen zu haben stets zur regelkonformen Anwendung gelangen; so wie Elias in ›Schlafes Bruder‹ das geniale Orgelspiel ohne Lehrer lernen konnte, rein aufgrund seines absoluten Gehörs und der Gabe das gehörte virtuos auf die Tasten der Orgel zu übertragen. Die Typografie und das Kommunikationsdesign folgen der Logik, der Funktionalität und der Ästhetik und ist dadurch für den intelligenten Menschen mit einem angeborenen Gefühl für Ästhetik durch Denken und Fühlen herzuleiten ohne die Regeln zu kennen. Mozarts und Eliase jedoch sind Ausnahmeerscheinungen — in Musik wie in Gestaltung. Weniger üppig gesegnete Talente werden um das Lernen nicht herum kommen — ich weiß wovon ich schreibe.Man sollte zunächst die Meister gelesen und studiert haben und nicht glauben man hätte mit 20, 30 oder 40 die Weisheit Jahrhunderte langer grafischer und typografischer Entwicklung mit dem Löffel gefressen. Ist man dann selbst einmal ein Meister mit geschultem und erfahrenem Urteilsvermögen, wird man erkennen, dass 95% aller Regeln in 95% aller Fälle berechtigt sind. Für die restlichen 5% wird man einen eigenen, geeigneten Weg finden. Die Fähigkeit die 5 Prozent von den 95 zu unterscheiden und die Regeln an der passenden Situation souverän zu brechen zeichnet den Meister aus. Wer 100% regelkonform bleiben will fristet sein Gestaltungsdasein als Sklave. Wer Regeln um der Regeln willen (hirnlos) befolgt ist so dämlich wie jener der sie (hirnlos) missachtet.Zunächst also solle man die Regeln lernen. Aber nicht unreflektiertes auswendigpauken, sondern verstehen sollte das Ziel sein. Dabei hilft Verstand. Diesen haben zwar die Meisten, aber nicht jeder macht davon gebrauch. Ebenso wie von den Augen. Den meisten Arbeiten die unsere Umwelt visuell verpesten sieht man an, dass sie aus der Hand heraus gemacht wurden. Wären diese Arbeiten wenigstens aus der Tiefe des Bauches gekommen, wären sie eine Bereicherung. Doch die Masse dessen was seinen Weg vom PC zur Druckerpresse findet zeugt davon, dass jemand im Zuge seines ›nine to five‹-Jobs emotions- und gedankenlos seine Maus über den Tisch und den Pointer über die Menüs gezogen hat. Am Ende ziehen wir uns damit selbst über den Tisch. Oder vielleicht sind es ja gar nicht mehr wir die ziehen; vielleicht zieht ja längst die Maus die Hand.Blicken wir also einen Moment vom Geflimmer des 30-Zöllers weg, bringen unser Machwerk auf Büropapier, lehnen uns zurück. Und dann befolgen wir die wichtigste aller typografischen Regeln:

Schauen!

Geben wir uns einen Moment der Distanz und lassen wir unser Geschöpf wirken.Nach dem die Augen ein, zwei oder drei Minuten ruhig schauen durften und wir uns ein Bild gemacht haben, schalten wir unser Gehirn zu und analysieren möglichst objektiv das Gesehene. Das ist die zweitwichtigste Typoregel:

Denken.

99 von 100 Arbeiten sieht man an ob Auge und Gehirn an der Arbeit beteiligt waren, ob Kommunikation kompetent umgesetzt und ob Regelbrüche ignorant oder souverän begangen wurden.

Typo ist nicht gleich Typo

Bei der Typografie sollte man unterscheiden: Es gibt zum einen das was ich normalerweise unter Typografie verstehe; dabei geht es darum Inhalte, Größtenteils schriftlich, aber auch in Bildern und Illustrationen dem Betrachter zu vermitteln. Der Kern ist der Inhalt — die Typografie ist lediglich das Vehikel. Und Autos sollte man ja auch nicht sinnlos mit Ballast vollladen oder mit angezogener Handbremse bewegen (ich musste letzteres vor einigen Wochen, weil das Bremskabel festgefroren war — ich bin nicht weit gekommen!)Dann gibt es eine kreative Form von Typografie wie wir sie vom bereits erwähnten David Carson oder von Wolfgang Weingart kennen. Wenn Carson ein Interview mit Brian Ferry in Zapf Dingbats setzt weil er die Aussagen des Musikers für Mist hält, dann finde ich das vom kreativ/künstlerischen Standpunkt her eine interessante Idee. Als funktional orientierter Typograf erscheint mir dies jedoch als Entmündigung des Lesers. Als Leser möchte ich selbst entscheiden ob ich einen Text Mist finde oder nicht — ich möchte diese Entscheidung nicht an den Setzer delegiert wissen.Die Grenzen wischen den beiden Welten sind wie alles fließend. Es ist die erste Aufgabe des Gestalters zu entscheiden wo seine Aufgabe am besten anzusiedeln ist.Die Diskussion auf der dieser Artikel basiert lässt sich hier zur Gänze verfolgen.

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2 Gedanken zu „Und der Herr sprach: »Du sollst nicht brechen die Typoregeln!«“

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